<?xml version='1.0' encoding='UTF-8'?><?xml-stylesheet href="http://www.blogger.com/styles/atom.css" type="text/css"?><feed xmlns='http://www.w3.org/2005/Atom' xmlns:openSearch='http://a9.com/-/spec/opensearchrss/1.0/' xmlns:georss='http://www.georss.org/georss' xmlns:gd='http://schemas.google.com/g/2005' xmlns:thr='http://purl.org/syndication/thread/1.0'><id>tag:blogger.com,1999:blog-4649458722169584895</id><updated>2012-02-05T04:13:08.178-08:00</updated><category term='Filmrezensionen'/><category term='Scheuermilch'/><category term='Gedichte'/><category term='Eichhörnchen'/><category term='Computus'/><category term='Interviews'/><category term='Dramolette'/><category term='Klimawandel'/><category term='MacCromick-Komplex'/><category term='Geschichte'/><category term='Alceste'/><category term='Buchbesprechungen'/><category term='Lebensratgeber'/><category term='Volkmar'/><category term='Vermischtes'/><category term='Reportagen'/><category term='Philosophie'/><category term='Phantomzeit'/><category term='Zitate'/><title type='text'>Baerista</title><subtitle type='html'>A Society Blog for the Climate Change Generation</subtitle><link rel='http://schemas.google.com/g/2005#feed' type='application/atom+xml' href='http://baerista.blogspot.com/feeds/posts/default'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default?max-results=100'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/'/><link rel='hub' href='http://pubsubhubbub.appspot.com/'/><author><name>Baerista</name><uri>http://www.blogger.com/profile/02373620929944807927</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='24' height='32' src='http://4.bp.blogspot.com/-6EDMQPvqQCU/TfNTJ0t_aSI/AAAAAAAAALw/9MHVgEPq360/s220/BILD1082.JPG'/></author><generator version='7.00' uri='http://www.blogger.com'>Blogger</generator><openSearch:totalResults>99</openSearch:totalResults><openSearch:startIndex>1</openSearch:startIndex><openSearch:itemsPerPage>100</openSearch:itemsPerPage><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-4649458722169584895.post-6688065918959321075</id><published>2012-01-15T15:45:00.000-08:00</published><updated>2012-01-16T14:47:02.373-08:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Philosophie'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Filmrezensionen'/><title type='text'>Baerchens Flimmerkiste (2). Heute: Philosophie und Praxis</title><content type='html'>&lt;a href="http://4.bp.blogspot.com/-xY46vbaqPbs/TxNleuWQWRI/AAAAAAAAAM4/s1cMDOSu5WM/s1600/emanuelleamerikay6dt.jpg"&gt;&lt;img style="display:block; margin:0px auto 10px; text-align:center;cursor:pointer; cursor:hand;width: 240px; height: 240px;" src="http://4.bp.blogspot.com/-xY46vbaqPbs/TxNleuWQWRI/AAAAAAAAAM4/s1cMDOSu5WM/s320/emanuelleamerikay6dt.jpg" border="0" alt="" id="BLOGGER_PHOTO_ID_5698009532065667346" /&gt;&lt;/a&gt;&lt;p class="MsoNormal"&gt;&lt;/p&gt;&lt;p class="MsoNormal"&gt;&lt;b&gt;&lt;br /&gt;&lt;span lang="DE"&gt;Emanuelle in America/Emanuelle - Stunden wilder Lust (Italien 1976; R: Joe d’Amato)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/b&gt;&lt;/p&gt;&lt;p class="MsoNormal"&gt;Wendy-LeserInnen aufgepasst! Joe d’Amato, the sublime master of even more sublime cinema ist zurück mit einem Film, den selbst TM3 zu besten Champions League-Zeiten nicht die Cojones gehabt hätte, auszustrahlen, was allerdings nicht an der Komplexität der Handlung liegen kann, da diese in einem derart sagenhaften Ausmaß nicht vorhanden ist, dass es irgendwann sogar Laura Gemser aufgefallen sein muss, die sich jedoch wie immer redlich - und erfolgreich - bemüht, den Zuschauer zu verzaubern, was harte Arbeit gewesen sein muss, anno dazumal, noch dazu bei der herben deutsche Synchro-Tonspur, die selbst den hartgesottensten Italo-Exploiter-Veteranen mit einem leichten Grübeln zurücklässt. Für 100 Minuten geballte Handlungslosigkeit schlägt sich „Emanuelle in America“ allerdings ausgesprochen wacker, das darf man vorab ruhig so stehen lassen. Dass sich unsere altbekannte Protagonistin tatsächlich streckenweise jenseits des großen Teichs herumtreibt sei ferner anerkennend erwähnt, allerdings trifft dies auf fast alle Black Emanuelle-Filme zu, so dass man mit Alternativtiteln wie „Emanuelle in Venedig“, „Emanuelle im Nuttenbunker“ und „Emanuelle auf Tauris“ sicher ähnlich gut gefahren wäre. Aber der Reihe nach.&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;/p&gt;  &lt;p class="MsoNormal"&gt;&lt;br /&gt;&lt;span lang="DE"&gt;Die bei - wie so oft bei Joe d’Amato-Sexploitern - exzellente Eröffnungssequenz - bei einer solchen Sielbahn kommen selbst eingefleischten Wupper(geil)talern die Tränchen - passt sich gekonnt der enormen Erwartungshaltung an, welcher der gemeine Zuschauer aufgrund langjähriger Befeuerung (sozusagen von Kindesbeinen an) durch Internet-Mundpropaganda über diesen legendärsten aller Black-Emanuelle-Brüllern mit in den Sleaze-Ring nimmt. Diese federweiche Erwartungshaltung federweicht jedoch schon bald einer nicht unerheblichen Verwirrung. Nein, ich meine nicht die unglaublichen Tiefen, in die einen Frau Prof. Gemser zu Beginn des Films entführt, wobei der sabbernde Kretin von Zuschauer ausreichend Gelegenheit bekommt, um über Begriffe wie „Sünde“, „Tod“, „Katharsis“, „Weisheit“, „Verderbnis“ usw. zu MEDITIEREN. Also sprach die Gemserin: „Wir sprechen von der Zwanglosigkeit. Von der Freiheit, sich den geliebten Partner auszusuchen. Das ist Philosophie und zugleich Praxis“. Bei allen wohlgesinnten Geistern, ich gebe zu, diese Zeilen gaben mir ernsthaft zu denken. Ist es nicht so, dass sich unsere Philosophie seit 2000 Jahren nicht verän...WOAAAAAAAAAAA!!!! Was ist das? What the F-U-C-K is THAT? Ein Tisch, der aussieht wie eine Marloboro-Schachtel??? Warum hab ich sowas nicht? Seriously: Wo gibt es das zu KAUFEN??? Sicher, jetzt zieht sich Laura Gemser aus, sieht ganz nett aus, aber bittebittebitte, mit ganz viel Zucker oben drauf, schwenk doch noch einmal auf diesen Tisch zurück. Den kann man ja oben aufmachen! Wie eine echte Zigarettenschachtel! Ich werd nimmer. Bestes Set Design ever (bzw. Platz 2 hinter der Penispfeife aus Fulcis "The New York Ripper").&lt;o:p&gt;&lt;/o:p&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;  &lt;p class="MsoNormal"&gt;&lt;br /&gt;&lt;span lang="DE"&gt;Inzwischen ist es Emanuelle gelungen, sich als Sternzeichen Jungfrau (muahaha) in den streng astrologisch gegliederten Harem eines aus unbekannten Gründen steinreich gewordenen niederländischen Bartträgers (Tulpencrashgewinnler?) einzuschleichen, was zu allerlei Nackedeiereien Anlass gibt (wie sagte doch noch Emanuellechens asozial-hässlicher Lebensgefährte kurz bevor er in seiner eigenen Marlboroatrappe verschwand? „Besser mal ne schnelle Nummer als tagelanger Liebeskummer“!), die dem langjährigen Black Emanuelle-Conoisseur allerdings nach einer Weile leichte Sorgenfalten ins Gesicht treiben muss, zumal er die Befürchtung zu hegen beginnt, der viel gerühmte "Emanuelle in Übersee" könnte sich entgegen seines donnerschallenden Rufes zu einem dieser nett anzusehenden, aber auch ziemlich konventionellen Titten- und Muschispießrutenläufe entwickeln, von denen Signor Massaccesi zu seinen besten Zeiten (Mitte der 70er) locker drei Stück pro Wochenende abgedreht hätte. Das Auftauchen des unvermeidlichen Softcorehaudegens und Gemserehegatten Gabriele Tinti scheint diesen Eindruck zu bestätigen, zumal auch die mit so viel Legendarium behaftete Mihaha-Szene letztlich nur zahmes Pferdepimmeltatschen beinhaltet, das in den Augen des Schweinkrambären dem mit dem „bestiality“-Begriff verbundenen Nimbus keine übertriebene Reverenz erweist. &lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p class="MsoNormal"&gt;Spätestens nach dem uninspirierten Schauplatzwechsel nach Venedig schält sich die ernüchternde Erkenntnis heraus, dass diesem schamlosen Jumpcut-Festival ein wenig mehr Sleaze nicht schaden könnte. Joe d’Amato dachte sich Ähnliches und deshalb knallt er uns nach einer knappen Stunde eine Orgie aufs Parkett, bei der keine Wünsche offen bleiben und neben lecker Torte noch ganz andere Dinge in den Mündern der weiblichen Gäste verschwinden (Respekt!). Das gekonnt abgelichtete bunte Treiben der oberen Zehntausend ist sozusagen der Initiationsritus, mit dem der Zuschauer in die zweite Phase des Films überführt wird. Mit den Clowns kamen die Tränen und nach Venedig (und Tinti) zünden in unserem Fall die Sleazegranaten – und zwar dermaßen rügenwalderdick, dass unsereins damit locker ein komatöses Wurstbrot wiederbeleben könnte. Plötzlich finden wir uns in einer Mischung aus Robinson Club und Witwenfreizeitheim wieder, wo ein wirklich jeder auf seine Kosten kommt, auch der behaarte Buschhüttenbewohner mit dem merkwürdigen Drang, in weibliche Zellulitehintern hineinzubeißen und dabei auszusehen wie der Scheich aus Ilsa II, dessen Namen ich leider vergessen habe, weil ich nicht so klug bin wie Don Edmonds und David F. Friedman. Aber sei's drum: Wir sehen Männer und Frauen in verschiedenen Kombinationen, hie und da hat sich sogar verschämt ein Money Shot eingeschlichen, aber ehe wir uns auf dieses Ringelpietz richtig einstellen können zündet urplötzlich, *rummms*, die dritte Phase unseres Schmutzfestes und die hat einen einfachen, aber wirkungsvollen Namen: S-N-U-F-F. &lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;p class="MsoNormal"&gt;Und wahrlich, was Signor Massaccesi da in einem stinkigen Second Unit-Keller auf 8mm-Material bannen konnte lässt sogar den Foltercamp-Bären die eine oder andere Braue hochziehen. Auch Emanuelle wird von den zahlreichen Privatvorführungen ganz kirre und so beginnt eine Verkettung von Merkwürdigkeiten, die plötzlich in der Frage mündet, wie realistisch so ein LSD-Traum eigentlich sein kann. Total Recall? Bevor wir aber irgendeinen Reim auf diesen, nun ja, "Plottwist" machen können, hat sich Emanuelle bereits entschieden, die armen Folteropfer nach kurzem Rumgezicke gegen ihren Chef im Dschungelcamp verenden zu lassen und stattdessen bei ihrer Zeitung zu kündigen. Da sie nun angeblich mittellos ist (trotz zuvor im Film deutlich kenntlich gemachten Einkommensquellen aus dem photographischen Einfangen unbekleideter Damen auf Motorrädern) zieht es sie erst einmal mit ihrem asozial-hässlichen Lebensgefährten in den vermutlich kenianischen Busch, wo ein dem US-amerikanischen Charakterdarsteller Reginald VelJohnson bemerkenswert ähnlich sehender Stammeshäuptling merkwürdige After-Work-Partys organisiert. Die sich am Horizont abzeichnende klassische 70er-Jahre Mondofilm-Moral ("I wonder who the true cannibals are") wird von Joe d’Amato aber glücklicherweise durch ein Ende konterkariert, das dermaßen unverschämt surreal genial egal ist, dass selbst mein Freund Antonioni vor Freude geweint hätte. &lt;/p&gt;&lt;p class="MsoNormal"&gt;&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;p class="MsoNormal"&gt;Fazit: Seht her und lernt, ihr Gattaca-Pissfressen. So muss Kino schmecken!&lt;/p&gt;&lt;p class="MsoNormal"&gt;&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/4649458722169584895-6688065918959321075?l=baerista.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://baerista.blogspot.com/feeds/6688065918959321075/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2012/01/wendy-leser-aufgepasst-joe-damato.html#comment-form' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/6688065918959321075'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/6688065918959321075'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2012/01/wendy-leser-aufgepasst-joe-damato.html' title='Baerchens Flimmerkiste (2). Heute: Philosophie und Praxis'/><author><name>Baerista</name><uri>http://www.blogger.com/profile/02373620929944807927</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='24' height='32' src='http://4.bp.blogspot.com/-6EDMQPvqQCU/TfNTJ0t_aSI/AAAAAAAAALw/9MHVgEPq360/s220/BILD1082.JPG'/></author><media:thumbnail xmlns:media='http://search.yahoo.com/mrss/' url='http://4.bp.blogspot.com/-xY46vbaqPbs/TxNleuWQWRI/AAAAAAAAAM4/s1cMDOSu5WM/s72-c/emanuelleamerikay6dt.jpg' height='72' width='72'/><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-4649458722169584895.post-5873011188729679241</id><published>2012-01-14T14:43:00.000-08:00</published><updated>2012-01-14T16:01:23.143-08:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Geschichte'/><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Filmrezensionen'/><title type='text'>Baerchens Flimmerkiste (1). Heute: Der Richter und sein Henker</title><content type='html'>&lt;a href="http://2.bp.blogspot.com/-L9OaWCxiCc0/TxIJlh4HjlI/AAAAAAAAAMs/dzcL7qvm5v4/s1600/nightofbloodmonsterlmcd.jpg"&gt;&lt;img style="display:block; margin:0px auto 10px; text-align:center;cursor:pointer; cursor:hand;width: 300px; height: 301px;" src="http://2.bp.blogspot.com/-L9OaWCxiCc0/TxIJlh4HjlI/AAAAAAAAAMs/dzcL7qvm5v4/s320/nightofbloodmonsterlmcd.jpg" border="0" alt="" id="BLOGGER_PHOTO_ID_5697627018930654802" /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span style="font-weight:bold;"&gt;Il Trono di Fuoco/The Bloody Judge/Der Hexentöter von Blackmoor &lt;/span&gt;(Liechtenstein/Italien/Spanien/Deutschland 1970; R: Jess Franco)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Bevor sich Jess Franco im Laufe der 70er-Jahre endgültig von der dogmatischen Idee verabschieden sollte, dass man zum Filmemachen so etwas wie ein Drehbuch (geschweige denn ein Budget) braucht, legte er noch schnell eine erlesene Reihe von äußerst schmierigen Kostümfilmen vor pseudohistorischer Kulisse hin, die in der Filmographie ihrer zum Teil namhaften Darsteller bis heute hervorstechen wie die Bremsspur in einer ansonsten blütenweißen Unterhose.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Zugegeben, im Falle Christopher Lees war diese Hose bereits ziemlich braun, als er im Jahre des Herrn 1970 als „Hexentöter von Blackmoor“ – Francos lukrative Antwort auf Michael Reeves’ Klassiker „Witchfinder General“ (1968) – die Leinwand zierte, und man wird sich angesichts seiner jüngsten Auftritte als Count Dooku und Saruman in den Kinderfilmen von George Lucas und Peter Jackson ernsthaft fragen dürfen, ob er sie in der Zwischenzeit wirklich ganz sauber bekommen hat. Zur Ehrenrettung der ewigen Hammer-Ikone sei allerdings vorab erwähnt, dass Lee im vorliegenden Reißer den rigorosen Lordoberrichter George Jeffreys mit der gepflegten Routine dessen verkörpert, der weiß, dass am Ende nur der Kontoauszug zählt (der zur Entstehungszeit übrigens ziemlich schlimm ausgesehen haben muss, bedenkt man, dass Sir Lee laut IMDB im selben Jahr noch in sage und schreibe neun weiteren Filmen zu sehen war, darunter in Francos Schmutzfest „Eugenie de Sade“).&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wie uns zu Beginn der germanischen Synchrofassung eine schneidige Offstimme zu den Klängen von Bruno Nicolais übrigens exzellenter Score etwas umständlich darlegt, ist Jeffreys nach dem Ableben von König Scharrls (Wochenschaudeutsch für „Charles“) dafür zuständig, die politischen Gegner des unbeliebten letzten Stuartherrschers James II (1685-88) durch notfalls fingierte Anklagen aus dem Weg zu räumen. Dem guten James geht nämlich so kurz vor der Glorious Revolution gehörig die Muffe, auch wenn es der Film, der wirklich alles dafür tut, um wichtige historische Zusammenhänge zu verschleiern, nicht genau so ausdrückt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nach geschehener Expositionsarbeit finden wir uns auf einer Waldlichtung wieder, wo junge Frauen einen beschwingten Hexensabbat feiern (das Übliche: Lord Jeffreys in Effigie am Voodo-Galgen baumeln lassen, sinnlos um einen Feuerkessel herumtanzen, während aus dem Off monotoner lateinischer Frauensingsang erklingt), dem die blinde Seherin Mother Rosa (Maria Schell, die selbst in einem Franco-Film noch mehr künstlerische Integrität an den Tag legt als ihr unsäglicher Bruder in seinen Einsätzen als sabbernder Märchenonkel für öffentlich-rechtliche Geschichtsfrechheiten) interessiert zuguckt. Auch ein langhaariger Jüngling namens Campbell ist aus irgendwelchen Gründen vor Ort, verdrückt sich aber sogleich mit seiner Flamme Alicia Gray auf ein Schäferstündchen ins Maisfeld, wo beide nach kurzer Gegenwehr von den Männern des Lordrichters aufgegriffen und vor den Kadi gestellt werden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Im vor hübschen Weibspersonen berstenden Kerker des Gerichtes werden derweil fröhlich Stutenbissigkeiten ausgetauscht, die erst verstummen als eine Gestalt im schwarzen Catsuit mit Riesengürtelschnalle und auf Plateausohlen wippenden Schrittes die Treppe herunterstolziert und sich der Zuschauer erst einmal kräftig in die Mokassins schifft, bis er merkt, dass es sich bei dieser Witzfigur um den zuständigen Folterhenker Jack Ketch handelt (Franco-Allzweckwaffe Howard Vernon in einer seiner besten Rollen!), der den ganzen Film über naturgemäß eine wichtige Rolle spielen wird. Alicia Gray kann über diesen Anblick allerdings weniger lachen, denn sie wird wegen Hexerei angeklagt und muss sich anschließend mit roter Farbe anpinseln lassen und leicht bekleidet auf einem Holztisch (laut Drehbuch: Streckbank) Platz nehmen. Lord Jeffreys übt inzwischen vergnügt an seiner Schweineorgel und lässt den Zuschauer wissen, dass der Vater von Alicia Gray ein verurteilter Verschwörer war und der Hexereivorwurf offenbar nur vorgeschoben. Als anschließend Alicias ausgesprochen gut aussehende Schwester Mary Gray (in ihrer Bereitschaft, sich für Francos Kamera nackig zu machen, absolut vorbildhaft: Maria Rohm) vorstellig wird, um die im Kerker Schmachtende freizubekommen, lässt der gute Lordrichter durch einen fiesen Kamerazoom auf seine Augen durchscheinen, dass sich gegen ein wenig Rein-Raus über vieles reden ließe, doch vom Schamgefühl überwältigt läuft die Bittstellerin von dannen und lässt ihre Schwester auf dem Scheiterhaufen übel verbrennen.&lt;br /&gt;Von berechtigten Schuldgefühlen überwältigt, entschließt sich Mary (jedoch nicht vor ausführlicher Rücksprache mit Maria Schell, deren Anwesenheit in diesem Film dramaturgisch schwer zu rechtfertigen ist), in einem widerlich abgestandenen Sumpf ertrinken zu gehen, wo jedoch zufällig gerade Harry, der junge Sohn des Grafen von Wessex, für das Seepferdchen trainiert und die lebensmüde Muhme retten kann (in einer ziemlich langen Szene, die aus irgendwelchen Gründen nur auf Spanisch überlebt hat), wofür er sie später zur Belohnung im Heu fleischlich kennenlernen darf.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Vater von Harry wird derweil von Lord Jeffreys unter Druck gesetzt, weil es in seiner Grafschaft auffällig viele Hexen gibt und die Königstreue des Grafen schon länger in Zweifel steht, zumal Harry mit dem gesuchten Landesverräter Barnaby früher die Schulbank gedrückt hat. Zu allem Überfluss kommt auch noch der übereifrige Diener Satchel (Milo Quesada) angeschissen, so dass der Lordrichter von den Abendvergnügungen des liebestollen Harry Wind bekommt und naturgemäß misstrauisch wird. Diese Haltung ist berechtigt, denn Harry und Barnaby sind auf der Seite des Herzogs von Monmouth in eine grobe Verschwörung verwickelt, welche auf die Absetzung des Königs hinarbeitet. Der Graf von Wessex erkennt die Gefahr und versucht seinem Sohn sorgenvoll ins Gewissen zu reden, was von diesem mit einer unfassbaren Flegelhaftigkeit quittiert wird, für die ich dem Hundskrüppel am liebsten eine scheuern möchte. Satchel ist es inzwischen gelungen, Mary im Auftrag von Lord Jeffreys ins Gasthaus „zur Glocke“ zu entführen, und nutzt dies zu einem schnellen Notzuchtversuch („wehr dich nur ... ich hab Zeit ... die ganze Nacht vor uns“), der allerdings damit endet, dass er mit der Fautze voran im Kaminfeuer landet. Harry erscheint rechtzeitig zur Rettung und Lord Jeffreys muss tatenlos dabei zusehen, wie der Duke von Monmouth mit seiner Armee zum Angriff bläst. Dieser wird durch die königliche Artillerie allerdings ziemlich schnell unschädlich gemacht, was zu einer schier endlosen Abfolge von Pferdestunts Anlass gibt, bei denen manch ein Skeptiker Fremdmaterial wittern möchte, aber anscheinend hatte Franco mit seinen Liechtensteiner Geldgebern diesmal wirklich das große Los gezogen.&lt;div&gt;&lt;br /&gt;Barnaby wird bei den Kampfhandlungen schwer verwundet und der flüchtende Harry für vogelfrei erklärt. Letzteres glaubt zumindest der Graf von Wessex aufgrund der Lügen seines ehemaligen Dieners Satchel, der dank Kaminunfall inzwischen aussieht wie Claude Oliver Rudolph und sich durch das rote gotische J auf seinem schwarzen Wams derart eindeutig als übergelaufener Handlanger von Lord Jeffreys zu Erkennen gibt, dass man eigentlich nur noch darauf wartet, dass Adam West ihn in einen Faustkampf verwickelt. Vom Grafen verlangt er 100 Kronen dafür, dass er Harry laufen lässt, und der ist tatsächlich so dumm, den Preis zu bezahlen. Satchel ist damit aber noch lange nicht fertig, sondern stiefelt anschließend noch seine ehemalige Untergebene Sally (gespielt von einer rassigen italienischen Schönheit, deren Namen mir leider entfallen ist) zusammen, weil sie nicht zugeben will, dass sie weiß wo sich Harry versteckt. Ein paar Szenenwechsel später ist Barnaby durch Fremdeinwirkung am Strick verendet und Jeffreys philosophiert fleißig über die Rechtmäßigkeit seiner Handlungen, plant aber zugleich eine baldige Massenhinrichtung der Verräter samt weiblichem Anhang.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Weil Harry den von Satchel angeführten Frauengefängnistransport sogleich wieder befreit, wird er jetzt wirklich für vogelfrei erklärt und sehr schnell samt Weiberschar wieder eingefangen, was die vergangenen zehn Handlungsminuten etwas unnötig erscheinen lässt. Das Jeffreys’sche Standgericht arbeitet auf Hochtouren und verknackt Mary und Sally wegen Hexerei, was den Fokus des Films vorerst wieder in den Frauenfolterkeller verlegt, was dem Zuschauer nur Recht sein kann. Während dort unten meist hüllenlos gepeitscht, gekratzt und gequetscht wird, was das Brenneisen hält, versucht der Graf von Wessex den Lordrichter durch ein vom König genehmigtes Gnadengesuch erfolglos davon zu überzeugen, Harry laufen zu lassen. Jeffreys' Argumente sind allerdings nur Fassade, da er es in Wirklichkeit immer noch darauf abgesehen, den jungen Don Juan als Druckmittel zu benutzen, um an dessen Stelle seinen eigenen Stachel in die schöne Mary zu bohren. Diese wird inzwischen vom Henker ausgezogen und mit einer bereits arg geschundenen Kerkerinsassin zusammengeführt, was sie fast aufforderungslos zum Anlass nimmt, deren ebenfalls nackten Leib minutenlang von der Sohle bis zum Kopf abzulecken, während Vernon, sein Azubi und Francos Voyeuristenkamera sichtlich angetan zugucken dürfen. Das ganze ist nicht nur völlig unmotiviert, sondern zugleich ein dermaßen schamloser Schweinkram, dass selbst dem erfahrensten aller Dreckbären für einen Moment die Worte fehlen, weil er das in dieser Form noch nie zuvor gesehen hat.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;In der nächsten Szene ist Maria Rohm (die entweder Exploitation-Idealistin war oder dringend Geld brauchte) dann schon wieder nackig und wird von Waschdame Sally im Zuber für Lord Jeffreys ausgehfertig gemacht. Dass ihr Sally dabei heimlich einen Meucheldolch zusteckt, hält Franco freilich nicht davon ab, uns im Anschluss noch den Beischlaf des Lords mit seinem Opfer zu präsentieren, der erstaunlich subtil gefilmt wurde – werden musste, weil Christopher Lees Arbeitsvertrag ihn offenbar vor der Beteiligung an Schweinereien schützte und er dementsprechend nur aus dem Off zu hören ist, während Mary sich unter den Liebkosungen eines Hand-Doubles windet. Als sie anschließend erfährt, dass Harry entgegen aller Abmachungen auf die Plantagen nach Übersee geschickt werden soll, geht sie dann doch noch mit dem Messer auf ihn los, versagt dabei aber derart kläglich, dass Jeffreys sie problemlos überwältigen und per Gefangenentransport in den Tower von London schicken kann. Der in Ketten gelegte Harry und seine Kumpane kommen, vom guten Zureden durch Mr. Drehbuch überzeugt, plötzlich auf die Idee, vielleicht doch noch den Aufstand zu proben, dem sich schnell der ganze Kerker anschließt. Das anfängliche Weicheivorhaben, den überwältigten Wärter Satchel vor ein Standgericht zu stellen, scheitert am Rachedurst der gepeinigten Furien, die ihn lieber lebendig in Stücke reißen (hier nur dezent angedeutet, von Franco aber einige Jahre später in „Greta – Haus ohne Männer“ noch einmal explizit umgesetzt). Draußen erfährt Harry, dass sein Vater in Wirklichkeit ebenfalls ein Gegner der Stuarts ist und Gegenkandidat William von Oranien bereits auf der Insel gelandet. Der König flieht nach Frankreich, während der inzwischen zum Lordkanzler erhobene Schweineorganist Jeffreys tapfer die Stellung hält. Doch der Pöbel rebelliert und Jeffreys wird ins Gefängnis geworfen, während der Käfigkonvoi mit Mary an Bord im Zuge eines spektakulären Kommandounternehmens, an dessen Ende Franco uns mit einigen wunderbar stimmungsvollen Bildern von durch die Baumkronen brechendem Sonnenlicht und toten Soldaten beglückt, noch rechtzeitig aufgehalten werden kann. Das alte Regime ist beseitigt, Jeffreys überwältigen in der Todeszelle die Gewissensbisse und so stirbt er nach kurzem Gezeter an einem theatralischen Herzinfarkt, dem logischerweise nur die Endcredits folgen können.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Fazit: Mit seinem fast zeitgleich mit Michael Armstrongs „Hexen – bis aufs Blut gequält“ (1970) erschienenen „Witchfinder“-Cash In „Il trono di fuoco“ hält sich Jess Franco auch dank eines gehobenen Budgets filmtechnisch erstaunlich schadlos, auch wenn der eine oder andere unmotivierte Holperzoom die Handschrift des Regisseurs nicht ganz verleugnen kann. In Punkto Sexualsadismus kann der „Hexentöter“ den deutschen „Hexen“-Reißern zwar gewiss nicht das Wasser reichen, enthält aber zumindest in der ungekürzten Langfassung (die damals kaum jemand zu Gesicht bekam) genug Sleaze, um einen unterhaltsamen Abend absolut zu garantieren.&lt;div&gt;&lt;br /&gt;&lt;/div&gt;&lt;div&gt;&lt;br /&gt;&lt;/div&gt;&lt;/div&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/4649458722169584895-5873011188729679241?l=baerista.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://baerista.blogspot.com/feeds/5873011188729679241/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2012/01/baeristas-flimmerkiste-1-heute.html#comment-form' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/5873011188729679241'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/5873011188729679241'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2012/01/baeristas-flimmerkiste-1-heute.html' title='Baerchens Flimmerkiste (1). Heute: Der Richter und sein Henker'/><author><name>Baerista</name><uri>http://www.blogger.com/profile/02373620929944807927</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='24' height='32' src='http://4.bp.blogspot.com/-6EDMQPvqQCU/TfNTJ0t_aSI/AAAAAAAAALw/9MHVgEPq360/s220/BILD1082.JPG'/></author><media:thumbnail xmlns:media='http://search.yahoo.com/mrss/' url='http://2.bp.blogspot.com/-L9OaWCxiCc0/TxIJlh4HjlI/AAAAAAAAAMs/dzcL7qvm5v4/s72-c/nightofbloodmonsterlmcd.jpg' height='72' width='72'/><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-4649458722169584895.post-4038465585409523737</id><published>2011-07-27T04:41:00.000-07:00</published><updated>2011-08-01T03:09:28.111-07:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Scheuermilch'/><title type='text'>Scheuermilch (Epilog - Teil 2)</title><content type='html'>&lt;a onblur="try {parent.deselectBloggerImageGracefully();} catch(e) {}" href="http://2.bp.blogspot.com/-2nod2HrpJEs/TjZ6STWExrI/AAAAAAAAAMg/eaflCHGXs4o/s1600/BILD0202.JPG"&gt;&lt;img style="display:block; margin:0px auto 10px; text-align:center;cursor:pointer; cursor:hand;width: 320px; height: 240px;" src="http://2.bp.blogspot.com/-2nod2HrpJEs/TjZ6STWExrI/AAAAAAAAAMg/eaflCHGXs4o/s320/BILD0202.JPG" border="0" alt=""id="BLOGGER_PHOTO_ID_5635826438549849778" /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;&lt;div&gt;&lt;div&gt;&lt;div align="justify"&gt;2.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wenn alle Archetypen schamlos hereinbrechen, erreicht man homerische Tiefen. Zwei Klischees sind lächerlich, hundert Klischees sind ergreifend.&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;(Umberto Eco)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Dein Leib war Gottes Tempel. Der Herr schenke dir ewige Freude. Während des Begräbnisritus versuchte er sich erfolglos auf den Ablauf, die Worte des Priesters zu konzentrieren. Es war nicht mehr so wie zu seiner Kindheit, zu seinen Zeiten als Ministrant, als eine Beerdigung für ihn eine korrekt zu vollziehende Aufführung gewesen war. Sein Blick wanderte leise und verlor sich in den sehr regelmäßig angeordneten Gässchen des kleinen Friedhofs. Ein Friedhof, wie es ihn fast genauso in dem Dorf seiner Großmutter gegeben hatte.&lt;br /&gt;Wolfgang war oft mit ihr dort gewesen, um die Gräber von Verwandten zu besuchen. Er selbst hatte keinen der Menschen, die dort lagen, je gekannt und deshalb waren für ihn im Grunde alle Gräber auf dem Friedhof gleich gewesen. Die gleichen, friedlichen, steinernen Orte, um die sich immer dieselben alten Frauen mit ihren Kopftüchern und ihrer gebückten, langsamen Art zu gehen kümmerten (denn Männer sah man selten auf dem Friedhof) und dabei immer wieder den Weg von einem Grab zu der Wasserrinne an der Kirche beschritten, um dort ihre grünen Gießkannen aufzufüllen. Diese großen, grünen Plastikgießkannen, die Wolfgang als Kind so gerne herumgetragen hatte und die, wenn sie leer waren und die Sonne durch sie hindurch schien, ein eigenartiges, schmutziges Leuchten besaßen und die für Wolfgang, wenn er sie zu lange gefüllt hatte, schnell zu schwer wurden, so dass er sie auf dem Boden hinter sich herziehen musste und dabei viel zu viel Wasser vergoss, vor allem auf seine Beine, so dass es dieses knartschende Geräusch gab, wenn er – wie meist – barfuss in Sandalen aus Kunststoff unterwegs war. Oft war er lange Zeit zwischen den Grabreihen hin- und hergelaufen, hatte die Farbe, die Form, die Gravuren der Grabsteine verglichen und die Qualität der Blumenarrangements und später auch die Namen der Verstorbenen und die Inschriften mit ihren verschiedenen Formulierungen. Das Schönste waren jedoch die kleinen metallenen Schalen gewesen, die an den Rändern der Gräber angebracht waren und in denen sich Pfützen von Weihwasser befanden. Manche dieser Schalen waren ganz flach und schmucklos, andere bestachen durch ein größeres Füllvermögen oder schützten ihren Inhalt durch einen aufklappbaren Deckel, in den verschiedene Motive, meist Kreuze oder gefaltete Hände, eingearbeitet waren. In fast allen dieser Schalen lag ein dürrer Zweig aus Tanne oder Fichte, mit dem man das geweihte Wasser auf die Gräber sprengen konnte. Wolfgang liebte es sehr, von Grab zu Grab zu gehen, die Schälchen zu öffnen und der Erde vor ihm den ihr zustehenden Segen zu spenden, egal wer dort liegen mochte. Nur bei manchen Gräbern ging das nicht, denn dort waren die Schälchen ausgetrocknet, weil niemand da war, der das Wasser regelmäßig nachfüllte und das machte Wolfgang jedes Mal fast ein wenig traurig. Bisweilen erledigte er das dann selber und pantschte sich dabei hoffnungslos mit Gießkannenwasser voll. Doch das schien ihm besser, als leere Schalen oder diejenigen Schalen, in denen nur noch eine winzige, schmutzige Lache schwamm, zusammen mit kleinen Steinen, Blättern oder Reisig von den Bäumen. Wolfgang war klar, dass er damals keinerlei Vorstellung vom Tod gehabt hatte. Für ihn war der Friedhof ein interessanter Ort gewesen, weil die Art und Weise, in welcher die Gräber angeordnet und aufgebaut waren, einen außerordentlichen Sinn für Klarheit und Ordnung in sich barg; und weil Wolfgang ein Kind gewesen war, dass selbst von diesem Sinn für Ordnung besessen war. Wenn er die Gräber segnete oder die Weihwasserschalen nachfüllte, dann um diese Ordnung, die ihm als etwas Heiliges galt, zu erhalten. Den Zusammenhang mit den Verstorbenen begriff er dabei nicht wirklich. Natürlich hatte er gelernt, dass dort unter den Grabsteinen- und Platten und Blumenbeeten Menschen lagen, manchmal sogar ganze Familien, die einmal auf dieser Welt gewesen waren und dass sie dann irgendwann fort gegangen waren, um andere Menschen, die Trauernden, zurückzulassen – Sie waren dahingeschieden, hatten das Zeitliche gesegnet, waren jetzt bei Gott. Er kannte all diese Ausdrücke, aber er begriff nicht, was sie bedeuteten. Für ihn manifestierten sich die Namen, die gemeinsam mit Lebensdaten und vereinzelten Bildern den Friedhof bevölkerten, vor allem in den dazugehörigen Gräbern. Die Gräber waren gleichbedeutend mit den Menschen und deshalb mussten sie gepflegt werden. Einen Begriff des Todes, der darüber hinausging, hatte er noch nicht besessen, und wenn Wolfgang jetzt darüber nachdachte, dann wurde ihm bewusst, dass sich daran bis heute nicht viel geändert hatte. Und er merkte, dass ihn auch jetzt wieder dieselbe Ratlosigkeit überfiel, wie damals an Davids Grab, als diese dicken Regentropfen alles um ihn herum einhüllten, wie eine Wand aus Tränen, die niemand weinen konnte. Und er sah einmal mehr Tommy, wie er dort gestanden hatte, allein an Davids Grab, mit durchweichtem Gesicht, als sei die Zeit stillgestanden. Dieser eine Moment, von dem er bisweilen glaubte, es sei der letzte, den sie jemals miteinander geteilt hatten. Als hätte er Tommy schon damals zum letzten Mal gesehen. Als sei alles Übrige nur ein Nachglühen dieses einen Augenblicks gewesen, dieses einen Moments, bevor er sich umgedreht hatte, um fort zu gehen, für immer. So wie auch Tommy fort gegangen war, als er dieses Flugzeug bestiegen hatte. Als er eingetaucht war in die schwarze Phase. Als er sich auf diese Suche nach dem Phoenix begeben hatte, von der niemand jemals erfahren würde, worin sie bestand und ob er sie jemals zu einem Abschluss gebracht hatte. Doch wenn es wahr war, was der alte Mann ihm vor der Bibliothek erzählt hatte, dann war genau jener Ort hier der Abschluss von allem. Dann hatte es wirklich nie einen Ausweg gegeben. Und Tommy hatte es gewusst.&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;br /&gt;Irgendwann, am Ende jener langen Nacht in dem Kellerverlies, musste er einen Moment der Erkenntnis gehabt haben. Einen einzigen, winzigen Augenblick der Klarheit, als er blutverschmiert in den Abgrund einer Waffe gestarrt hatte und sich des Endes seiner Reise bewusst geworden war. Wolfgang hatte keine Vorstellung von dem, was Tommy begriffen haben mochte, in jenem einen Moment, kurz bevor es nichts mehr zu begreifen gab. Aber er war sich sicher, dass nichts von dem, was er selbst seitdem gefunden hatte, irgendetwas damit zu tun hatte. Nichts was die ungezählten Stunden rechtfertigen konnte, die er in den vergangenen Tagen an seinem Schreibtisch verbracht hatte, verzweifelt bei dem Versuch, einen letzten Tropfen Wahrheit in den Seiten jener beiden Hefte zu finden. Es hatte nie eine Botschaft gegeben. Keine Nachricht, kein Geheimnis, keinen Plan B, an den Tommy vielleicht hätte glauben können, als er irgendwann in jener Nacht beschlossen hatte, den Hageren anzulügen, um sich an ihm zu rächen.&lt;br /&gt;Ihm war klar gewesen, als er an jenem Mittwoch die Türe des Schließfaches geschlossen hatte, dass er nie erfahren würde, ob sein Freund das ihm gestellte Rätsel jemals begreifen würde. Dieses Rätsel, das keine Lösung besaß und nirgends hinführte. Das er ihm deshalb gestellt hatte, weil er eine Rückversicherung brauchte. Etwas, das dem, was er im Begriff war zu tun, so etwas wie einen Sinn verlieh und mochte es auch nur eine schwache Simulation sein. Ein letztes Auflodern, bevor er sich auf den Weg machen würde, dessen Ende er bereits kannte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Als das Ritual zu Ende gegangen war, sonderte sich Wolfgang rasch von den übrigen Anwesenden ab und stellte sich zwischen zwei steinerne Kreuze. Vorsichtig aber zielgerichtet löste sich die Trauergemeinde auf, ihre Teilchen strebten gesondert in dieselbe Richtung davon. Er merkte, wie er langsam allein zurückblieb auf dem, was man in den Gespenstergeschichten, die er als Zwölfjähriger gelesen hatte, manchmal Totenacker nannte. Es war kalt geworden. Während er sich gegen die Innenwände seines schwarzen Wollmantels presste, sah er Philipp und Mike, wie sie gemeinsam auf die gusseiserne Pforte zuschritten. Er hatte mit ihnen nicht mehr gesprochen seit jener Woche und er wusste nicht, wieso er es hätte tun sollen. Hinter ihnen ging Mirjam und es sah so aus, als ob ihr linker Fuß jeden Moment wegknicken könnte. Ihr Gesicht war zerweint. Sie hatte Tommy tatsächlich geliebt. Wolfgang wusste, er würde sie nie wieder sehen. Die letzten Grüppchen strebten dem Ausgang zu. In einer knappen Stunde würden sie sich alle in einem Gasthof wieder zusammenfinden, um zu essen und zu trinken. Wolfgang wusste, er würde nicht dabei sein. Auf einmal fühlte er die Möglichkeiten, vielleicht zum ersten Mal seit Jahren, und es war ein warmes Gefühl. Er wusste, er konnte jetzt sofort in seinen Wagen steigen und immer Richtung Westen fahren und es würde nicht zu lange dauern und er könnte in einem kleinen Dorf irgendwo in der Bretagne oder der Vendée ein Zimmer beziehen und von dort wäre es nur ein kurzer Fußmarsch bis zur Küste. Dann konnte er dem Meer entgegensehen, tagelang, so lange er wollte, und langsam in der Sehnsucht nach der eigenen Auslöschung vergehen. So stellte er sich das für einen Moment vor, dann verloren sich seine Gedanken irgendwo in den Gravuren der Grabkreuze.&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;br /&gt;Der Tag begann bereits zu zerfasern, obwohl es noch etwas hell bleiben würde. Jetzt steuerte auch Wolfgang auf den Ausgang zu. Unweit der gusseisernen Pforte sah er Sarah stehen. Wolfgang stellte sich neben sie. Eine Weile lang geschah nichts. Sie war in einen schwarzen Wollmantel gehüllt, ihr Gesichtsausdruck erschien ihm unscharf. Er bemühte sich, sie anzublicken. Schließlich wandte sie sich ihm zu.&lt;br /&gt;„Ich wusste es“.&lt;br /&gt;Wolfgangs Mine formte eine Frage.&lt;br /&gt;„Ich wusste, dass es hier enden würde“. Ihre Stimme klang unaufgeregt. „Das letzte Wochenende mit ihm. Es lag schon damals in der Luft.“ –&lt;br /&gt;„Aber du konntest doch nicht...“&lt;br /&gt;„Nein, das meine ich nicht“, trennte sie seinen Satz ab. „Es war einfach klar. Im Nachhinein noch viel mehr. Als ob es nie Hoffnung gegen hätte.“&lt;br /&gt;Er fuhr unmerklich zurück.&lt;br /&gt;„Im Grunde könntest du dich fast freuen. Du hast Recht behalten. Mit allem. Sogar Tommy hat letztendlich nur den Mangel gefühlt. Auch für ihn gab es keinen Ausweg. War es nicht das, was er dir sagen wollte?“&lt;br /&gt;Wolfgang sah sie gequält an. Er konnte keinerlei Ironie in ihrer Stimme feststellen. Sie machte eine kurze Pause.&lt;br /&gt;„Vielleicht hat er mich deshalb angerufen. Vielleicht wollte er dir zeigen, dass er es eingesehen hat. Dass du es warst, der die ganze Zeit Recht hatte. “&lt;br /&gt;„Ich will gar nicht Recht haben“, schüttelte Wolfgang langsam den Kopf. „Ich glaube eigentlich auch nicht wirklich daran. Zumindest gibt es hier nichts, worüber ich mich freuen könnte.“&lt;br /&gt;„Was siehst du dann? Irgendetwas muss sich dir doch offenbart haben. “ Sie sprach mit leiser Entschlossenheit. Wolfgang zögerte einen Moment.&lt;br /&gt;„Natürlich hat Tommy den Mangel gespürt. Aber auch er hat ihn schon immer gekannt. Es gab hier nichts zu beweisen. Ich weiß nur, dass Tommy da war und...“ Er stockte leicht, dachte einen Augenblick lang über seine eigenen Worte nach und bemerkte wie unverschwommen sie klangen. „Er war da. Was kann man schon mehr tun?“&lt;br /&gt;Sie nickte abwesend. Der Friedhof lag verlassen da. Ihre Finger nestelten am Revers seines Jacketts. Erst jetzt merkte er, wie nahe er bei ihr stand.&lt;br /&gt;„Und wie geht es jetzt weiter?“&lt;br /&gt;Wolfgang deutete ein Achselzucken an.&lt;br /&gt;„Mit uns, meine ich“, sagte sie und blickte ihn tief an.&lt;br /&gt;Wolfgangs Blick zerstob für einen Moment, dann erwiderte er den Ihrigen.&lt;br /&gt;„Wir sind auch da“, sprach er und kam sich plötzlich sehr klar vor.&lt;br /&gt;„Ich bin mir nicht sicher, was das für dich bedeutet.“&lt;br /&gt;Ein Windzug hatte begonnen sanft an den Hecken des Areals zu rütteln. Auf dem Bürgersteig an der anderen Seite der Pforte wirbelte eine blassgrüne Plastiktüte vorbei. Bald würde es Abendrot geben. Es war 17:21 Uhr. Ein Augenblick zog sich seltsam in die Länge. Wolfgang sah seine Umgebung. Er sah auch ihre zweifelnden, blauen Augen und war überrascht, wie sicher er sich war.&lt;br /&gt;Ein schwarzer Van bog langsam um die Ecke. Dann verließen sie gemeinsam den Friedhof.&lt;br /&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;[Ende]&lt;/div&gt;&lt;/div&gt;&lt;/div&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/4649458722169584895-4038465585409523737?l=baerista.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://baerista.blogspot.com/feeds/4038465585409523737/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/07/scheuermilch-epilog-teil-2.html#comment-form' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/4038465585409523737'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/4038465585409523737'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/07/scheuermilch-epilog-teil-2.html' title='Scheuermilch (Epilog - Teil 2)'/><author><name>Baerista</name><uri>http://www.blogger.com/profile/02373620929944807927</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='24' height='32' src='http://4.bp.blogspot.com/-6EDMQPvqQCU/TfNTJ0t_aSI/AAAAAAAAALw/9MHVgEPq360/s220/BILD1082.JPG'/></author><media:thumbnail xmlns:media='http://search.yahoo.com/mrss/' url='http://2.bp.blogspot.com/-2nod2HrpJEs/TjZ6STWExrI/AAAAAAAAAMg/eaflCHGXs4o/s72-c/BILD0202.JPG' height='72' width='72'/><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-4649458722169584895.post-2324822222444855379</id><published>2011-07-25T04:31:00.000-07:00</published><updated>2011-08-01T03:08:34.855-07:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Scheuermilch'/><title type='text'>Scheuermilch (Epilog - Teil 1)</title><content type='html'>&lt;a href="http://1.bp.blogspot.com/-ZcYdvMPT9AU/Ti2jloPTBhI/AAAAAAAAAMY/11sk3INPu68/s1600/BILD1702.JPG"&gt;&lt;img style="margin: 0px auto 10px; width: 320px; height: 240px; text-align: center; display: block; cursor: pointer;" id="BLOGGER_PHOTO_ID_5633338575762425362" border="0" alt="" src="http://1.bp.blogspot.com/-ZcYdvMPT9AU/Ti2jloPTBhI/AAAAAAAAAMY/11sk3INPu68/s320/BILD1702.JPG" /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;strong&gt;Epilog&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;1.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Sometimes the last thing you wanna know is the truth.&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;(Roger Meddows-Taylor)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;„So, ich glaube das war’s fürs erste.“ Der Beamte schob einen kleinen Stapel Papier zusammen und sah dann flüchtig zu Wolfgang auf. „Gibt es vielleicht von ihrer Seite noch irgendwelche Fragen?“&lt;br /&gt;Wolfgang brauchte einen Moment, bis er begriff, dass sich die klare Stimme seines Gegenübers an ihn gewandt hatte. Dann schüttelte er vorsichtig den Kopf. Er fühlte eine eigenartige Scheu, den Mann auf der gegenüberliegenden Seite des Schreibtisches unnötig zu enttäuschen. Schweigend sah er dabei zu, wie Stefan Mersiowski damit fortfuhr, scheinbar wahllos einzelne Blätter des Protokollstapels zu überfliegen. Er spürte einen Anflug von Sympathie für den etwa Mitte 30-Jährigen, der sich in den vergangenen Stunden sichtlich Mühe gegeben hatte, eine Abwicklung der Formalitäten zu gewährleisten, von der er offenbar glaubte, dass sie gewissen zwischenmenschlichen Kriterien genüge tat. Er hatte in seinem Beruf sicherlich mit allen möglichen Leuten zu tun, dachte Wolfgang kurz. Nichts Menschliches durfte ihm fremd sein. Wahrscheinlich mochte er seine Arbeit sogar. Eine Weile lang ließ er seinen Blick ziellos durch das Verhörzimmer schweifen, das Mersiowski zur Verfügung gestellt worden war. In den Regalen an der Rückwand drängten sich prallgefüllte Aktenordner mit unverständlichen Aufschriften. Kombinationen aus Ziffern und Lettern, die auf Wolfgang wie ein verunglücktes Hieratisch wirkten. Er überlegte, ob sie mit seinem Fall zu tun hatten, und kam zu keinem klaren Ergebnis. Durch die geschlossenen Jalousien des Doppelfensters ließ sich das kalte Nachtlicht einer Straßenkreuzung erahnen; er hatte in diesem Raum jedes Zeitgefühl verloren. Dann kam ihm das Telefonat in Michael Stadlers Küche in den Sinn. Er dachte an diesen seltsamen Donnerstagabend und Mirjams aufgeregte Stimme und begriff, dass es ihm von diesem Moment an hätte klar sein müssen. Dass nichts in seinen Händen gelegen hatte. Zu keiner Zeit. Er beobachtete Mersiowski und glaubte, sich gut ausmalen zu können, wie ihn Mirjams Ahnungslosigkeit in jenem Augenblick auf die Palme gebracht haben musste. Nur von einem Berliner Akzent hatte Wolfgang bisher nichts feststellen können. Sie musste sich geirrt haben.&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;br /&gt;Mersiowski hatte offenbar die Veränderung in Wolfgangs Gesicht bemerkt, denn plötzlich legte er die Blätter weg und warf einen besorgten Blick über den Tisch.&lt;br /&gt;„Herr Niedermeier, ich möchte ihnen noch einmal versichern, dass ich mir nur zu gut vorstellen kann, wie schwer erträglich diese gesamte Situation für sie sein muss. Ich könnte auch absolut nachvollziehen, wenn sie sich von uns jetzt, nachdem sie einige Einzelheiten über unsere Ermittlungsarbeit erfahren haben, vielleicht etwas, nun ja, missbraucht fühlen. Sie werden sich sicher fragen, wieso wir sie nicht viel früher aus der Schusslinie genommen haben. Aber sie müssen berücksichtigen, dass wir bis zum vergangenen Donnerstag selbst weitgehend im Dunkeln tappten, was die Identität unserer Kontaktperson betraf, die wir ausschließlich unter dem Decknamen Jacob Böhme kannten. Dieser Name blieb unser einziger Anhaltspunkt, abgesehen von dem Hotelzimmer, in welchem die ursprüngliche Übergabe stattfinden sollte. Dementsprechend desolat war unsere Lage als das geplante Rendezvous in Berlin platzte und auf einmal sowohl von dem Übergabeobjekt als auch von unserer Kontaktperson jede Spur fehlte – aus Gründen, die uns erst jetzt bekannt sind, denn tatsächlich war Herr Weißhäupl ja nie aus München abgeflogen. Der entscheidende Durchbruch kam letztlich nur deshalb zustande, weil Frau Keller diesen Namen zufällig im Gespräch mit einem Beamten erwähnt hatte und wir im Vorfeld alle Polizeipräsidien und angeschlossenen Dienststellen gebeten hatten, uns über Auffälligkeiten in dieser Richtung, vor allem im Zusammenhang mit Vermisstenmeldungen, sofort zu unterrichten. Da, wie wir heute wissen, sie es waren, der Frau Kellers Anruf veranlasste, ist dieser Erfolg letztlich auch ihr Verdienst. Sie müssen jedoch verstehen, dass wir, als sie tags zuvor gesichtet worden waren, wie sie an der Rezeption des Hotels erschienen und vorgaben, unsere Kontaktperson zu kennen, noch keineswegs einordnen konnten, in welcher Absicht sie handelten oder in welcher Beziehung sie zur Kontaktperson standen. Diese Zusammenhänge erhellten sich nur teilweise und allmählich, als wir über den Fall Weißhäupl Kenntnis erhielten und begannen, das soziale Umfeld ihres Freundes zu beleuchten. Zu diesem Zeitpunkt waren sie aber, das müssen sie begreifen, sozusagen der letzte Strohhalm an dem wir uns klammerten. Bitte berücksichtigen Sie auch, dass bis zuletzt keine der beteiligten Parteien Klarheit darüber besaß, wie weit Ihre Informationen zu den betreffenden Vorgängen reichten und welche konkreten Ziele, besonders im Hinblick auf das verschwundene Übergabeobjekt, Sie verfolgten. Wie wir inzwischen wissen, wurden Sie in dieser Beziehung natürlich von allen beiden Seiten gehörig überschätzt. Die Unannehmlichkeiten, die für sie auf diese Weise entstanden sind, sind selbstverständlich höchst bedauerlich. Gleichzeitig hätten wir ohne ihre Rolle in jenen Ereignissen die Operation wohl kaum zu diesem – letztlich doch halbwegs erfolgreichen – Ende bringen können. Deshalb hoffen wir auch, dass sie unsere Vorgehensweise nicht nachträglich missverstehen oder gar das Gefühl haben, von uns mutwillig einer Gefahr für Leib und Leben ausgesetzt worden zu sein. Ich möchte ihnen versichern, dass wir zu jedem relevanten Zeitpunkt in ihrer Nähe waren und im Notfall stets Handlungsbereit gewesen wären.“&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;br /&gt;Wolfgang blickte den Mann überrascht an und musste feststellen, dass er gerade ziemlich falsch eingeschätzt worden war. Natürlich hatten sie ihn als Köder benutzt, aber wen interessierte das jetzt noch? Er überlegte kurz, ob er dem Beamten versichern sollte, dass seine Sorgen unbegründet waren, doch es schien besser, niemanden in Verlegenheit zu bringen. Stattdessen nickte er kurz, während er angestrengt seine Fingernägel beobachtete. Mersiowski registrierte Wolfgangs Kopfbewegung mit einem leeren Gesichtsausdruck und wirkte für den Moment etwas verloren. Er räusperte sich.&lt;br /&gt;„Jedenfalls kann ich mir denken, dass ihnen die Ungewissheit, in der wir sie leider im Hinblick auf einige Details belassen müssen, etwas zu schaffen macht. Jedoch werden sie sicher verstehen, dass wir keine Informationen preisgeben können, welche die laufenden Ermittlungen betreffen, insbesondere wenn es sich um Informationen handelt, welche unsere Zeugen gefährden könnten. In gewissen Punkten sind wir außerdem zugegebenermaßen nach wie vor ziemlich ratlos...“ &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt; &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;Der Beamte hielt kurz inne und beugte den Oberkörper diskret nach vorne. Er sprach jetzt stark gedämpft. „Was aber den Fall ihres Freundes Thomas Weißhäupl angeht, möchte ich ihnen abschließend noch persönlich versichern, dass der Grund für den höchst tragischen Ausgang, den seine Beteiligung an dieser Affäre genommen hat, nicht in einem Versagen auf unserer Seite wurzelt. Unser Kontakt mit ihm war erst vor knapp vier Wochen etabliert worden, und zwar auf seine eigene Initiative hin. Nur drei Personen in unserer Abteilung wussten überhaupt von dieser Quelle und es ist nach meinem Kenntnisstand absolut ausgeschlossen, dass irgendetwas über diese Instanz nach außen gedrungen wäre. Bei den Kontaktaufnahmen selbst wurden alle erdenklichen Vorsichtsmaßnahmen getroffen, es ist jedenfalls sehr schwer vorstellbar, dass sich auf diesem Weg ein Fehler einschleichen hätte können. Letztendlich scheint es – ich muss es ihnen leider so sagen – darauf hinauszulaufen, dass Herr Weißhäupl selbst in irgendeiner Weise die undichte Stelle gewesen ist. Umso unerklärlicher bleibt somit, wieso er sich unter solchen Umständen überhaupt auf dieses hochbrisante Spiel eingelassen hat.“ Er machte eine kleine Pause und sah Wolfgang an, so als erwartete er eine Reaktion, die nicht eintrat. Dann erhob er sich und streckte den Arm zum Händedruck aus. Wolfgang stand ebenfalls auf und rückte sein Jackett gerade.&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;br /&gt;„Jedenfalls möchte ich abschließend nicht versäumen, ihnen noch einmal mein Beileid auszusprechen“, sagte der Beamte und reichte Wolfgang einen kleinen Zettel. „Wir werden es wohl nicht vermeiden können, sie zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal zu vernehmen. Bitte halten sie sich dahingehend verfügbar. Sollten sie in der Zwischenzeit Fragen haben, dann können sie mich unter dieser Nummer erreichen. Auf dem Zettel finden sie auch die Nummer einer Betreuungsstelle, die wir für Zeugen eingerichtet haben, die, ähnlich wie sie, traumatische Situationen durchgemacht haben. Wenn sie das Gefühl haben sollten, in dieser Richtung Hilfe zu benötigen, dann zögern sie nicht, sich an diese Stelle zu wenden.“&lt;br /&gt;Wolfgang nahm den Zettel und ließ ihn unbesehen in seiner Jackettasche verschwinden.&lt;br /&gt;„Wissen sie schon, was sie jetzt machen werden?“, fragte Mersiowski während er ihm die Hand schüttelte.&lt;br /&gt;„Ich glaube, ja“, antwortete Wolfgang und verließ den Raum.&lt;br /&gt;&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;[&lt;a href="http://baerista.blogspot.com/2011/07/scheuermilch-epilog-teil-2.html"&gt;Fortsetzung folgt&lt;/a&gt;]&lt;/div&gt;&lt;a href="http://baerista.blogspot.com/2011/07/scheuermilch-epilog-teil-2.html"&gt;&lt;/a&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/4649458722169584895-2324822222444855379?l=baerista.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://baerista.blogspot.com/feeds/2324822222444855379/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/07/scheuermilch-epilog-teil-1.html#comment-form' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/2324822222444855379'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/2324822222444855379'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/07/scheuermilch-epilog-teil-1.html' title='Scheuermilch (Epilog - Teil 1)'/><author><name>Baerista</name><uri>http://www.blogger.com/profile/02373620929944807927</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='24' height='32' src='http://4.bp.blogspot.com/-6EDMQPvqQCU/TfNTJ0t_aSI/AAAAAAAAALw/9MHVgEPq360/s220/BILD1082.JPG'/></author><media:thumbnail xmlns:media='http://search.yahoo.com/mrss/' url='http://1.bp.blogspot.com/-ZcYdvMPT9AU/Ti2jloPTBhI/AAAAAAAAAMY/11sk3INPu68/s72-c/BILD1702.JPG' height='72' width='72'/><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-4649458722169584895.post-2173310382441372628</id><published>2011-06-16T07:07:00.000-07:00</published><updated>2011-07-25T10:13:53.291-07:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Scheuermilch'/><title type='text'>Scheuermilch (7)</title><content type='html'>&lt;a href="http://1.bp.blogspot.com/-jRwMtMjCSWs/TfoPNrJesuI/AAAAAAAAAMQ/QjuQqxtop_M/s1600/BILD1872.JPG"&gt;&lt;img style="display:block; margin:0px auto 10px; text-align:center;cursor:pointer; cursor:hand;width: 320px; height: 240px;" src="http://1.bp.blogspot.com/-jRwMtMjCSWs/TfoPNrJesuI/AAAAAAAAAMQ/QjuQqxtop_M/s320/BILD1872.JPG" border="0" alt=""id="BLOGGER_PHOTO_ID_5618820212693316322" /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Siebenter Tag&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Fecisti nos ad Te et inquietum est cor nostrum, donec requiescat in Te&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;(Aurelius Augustinus)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Willst du Schuhe kaufen,&lt;br /&gt;messe deine Füße.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;(Chinesisches Sprichwort)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ein roter Ball stand tief über den Ufern der kahlen Ebene. Jenseits der Felder und Wege ragten die dürren Türme des Heizkraftwerkes Nord steil in den sich langsam verdunkelnden Himmel hinein. Die letzten Sonnenstrahlen versuchten erfolglos den Boden zu erwärmen, zerschellten auf dem Wasser des kleinen Rinnsals wie Kohlensäure. Es war tatsächlich schön hier. Ein Reißverschluss schloss einen Plastiksack. Wolfgang verstand, dass es das jetzt war. Er war da. Am Fluss. Am Ziel, am Ende, was auch immer. Das Wasser war der Endpunkt seiner Reise. Doch der Bach war immer in Bewegung. Für ihn waren Anfang und Ende bedeutungslos. Was hatte das zu bedeuten? Wolfgang konnte es nicht sagen, denn er verstand nichts vom Buddhismus. Leere griff um sich. Auf dem Weg zum Einsatzwagen wankte er dennoch nur unmerklich. Durch das Funkgerät sprach eine Frau, aber er hörte sie nicht. Der schwarze Kunststoff des Lenkrades fühlte sich gut an. Geschmeidig lag er in der Hand. Wie eine Waffe.&lt;br /&gt;Wolfgang merkte, dass er weinte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;[&lt;a href="http://baerista.blogspot.com/2011/07/scheuermilch-epilog-teil-1.html"&gt;Fortsetzung folgt&lt;/a&gt;]&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/4649458722169584895-2173310382441372628?l=baerista.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://baerista.blogspot.com/feeds/2173310382441372628/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/06/scheuermilch-7.html#comment-form' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/2173310382441372628'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/2173310382441372628'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/06/scheuermilch-7.html' title='Scheuermilch (7)'/><author><name>Baerista</name><uri>http://www.blogger.com/profile/02373620929944807927</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='24' height='32' src='http://4.bp.blogspot.com/-6EDMQPvqQCU/TfNTJ0t_aSI/AAAAAAAAALw/9MHVgEPq360/s220/BILD1082.JPG'/></author><media:thumbnail xmlns:media='http://search.yahoo.com/mrss/' url='http://1.bp.blogspot.com/-jRwMtMjCSWs/TfoPNrJesuI/AAAAAAAAAMQ/QjuQqxtop_M/s72-c/BILD1872.JPG' height='72' width='72'/><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-4649458722169584895.post-722135967711928054</id><published>2011-05-31T10:16:00.000-07:00</published><updated>2011-06-30T05:13:11.894-07:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Scheuermilch'/><title type='text'>Scheuermilch (6.5)</title><content type='html'>&lt;a href="http://1.bp.blogspot.com/-TFJ34wzMwms/TfJlU4KFCLI/AAAAAAAAALo/3H841fAuky8/s1600/BILD1081.JPG"&gt;&lt;img style="display:block; margin:0px auto 10px; text-align:center;cursor:pointer; cursor:hand;width: 320px; height: 240px;" src="http://1.bp.blogspot.com/-TFJ34wzMwms/TfJlU4KFCLI/AAAAAAAAALo/3H841fAuky8/s320/BILD1081.JPG" border="0" alt=""id="BLOGGER_PHOTO_ID_5616663094630877362" /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;4. Kapitel&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Satis superque hominibus illusum est, liberemus tandem contrictos, confirmemus fluctuantes, erigamus lapsos, revocemus transversos, sanemus morbidos. Ehem, Mortales! nihil est, quod Fraternitatem expectetis: fabula peracta est. Fama astruxit: fama destruxit. Fama ajebat: fama negat.&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;(Johann Valentin Andreae: Turris Babel, sive Judiciorum de Fraternitate Rosaceae Crucis CHAOS, Strasbourg: Lazarus Zetzner, 1619, p. 69)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ein kalter Schwall Flüssigkeit zwang Wolfgang, die Augen zu öffnen. Er fühlte einen metallischen Geschmack im Mund. Schmutzige Wassertropfen rannen von seinen Brauen. Benommen versuchte er sich auf dem unbequemen Holzstuhl zu bewegen und scheiterte an dem zähen Pressband, das sich tief in das Fleisch seiner Armgelenke biss. Langsam begann seine Umgebung an Konturen zu gewinnen. Eine trübe Glühbirne beleuchtete die nackten Wände eines schmutzigen, feuchten Kellerraums. Mit einiger Mühe stellte Wolfgang seinen Kopf gerade; ein scharfer Schmerz durchzuckte seinen Nacken. Er blickte in die Mitte des Raumes und erkannte die Hand, die noch immer den verdreckten Plastikkanister mit Wasser hielt, aus dem er wenige Augenblicke zuvor begossen worden war. Angestrengt folgte Wolfgang der Bewegung des Armes, der langsam den Kanister in eine Ecke des Raumes stellte, unweit der massiven Eisentür, der er gegenüber saß. Dann sah er wie sich die Gestalt, die den Arm geführt hatte, langsam umdrehte und den Kopf in seine Richtung wandte. Die Gestalt war auffallend hager. Ein fahler Schopf aus hellbraunem Haar fiel ihr in die Stirn, die über zwei eingefallenen Wangen thronte. Wolfgang fühlte, wie ihn zwei stechende, grüne Augen belauerten und begriff plötzlich, wessen Bild er am Vortag bei Mikes Beschreibung vor sich gesehen hatte. Gemächlich bewegte sich die Gestalt auf ihn zu, während sich ihr Mund zu einem triumphierenden Lächeln hochschraubte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;„Schau, schau“, feixte ihm die Gestalt hämisch entgegen, wobei nur die ersten Silben etwas Wienerisches an sich hatten. „Wenn das nicht unser herzallerliebster Detective Eierkopf ist. Na, mein Kleiner, wie laufen deine Ermittlungen?“&lt;br /&gt;Wolfgang senkte den Kopf. Der Hagere ging einige Schritte auf ihn zu, baute sich breitbeinig vor seinem Stuhl auf und verschränkte die Hände hinter dem Rücken.&lt;br /&gt;„Da wir uns jetzt so ausgiebig vorgestellt haben, können wir ja gleich zur Tagesordnung übergehen,“ fuhr er mit einem höhnischen Gesichtsausdruck fort. „Weißt du eigentlich wie viel Kummer du uns in dieser Woche schon bereitet hast? Einfach in Berlin aufzutauchen. Konntest wohl deine Schnüfflerei nicht lassen, was? Ich wüsste ja nur zu gerne, wie du auf die Sache mit dem Hotel gekommen bist...aber das wirst du mir schon noch erzählen.“&lt;br /&gt;Er beugte sich zu Wolfgang herab und tätschelte seine Wange.&lt;br /&gt;„Vielleicht sollte ich auch nicht zu hart mit dir sein, immerhin hätten wir dich vielleicht gar nicht am Hals, wenn dieser Dröger nicht so ein unsäglicher Versager wäre. Keine Ahnung wieso wir ihn ... was sich Weißhäupl überhaupt dabei gedacht hat. Statt dir einfach ein paar nette Lügen aufzutischen, wie man das in so einem Fall tut...“ &lt;br /&gt;Er trat zurück und begann seine Stimme auf ein helles, affektiertes Fisteln umzustellen. „Ja, natürlich war er letzten Monat zugegen, der gute Tommy. Was für ein nette Idee von ihm, mich zu besuchen, wir hatten ja so eine tolle Zeit, sind sogar zusammen ins Pergamonmuseum gegangen. Leider weiß ich im Moment überhaupt nicht wo er steckt, ich mache mir ja selber ganz dicke Sorgen um ihn, das kannst du mir glauben. Jedenfalls vielen Dank für deinen Anruf lieber Wolfgang, vielleicht besuchst du mich ja mal, wenn du demnächst in unsere schöne Hauptstadt kommen solltest, das würde mich ungemein freuen...“ Er hielt inne.&lt;br /&gt;„Tja, so sind sie eben, diese Techno-Spinner. Denken nicht von zwölf bis Mittag. Aber gut, die Sache ist inzwischen bereinigt. Der Blödmann wird in Zukunft nie wieder Gelegenheit haben, derart zu versagen.“ Seine Gesichtszüge verfinsterten sich. Wolfgang drehte nervös den Kopf zur Seite, um den Blicken des Hageren auszuweichen. Er sah den alten Holzstuhl, der in der linken Ecke der Türseite des Raumes stand. Er sah auch die halbautomatische Pistole mit Schalldämpfer, die auf dessen Sitzfläche lag.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;„Aber was dich angeht, mein lieber Wolfgang“, fuhr der Hagere langsam und eindringlich fort, „so drückt mich doch ein ganz gewaltiger Stein im Schuh. Verstehst du mich, Wolfgang? Kannst du mir folgen? Du standest nicht im Drehbuch. Genauso wenig wie dein dummer Junkiefreund Mike, der auf einmal hier in München herumzuschnüffeln begann. Weiß der Teufel, was Tommy und du ihm erzählt haben. Aber das kriegen wir auch noch heraus, verlass dich drauf. Auch er wird noch hier auf dem Kandidatenstuhl Platz nehmen dürfen ... Doch nun zu dir, mein Lieber. Denn erst einmal bist du an der Reihe. Ich erkläre dir jetzt die Spielregeln. Sie sind ganz einfach. Ich werde dir ein paar Fragen stellen und deine Aufgabe ist es, etwas Kooperationsbereitschaft zu zeigen. Denn die Liste ist lang und ich möchte rechtzeitig zur Wiederholung von &lt;em&gt;Xena&lt;/em&gt; zu Hause sein. Hast du mich verstanden?“&lt;br /&gt;Wolfgang schwieg und fixierte weiter die Waffe in der Ecke. „Nervös?“, zischte der Hagere hinterhältig und trat noch einen Schritt näher. „Das musst du nicht sein. Dir zuliebe beginne ich gleich mit der großen Preisfrage. Double Jeopardy. Nur für dich, damit du schneller auf Betriebstemperatur kommst ... Also. Wo ist der Koffer?“&lt;br /&gt;„Welcher Koffer?“, fragte Wolfgang verwirrt und war sich selbst nicht sicher, ob er log.&lt;br /&gt;Der Typ grinste ihn noch eine weitere Sekunde lang seltsam freundlich an. Dann rammte er ihm aus kurzer Entfernung eine Faust in den Bauch. Wolfgang wand sich japsend nach vorn. Seine Muskeln krampften. Die Deckenbeleuchtung schien leicht zu flackern. Er spürte das Bedürfnis, sich den Bauch zu halten, doch die Fesseln gaben keinen Millimeter nach. Einen Moment lang meinte er, sich übergeben zu müssen. Dann begann er zu keuchen.&lt;br /&gt;„Tja, aller Anfang ist schwer“, sinnierte der Typ feierlich. „Also. Nochmal von vorne und diesmal hätte ich gerne die richtige Antwort, denn ich bin heute leider verdammt mies gelaunt.“&lt;br /&gt;„Ich weiß es nicht.“ Wolfgangs Stimme überschlug sich leicht. „Ich...ich weiß es wirklich nicht. Ich weiß nichts von einem Koffer.“&lt;br /&gt;„Ach“, mokierte sich der Andere und ging leicht in die Hocke. Ihre Gesichter waren jetzt auf gleicher Höhe. In den grünen Augen des Hageren blitzte es gefährlich auf. „Und was hast du dann in Berlin gesucht? Den Kudamm?“ Seine Faust begann sich zu ballen.&lt;br /&gt;„Ich wollte nur wissen wo Tommy war“, entfuhr es Wolfgang verzweifelt, „und...“&lt;br /&gt;„Und?“&lt;br /&gt;„Keine Ahnung“, erwiderte Wolfgang fast flehend. „Ich hatte nur gehört, dass er verschwunden sei. Das ist alles. Ich weiß nach wie vor nicht, wo er steckt. Niemand scheint das zu wissen.“ Er hielt inne und drehte den Kopf zur Seite.&lt;br /&gt;„So? Und woher wusstest du dann, dass Tommy in Berlin war?“, fragte der Andere misstrauisch und kam mit seinem Gesicht noch ein Stück näher.&lt;br /&gt;„Das wusste ich nicht“, beteuerte Wolfgang und versuchte sich zu beruhigen. „Das war lediglich geraten. Ich wusste nur, dass Dröger auch in Berlin wohnt und dass er ein Bekannter von Tommy ist. Dann hatte ich noch alte Flugtickets gefunden und dabei zwei und zwei zusammengezählt. Deshalb habe ich Dröger angerufen. Als mir das nicht weiterhalf, bin ich einfach selbst dorthin gefahren. Ich hatte nichts Besseres zu tun und es schien mir einen Versuch wert. Das ist alles. Sie wissen das doch offenbar ohnehin schon längst.“&lt;br /&gt;Der Hagere erhob sich wieder und musterte ihn argwöhnisch.&lt;br /&gt;„Und als du dann dort warst. Was hast du die ganze Zeit gemacht? Zwei Tage lang...“, fragte er nach einer kurzen Weile fast beiläufig.&lt;br /&gt;„Nicht viel“, antwortete Wolfgang und sein Herz begann laut zu klopfen. Es war offensichtlich, dass der Andere die Antwort bereits kannte, wie er überhaupt alles bereits zu wissen schien.&lt;br /&gt;„Ich habe in Berlin nicht das Geringste herausfinden können“, fuhr er tonlos fort. Er sprach langsam und konzentrierte sich auf jedes Wort. „Zuerst war ich in einem Hotel. Tommy hatte in seinem Zimmer einen Prospekt gelassen, deshalb vermutete ich, dass er dort abgestiegen sein könnte. Ich habe mir dann Zutritt zu dem Zimmer verschafft, dessen Nummer auf dem Prospekt notiert war, habe aber weder ihn noch irgendetwas anderes dort angetroffen. Dann habe ich es noch bei Drögers Adresse probiert, aber auch der war verschwunden. Das ist es eigentlich...“&lt;br /&gt;„Warst du allein?“&lt;br /&gt;„Nein“, erwiderte Wolfgang mit leichtem Zögern, „Nein, ein Freund war auch dabei. Bei ihm habe ich am zweiten Tag gewohnt. Aber er ist noch Ahnungsloser als ich.“&lt;br /&gt;„Und der Kerl, mit dem ihr im Jamblichos geredet habt?“&lt;br /&gt;„Das war nur der Besitzer des Ladens. Heißt Haselmeister oder so ähnlich. Mein Freund kannte den. Wir wollten von ihm wissen, wo wir Dröger finden konnten, weil der dort bei ihm...“&lt;br /&gt;„Quatsch keine Opern“, herrschte ihn sein Gegenüber an. „Ich rede von dem Degeneraten mit der Jeansjacke!“&lt;br /&gt;„Ach der?“, versuchte sich Wolfgang in einem gurgelnden Lachen und merkte, wie er zu schwitzen begann. „Das war nur so ein Typ namens Hardy. Komischer Kauz. Der war Stammgast und wir fragten ihn wegen Dröger. Er konnte uns tatsächlich etwas erzählen, aber das war nur Gefasel. Er meinte, er hätte ihn irgendwann vor Wochen einmal die Straße lang laufen gesehen. Damit konnten wir nun wirklich nichts anfangen.“ Wolfgang fühlte, wie sich der Raum um ihn herum zu drehen begann. „Wie gesagt, ich bin in Berlin keinen deut Schlauer geworden. Mein Freund und ich, wir wollten halt einfach ein wenig TKKG spielen und haben dabei realisieren müssen, dass das gar nicht so einfach ist. Pubertätsakne. Außer Spesen nix gewesen. Das alte Lied. I’m a lonesome Cowboy...Hava Naglia, Ha...“&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wolfgang spürte, wie sein Kopf seitlich weggerissen wurde. Ein warmer, strenger Schmerz breitete sich unterhalb seines linken Wangenknochens aus. Benommen blinzelte er nach oben, von wo ihn der Hagere unbewegt anstarrte, die Rechte nach wie vor geballt. Er hatte nicht ganz durchgezogen, das war Wolfgang klar. Noch bestand eine Schonfrist. Langsam leckte sich er sich das Blut von der etwas aufgesprungenen Unterlippe und begann zum ersten Mal diese furchtbar traurige Müdigkeit zu spüren, die immer mehr zunahm, und von der nach einer Weile begriff, dass es sich um Verzweiflung handelte.&lt;br /&gt;Der Hagere hatte sich inzwischen wieder zu ihm heruntergebeugt und war nun so dicht bei ihm, dass Wolfgang spürte, wie ihm der warme, Atem seines Gegenübers entgegenschlug. Zwei grüne Augen fixierten ihn lauernd.&lt;br /&gt;„Du kannst hier ruhig den Kasper spielen“, sagte der Hagere lässig und dehnte seine Worte bis zum Anschlag. „Das ist nicht mein Problem. Mein Problem ist, dass wir beide hier noch keinen Schritt weitergekommen sind. Und meine Probleme sind auch deine Probleme, das solltest du dir merken. Offenbar bist du dir nicht ganz über den Ernst der Lage, in der du dich hier befindest, im Klaren.“&lt;br /&gt;„Mir ging es wirklich nur um Tommy“, stammelte Wolfgang kehlig. „Das müssen sie mir Glauben. Ihr Koffer interessiert mich nicht. Ich bin mir nicht einmal sicher, welchen sie meinen.“&lt;br /&gt;„Das nützt dir jetzt leider auch nichts mehr“, sagte der Hagere streng „Vielleicht hast du ja wirklich keinen blassen Schimmer, in welchen Schlamassel du dich mit deinem Verhalten gebracht hast, aber das ändert nichts an deiner Situation. Die kann sich nur verbessern, wenn du jetzt endlich mit Informationen herausrückst.“&lt;br /&gt;„Wieso fragen sie mich überhaupt?“, stöhnte Wolfgang lethargisch, „wenn Sie doch ohnehin schon alles wissen.“&lt;br /&gt;„Ich weiß jede Menge, mein Junge“, erwiderte der Hagere blasiert, „Das hast du gut erkannt. Mich interessiert aber auch, ob andere Leute dasselbe wissen wie ich. Leute wie du zum Beispiel. Und das interessiert nicht nur mich. Weißt du, ich hatte erst kürzlich ein längeres Gespräch mit deinem Freund Tommy. Ein sehr anregendes Gespräch...“&lt;br /&gt;Er legte eine genüssliche Pause ein, fixierte Wolfgang scharf und sprach dann in einem affektierten Tonfall weiter. „Und weißt du was er mir dabei so ganz nebenbei erzählt hat? Der gute Tommy erzählte mir, dass er, kurz bevor er sich zu dieser unseligen – ich will es einmal so nennen – &lt;em&gt;Aktion&lt;/em&gt; aufmachte, die einigen Leuten sehr großes Kopfzerbrechen bereitet hat, einem Freund gewisse Informationen hinterlassen hätte. Verschlüsselte Informationen, eine Nachricht oder ein Rätsel. Und dass derjenige, der das Rätsel knackt ziemlich wichtige Dinge erfährt. Zum Beispiel über Tommys Aufenthaltsort. Über das, was er vorhatte. Über den Inhalt des Koffers. Und nicht zuletzt auch, wo sich dieser Koffer befindet, ein Detail, das auch mich brennend interessieren würde. Tja, und du, mein lieber Wolfgang, bist auf diese Weise für uns alle ins Spotlight gerückt. Denn seit deinem Auftauchen in Berlin besteht für mich kein Zweifel mehr daran, dass Du der Freund bist, dem Tommy seine codierte Nachricht hinterlassen hat. Und so wie ich dich kleinen Eierkopf einschätze, dürftest du sie auch ohne größere Schwierigkeiten entschlüsselt haben.“&lt;br /&gt;„Das ist doch nicht Ihr Ernst“, lachte Wolfgang gequält auf.&lt;br /&gt;„Doch“ zischte der Andere in einem drohenden Tonfall, der mit jedem Wort an Heftigkeit zunahm. „Das ist sogar mein vollster Ernst. Und an deiner Stelle würde ich mich an den Gedanken gewöhnen. Vor allem, weil du hier so schnell nicht mehr herauskommen wirst. Es gibt noch einige Dinge, die ich von dir wissen möchte. Zum Beispiel, wer sonst noch von der Sache Wind bekommen hat. Du hattest in der vergangenen Woche mit einigen Leuten regen Kontakt – und erzähl mir jetzt bloß nicht das Gegenteil! Was ist zum Beispiel mit Tommys kleiner Ex-Freundin, dieser Sarah Brandner, mit der du vor ein paar Stunden im Olympiapark geflirtet hast?“&lt;br /&gt;„Lasst sie gefälligst aus dem Spiel“, krächzte Wolfgang wütend. „Sie hat keinen blassen Schimmer von der Sache.“&lt;br /&gt;„Na, na“, zischte der Hagere herablassend. „Man wird doch wohl noch fragen dürfen. Das wird sich ohnehin alles noch zeigen.“ Sein Tonfall veränderte sich wieder. „Jetzt gehen wir aber erst einmal nach der Reihe vor. Ich lege nämlich Wert auf Ordnung. Und du machst jetzt besser das Maul auf, denn auch meine Geduld hat grenzen. Also von vorne: Wieso warst du in Berlin? Was hat Tommy dir erzählt? Was hast du herausbekommen? Wo ist der Koffer? Und wer zum Teufel weiß noch von der Sache?“ Vorsichtig öffnete Wolfgang den Mund und versuchte gegen den Reflex anzukämpfen, der ihm die Eingeweide zusammenschnürte. Doch er brachte nur einen kehligen Laut hervor.&lt;br /&gt;Der Hagere begann zu kreischen. „Was verdammt noch mal hat dieses feige Verräterschwein dir erzählt?“ Mit einem Mal fuhr er hoch. „Wen willst du hier eigentlich für du dumm verkaufen, du kleine Strebersau? Rede, oder ich schneide dir deine verfluchten Nippel ab!“&lt;br /&gt;Wolfgang hob den Kopf.&lt;br /&gt;„Rede endlich!“, brüllte sein Peiniger noch einmal.&lt;br /&gt;„Ich habe Tommy seit 14 Monaten nicht mehr gesehen.“ &lt;br /&gt;Er hatte die Bewegung vorausgeahnt. Ein besser platzierter, festerer Schlag als der Vorherige. Ein Geräusch, als hätte jemand einen Bleistift zerbrochen. Für ein paar Augenblicke wurde es schwarz, glaubte Wolfgang, in eine dumpfe Ohnmacht zu fallen, sehnte sich danach. Ein weiterer Strahl Wasser aus dem Plastikbehälter holte ihn zurück, vermischte sich mit dem warmen Blut, das aus Wolfgangs gebrochener Nase über seine Lippen quoll. Tränen schossen ihm in die Augen. Dann spürte er den Kopf des Hageren wieder nahe bei sich, unendlich nahe.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;„Wieso machst du es dir eigentlich so schwer?“, flüsterte er in einem geheuchelten Mitleidston. „Glaubst du etwa, dass du hier irgendetwas unter Beweis stellen musst? Fühlst du dich deinen Freunden verpflichtet? Glaubst wohl, dass es das wirklich wert sei, hä? Für Tommy? Der hat dich doch erst in diese Situation gebracht. Außerdem kannst du ihm jetzt ohnehin nicht mehr helfen...“&lt;br /&gt;„Wo ist er?“, lallte Wolfgang apathisch. „Was habt ihr mit ihm gemacht?“&lt;br /&gt;Der Hagere stand auf und gab ein röchelndes Lachen von sich. „Keine Angst, wo er ist, wirst auch du bald landen. Das verspreche ich dir.“&lt;br /&gt;Etwas in Wolfgangs Gesicht begann zu zucken. Er schüttelte den Kopf, wieder und wieder.&lt;br /&gt;„Was denn?“, lachte der Andere wieder und sah ihm amüsiert dabei zu. „Glaubst du mir nicht?“ Er seufzte. „Kaum zu fassen, wie ähnlich ihr beide euch doch seit. Er hat auch versucht, den Helden zu spielen, ist sogar weit damit gekommen. Hartnäckiger Knabe. Das war eine lange Sitzung, kann ich dir nur sagen. Aber das ist das Schöne an diesem Ort. Man hat hier alle Zeit der Welt. Kein Stress, kein Verkehr, keine Telefonanrufe. Ich bin auch durchaus auf meine Kosten gekommen, wenn du verstehst. Nur der gute Tommy wollte keinen Gefallen daran finden. Dabei hatte ich es anfangs sogar recht gut mit ihm gemeint. Schon allein aus Rücksicht auf seinen Vater. Tommy wusste das natürlich nicht zu würdigen. Und du offenbar auch nicht. Undankbares Pack. Dabei meine ich es doch auch mit dir nichts als gut. Begreifst du denn nicht, dass es ganz allein bei dir liegt? Es ist wie in einem Computerspiel. Das kennst du doch, oder? Startmenü, Optionen. Du darfst die Schwierigkeitsstufe frei wählen. &lt;em&gt;Easy&lt;/em&gt;, &lt;em&gt;Medium&lt;/em&gt; oder &lt;em&gt;Hard&lt;/em&gt;, was immer du willst. Du kannst dir aussuchen, wie wir das Spiel zu Ende spielen wollen. Ist das kein Angebot?“ &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wolfgang hustete und legte den Kopf in den Nacken. Blut troff unvermindert auf sein Hemd. Einige Sekunden lang starrte er verloren an die Decke. Er sah in das schwache Licht der Birne, die dort oben aus einer hässlichen, schlecht isolierten Fassung ragte, und mit jedem Wabern des Lichtkegels an den schmutzigen Wänden des Raumes wurde er sich der Ausweglosigkeit seiner Situation bewusster. Er räusperte sich „Kann ich vorher vielleicht noch einen Schluck Wasser haben.“&lt;br /&gt;Wortlos nahm der Hagere den Kanister und hielt ihn an Wolfgangs Mund. Ein großer Schwall Wasser ergoss sich über ihn, rann seitlich an ihm herab, tränkte das blutverschmierte Hemd. Dann lehnte Wolfgang seinen Kopf nach vorne und schenkte seinem Gegenüber einen ausdruckslosen Blick. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;„Also, um es kurz zu machen“, fing Wolfgang in einem langsamen, sachlichen Ton zu sprechen an „Ich weiß so ziemlich alles. Tommy hatte mir kurz vor seiner Abreise alle wesentlichen Informationen in einem Schließfach am Hauptbahnhof hinterlassen. Den Schlüssel habe ich in seiner Wohnung gefunden. Die Informationen waren mit einem speziellen Code versehen, der für Dritte kaum zu entschlüsseln ist. Das ist so eine Sache zwischen Tommy und mir. Wir hatten zu Schulzeiten eine Art Geheimsprache entwickelt, mit der wir uns aus Spaß manchmal codierte Nachrichtung zukommen ließen. Ich hätte nicht gedacht, dass uns das noch einmal nützlich sein würde. Den Koffer habe ich an mich genommen und an einem sicheren Ort verwahrt. Das Versteck ist von einer solchen Beschaffenheit, dass sie den Koffer ohne genaueste Kenntnisse unmöglich finden werden. Selbst wenn es Ihnen in den nächsten paar Stunden noch gelingen sollte, alles aus mir herauszubekommen, könnten sie mit den Informationen nicht allzu viel anfangen. Ich müsste Sie schon dorthin führen und bis dahin wäre es längst zu spät. Ich habe heute Morgen einen versiegelten Brief bei der Polizei deponieren lassen, der eine detaillierte Beschreibung all dessen enthält, was sich in den letzten Tagen zugetragen hat. Die Polizei ist damit genauestens über alles im Bilde, was mich, Tommy, den Koffer und – nennen wir es einmal – ihre „Organisation“ betrifft. Es lag auch ein Lageplan des Ortes bei, an dem sich der Koffer befindet. Nur mit Hilfe dieses Plans sowie der beigefügten Beschreibung ist es möglich, das Versteck aufzuspüren. Das LKA hat eigens hierfür geschulte Leute, weshalb sie davon ausgehen sollten, dass der Koffer jeden Moment, den wir hier verplempern, gefunden wird, sofern er sich nicht ohnehin schon längst in Polizeigewahrsam befindet. Wie sie also sehen, verschwenden sie hier nur ihre Zeit. Ich schlage ihnen deshalb vor, mich auf der Stelle zu erschießen und dann so schnell wie möglich das Weite zu suchen. Vielleicht schaffen sie es ja noch, sich rasch nach Schweden oder Brasilien abzusetzen, bevor man sie hier findet. Es liegt ganz bei ihnen, &lt;em&gt;Easy&lt;/em&gt;, &lt;em&gt;Medium&lt;/em&gt;, &lt;em&gt;Hard&lt;/em&gt; – was immer sie wollen.“&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Hagere hatte Wolfgangs Suada unbewegt zugehört. Sein Gesicht zeigte keinerlei Regung, nur im rechten Augenwinkel glaubte Wolfgang, so etwas wie ein leichtes Zucken zu erkennen. Einige Sekunden lang geschah nichts, Sekunden, die Wolfgang beinahe wie ein Moment des Triumphes vorkamen.&lt;br /&gt;„Eine schöne Geschichte“, sagte der Hagere plötzlich in einem lauernden Tonfall. „Wirklich sehr schön. Nur stellt sich mir die Frage, wieso du so lange gebraucht hast, zur Polizei gehen, wenn du doch – wie du behauptest – alle wesentlichen Information bereits aus dem Schließfach kanntest. Wieso bist du dann überhaupt nach Berlin gefahren, um dort deine Schnüffeltour zu starten. Wieso die Umstandskrämerei? Den Koffer hast du dort nicht gefunden, das wüsste ich. Das klingt doch alles ein wenig unglaubwürdig, findest du nicht?“&lt;br /&gt;„Die Nachricht in dem Schließfach war nicht vollständig“, antwortete Wolfgang ohne jeden Verzug. „Ich habe mich vorhin bemüht, meinen Bericht kurz zu halten und auf diese Weise wohl den Sachverhalt leicht entstellt. Tatsächlich bestand die Nachricht aus drei Teilen, von denen nur der letzte den Ort des Koffers verriet. Für den zweiten Teil der Nachricht musste ich nach Berlin reisen, den dritten habe ich dann gefunden, als ich zurück in München war. Die erste Nachricht bestand nur in der Anweisung, nach Berlin zu fahren. Deshalb habe ich auch vorher noch Dröger angerufen. Ich wusste noch nichts Genaueres. Über die konkreten Umstände von Tommys Verschwinden wurde ich dann erst durch die zweite Nachricht aufgeklärt.“&lt;br /&gt;„Und trotzdem hast du danach noch einen ganzen Tag vertrödelt, um Dröger zu suchen?“ Der Ton des Hageren wurde nun merklich misstrauisch.&lt;br /&gt;„Ich steckte in einer Sackgasse. Die zweite Nachricht verriet mit keinem Wort, wo ich den dritten Teil der Botschaft finden würde. Ich dachte es würde vielleicht helfen, wenn ich Dröger ein wenig auf den Zahn fühle. Eine reine Verzweiflungstat, wenn Sie so wollen. Von seiner Verwicklung in die Sache wusste ich damals noch nicht. Darüber hat sich Tommy ausgeschwiegen.“&lt;br /&gt;„So, so. Und wie bist du dann an die dritte Nachricht gekommen?“&lt;br /&gt;„Tommy ließ sie mir mit einigen Tagen Verzögerung durch einen anonymen Boten zukommen. Das war gestern Abend. Deshalb konnte ich auch erst heute Morgen zur Polizei gehen. Ich hatte die ganze restliche Nacht gebraucht, um den Koffer an mich zu bringen, ein neues Versteck zu suchen und dann den Brief für das LKA zusammenzustellen.“&lt;br /&gt;„Ach, dann war der Koffer also hier in München?“&lt;br /&gt;„So ist es“, versuchte sich Wolfgang in Beiläufigkeit, während er feststellen musste, dass sein Gegenüber in Wirklichkeit längst wieder zum Angriff übergangen war.&lt;br /&gt;„Ziemlich umständlich von deinem Tommy, findest du nicht? Dich nach Berlin zu schicken, obwohl er den Koffer gar nicht dorthin mitgenommen hatte. Und dich dann tagelang warten zu lassen, bis er dir endlich das Sahnestück der Nachricht überlässt.“&lt;br /&gt;Wolfgang wurde nervös. „Mag sein. Aber er hatte sich das Ganze offenbar gut überlegt.“&lt;br /&gt;„Was wolltest du in seinem Hotelzimmer? Lag dort die zweite Nachricht?“&lt;br /&gt;Wolfgang nickte vorsichtig.&lt;br /&gt;„Und das Bild, das dir gestern dein Freund mitgebracht hat. War das die dritte Nachricht?“&lt;br /&gt;Doch bevor Wolfgang irgendetwas erwidern konnte, begann der Hagere zu kichern, zuerst leise und kaum vernehmbar, bis er sich immer mehr in einen hysterischen Lachkrampf steigerte. Geifernd beugte er sich zu Wolfgang herunter und nahm sanft seinen Kopf zwischen die Hände, als ob er ihn küssen wollte.&lt;br /&gt;„Ha!“, tätschelte er ihm spöttisch die Wangen. „Du machst mir Spaß mein Junge, wirklich. Eine wunderbare Story. Einfach perfekt, wie du mir auf den Leim gegangen bist. Ich wusste doch, dass ich dich kleinen Eierkopf richtig eingeschätzt habe, als ich dir den Zettel auf das Zimmer legen ließ.“&lt;br /&gt;Wolfgang spürte, wie sich etwas in ihm verkrampfte. „Das waren Sie?“&lt;br /&gt;„Ja natürlich“, rief der Hagere triumphierend. „Was glaubst du denn wieso das Zimmer, das wir für die Übergabe des Koffers vorbereitet hatten, tagelang weiter gebucht blieb, obwohl Tommy es nie betreten hatte? Wir wollten eine falsche Fährte legen, für alle die uns hinterher schnüffeln. Dass ausgerechnet du kleiner Wonneproppen das sein würdest, hätten wir uns natürlich nicht gedacht."&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;"Weißt du, raunte er selbstgefällig weiter und baute sich an Wolfgangs linker Seite auf, so als ob er ihm ein Geheimnis zuflüstern wollte. „Ich hatte deinem Tommy das Gefasel von der codierten Nachricht und dem Freund anfangs nicht abgekauft. Ich war mir sicher, dass er uns nur verscheißern wollte, so wie du gerade eben. Aber als du dann auf einmal im Crowne Plaza auftauchtest, wie aus dem Nichts, war das ein ziemlicher Schock. Irgendetwas musste an der Geschichte dran sein. Was blieb mir also anderes übrig, als dich gut überwachen zu lassen...und ein wenig zu testen.“&lt;br /&gt;„Mich in die Irre zu führen“, ergänzte Wolfgang bitter.&lt;br /&gt;„Nenn es, wie du willst! Wir mussten dich erst einmal ein wenig beobachten, um zu sehen, was du weißt...oder wie gefährlich du uns im Zweifelsfall werden kannst. Ich hielt es für richtig, dich zu diesem Zweck ein wenig zu beschäftigen, ein kleines Ablehnungsmanöver zu starten. Für solche Späße bin ich immer zu haben. Und da es ziemlich offensichtlich war, dass du versuchen würdest, in das zu gelangen, was du für Tommys Zimmer hieltest, bot sich der Trick mit dem Zettel geradezu an – abgesehen davon, dass es jammerschade gewesen wäre, hätten wir die Übernachtungen völlig umsonst bezahlt. Es musste sich nur noch ein passender Köder finden. Etwas auf das du garantiert anspringen würdest und an dem ich zugleich meine – wenn ich das mal so sagen darf – Kreativität voll und ganz zur Entfaltung bringen konnte. Denn so etwas soll ja auch etwas Freude bereiten, &lt;em&gt;n’est-ce pas&lt;/em&gt;? Der passende Einfall kam mir dank des Decknamens, den wir Tommy für die Übergabeaktion verpasst hatten. Jacob Böhme. Ein blöder Name, irgend so ein komischer Einfall des Alten. Ich wusste erst gar nicht wer das sein sollte, aber zum Glück gibt es ja Google. Da fand ich dann hunderte von Seiten mit all diesem blöden Rosenkreuzermist. Ich hab ein wenig herumgescrollt, hie und da eine kleine Notiz gemacht, mir am Ende ein paar Gestalten herausgesucht, die Nomenklatur etwas durchgeschüttelt und fertig war das Puzzle. Das hat mich insgesamt weniger als 60 Minuten gekostet, während du wahrscheinlich Stunden darüber gebrütet hast. Zugegeben, es war ein Schuss ins Blaue, ein Experiment, wenn man so will. Ich wusste ja nicht, ob sich du dir auf diese paar Namen überhaupt einen Reim machen können würdest. Aber offenbar habe ich dich richtig eingeschätzt. Nachdem Tommy das mit seinem angeblichen Rätsel erwähnt hatte, dachte ich schon, dass wir es mit einem kleinen Eierkopf zu tun haben. Einem, der ganz scharf darauf ist, geheime Botschaften zu entschlüsseln. Ich hoffe du hattest deinen Spaß dabei. Schade, dass ich nicht dabei sein konnte, wie du und dein gammeliger Freund euch den Kopf über diesem lächerlichen Papierfetzen zerbrochen habt. Das hätte ich nur zu gerne gesehen!“&lt;br /&gt;„Und das Bild?“, fragte Wolfgang und fühlte, wie seine Stimme versackte.&lt;br /&gt;„Ach, das war im Grunde nur noch ein kleiner Bonus“, feixte der Andere und spazierte dabei fröhlich durch den Raum. „Einer für die Galerie. Ich war bei der Recherche darüber gestolpert und fand’s so witzig, dass ich mir einen Laserprint davon gemacht habe. Als ich dann sicher war, dass du den Zettel gefunden hattest, dachte ich, es könne nicht schaden, noch einen draufzusetzen. Und als ich dann erfuhr, dass dieser Mike in München herumlief und dumme Fragen stellte, war es nur folgerichtig, ihm das Bildchen zuspielen zu lassen. Es war ja offensichtlich, dass ihr unter einer Decke steckt. Und auf diese Weise würde das Ganze für dich nur noch mysteriöser wirken. Das ist ja der eigentliche Clou bei solchen Sachen – Die Art und Weise wie man es anstellt. Der Inhalt meiner Rätsel hatte nie eine Rolle gespielt. Es gab auch keinen. Aber du sollest das Gegenteil denken. Deshalb muss alles so vage, so ungenau, so vordergründig bedeutungslos wie möglich sein. Damit Leute wie du möglichst viel Spielraum bei ihren Puzzeleien haben. Letztendlich wird alles bedeutsam, wenn man nur fleißig genug darüber nachgrübelt. Ich denke, du wirst mir zustimmen."&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wolfgang, der die ganze Zeit stumm zugehört hatten, wollte immer noch nicht glauben, was er hörte. „Einen Moment noch“, entfuhr es ihm plötzlich. „Was ist mit dem Code?“&lt;br /&gt;„Was ist womit?“, sah ihn der Hagere überrascht an.&lt;br /&gt;„Mit dem Code“, sagte Wolfgang noch einmal, fast flehend, wie jemand, der sich gegen eine Niederlage stemmt. „Auf der Rückseite des Zettels, der in dem Hotelzimmer lag, war ein Gekritzel. Buchstaben. SVATI. Eine Art Akrostichon. Was hatte das zu bedeuten? Wenn der Inhalt nur zufällig war, wie konnten diese Buchstaben auf den Zettel kommen?“&lt;br /&gt;Der Hagere runzelte kurz die Stirn und starrte Wolfgang missbilligend an. „Ich hab nicht die geringste Ahnung wovon du Spinner redest. Wenn da hinten was draufstand, dann stammte es nicht von mir. Der Zettel, aus dem ich das Papierstück herausgerissen hatte, war bereits benutzt. Schmierpapier aus irgendeinem Stapel. Ein Briefbogen, was weiß ich.“ Er begann wieder laut zu lachen und klatschte dabei spöttisch in die Hände. „Aber schön, wenn du dir über solche Dinge Gedanken machst. Das bestätigt meine Theorie.“&lt;br /&gt;Wolfgang merkte, wie er innerlich zusammensackte. Das war es also. &lt;em&gt;Sub umbra alarum tuarum, baby&lt;/em&gt;. Eine reine Farce. So musste sich eine totale Niederlag anfühlen, dachte er jetzt und begriff plötzlich, dass die Vorstellung damit für ihn endgültig gelaufen war. Es war nun nichts für ihn übrig. Nicht einmal mehr ein Geheimnis, das ihn interessieren konnte. Nicht einmal dieses kleine Geheimnis, an das er ohnehin nie geglaubt hatte. Und das war in diesem Moment schlimmer als alle gebrochenen Gliedmaßen dieser Welt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;„Was siehst du mich so an?“, höhnte der Hagere weiter. „Hab ich jetzt dein kleines Weltbild zerstört? Tut mir ja schrecklich leid, aber vielleicht solltest du dich bei deinem Freund bedanken.“ Er warf Wolfgang einen scharfen Blick zu. „Er hat dich da reingezogen. Was immer jetzt auch noch passiert, es ist seine Schuld. Und wofür? Wenn du doch keinen deut schlauer geworden bist dadurch? Na, begreifst du das?“&lt;br /&gt;Doch Wolfgang schwieg.&lt;br /&gt;„Irgendwie ist es ja ein Jammer“, sinnierte der Typ mit einem komischen Grinsen weiter. „Dein Tommy, er hatte wirklich potential. Der hätte es weit bringen können, aber er musste ja unbedingt versuchen, uns aufs Kreuz zu legen. Konnte sich einfach nicht beherrschen. Und wofür, fragt man sich. Für die Ehre? Fürs Gewissen? Nein...“ Er drehte sich herum und ging eine Weile im Raum auf und ab. Wolfgang bemühte sich, seine Schritte zu zählen.&lt;br /&gt;„Ihr seid schon ein komischer Haufen, du und deine Freunde“, fing er plötzlich wieder an. „Weißt du, als wir in euerm Alter waren, da dachten wir, wir seien schlauer als alle anderen vor uns. Und deshalb haben wir uns über alles und jeden lustig gemacht. Der normale Lauf der Dinge. Nichts war uns heilig, und das war in Ordnung so. Und jetzt seid ihr da und manche sagen über euch, ihr wärt heute reaktionärer als es unsere Eltern damals waren...oder unsere Großeltern, was auch immer. Ich verstehe wieso man das behauptet. Aber ehrlich gesagt, ich glaube nicht daran. Ich glaube, euch ist einfach alles gleichgültig geworden. Ist es nicht so? Bei uns war das im Grunde nicht viel anders, aber wir glaubten im Zweifelsfall zumindest an unseren Hedonismus oder die Ironie, nenn es wie du willst. Ihr aber...Ihr rennt durch die Gegend wie Versicherungsvertreter oder englische Internatsschüler. Ihr achtet Autoritäten und Menschen mit gepflegten Umgangsformen. Ihr haltet den SPIEGEL für ordinär, die BILD für Aktionskunst und ereifert euch über Leute, die Relativsätze mit &lt;em&gt;die wo&lt;/em&gt; einleiten. Aber ihr tut das alles nur aus antiquarischem Interesse. Ihr macht euch nichts zu Eigen. Du weißt vielleicht alles über die Rosenkreuzer, aber stets nur so, als ob es dich selbst nicht beträfe. In Wirklichkeit ist euch alles egal. Sogar die Gleichgültigkeit ist euch gleichgültig. Deshalb habt ihr auch keine Lust, euch über irgendetwas lustig zu machen. Denn dazu bräuchtet ihr auch ein Gegenstück. Etwas, das euch wichtig wäre. Aber da gibt es ja nichts mehr. Wenn du einen Sponti und einen Waffenhändler auf der Straße gehen siehst und dir der zweite von beiden sympathischer vorkommt, weil er besser gekleidet ist, dann ist das ein rein ästhetisches Urteil. Den Rest willst du gar nicht wissen...“ &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Er blieb stehen und fixierte Wolfgang aus den Augenwinkeln, als ob er eine Antwort erwartete. Doch es kam nichts.&lt;br /&gt;„Interessiert dich denn überhaupt nicht, was hier läuft?“, fragte der Mann mit den grünen Augen nach einer Weile. „Willst du nicht erfahren, was in dem Koffer ist?“&lt;br /&gt;„Eigentlich nicht“, ächzte Wolfgang müde. „Aber wenn’s unbedingt sein muss. Erzählen sie mir, was sie wollen.“&lt;br /&gt;„Nicht so schnell“, fuhr ihn der Andere an und seine Stimme hatte einen bedrohlichen Ton gewonnen. „Keine Eile, mein Junge. Wir sind doch noch immer ganz am Anfang der Liste. Es gibt noch viel zu tun. Wir kriegen dich schon noch auf Vordermann. Ich denke, es ist Zeit, Phase zwei einzuleiten.“ Er griff in die Seitentasche seiner Jeans und holte ein Springmesser hervor. Mit einem leisen Zischen schoss die Klinge hervor. Genüsslich ließ er sie mehrere Male vor Wolfgangs Augen rotieren. Das spitze Ende blitzte auf, obwohl es in dem Raum fast dunkel war.&lt;br /&gt;Wolfgang fühlte das mit Wasser und Phlegma vermengte Blut unter seinem Kinn kleben und suchte angestrengt nach Bildern, an die er in diesem Moment denken konnte. Einen Augenblick lang bekam er große Lust, etwas zu bereuen, aber ihm fiel nichts mehr ein. Nicht einmal eine Träne, die er noch weinen konnte. Dann bemühte er sich um eine gerade Haltung, sammelte sich, wie zu einem letzten Angriff.&lt;br /&gt;„Eine Frage hätte ich dann doch noch“, sagte Wolfgang ruhig.&lt;br /&gt;Der Hagere ließ das Messer sinken und zog die Mundwinkel leicht nach oben. „Jetzt bin ich aber gespannt.“&lt;br /&gt;„Wurde das Schofar geblasen?“&lt;br /&gt;Wolfgang spürte noch den schiefen, verblüfften Blick seines Gegenübers, als er langsam die Augen schloss.&lt;br /&gt;„Ich möchte wissen, ob das Schofar geblasen wurde.“&lt;br /&gt;„Wovon zum Teufel redest du da?“&lt;br /&gt;Wolfgang stellte die Frage ein drittes Mal. Seine Stimme war teilnahmslos, er hatte den Raum verlassen. „Wurde das Schofar geblasen?“&lt;br /&gt;In der Miene des Hageren hätte sich etwas aufgelöst. Sein Antlitz rötete sich. Er begann zu brüllen. „Was bildest du dir eigentlich ein, du verfluchter Spinner? Willst du mich hier verkackeiern, oder was?“ Er richtete das Messer auf ihn, doch Wolfgang sah ihn nicht mehr. „Ich mach dich schon noch fertig, das verspreche ich dir. Ich mach dich fix und fertig und das wird ein Spaß, du verdammter, kleiner Scheißkerl...“ &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die ersten Schüsse hatte Wolfgang kaum wahrgenommen. Nur ein dumpfes, fernes Trommeln hallte in seinem Inneren wieder, schien von weit weg herzukommen, über ihm, unter ihm, während er darauf wartete, dass sein Peiniger sein Versprechen einlösen würde. Ein hektisches Dröhnen drang durch die Eisentür des Raumes. Wolfgang öffnete die Augen und sah noch, wie sich der Hagere umdrehte, das Messer fallen ließ und auf den Stuhl in der Ecke zueilte. Er schaffte es noch, an die Waffe zu gelangen, doch die Tür war bereits aufgeflogen. Kurze, wilde Schreie durchkreuzten sich in der verbrauchten Luft des Kellerraumes. Wolfgang verspürte kein Zusammenzucken, als sich die Schüsse lösten. Er hörte das feuchte Gurgeln des Hageren, als er langsam auf dem schmutzigen Steinboden zusammensank. Ein zweiter Mann mit Sturmhaube erschien hinter demjenigen, der Wolfgangs Vernehmer mit zwei Lungendurchschüssen niedergestreckt hatte. Sie blieben im Türrahmen stehen, keiner von ihnen senkte sein Gewehr. Ihre Blicke trafen sich mit den seinigen in der Mitte des Raumes. In den engen Sehschlitzen der Masken glaubte er, so etwas wie Überraschung zu erkennen. Wolfgang spürte, wie ihn eine Übelkeit überkam. Es war vorbei.&lt;br /&gt;&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;[&lt;a href="http://baerista.blogspot.com/2011/06/scheuermilch-7.html"&gt;Fortsetzung folgt&lt;/a&gt;]&lt;/div&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/4649458722169584895-722135967711928054?l=baerista.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://baerista.blogspot.com/feeds/722135967711928054/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/05/scheuermilch-65.html#comment-form' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/722135967711928054'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/722135967711928054'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/05/scheuermilch-65.html' title='Scheuermilch (6.5)'/><author><name>Baerista</name><uri>http://www.blogger.com/profile/02373620929944807927</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='24' height='32' src='http://4.bp.blogspot.com/-6EDMQPvqQCU/TfNTJ0t_aSI/AAAAAAAAALw/9MHVgEPq360/s220/BILD1082.JPG'/></author><media:thumbnail xmlns:media='http://search.yahoo.com/mrss/' url='http://1.bp.blogspot.com/-TFJ34wzMwms/TfJlU4KFCLI/AAAAAAAAALo/3H841fAuky8/s72-c/BILD1081.JPG' height='72' width='72'/><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-4649458722169584895.post-4058667810299524440</id><published>2011-05-23T13:34:00.000-07:00</published><updated>2011-06-10T11:43:20.681-07:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Scheuermilch'/><title type='text'>Scheuermilch (6.4)</title><content type='html'>&lt;a onblur="try {parent.deselectBloggerImageGracefully();} catch(e) {}" href="http://2.bp.blogspot.com/-IgOdNxqek8E/Tdua3pZaYOI/AAAAAAAAALM/Zq2jGfH_GB8/s1600/BILD1457.JPG"&gt;&lt;img style="margin: 0px auto 10px; width: 320px; height: 240px; text-align: center; display: block; cursor: pointer;" id="BLOGGER_PHOTO_ID_5610248041616007394" border="0" alt="" src="http://2.bp.blogspot.com/-IgOdNxqek8E/Tdua3pZaYOI/AAAAAAAAALM/Zq2jGfH_GB8/s320/BILD1457.JPG" /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;&lt;div&gt;&lt;div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div&gt;&lt;div align="justify"&gt;4. Kapitel&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;em&gt;Wunderbar schmeckt Apfelsaft&lt;br /&gt;Stillt den Durst und gibt dir Kraft.&lt;br /&gt;Doch Apfelsaft ist großer Mist&lt;br /&gt;Wenn er ausgesoffen ist.&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;(Helme Heine)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ein dünner Nachtregen hatte begonnen einzusetzen, als er das Ende der breiten Straße erreichte, der er gefolgt war, seit er den Park verlassen hatte. Kurze Windstöße peitschten in unregelmäßigen Abständen gegen seine Brust. Er trug keine Jacke. Wolfgang begann zu rennen. Die nackten Fassaden der Wohnhäuser zogen an ihm vorbei wie Mauern, die keinen Schutz gewährten. Kein Versteck, wenn es so weit sein würde. Vor jeder Seitengasse blieb er stehen und horchte in die Nacht hinein. Hielt Ausschau nach Fahrzeugen, großen schwarzen oder weißen Tieren mit getönten Scheiben, die ihn verschlingen wollten. Dann lief er weiter, hastig, stolperte über den trüben Asphalt. Straßennamen plätscherten sinnlos an ihm vorüber; er hatte längst vergessen, wohin er wollte. An einer verlassenen Kreuzung blieb er stehen, keuchte. Wasser troff von seinem Kopf. Ein BMW-Fahrer hielt neben ihm und fragte, ob er den Weg nach „Schwabing“ kenne. Wolfgang nickte und schickte ihn in die falsche Richtung.&lt;br /&gt;Der vergangene Dienstag, im Treppenhaus vor ihrer Wohnung. Wolfgang versuchte sich an ihre Worte zu erinnern, ihre Worte kurz vor dem Abschied. Als er sich umgedreht hatte und im Schatten seines Hemdkragens eine letzte Bewegung zu fühlen glaubte. Für den Bruchteil eines Moments. Wie ein Kuss, der keiner werden wollte, keiner werden durfte. Nur ein Hauch, an den er nicht hatte glauben wollen. Konnte es dennoch die Wahrheit sein?&lt;br /&gt;Wo hatte er angefangen, sich zu verzetteln? Bei denen, die er hätte haben können, von denen er wusste, dass er sie hätte haben können, aber nichts dahingehendes unternahm, sei es aus echtem Desinteresse oder dieser eigenartigen Feigheit, die ihn überkam, wenn es einfach nur darum ging, „ja“ zu sagen? Oder doch bei denen, die er gerne gehabt hätte, von denen er sich aber sicher war, dass er sie nie haben würde, und es deshalb gar nicht erst versuchte? Und hatte er je irgendetwas anderes gewollt? Die ewige, wahre Liebe war ohne Zweifel nichts als eine süße Illusion, ein Produkt des physischen Begehrens. Nur wenn dieses Begehren unterdrückt wurde, konnte die Liebe etwas Geistiges werden. So lange man jemanden nur im Stillen anhimmelte, blieb die Liebe etwas Wahres, Hehres, aber sobald man sich nur an die Verwirklichung dieser Sehnsucht machte, war sie schon mit der Materie, dem Bösen und dem Irrtum infiziert. Hatte er je daran geglaubt? &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;br /&gt;Wolfgang machte kehrt und rannte in eine kleine Seitengasse, überquerte einige Grünflächen, fiel über Parkbänke, näherte sich dem Schein einer Laterne.&lt;br /&gt;Was hatte Tommy gewollt, als er sie angerufen hatte, an jenem Tag? Wie lautete die Botschaft? Wie die Lösung? Wie ihre Worte? Diese wenigen Worte, zusammen mit dem Haar, dass sie über das Bergseeblau ihrer Augen pustete.&lt;br /&gt;„Vielleicht waren es die Missverständnisse, mit denen ich einfach nicht klar kam. Oder damit, dass ich mir einbildete, ihn nicht gut genug zu kennen, woran ich dann litt. Weil ich immer dieses Gefühl hatte, dass da noch etwas in ihm war, das er nicht hinausließ.“ &lt;em&gt;Die Welt ist eine Talk-Show&lt;/em&gt;. „Irgendein Leiden. Eine ungute Befangenheit.“ &lt;em&gt;Und dabei ist es nur der Schweiß, der mir im Nacken sitzt&lt;/em&gt;. „Natürlich war ich naiv. Heute ist mir klarer, dass die Menschen nie alles an die Oberfläche lassen. Das ist auch richtig so. Es nicht an die Oberfläche zu lassen. Seine Umwelt davor zu bewahren. Das ist es eigentlich, was man meint, wenn man von einem normalen Menschen spricht.“ &lt;em&gt;Yellow bile and righteous phrases&lt;/em&gt;. „Im Nachhinein glaube ich, dass Tommy im Grunde ein sehr trauriger Mensch war“. &lt;em&gt;Blutiger Phoenix, die Asche eitert&lt;/em&gt;.&lt;br /&gt;Die Laterne überzog die Umgebung mit dunkelgelber Tarnfarbe. Ein Unterschlupf. Er hielt inne, ging in die Knie, versuchte im Lichtschein zu versinken. Ein rauer, dünner Schmerz kroch seine Lunge hoch, verwandelte seine Kehle in Schmirgelpapier. Für einen Augenblick war die Stille absolut.&lt;br /&gt;Wer hatte hier wen geblendet mit wessen Oberfläche? War es etwa doch genauso, wie mit diesen hohen Türmen, auf die man an einem hellen und warmen Sommertag in einer Stadt wie München stieg? Wer hatte ihm davon erzählt? Nobody knows anyone ever.&lt;br /&gt;Wenn einem dort oben ein sanfter Wind ins Gesicht blies und die Hitze etwas angenehmer machte, während man eine Weile all die Gebäude und Parks überblickte und dabei versuchte, sich im Stadtbild zurechtzufinden, und für die Dauer eines Augenblickes dort unten alles schön, sauber und übersichtlich erschien. Als wäre die Stadt schon immer da gewesen. Noch bevor die Menschen gekommen waren, um in ihr herumzusiedeln. Als ob sie nur Gäste in ihr wären. In ihr, deren einziger Zweck in der eigenen Existenz lag. Formvollendet in ihrer Ordnung. Ewige Entelechie. &lt;em&gt;Sub umbra alarum tuarum.&lt;/em&gt;Und doch konnte man, wenn man sich darauf konzentrierte, erahnen, dass dort unten, unter den Dächern und Baumwipfeln, hinter den Fassaden etwas schlummerte, das nicht in dieses Bild passte. Wie eine zweite Stadt, die hinter der für alle Sichtbaren lag, die nicht aus Architektur und Gärten bestand, sondern aus einem undurchdringbaren Netz von düsteren Geheimnissen, einer grässlichen Melange aus Lügen, Leid und Tod und Dingen, von denen man selbst keinen wirklichen Begriff hatte, von denen man aber erahnte, dass das auch besser so war. Eine Welt, von der man nichts wissen wollte, deren Existenz dennoch unbestritten war. Und manchmal, unter bestimmten Umständen, bei bestimmten Bildern, zum Beispiel wenn man in der Dämmerung den Bewegungen eines Baumes zusah, in dessen Armen sich der Wind verfing, und in der Ferne eine Krähe ihre halberstickten Schreie ausstieß, dann konnte sich diese dumpfe, unterdrückte Wahrnehmung zu einer dunklen Vorahnung steigern. Von etwas sehr Schrecklichem, das bevorstand. Wie es damals immer gewesen war, auf dem Parkplatz mit den Kiefern. &lt;em&gt;Sator Arepo Tenet Opera Rotas&lt;/em&gt;.&lt;br /&gt;Und Tommys Verhalten, musste es dasselbe heißen? &lt;em&gt;Komar Orena Menem Anero Ramok&lt;/em&gt;. Dass dieselbe Vorahnung, dieselbe Möglichkeit bei ihm Wirklichkeit geworden war?&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Lasciate ogni speranza, voi ch’entrare.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;Das Motorengeräusch näherte sich langsam, schien von nirgendwo zu kommen. Verstummte in einem röchelnden Laut. Ein greller Lichtschein heulte neben ihm auf. Wolfgang begann zu rennen, übersprang einen eisernen Querbalken, landete auf dem Rasen, stolperte, raffte sich wieder auf. Die Schritte wurden lauter, verdichteten sich. Wolfgang schnitt eine Kurve, verlor die Orientierung. Seine Lungen brannten. Er sah sich um, erahnte die Hauptstraße hinter dem Wohnblock. Der Motor heulte plötzlich wieder auf, Reifen scheuerten über den Asphalt. Wolfgang lief weiter, wandte sich nach links, näherte sich einem Mauervorsprung. Noch 10 Meter. Dann der Aufprall. Etwas war um die Ecke geschnellt, hatte Wolfgang herumgerissen. Er spürte noch, wie sein Gesicht auf einen weichen Widerstand traf. Dann wurde es schwarz. &lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;[&lt;a href="http://baerista.blogspot.com/2011/05/scheuermilch-65.html"&gt;Fortsetzung folgt&lt;/a&gt;]&lt;/div&gt;&lt;/div&gt;&lt;/div&gt;&lt;/div&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/4649458722169584895-4058667810299524440?l=baerista.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://baerista.blogspot.com/feeds/4058667810299524440/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/05/scheuermilch-64.html#comment-form' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/4058667810299524440'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/4058667810299524440'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/05/scheuermilch-64.html' title='Scheuermilch (6.4)'/><author><name>Baerista</name><uri>http://www.blogger.com/profile/02373620929944807927</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='24' height='32' src='http://4.bp.blogspot.com/-6EDMQPvqQCU/TfNTJ0t_aSI/AAAAAAAAALw/9MHVgEPq360/s220/BILD1082.JPG'/></author><media:thumbnail xmlns:media='http://search.yahoo.com/mrss/' url='http://2.bp.blogspot.com/-IgOdNxqek8E/Tdua3pZaYOI/AAAAAAAAALM/Zq2jGfH_GB8/s72-c/BILD1457.JPG' height='72' width='72'/><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-4649458722169584895.post-9076810520442607652</id><published>2011-05-19T12:40:00.000-07:00</published><updated>2011-06-11T08:09:15.298-07:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Volkmar'/><title type='text'>Volkmar VII - The Power and the Glory</title><content type='html'>&lt;a onblur="try {parent.deselectBloggerImageGracefully();} catch(e) {}" href="http://2.bp.blogspot.com/-hz6j0KpXG48/Td5heBAxkjI/AAAAAAAAALc/XYQOflIj3K0/s1600/BILD1473.JPG"&gt;&lt;img style="margin: 0px auto 10px; width: 320px; height: 240px; text-align: center; display: block; cursor: pointer;" id="BLOGGER_PHOTO_ID_5611029354045870642" border="0" alt="" src="http://2.bp.blogspot.com/-hz6j0KpXG48/Td5heBAxkjI/AAAAAAAAALc/XYQOflIj3K0/s320/BILD1473.JPG" /&gt;&lt;/a&gt;&lt;div&gt;&lt;div&gt;&lt;div align="justify"&gt; &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;An wenigen Tagen überkommt ihn die Verzweiflung derart regelmäßig wie an Donnerstagen. Die Arbeitswoche neigt sich dann bereits dem Ende zu und an seinem Institut ist die Stimmung gereizt. Seine linksradikalen israelischen Kollegen bereiten sich auf die Demonstrationen am Wochenende vor. An der syrischen Grenze und in Ostjerusalem kommt es dieser Tage zu Ausschreitungen. Vom Balkon des Bürogebäudes aus kann man das Tränengas riechen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Später am Nachmittag ist ein Treffen mit einer Delegation des deutschen Bundestags angesetzt. Volkmar trägt Jackett, obwohl es draußen viel zu heiß dafür ist. Zusammen mit seinen Kollegen wird er in einen kleinen Sitzungsraum geführt, dessen Luft mit dem Geruch überreifer Melonen und billigen Gebäcks angereichert ist. Nervös hört er den quälend langen Einleitungsworten zu. Es sind alle gekommen, die Rektorin, der Dekan, der Institutsdirektor. Im Hintergrund murmelt die Übersetzerin monoton vor sich hin. Englischkenntnisse gehören in der deutschen Politik nach wie vor nicht zum Anforderungsprofil. Das trifft vor allem auf Jerzy Montag, den Leiter der Delegation, zu, der auch sonst nicht Herr der Lage zu sein scheint. Mehrmals im Laufe der eineinhalbstündigen Sitzung muss er nachfragen, weil er offenbar als einziger der Anwesenden nicht über den Sinn der Veranstaltung gebrieft worden war. Irgendwann ist dann Volkmar an der Reihe, brav sagt er seine Sätze auf, aber irgendetwas stimmt nicht. Edelgard Buhlman ist erbost, weil sein Karriereweg nicht ihren Vorstellungen entspricht. Sie redet irgendetwas von Doktorandenkolloquien und wirft ihm dabei missbilligende Blicke zu. Volkmar gerät ins stottern, so hatte er sich die ganze Sache gewiss nicht vorgestellt. Sie trägt einen eleganten hellgrünen Hosenanzug, der geschickt mit ihren roten Haaren kontrastiert, und ist ihm auch sonst rhetorisch überlegen. Der blonde Jünglin neben ihr redet beschwichtigend auf sie ein, ohne dass Volkmar versteht, was genau gesprochen wird. Er trägt einen hervorragend sitzenden grauen Anzug mit farblich passender Seidenkrawatte und erfüllt alle Profilanforderungen eines FDP-Nachwuchspolitikers. Volkmar schätzt, dass er nebenher in einer Business Consulting Firma arbeitet. Später stellt sich heraus, dass es sich um den Landesvorsitzenden der Linkspartei in Mecklenburg-Vorpommern handelt. Im Moment ist er jedenfalls auf Volkmars Seite. Auch die schwarzhaarige CDU-Abgeordnete aus Niedersachsen wirkt zunehmend ungehalten, weil Buhlman das Gespräch ganz an sich zu reißen droht. Jeder soll hier einmal zeigen dürfen, wie wichtig ihm die deutsch-israelische Wissenschaftskollaboration ist. Für ihr Alter ist sie eine ziemlich scharfe Sau, denkt Volkmar und entwirft in Gedanken das Drehbuch zu einem erotischen Drama, in dem ein junger israelischer Nachwuchssoziologe in eine verhängnisvolle &lt;em&gt;Ménage à trois &lt;/em&gt;mit Sarah Palin und einem puertoricanischen Stubenmädchen gerät. Die Frage, wer dafür als Regisseur in Fräge käme (Bertolucci oder vielleicht doch Roger Corman?) hält ihn für die nächsten 30 Minuten bei der Stange. Das Gespräch nimmt derweil immer unappetitlichere Wendungen. Man wird über das Verhältnis zur israelischen Gesellschaft ausgefragt. Worte wie Deutschlandbild und Schoah hallen durch den Raum. Volkmar wird zunehmend übel, er will nur noch raus hier. Am Ende werden Geschenke ausgetauscht. Jerzy Montag gibt ein paar streberhafte Nettigkeiten von sich, während sich die israelischen Kollegen bereits wieder davon machen. Volkmar schließt sich ihnen an. Draußen auf der Treppe macht er seinem Ärger Luft. „Stupid red-haired Social Democrat skank“ flucht er vor sich hin, doch niemand beachtet ihn. Wie sich sozialer Tod anfühlt, das hat er erst in Jerusalem wirklich erfahren.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Da die Arbeit unter solchen Umständen schneller ausgeht als geplant, beschließt Volkmar sich aus seinem Büro davonzustehlen. Weil es keinen Grund gibt, in die Stadt zu fahren, in deren heruntergekommenen Kaschemmen einem als Ausländer allen Ortes das Geld aus den Taschen gezogen wird, beschließt er den Tag im Studentendorf ausklingen zu lassen. Die nächsten Stunden verbringt er auf einer Parkbank mit einer Schachtel Zigaretten und einem Flachmann mit Whisky, während er dem Treiben der amerikansichen Studenten zusieht. Hin und wieder geht jemand nah an ihm vorbei und wirft ihm misstrauische bis fassungslose Blicke zu. Dass sich jemand in aller Öffentlichkeit alleine betrinkt, das sieht man hier weder oft noch gerne. Volkmar nimmt einen tiefen Schluck und denkt an München. Dort ist in der Tat alles schöner, vom Vollmond vielleicht einmal abgesehen. Die jüdische Monatsmitte ist diesmal verheißungsvoll. In zwei Tagen wird man den 17. Iyar zählen, den 17. Tag des zweiten Monats, den Jahrestag der Sintflut.&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;br /&gt;Später am Abend hört er von irgendwoher Musik. Volkmar geht auf eine kleine Versammlung von Menschen zu, die sich als die Abschiedsfeier der amerikanischen Auslandsstudenten herausstellt. Er hört eine Weile den belanglosen Reden zu und raucht die zweite Schachtel Camel leer. Die anschließende Disko für "undergrads" währt nur kurz, am nächsten Tag haben viele noch Prüfungen. Nach einer Weile bemerkt er ein Mädchen mit blauen Haaren neben sich, das er hier noch nie zuvor gesehen hat. „I love your blue hair“, lallt er leise in ihre Richtung, der Whisky wirkt nun doch stärker als vermutet. Das Mädchen verdreht die Augen und welchselt den Standort. „La Blue Girl“, raunt Volkmar wirr vor sich hin und hat dabei Bilder aus japanischen Zeichtentrickfilmen vor Augen, über die man besser den Mantel des Schweigens hüllt.&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;br /&gt;Den Samstagabend verbringt Volkmar mit Zigaretten und Schnaps auf einer Parkbank. In den USA erwartet eine Gruppe fundamentalistischer Christen den Beginn des Weltuntergangs. Am 21. Mai um 6 Uhr abends beginnt der als „Rapture“ bezeichente Moment, in dem die wenigen Gerechten direkt in das Himmelreich aufsteigen, während dem Rest der Menschheit fünf Monate der Prüfungen und Katastrophen bevorstehen, bevor auch sie vor den Richterstuhl Gottes treten. Welche Ortszeit damit gemeint war, hat Volkmar nicht ganz mitbekommen. Gespannt horcht er in die Dämmerung hinein. Mit der Vorstellung, dass ihm die Endzeit bevorsteht, kann er sich durchaus anfreunden. Dass er selbst nie ins Paradies einziehen wird, dass ihm jede Erlösung verwehrt ist—mit dieser Erkenntnis hat sich Volkmar schon lange abgefunden. In der Hölle, so resümiert er beim Anzünden seiner nächsten Zigarette, ist es trotzdem nicht angenehm. Aber wenigstens wird etwas passieren. Die Abende sind nach wie vor kalt im Studentendorf. Ein unbarmherziger Wind treibt Staub und Handtücher vor sich her. Die Dinge werden sich bald ändern, denkt Volkmar. Vielleicht schon heute Nacht. &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt; &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;[Fortsetzung folgt]&lt;/div&gt;&lt;/div&gt;&lt;/div&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/4649458722169584895-9076810520442607652?l=baerista.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://baerista.blogspot.com/feeds/9076810520442607652/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/05/volkmar-vii-power-and-glory.html#comment-form' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/9076810520442607652'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/9076810520442607652'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/05/volkmar-vii-power-and-glory.html' title='Volkmar VII - The Power and the Glory'/><author><name>Baerista</name><uri>http://www.blogger.com/profile/02373620929944807927</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='24' height='32' src='http://4.bp.blogspot.com/-6EDMQPvqQCU/TfNTJ0t_aSI/AAAAAAAAALw/9MHVgEPq360/s220/BILD1082.JPG'/></author><media:thumbnail xmlns:media='http://search.yahoo.com/mrss/' url='http://2.bp.blogspot.com/-hz6j0KpXG48/Td5heBAxkjI/AAAAAAAAALc/XYQOflIj3K0/s72-c/BILD1473.JPG' height='72' width='72'/><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-4649458722169584895.post-4598184990586715355</id><published>2011-05-11T06:38:00.001-07:00</published><updated>2011-05-24T04:45:52.709-07:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Scheuermilch'/><title type='text'>Scheuermilch (6.3)</title><content type='html'>&lt;a href="http://1.bp.blogspot.com/-04ltG0RnqPY/TcqNhvhSBPI/AAAAAAAAAK8/-z3dra3d5sw/s1600/BILD1455.JPG"&gt;&lt;img style="margin: 0px auto 10px; width: 320px; height: 240px; text-align: center; display: block;" id="BLOGGER_PHOTO_ID_5605448297047262450" border="0" alt="" src="http://1.bp.blogspot.com/-04ltG0RnqPY/TcqNhvhSBPI/AAAAAAAAAK8/-z3dra3d5sw/s320/BILD1455.JPG" /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;3. Kapitel&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Instabunt tempora periculosa.&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;(2 Timotheus 3:1)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Als er auf die halbrund gezogene Parkbank am Kolehmainenweg zuschritt, war es bereits völlig dunkel. Sie hatte ihn zuerst bemerkt und rief ihm irgendetwas aus der Ferne zu, das er nicht verstand. Dann sah auch er sie. Schön wie immer, dachte er nur und begriff dabei die Veränderung nicht, die in ihrem Gesicht Einzug gehalten hatte.&lt;br /&gt;„Grüß dich, Sarah,“ murmelte er und nahm vorsichtig neben ihr Platz, darum bemüht eine angemessene Körperdistanz zu finden.&lt;br /&gt;„Vielen Dank, dass du so schnell gekommen bist. Ich hätte sonst wirklich nicht gewusst, an wen ich mich wenden soll,“ erwiderte sie und schien dabei durch ihn hindurch zu sehen.&lt;br /&gt;Wolfgang fühlte wie sein Herz zu klopfen begann.&lt;br /&gt;„Mein Gott, Wolfgang, ich weiß du hältst mich vielleicht für verrückt, aber...“&lt;br /&gt;Er warf ihr einen fragenden Blick zu, dem sie auszuweichen schien.&lt;br /&gt;„Wolfgang. Wie bist du hier hergekommen?“&lt;br /&gt;„Mit der U-Bahn.“&lt;br /&gt;„Gut,“ sagte sie leise, „das ist gut.“&lt;br /&gt;„Was ist gut?“&lt;br /&gt;Sie zögerte einen Augenblick und blickte unscharf in die Nacht hinein. In der Ferne türmten sich die terrassierten Betonfassaden des Olympischen Dorfes auf, wie zu einer Wüstenstadt. Sie sah ihn prüfend an.&lt;br /&gt;„Wolfgang, hattest du in den letzten zwei oder drei Tagen, das Gefühl, dass du von irgendjemandem verfolgt wirst?“&lt;br /&gt;Er machte eine undeutliche Bewegung und blickte sie stumm an.&lt;br /&gt;Sie klang plötzlich ganz sachlich. „Seit du letzten Dienstag zu Besuch warst, habe ich dieses beschissene Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt. Am Anfang war es nur eine Vorahnung, etwas Mulmiges, ich wusste nicht genau, was. Vorgestern Abend habe ich dann zum ersten Mal diesen Van gesehen, der in unserer Wohnanlage parkte. Seine Fensterscheiben waren ganz schwarz. Ich bin an ihm vorbeigegangen und fühlte mich sofort unwohl. So als ob irgendeine Gefahr von diesem Fahrzeug ausginge. Ich habe meine Wohnung betreten, bin ins Schlafzimmer gegangen, habe die Vorhänge leicht zurückgezogen und gemerkt, dass ich den Van von meinem Zimmerfenster aus genau im Blick hatte...oder er mich. Verstehst du, er stand die ganze Nacht dort unten.“&lt;br /&gt;Er öffnete vorsichtig seinen Mund und spürte, wie ein dunkles Beben langsam unter dem Grasboden auf ihn zu kroch.&lt;br /&gt;„Was war es? Ein weißer Nissan?“&lt;br /&gt;Sie schüttelte überrascht den Kopf. „Nein, der Wagen war schwarz von oben bis unten. Die Marke kann ich dir nicht genau sagen...“&lt;br /&gt;„Aber wieso macht dir dieses Fahrzeug Angst?“, versuchte sich Wolfgang an einer Frage. „Was sagt dir, dass die Kiste nicht nur zufällig vor deinem Haus stand?“&lt;br /&gt;Sarah schüttelte wieder den Kopf, aber diesmal anders als zuvor.&lt;br /&gt;„Das war kein Zufall,“ flüsterte sie dunkel. „Als ich am nächsten Tag das Haus verließ, um zur Arbeit zu fahren, war der Wagen verschwunden. Natürlich war ich zuerst erleichtert, aber es ging bald weiter. Irgendwann gegen Mittag habe ich ihn bemerkt, wie er an unserem Laden vorbeikam. Und auch das war kein Zufall. Während des ganzen restlichen Nachmittags habe ich mich bemüht, die Straße im Auge zu behalten und ihn dabei mindestens vier Mal vorbeifahren sehen, immer in derselben, langsamen Geschwindigkeit. So als ob er ständig nur um den Block gefahren sei. Da bekam ich es dann zum ersten Mal richtig mit der Angst zu tun. Ich bin an diesem Tag lange in der Stadt geblieben, bin in irgendeinem Lokal herumgesessen, weil ich Angst hatte, nach Hause zu kommen und wieder dieses schwarze Ding vor meinem Fenster zu sehen. Am Ende bin ich natürlich doch heimgefahren...“ Sie seufzte leise.&lt;br /&gt;Wolfgang starrte sie an und wagte es nicht, sich zu bewegen. „Hast du ihn gesehen?“, fragte er mit ersticktem Ton.&lt;br /&gt;„Zuerst nicht. Zum zweiten Mal an diesem Tag fühlte ich so etwas wie Erleichterung. Ich ging zu Bett, konnte aber nicht einschlafen. Das Schlafzimmerfenster kam mir plötzlich vor wie ein Paar fremder Augen. Irgendwann in der Nacht, so gegen drei Uhr, bin ich dann aufgestanden und habe vorsichtig, seitlich, mit dem Rücken zur Wand, hinausgesehen. Und ich schwöre dir, dort unten stand wieder dieses schwarze Monstrum mit seinen verdunkelten Scheiben.“&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sarah macht eine Pause und sprach dann etwas lauter weiter. „Heute hatte ich frei. Die Wohnung habe ich den ganzen Tag nicht verlassen, vielleicht aus Angst. Hin und wieder habe ich aus dem Fenster gesehen, um zu sehen, ob der Wagen noch unten stand. Ich habe so lange gewartet, bis er verschwunden war, dann bin ich in die Stadt gefahren. Dort habe ich dann mehrmals die U-Bahn-Linien gewechselt und mich dabei immer wieder umgesehen, ob mir jemand folgt. Schließlich bin ich hier ausgestiegen und habe ich dich angerufen.“ Sie hielt kurz inne und sah traurig zu Wolfgang auf. „Du hältst mich für verrückt, oder?“&lt;br /&gt;Er schüttelte leise den Kopf. Für ein paar Augenblicke verharrten sie in einer unangenehmen Stille. Schließlich deutete sie auf Wolfgangs Jackentasche. Wortlos holte er die Zigarettenschachtel hervor und hielt sie ihr hin. Sie tat einen Zug und legte den Kopf leicht schräg nach hinten.&lt;br /&gt;„Weißt du, ich hatte eine ziemlich beschissene Zeit seit deinem Besuch. Ich habe seitdem viel nachgedacht, über Tommy. Über ihn und mich, auch über euch beide.“ Ihre Augen senkten sich leicht. „Es sind keine angenehmen Gedanken. Es klingt vielleicht seltsam, aber Tommys Verschwinden hat mich nicht wirklich überrascht. ... Es gab einfach zu viel Unausgesprochenes. Zu viel, das wir nie voneinander erfahren haben. Ich hatte schon lange das Gefühl, dass sich irgendetwas anbahnt. Etwas Schreckliches, verstehst du?“ Sie sah Wolfgang finster an. „Es hängt alles zusammen, nicht? Tommys Verschwinden, seine Nachricht an dich, dieses Auto...Du weißt doch wovon ich spreche? Du weißt was hier passiert...“&lt;br /&gt;„Gar nichts weiß ich“, sagte Wolfgang und sah an ihr vorbei. Für einen Moment fühlte er sie weit weg. „Ich weiß nur, dass Tommy vor 14 Monaten in dieses beschissene Flugzeug gestiegen ist und mich zurückgelassen hat. In all dem hier. Während er seine schwarze Phase durchmacht...“&lt;br /&gt;Sie warf ihm einen irritierten Blick zu und spielte nervös mit ihrer Zigarette. Einige Sekunden lang geschah nichts. Wolfgang sah wie auf den bewachsenen Terrassen in der Ferne einige Lichter angingen. Für einen Moment glaubte er, den feuchten Geruch eines fernen Gewitters zu spüren. Es war kalt geworden. Der Park schien jetzt menschleer.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;„14 Monate“, seufzte sie plötzlich. „Was war bloß los mit euch beiden? Wie habt ihr das zustande bekommen?“&lt;br /&gt;„Ich weiß nicht“, murmelte er leicht gequält. „Ich tue mich schwer damit. Erklärungen zu finden und so weiter...“&lt;br /&gt;„Das verstehe ich nicht. Du musst doch erklären können, was passiert ist. Selbst wenn es nur deine eigene Sichtweise ist.“ Das Vorwurfsvolle in ihrer Stimme ließ ihn unmerklich zusammenfahren. Er wischte mit der rechten Hand erschöpft über sein Gesicht. Dann zündete auch er sich eine Zigarette an.&lt;br /&gt;„Weißt du, ich habe Tommy immer sehr bewundert,“ begann er nach einer Weile von neuem. „Für das was er war...oder ist. Er hat wirklich versucht irgendwie zu leben. Ehrlich zu sich zu sein, etwas richtig zu machen, einen Ausweg zu finden, nenn es wie du willst. Das ist nicht einfach. Es gab viele Dinge die ihm wichtig waren, die er wirklich ernst nahm. Ich glaube er war das, was man einen wirklichen Menschen nennt. Jemand, der sich tatsächlich Mühe gab, einer zu sein. Jemand, der gerne gewisse Ideale verwirklicht hätte. Mit der Zeit hat ihn das vielleicht verändert, hat unsere Beziehung verändert.“ Ein flüchtiges Grinsen erstarb in Wolfgangs Gesicht. „Ich konnte da nicht mithalten.“&lt;br /&gt;„Wieso, bist du denn kein Mensch?“, fragte sie etwas provozierend und blies Rauch aus.&lt;br /&gt;Wolfgang zögerte.&lt;br /&gt;„Das ist vielleicht Definitionssache. Ich habe über die Jahre durchaus eine gewisse Vorstellung davon entwickelt, wie man leben sollte. Natürlich gibt es auch Prinzipien nach denen ich mich zu richten versuche. Allerdings habe ich immer Schwierigkeiten damit gehabt, die Dinge als Ganzes zu sehen, ohne Schattenseiten und Widersprüche. Was auf den ersten Blick klar und unkompliziert erscheint, wirkt auf den zweiten Blick verworren, dissonant oder absurd. Das macht es einem nicht gerade leicht, die Dinge uneingeschränkt ernst zu nehmen; oder sich selbst. Ständig kommen Zweifel auf. Im Grunde glaube ich nicht, dass ich mich darin von den meisten Menschen unterscheide. Möglicherweise ging es auch Tommy nicht anders. Aber unsere Reaktionen waren offenbar unterschiedlich.“&lt;br /&gt;Sarah senkte die Augen. „War das nicht von Anfang an so? Ich hatte nicht den Eindruck, dass sich dieser Unterschied je negativ auf eure Freundschaft ausgewirkt hätte.“&lt;br /&gt;„Das eigentliche Problem war,“ antwortete Wolfgang, „dass Tommy irgendwann begann, gewisse Ansprüche an mich zu stellen. Er stellte an alle Menschen Ansprüche, aber ich konnte sie nicht erfüllen. Die Vorstellung, dass das momentane Verhalten eines Menschen immer auch seine Identität bestimmte, war ihm fremd, schien ihn zu beunruhigen. Stattdessen glaubte er offenbar an einen festen Identitätskern, den ein jedes Individuum in sich tragen musste. Damit konnte ich aber zu dieser Zeit gerade überhaupt nicht aufwarten. Ich war damals häufig verwirrt, war mir oft nicht sicher, wie ich auf die Dinge um mich herum reagieren sollte. Wirklich klar sah ich nur den Mangel...“&lt;br /&gt;„Den Mangel?“ Sie warf ihm einen ernsten Blick zu.&lt;br /&gt;„Ja, den Mangel. Woran auch immer. Ich habe damals Texte darüber geschrieben, falls es dich interessiert. Das ist Pubertätsakne, sinnlos noch ein Wort darüber zu verlieren. Damals war es mir allerdings ernst. Mein Verhalten war dementsprechend verschwommen, manchmal theatralisch. Ich wäre aber nie auf den Gedanken gekommen, dass mein Verhalten etwa von mir Unterschiedenes sein könnte. Die Idee von einem unerschütterlichen Identitätskern war nicht die meinige. Tommy hat das nicht verstanden. Und irgendwann hat er aufgehört, mich überhaupt verstehen zu wollen, hat sich distanziert. Das war verletzend, ich kam mir ziemlich hilflos vor. Meine Unsere Versuche die Sache wieder ins Lot zu bringen waren nicht der Rede wert. So ging es bergab. Und dann, nach Davids Tod, da war es wohl endgültig...ich glaube Tommy konnte einfach nicht mehr...“ Er stockte und betrachtete die Lichter in der Ferne.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;„Im Prinzip läuft es darauf hinaus, dass ich völlig versagt habe“, fuhr er etwas leiser fort. „Und zwar in jeder Hinsicht. Anstatt wenigstens zu versuchen, die Dinge so zu sehen wie Tommy, habe ich mich bereitwillig...dem Mangel ergeben. Ich glaube, ich habe damals wirklich keinen Ausweg gesehen. Aber das ändert nichts an meinem Versagen. Vor allem weil ich nie den Mut aufgebracht habe, es Tommy gegenüber zuzugeben. Und jetzt wo er fort ist, habe ich erst begriffen, wie wichtig dieser Schritt gewesen wäre. Ein Jahr lang habe ich mich darauf hinausgeredet, dass es seine Aufgabe wäre, den ersten Schritt zu machen. Aber jetzt weiß ich, dass ich mich damit wieder einmal selbst betrogen habe. Es wäre meine Aufgabe gewesen, ihn anzurufen und zuzugeben, dass er im Recht gewesen war. Ich hätte ihn damit in seinen Vorstellungen und in seinen Glauben an sich selbst bestärken sollen. Vielleicht hätte er ihn dann nicht verloren. Denn ich fürchte, dass es inzwischen dazu gekommen ist...“ Wolfgangs Stimme bebte etwas. Sarah sah in mit warmen, traurigen Augen an und schüttelte leise den Kopf, als wollte sie ihn vom Unsinn seiner letzten Worte überzeugen. Wolfgang beobachtete sich, wie er weiter sprach, ohne es wirklich zu wollen. Die Worte glitten aus ihm heraus.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;„Er bleibt mein bester Freund, daran ändern diese 14 Monate nichts. Ich finde ihr wart ein wirklich schönes Paar, du und er. Ich hätte euch ehrlich etwas mehr Glück gegönnt. Als ihr auseinander gegangen wart, habe ich das bedauert.“&lt;br /&gt;Sie sah ihn an, als ob sie nicht verstünde. Dann sagte Wolfgang den Satz, den er die ganze Zeit zu unterdrücken versucht hatte, doch irgendetwas Fremdes schien die Kontrolle über ihn übernommen zu haben. „Ich habe mir immer gedacht, wenn schon ich nicht, dann soll wenigstens er...“ Wolfgangs Stimme versandete in einem schluckenden Laut, während er sich bereits für seine Worte verfluchte. Sarahs Mund hatte sich einen Deut weit geöffnet.&lt;br /&gt;„Was?“, flüsterte sie kaum hörbar und dann noch einmal etwas deutlicher. „Was sagst du da?“ Es klang fast wie Zorn und schien doch keiner zu sein.&lt;br /&gt;Wolfgang fühlte wie er in seiner Hälfte der Bank versank, wie sich irgendetwas in ihm auflöste. Ein seltsames Sausen und Flirren lag in der kalten Abendluft.&lt;br /&gt;„Ja weißt du...ich...also...ich...war damals eben etwas...“&lt;br /&gt;„Du Idiot.“ Wolfgang war sich zuerst nicht sicher, ob er richtig gehört hatte, versuchte es vorsichtshalber mit irgendeinem verwirrten Blick und hörte es dann doch ein zweites Mal.&lt;br /&gt;„Du Idiot.“ Jetzt war es Sarahs Stimme, die bebte. „Ich fasse einfach nicht. Das sagst du mir jetzt? Nach, wieviel? Drei Jahren?“&lt;br /&gt;Wolfgang machte irgendwelche beschwörenden Zeichen in der Luft. „W-was?“ Plötzlich schien es ganz still geworden zu sein.&lt;br /&gt;„Du willst wissen was los ist? Das kann ich dir schon sagen. Tommy hat mich letzte Woche angerufen,“ antwortete Sarah.&lt;br /&gt;„Aber wieso hast du mir das verschwiegen?“, entfuhr es Wolfgang.&lt;br /&gt;„Weil es bisher nichts zur Sache getan hat,“ sagte sie scharf. „Weil er während dieses Telefonats nichts von sich gegeben hat, was für dich hätte wichtig sein können. Aber für mich schon. Tommy hat mich angerufen und einfach behauptet, dass du die ganze Zeit in mich verliebt gewesen seist und es nie zugegen hättest. Er müsse mir das unbedingt noch sagen. Und dann hat er aufgelegt. Ohne ein weiteres Wort. Ich konnte es natürlich nicht glauben, dachte Tommy würde verrückt spielen.“&lt;br /&gt;„Aber wieso...“&lt;br /&gt;„Ich habe dich verdammt noch mal geliebt, Wolfgang Niedermeier!“, fuhr sie ihn an.&lt;br /&gt;Langsam bewegte er den Kopf hin und her, während er wieder das leise Zittern im Untergrund verspürte.&lt;br /&gt;„Ich habe dich geliebt, wirklich geliebt. Und du hast mich abblitzen lassen.“&lt;br /&gt;„Aber ich habe dich doch nicht...“&lt;br /&gt;„Natürlich hast du das. Völlig unnahbar bist du gewesen. Und jetzt höre ich plötzlich, dass du... Kannst du dir eigentlich vorstellen, wie es mir bei all dem geht?“&lt;br /&gt;„Aber...das wusste ich nicht...“&lt;br /&gt;„Du hast überhaupt nichts gemerkt? Wie hätte ich es dir denn deiner Meinung nach klar machen sollen? Hätte ich mich jeden Morgen auf deine Fußmatte legen sollen? Auch ich habe meinen Stolz. Du hast einfach gar nicht reagiert.“&lt;br /&gt;„Ich dachte immer, du wärst an mir überhaupt nicht interessiert“, murmelte Wolfgang leise.&lt;br /&gt;Sarah seufzte und sprach dann in einem ruhigeren Tonfall weiter.&lt;br /&gt;„Doch, das war ich, Wolfgang. Das war ich sehr. Nur an dir. Glaubst du im Ernst, ich hätte irgendetwas mit Peter angefangen, wenn ich dich hätte haben können?“ Sie schüttelte den Kopf. „Seitdem ist einfach alles den Bach runter gegangen,“ sagte sie müde. „Und auf einmal erzählt mir Tommy, dass es einen Ausweg gegeben hätte. Du bist also in mich verliebt gewesen und hast dir überhaupt nichts anmerken lassen...Dazu bist auch nur du fähig.“&lt;br /&gt;Ihre Worte hallten in seinem Kopf wieder und wieder, während er glaubte, die Rotation der Erde im dunklen Grasboden des Parks wahrnehmen zu können. Dann sah er sie fest und traurig an.&lt;br /&gt;„Es stimmt aber...“&lt;br /&gt;„Und jetzt?“&lt;br /&gt;„Ich weiß nicht,“ antwortete Wolfgang.&lt;br /&gt;„Was weißt du nicht?“&lt;br /&gt;„Ich verstehe diese Situation einfach nicht. Warum hat Tommy?“ Er kam nicht weiter.&lt;br /&gt;„Glaubst du ich verstehe sie?“, sagte sie mit Nachdruck. Und dann: „Ich glaube es ist besser, wenn wir erst einmal über all das nachdenken.“ Wolfgang sah sie verschwommen an, als sie aufstand und ihm zum Abschied einen Kuss auf die Wange legte.&lt;br /&gt;„Du kannst ja anrufen,“ sagte sie noch und Wolfgang wusste nicht, ob es Sarkasmus war.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;[&lt;a href="http://baerista.blogspot.com/2011/05/scheuermilch-64.html"&gt;Fortsetzung folgt&lt;/a&gt;]&lt;/div&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/4649458722169584895-4598184990586715355?l=baerista.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://baerista.blogspot.com/feeds/4598184990586715355/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/05/scheuermilch-63.html#comment-form' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/4598184990586715355'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/4598184990586715355'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/05/scheuermilch-63.html' title='Scheuermilch (6.3)'/><author><name>Baerista</name><uri>http://www.blogger.com/profile/02373620929944807927</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='24' height='32' src='http://4.bp.blogspot.com/-6EDMQPvqQCU/TfNTJ0t_aSI/AAAAAAAAALw/9MHVgEPq360/s220/BILD1082.JPG'/></author><media:thumbnail xmlns:media='http://search.yahoo.com/mrss/' url='http://1.bp.blogspot.com/-04ltG0RnqPY/TcqNhvhSBPI/AAAAAAAAAK8/-z3dra3d5sw/s72-c/BILD1455.JPG' height='72' width='72'/><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-4649458722169584895.post-349534837607630186</id><published>2011-05-09T05:34:00.000-07:00</published><updated>2011-05-11T06:40:02.851-07:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Scheuermilch'/><title type='text'>Scheuermilch (6.2)</title><content type='html'>&lt;a href="http://2.bp.blogspot.com/-95a6hX2Z64U/Tcfjfw2p2VI/AAAAAAAAAK0/g3EhJgSZSOo/s1600/alchemy2.jpg"&gt;&lt;img style="TEXT-ALIGN: center; MARGIN: 0px auto 10px; WIDTH: 265px; DISPLAY: block; HEIGHT: 320px; CURSOR: hand" id="BLOGGER_PHOTO_ID_5604698396115458386" border="0" alt="" src="http://2.bp.blogspot.com/-95a6hX2Z64U/Tcfjfw2p2VI/AAAAAAAAAK0/g3EhJgSZSOo/s320/alchemy2.jpg" /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;div&gt;2. Kapitel&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Einem gelang es – er hob den Schleyer der Göttin zu Sais – Aber was sah er?&lt;br /&gt;Er sah – Wunder des Wunders – Sich selbst.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;(Novalis)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wolfgang erwachte in einem gleißenden Lichtschein, der, wie er glaubte, seine Augen zu versengen drohte, doch nur für einen Moment, denn im Nächsten konnte er bereits die Konturen seiner Umgebung erkennen, die sich aus dem Weiß, das keine Quelle zu haben schien, zu schälen begannen. Und er sah, dass er in der Mitte einer Waldlichtung zu sich gekommen war, die sich weit erstrecken musste, denn er vermochte nicht zu erkennen, wo die Lichtung aufhörte und der angrenzende Wald seinen Anfang nahm. Und doch glaubte er, wenn er seine Augen zu Schlitzen verengte und gen Himmel blickte, wahrzunehmen, wie die Bäume in der Ferne den Horizont verdunkelten. Als er sich umdrehte, begriff er, dass er vor einem gigantischen, turmartigen Gebilde, gehauen aus einem einzigen, massiven Stein, stand und dass die Helligkeit um ihn herum vom weißen Glanz des Steins ausging.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Turm war völlig rund und schien von einer makellosen, alabasternen Ebenmäßigkeit. Sein Durchmesser mochte etwa 50 Meter betragen, doch seine Höhe war nicht abzuschätzen, ja er erstreckte sich so unendlich weit in die von seinem Gleißen verbrannte Höhe, dass sich nicht erkennen ließ, ob er überhaupt ein Ende besaß. Und während sich Wolfgang vorsichtig auf das rätselhafte Monument zu bewegte, begriff er auch, dass er schon einmal hier gewesen war, dass der weiße Turm einmal ein schwarzer Monolith gewesen war und dass es die Wälder seiner Heimat waren, die sich dort am Horizont erstrecken mussten. Auch fiel ihm auf, dass die Welt um ihn herum völlig still war, dass er kein Pfeifen, kein Rascheln, kein Rauschen, kein Pochen vernahm, dass der Wind tot war, dass das Gras stumm war, kein Laut von den Wäldern zu ihm drang, dass die Membrane seines Körpers nicht die geringste Regung aufzunehmen vermochten. Und je näher er dem steinernen Turm kam, desto klarer schien ihm, dass dieser es war, der jeden Laut um ihn herum in sich aufsog und nicht mehr freigab.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Als er bis auf ein paar Meter auf den Turm herangekommen war, so dass das Bauwerk fast sein gesamtes Sichtfeld ausfüllte, verharrte er auf der erreichten Distanz und begann langsam den Radius des Gebildes abzuschreiten, während er auf eine Oberfläche von kaum fassbarer Unimorphität starrte. Er hatte den Turm etwa zur Hälfte umrundet, als der die Scheußlichkeit sah, die sich da vor ihm auf dem Boden wand. Es war ein schwarzgeschupptes, schlangenartiges Ungetüm, groß wie ein PKW, aus dessen Kopfende zwei leuchtend rote Augen klafften, die lauernd ihre Umgebung fixierten, während sich das Monstrum immerfort im Kreise drehte, den spitzen, schuppengepanzerten Schwanz stets dicht vor dem reißzahnbewehrten Maul. Wolfgang wagte nicht, sich zu bewegen. Da sah er plötzlich, wie sich von der anderen Seite ein Mann in einer Rüstung aus Kupfer nährte und sich mit einem kupfernen Langschwert auf das Monstrum stürzte. Mit wenigen, mächtigen Hieben zerteilte er das Tier und begann es sogleich in einem seltsamen Ritual zu häuten und auszuweiden. Säuberlich zerlegte er das Ungeheuer und trennte seine Einzelteile: Haut zu Haut, Fleisch zu Fleisch, Knochen zu Knochen. Und als er fertig war, nahm er die Haufen und trat damit dicht an den Monolithen heran, um dort mit einer Reihe von nicht begreiflichen Handgriffen die Glieder und Knochen wieder zusammenzufügen und aus ihnen sieben Stufen zu errichten, die er sogleich bestieg, um im nächsten Moment in den weißen Stein einzudringen, förmlich mit ihm zu verschmelzen. Doch in dem Augenblick bevor der geheimnisvolle Ritter völlig verschwand, wandte er sich ein letztes Mal um und Wolfgang sah, dass es Tommy war.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ohne das Gesehene wirklich begriffen zu haben, näherte sich Wolfgang den Stufen und erklomm sie langsam, bis er ebenfalls eintauchte in die Oberfläche des Steins. Einen Moment lang wurde er von einem kurzen, scharfen Blitz geblendet, dann fand er sich in einem weitläufigen Saal wieder. Als Wolfgang sich umschaute, merkte er, wie der Saal unaufhörlich, aber unnachvollziehbar seine Form veränderte. Glaubte man erkannt zu haben, dass der Raum, wie das Gebäude, das ihn umgab, kreisrund war, besaß er im nächsten Moment vier Ecken, kaum hatte man jedoch seine quadranguläre Form wahrgenommen, verblassten die Ecken wieder zu Rundungen, ohne dass man den genauen Vorgang der Transformation zu schauen vermochte. Je genauer er die stetige Veränderung seiner Umgebung zu verfolgen suchte, desto deutlicher glaubte er ein dumpfes Gewirr von Stimmen zu vernehmen, das aus der Tiefe des Raumes zu ihm kam, und aus dem undeutlichen Gemurmel schienen sich im Rhythmus der Raumverformung abwechselnd die Worte &lt;em&gt;massa confusa&lt;/em&gt; und &lt;em&gt;ordo&lt;/em&gt; (oder war es &lt;em&gt;Ouroboros&lt;/em&gt;?) heraushören zu lassen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Eine Weile folgte Wolfgang verwirrt diesem Schauspiel, dann fiel sein Blick auf die Wände selbst, die ganz aus Metall waren, doch nicht aus einem einzelnen Element, sondern aus vielen verschiedenen, die unaufhörlich ineinanderfließend ihre Mischung und Gestalt veränderten und den Wänden einen changierenden Glanz verliehen. An den in den steinernen Boden eingelassenen Zeichen konnte Wolfgang erkennen, welche Metalle es waren, und er schritt sie langsam eines nach dem anderen ab: Quecksilber, Zinn, Blei, Eisen, Kupfer, Silber und Gold. Und als er bei dem Emblem für Gold angekommen war, sah er den mächtigen, schalenförmigen Altar vor sich, der auf 15 jeweils einen Meter hohen, blank schimmernden Stufen thronte, verheißungsvoll wie ein Weinkrater. Wie von selbst begann Wolfgang die Stufen zu erklimmen, doch bereits bei der Dritten verließen ihn die Kräfte und eine dumpfe Verzweiflung überkam ihn. Da drehte er sich um und sah am unteren Ende der Treppe einen uralten, weißhaarigen Mann stehen und dieser selbst und sein Gewand waren von einem solch erhaben glänzenden Weiß, dass es Wolfgang in den Augen schmerzte. Der Alte sah ihn lange schweigend und unbewegt an und nach einer großen Weile, Wolfgang konnte nicht sagen, ob es Minuten oder Stunden waren, begriff er, dass der alte Mann in Wirklichkeit Tommy war, der ihm andeutete, ihm zu folgen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Schweigend erklommen sie die Stufen und nach einem kurzen Augenblick waren sie auf der obersten Stufe angekommen und sahen auf den schalenförmigen Altar, in dem Wasser wie in einem großen Kessel kochte und Blasen warf, doch bevor Wolfgang noch irgendetwas sagen konnte, stürzte sich der Alte in den Kessel und im nächsten Moment war er ganz von Flammen umgeben. Fassungslos starrte Wolfgang auf den Alten und fragte ihn, wieso er sich in den Kessel gestürzt habe, doch der Alte sah ihn nur unbewegt an, die Augen blutrot überlaufen von der Hitze. Da packte Wolfgang ein ganz unfassbares Grauen und er lief in großer Hast die Stufen herunter und fand eine Tür, durch die er in einen langen Gang kam, dessen Wände ganz aus Quecksilber bestanden und dessen Ende eine Tür in einen weiteren Gang führte, der ganz aus Zinn bestand und auf diesen folgten vier weitere Gänge, jeder aus einem anderen Metall, einer aus Blei, einer aus Eisen, einer aus Kupfer, einer aus Silber, und durch den silbernen Gang gelangte er schließlich in einen neuen Saal, der ganz aus schwarzem Stein gehauen war. Am Ende dieses Saals befand sich wiederum ein schalenförmiger Altar auf 15 Stufen und am Rande des Altars, aus dem unablässig Dampf aufstieg, stand Tommy, wieder als der Ritter, der vorher das Ungeheuer zerstückelt hatte, doch seine Rüstung bestand jetzt nicht mehr aus Kupfer, sondern aus Silber. Kaum hatte Wolfgang dies erblickt, befand er sich schon am oberen Ende der 15 Stufen und sah Tommy von Angesicht zu Angesicht und sah auch, was sich in dem Altarkessel befand, so dass ihn ein neuerliches Grauen packte. Denn im siedenden Wasser des Kessels saßen viele Menschen und er erkannte bekannte Gesichter darunter. Er sah Philipp und er sah Sarah und nach und nach erkannte er auch Mike und sogar David und schließlich sah er auch sich selbst dort in dem Blasen werfenden Wasser, ganz sonderbar eingeschrumpft, und wie alle anderen krümmte auch er sich von der unsäglichen Pein, die er in dem Kessel erlitt, während das Wasser immer stärker sprudelte und das Jammern und Klagen der Menschen um ihn herum immer lauter wurde.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Entsetzt wandte sich Wolfgang von dem grausigen Anblick ab und sah zu Tommy, der ungerührt am Rand des Kessels stand und ein bleiernes Diptychon in den Händen hielt, auf dem das Symbol einer Schlange abgebildet war, die sich selbst in den Schwanz biss. Schließlich richtete er seine reglosen Augen auf Wolfgang und deutete auf das schreckliche Spektakel.&lt;br /&gt;„Dies ist der Ort, an dem sie sich dem Prozess der Präservierung unterziehen. Denn alle, die nach wahrer Tugendhaftigkeit streben, kommen hierher, um sich zu vergeistigen indem sie ihren sterblichen Hüllen entfliehen. Du siehst, sie wollten es nicht anders.“ Eine Weile lang verharrten beide wie gelähmt und blickten sich schweigend an. Dann machte Wolfgang einen kleinen Schritt auf seinen Freund in der Rüstung zu und er merkte, dass er plötzlich keine Angst mehr verspürte. Mit einem fast mitleidigen Blick fragte: „Warum suchst du immerzu das göttliche Wasser?“&lt;br /&gt;Doch ehe Wolfgang über den Sinn seiner eigenen Worte nachdenken konnte, sah er wie die Augen seines Gegenübers zu Blut wurden und im nächsten Moment begann Tommy in großen, blutigen Schwällen seine Gedärme auszuspeien, so dass sich sein Innerstes nach Außen kehrte, und schließlich sah Wolfgang ihn nur noch als einen schrecklichen Fleischklumpen, der sich mit Händen und Zähnen fortwährend selbst zerfleischte, bis er völlig zerfallen war. Und von irgendwo hörte er ein wildes Sausen, ein schrilles, unmenschliches Kreischen, das ihm wie ein böser Wind in den Schädel fuhr und immer mehr anschwoll.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das Schrillen seines Mobiltelefons rüttelte ihn aus dem Schlaf. Draußen war es dunkel, die Whiskyflasche neben seinem Bett fast leer.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;[&lt;a href="http://baerista.blogspot.com/2011/05/scheuermilch-63.html"&gt;Fortsetzung folgt&lt;/a&gt;] &lt;/div&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/4649458722169584895-349534837607630186?l=baerista.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://baerista.blogspot.com/feeds/349534837607630186/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/05/scheuermilch-61_09.html#comment-form' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/349534837607630186'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/349534837607630186'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/05/scheuermilch-61_09.html' title='Scheuermilch (6.2)'/><author><name>Baerista</name><uri>http://www.blogger.com/profile/02373620929944807927</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='24' height='32' src='http://4.bp.blogspot.com/-6EDMQPvqQCU/TfNTJ0t_aSI/AAAAAAAAALw/9MHVgEPq360/s220/BILD1082.JPG'/></author><media:thumbnail xmlns:media='http://search.yahoo.com/mrss/' url='http://2.bp.blogspot.com/-95a6hX2Z64U/Tcfjfw2p2VI/AAAAAAAAAK0/g3EhJgSZSOo/s72-c/alchemy2.jpg' height='72' width='72'/><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-4649458722169584895.post-9043335576347961265</id><published>2011-05-07T07:30:00.001-07:00</published><updated>2011-05-09T05:53:55.121-07:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Scheuermilch'/><title type='text'>Scheuermilch (6.1)</title><content type='html'>&lt;a href="http://4.bp.blogspot.com/-nWWLHIfBXWI/TcVVMrC-5bI/AAAAAAAAAKs/PxmJ36K7kOM/s1600/theologie.jpg"&gt;&lt;img style="TEXT-ALIGN: center; MARGIN: 0px auto 10px; WIDTH: 320px; DISPLAY: block; HEIGHT: 234px; CURSOR: hand" id="BLOGGER_PHOTO_ID_5603978987534476722" border="0" alt="" src="http://4.bp.blogspot.com/-nWWLHIfBXWI/TcVVMrC-5bI/AAAAAAAAAKs/PxmJ36K7kOM/s320/theologie.jpg" /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;strong&gt;Sechster Tag&lt;/strong&gt;&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;1. Kapitel&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wann ich nur das Geld zusammen haben mögte, welches jemahls durch die Alchimisten liederlich verlaboriert ist, wolte ich nicht nur fragen ob London, Amsterdam und Paris feil waren? Sondern ich getrauete mich gantze große Königreiche damit zu bezahlen, und wenn sie zu Kauf stünden an mich zu handeln.&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;(Georg Wilhelm Wegner, Adeptus Ineptus oder Entdeckung der falsch berühmten Kunst Alchimie genannt, Berlin 1744, p. 80.)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wolfgang erwachte und brauchte eine Weile, um zu begreifen, dass es bereits 4 Uhr nachmittags war. Kopfschüttelnd ging er ins Bad und überlegte was er mit diesem neuen Tag, der sich bereits wieder seinem Ende zuzuneigen begann, anstellen sollte. Dann fiel ihm das Bild ein, das Mike am Abend zuvor dagelassen hatte. Vielleicht gab es doch noch etwas, das er tun konnte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Als er das Haus verließ, wehte ein angenehmer Wind. Der Van vom Vortag war verschwunden. Beim Koreaner in der Amalienstraße aß er eine Portion Schweinebauch mit Reis. Er rauchte eine Zigarette, die ganz vorzüglich schmeckte, zumindest darauf war noch Verlass. Dann begab er sich in die erst kürzlich errichtete Bibliothek für Philosophie und Theologie im Nordtrakt des Universitätshauptgebäudes. Die Regale, Lesebereiche und Verwaltungsräume nahmen in dem ihnen zugewiesenen Gebäudeteil insgesamt vier Stockwerke zuzüglich zweier als Galerien integrierter Zwischengeschosse ein. An der technischen und ästhetischen Ausstattung gab es wenig zu mäkeln, nur von den Schließfächern im Eingangsbereich waren, wie Wolfgang fand, viel zu wenige vorhanden. Er gab dem Studenten hinter dem Empfangstresen, so einem Neo New Romantic Gothic Punker oder wie man das nannte, der dem Akzent nach zu vernehmen aus Wien kam, seinen Studienausweis. Im Westteil des dritten Stockwerks fand er schließlich das Buch, das ihm in den Sinn gekommen war. Ein kleines Taschenbuch von Rowohlt aus den 70ern, eine Bildbiographie zu Jacob Böhme, geschrieben von einem gewissen Gerhard Wehr. Er musste zweimal vor- und zurückblättern, bis er darin endlich das Bild fand, dasselbe wie auf dem Blatt Papier, das vor Mikes Wohnungstür gelegen hatte. Der Bildunterschrift zufolge handelte es sich um ein Emblem aus Michael Maiers &lt;em&gt;Atalanta Fugiens&lt;/em&gt;. Wolfgang setzte sich an einen der Recherche-PCs und begann zu tippen. &lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;Das erste Buch, für das er sich entschied, war der Nachdruck eines erstmals 1914 publizierten Titels namens &lt;em&gt;Count Michael Maier: Life and Writings&lt;/em&gt; von einem gewissen Reverend J.B. Craven. Wolfgang schlug sogleich das Kapitel zu &lt;em&gt;Atalanta Fugiens &lt;/em&gt;auf, konnte jedoch unter dem sich vor ihm auftuenden Informationsgewirr aus lateinischen und englischen Absätzen nicht das Geringste zu dem ihn interessierenden Kupferstich finden. Nach einigen Minuten vergeblichen Suchens griff er zu einem anderen Buch, das er zuvor eher zufällig aus dem Regal gezogen hatte. Es handelte sich um die Arbeit eines gewissen Carlos Gilly zu Adam Haslmayr, der im Titel als &lt;em&gt;Der erste Verkünder der Manifeste der Rosenkreuzer &lt;/em&gt;bezeichnet wurde. Der gut ausgestattete Band enthielt unter anderem eine Faksimile-Wiedergabe von Haslmayrs &lt;em&gt;Antwort An die lobwürdige Brüderschafft der Theosophen von RosenCreutz&lt;/em&gt; aus dem Jahre 1612 und ein in jahrelanger Forschungsarbeit erstelltes Verzeichnis von Haslmayrs sonstigen Werken. Erstaunt stellte Wolfgang im Überfliegen der Seiten fest, dass Haslmayr während seiner Zeit als lateinischer Pfarrschulmeister in Bozen auch musikalisch tätig gewesen war und 1592 eine &lt;em&gt;Newe Teütsche Gesang &lt;/em&gt;für mehrere Stimmen komponiert und in Druck gegeben hatte. Insgesamt hatte er offenbar im Laufe seines Lebens fast 200 Schriften verfasst, darunter so drollige Titel wie &lt;em&gt;Neüe arten ettliche der fürnembsten Medicinalien recht vnd fundamentaliter zue beraiten, daß sie lang krefftig bleiben vnd auch von anderen Arcanen Mehr&lt;/em&gt; oder &lt;em&gt;Gespräch zwischen eim Türckhischen vnd Christlichen Pfaffen, welcher richtiger im Glauben&lt;/em&gt;.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Erschöpft legte Wolfgang das Buch weg und beschloss, dringend eine Zigarettenpause nötig zu haben. Er verließ zu diesem Zweck die Bibliothek und die angrenzende Thomas-Mann-Halle, um über ein gut verstecktes Treppenhaus hinunter in den Nordhof zu gehen, von wo es einen Zugang zur Cafeteria gab, die allerdings längst geschlossen hatte. Auf den ersten Blick schienen der Hof und seine Umgebung völlig menschenleer. Nachdem er sich eine Zigarette angesteckt und ein paar Züge genommen hatte, bemerkte er einen bärtigen Mann, der in diesem Moment durch dieselbe, transparente Durchgangspforte aus Glas geschritten kam, die auch Wolfgang zuvor passiert hatte, und offenbar direkt auf ihn zuhielt. Das äußere Erscheinungsbild des Mannes, dessen Alter Wolfgang auf etwa 59-69 Jahre schätzte, war das des zeitlosen Gelehrten, wie man ihn in Bibliotheken auf dem gesamten Globus antreffen konnte, ohne anhand von dessen Aussehen genau sagen zu können, in welchem Jahrzehnt man sich gerade befand. Seine Gestalt war mittelgroß und leicht füllig. Das Haupthaar war, wenn auch bereits etwas angegraut, noch in beachtlichem Maße vorhanden, ganz zu schweigen von dem dichten, schwarzgraumelierten Vollbart, aus dem ein leicht gespitzter Mund hervorragte. Auffälliger war die dickbeglaste, bernsteinfarbene Hornbrille, hinter welcher die Augen und ein guter Teil des Gesichts des Mannes verschwanden. Er trug einen unförmigen, aquamarinblauen Pullover, dazu ein graues Paar Anzughosen sowie ein uraltes Paar braune Stoffslipper, in denen weiße Tennissocken steckten, auf die man zweifelsohne eine exzellente Sicht genoss, sobald der Mann einmal irgendwo Platz nahm, so dass seine zu kurzen Hosenbeine weiter nach oben wanderten.&lt;br /&gt;„Verzeihen Sie mein junger Freund,“ sprach er Wolfgang höflich und völlig unvermittelt an. „Ich habe Sie vorher bei ihren Studien in der Bibliothek gesehen und dabei sind mir die Bücher aufgefallen, die sie vor sich hatten. Sie interessieren sich für Alchemie?“&lt;br /&gt;„Nein,“ antwortete Wolfgang in einem völlig ausdruckslosen Ton und fühlte sich belästigt. „Nein, eigentlich nicht...“&lt;br /&gt;„Das sollten Sie aber,“ hakte der Alte ein. „Man kann viel daraus lernen. Sehen Sie, in der Alchemie – es ist die wahre, die spirituelle Alchemie von der ich hier spreche – geht es in Wirklichkeit nicht so sehr um die Transformierung der Metalle, sondern viel mehr um den Menschen selbst. Sie ist gewissermaßen ein Spiegel unserer Seele...“&lt;br /&gt;„Ach ja...,“ gab Wolfgang desinteressiert von sich und blickte in eine andere Richtung.&lt;br /&gt;„Doch, doch,“ fuhr sein neu gewonnener Gesprächspartner unbeirrt fort. „Aber vielleicht sollte ich mich erst einmal Vorstellen, mein Name ist Jasper, Rudolf Jasper.“&lt;br /&gt;Etwas zögerlich gab ihm Wolfgang die Hand und nannte seinen eigenen Namen, worauf der Alte sogleich seine Rede fortsetzte. &lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;„Wissen Sie, ich habe viele Jahre meines Lebens den Studien der hermetischen Wissenschaften gewidmet. Seit ich im Alter von 23 Jahren zum ersten Mal mit den Schriften Jacob Böhmes in Berührung gekommen war, mit der &lt;em&gt;Aurora&lt;/em&gt; und dem &lt;em&gt;Mysterium Magnum&lt;/em&gt;, die mein Vater in einem Amsterdamer Antiquariat aufgespürt hatte, war ich Feuer und Flamme für diesen gesamten Kosmos der Ideen, der sich damit vor mir auftat. Seitdem war es stets mein größter Herzenswunsch, möglichst viele Originaltexte der hermetischen Philosophen in die Hände zu bekommen. Besonders die Manifeste der Rosenkreuzer hatten es mir angetan. Und je mehr dieser Schriften ich zu lesen das Privileg hatte, desto mehr interessierte ich mich auch für die Frage, wer die Autoren dieser Schriften waren, von welchen Persönlichkeiten und Werken sie inspiriert wurden und wie man auf wissenschaftlicher Basis die Entstehungsgeschichte der hermetischen Geistesströmungen (von Hermes Trismegistos über die Neuplatoniker der italienischen Renaissance bis zu den Rosenkreuzern und weiter in die heutige Zeit) rekonstruieren konnte. Seit 40 Jahren widme ich mich nun schon meinen privaten Studien auf diesem Gebiet und ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich keine einzige Minute missen möchte. Umso glücklicher macht es mich, dass ich nun, da ich von meinem Notarsposten in den verdienten Ruhestand getreten bin, noch mehr Zeit als zuvor habe, um dieser meiner Leidenschaft nachzugehen. Aber nun würde mich, wenn Sie es mir erlauben, doch auch interessieren, was Sie dazu bewog, sich in derartige Literatur zu vertiefen.“&lt;br /&gt;Wolfgang, etwas unsicher über die Antwort, die er geben sollte, verharrte einen Augenblick und bemerkte den auffälligen Blick, den der Bärtige bereits seit geraumer Zeit der Kippe in Wolfgangs Hand schenkte. Mit einem unmerklichen Seufzer holte er die Zigarettenschachtel aus seiner Sakkotasche und hielt sie Jasper, dem Ex-Notar, hin.&lt;br /&gt;„Oh, heißen Dank!“, rief dieser entzückt, ganz so als ob er nicht damit gerechnet hätte, und fischte bereitwillig eine Zigarette aus der Packung.&lt;br /&gt;„Darum ging es dir also, du Heuchler,“ sagte Wolfgang, allerdings nur in Gedanken, während er dem Alten Feuer gab. Er zog noch einmal an seiner eigenen Zigarette und beschloss dann, dass es ohnehin gleichgültig war.&lt;br /&gt;„Na ja,“ sagte er schließlich so, dass ihn auch der Bärtige hören konnte, und griff dabei in die Innentasche seines Sakkos. „Der Grund dafür ist eigentlich dieses Bildchen hier. Wenn ich sie richtig verstanden habe, kennen sie sich auf diesem Gebiet aus. Vielleicht können sie mir dann ja damit helfen.“&lt;br /&gt;Japser besah sich einen Moment lang das Papier, das ihm Wolfgang hinhielt, und gab dann einen begeisterten Laut von sich.&lt;br /&gt;„Oh, was für ein herrlicher Kupferstich! Es handelt sich zweifelsfrei um das einundzwanzigste Emblem aus Michael Maiers wundervollem &lt;em&gt;Atalanta Fugiens&lt;/em&gt;, ein Werk das ich ob seiner herausragenden imaginativen Kraft ganz besonders schätze. Wenn ich mich recht entsinnende, lautetet das dazugehörige Epigramm: &lt;em&gt;Fac de masculo et foemina circulum rotundum, et de eo extrahe quadrangulum, et quadrangulo triangulum; fac circulum rotundum et habebis lapidem philosophorum&lt;/em&gt;. Was sinngemäß so viel heißt wie: Aus Mann und Frau mach einen Kreis, ziehe daraus das Quadrat und aus dem Quadrat ein Dreieck...“&lt;br /&gt;„...mach wieder einen Kreis und du wirst den Stein der Weisen in den Händen halten,“ ergänzte Wolfgang etwas gelangweilt. „Das hab ich schon verstanden. Aber was soll es bedeuten?“&lt;br /&gt;„Tja, nun,“ erwiderte Jasper grüblerisch, „wie soll man das auf die Schnelle so einfach erklären? &lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;"Wissen sie, der Bedeutungsgehalt dieses Satzes ist vielfältig, sehr vielfältig sogar. Gleichzeitig zielt er aber ins Zentrum dessen, worum es in der Alchemie eigentlich geht. Vorausschickend sollte ich vielleicht erwähnen, dass es sich bei diesem Satz um ein Zitat aus dem &lt;em&gt;Rosarium Philosophorum &lt;/em&gt;handelt, ein Werk des frühen 16. Jahrhunderts, das einen erheblichen Einfluss auf Maier ausgeübt hat. Der zitierte Satz wird dort Aristoteles, dem Stagiriten, in den Mund gelegt. Was den Inhalt betrifft, so geht es darin, nun ja, es geht im Grunde um die Quadratur des Kreises. Ein Problem nicht nur der Geometrie, sondern auch der hermetischen Wissenschaft. In der spirituellen Alchemie ist diese Quadratur des Kreises nichts anderes als ein Symbol für die coniunctio oppositorum, die Vereinigung der Gegensätze. Sehen sie, in der Sicht eines Alchemisten wie Maier repräsentiert das Gold, ebenso wie die Sonne oder die menschliche Seele, einen Zustand allerhöchster Reinheit und Perfektion. Es kommt direkt aus dem Göttlichen. Deshalb entspricht es in seiner Form dem Bild der vollkommensten aller geometrischen Figuren, dem Kreis. Nichtsdestotrotz vereint es in sich auch in gleichen Anteilen die Vierheit der Elemente. Des Weiteren handelt es sich beim Gold einerseits um eine homogene Einheit, gleichzeitig birgt es jedoch die adversativen Eigenschaften von Schwefel und Quecksilber in sich. Deshalb ist das Gold auch das Ziel des alchemistischen Werkes, weil es alle Gegensätze in sich vereint. Ebenso soll es dem Menschen ergehen, der zur Einheit seines Göttlichen Ursprungs zurückkehren möge. An beiden Enden steht in diesem Satz ein Kreis: Am Anfang ist der Ursprung und die Einheit aller Gegensätze in Gott. Aus ihm entspringen die vier Elemente und darunter steht die Dreifaltigkeit aus Körper, Geist und Seele, die überwunden werden muss, hin zur neuerlichen Vereinigung aller Gegensätze in Gott. Die Dreizahl steht für die Phasen des alchemistischen Werks. Auf sie folgt die rote Phase, diejenige des Feuers, in welchem die menschliche Seele die ewige Einheit und den Frieden erlangt, versinnbildlicht durch die Vereinigung von Mann und Frau als Rückgewinnung der androgynen Ganzheit – die Rückkehr zur Göttlichen Einheit...“&lt;br /&gt;„Aha,“ brummte Wolfgang stirnrunzelnd.&lt;br /&gt;„Wie gesagt,“ hakte Jasper nach, so als müsse er sich gegen einen Vorwurf verteidigen, „diese Dinge sind nicht einfach zu verstehen und vielleicht noch schwerer zu erklären. Im Prinzip müsste ich viel weiter ausholen und ihnen die Grundzüge des kosmologisch-alchemistischen Weltbildes eines Michael Maier darlegen...“&lt;br /&gt;„Nein Danke, ich glaube ich hab’s kapiert,“ murmelte Wolfgang abwehrend.&lt;br /&gt;„Aber, mein junger Freund, wenn ich nun im Gegenzug auch Ihnen eine Frage stellen darf,“ begann Jasper nach einem kurzen Räuspern wieder. „Wie sind Sie denn auf dieses faszinierende Emblem gestoßen, da sie doch nach eigener Aussage kein Interesse an diesen Dingen hegen?“&lt;br /&gt;„Na ja,“ antwortete Wolfgang mit leichtem Widerwillen, "eigentlich ziehe ich mir das Zeug nur deswegen rein, weil ein guter Freund von mir sich damit beschäftigt. Zumindest ist es so, dass er sich derzeit recht eigenartig benimmt und dabei gewisse Anspielungen aus dem Bereich des Rosenkreuzertums, der Alchemie und so weiter benutzt, eben wie dieses Bild her...“&lt;br /&gt;„Und jetzt versuchen Sie, Ihren Freund zu begreifen?“, fragte der Alte im verständnisvollen Ton eines Fernsehpfarrers.&lt;br /&gt;„Ja, so ähnlich zumindest...,“ seufzte Wolfgang.&lt;br /&gt;„Hmm, hmm,“ machte Jasper mehrere Male, während er sich langsam über den dichten Bart strich. „Zuerst einmal müssen Sie sehen, dass jedes ernsthafte Studium der hermetischen Wissenschaften im Grunde den Charakter einer Suche besitzt. Deshalb ist es Ihre Aufgabe, sich drüber klar zu werden, wonach ihr Freund eigentlich sucht. Haben sie vielleicht eine genauere Vorstellung davon, womit er sich beschäftigt?“&lt;br /&gt;„Keine Ahnung ... Er ist verschwunden ...“&lt;br /&gt;„Oh. Das tut mir leid. Sie machen sich bestimmt Sorgen...“&lt;br /&gt;„Ja. Vor allem weil ich aus dem ganzen Rosenkreuzermüll ja doch nichts rauskriege.“&lt;br /&gt;„Sagen sie das nicht,“ erwiderte der Alte milde. „Sie können in den alten Schriften viele Antworten finden, wenn sie nur wollen.“&lt;br /&gt;„Zum Beispiel?“, fragte Wolfgang in einem leicht unverschämten Ton.&lt;br /&gt;„Nun ja,“ antwortete Jasper mit einem leichten Lächeln, das offen ließ, ob er Wolfgang auf den Arm nehmen wollte oder sich nur an der eigenen Weisheit erfreute. „Michael Maier hätte vielleicht gesagt, dass ihr Freund zurzeit die schwarze Phase des Werks durchschreitet...“&lt;br /&gt;„Was durchschreitet er?“&lt;br /&gt;„Die schwarze Phase oder &lt;em&gt;nigredo&lt;/em&gt;, man kann sie auch als &lt;em&gt;putrefactio&lt;/em&gt; oder Phase der Fäulnis und Verwesung bezeichnen. Ein Prozess der Zerstörung, des Leidens – der Oxidation und der Zerlegung. Er bildet den Anfang eines jeden alchemistischen Wandlungsprozesses, auch den der Seele. Alles muss durch sie hindurch, um schließlich in gereinigter Form die Stufen der Vervollkommnung besteigen zu können. Auch der Adept der Alchemie selbst.“&lt;br /&gt;„Und wie kommt man da wieder heraus?“&lt;br /&gt;„Wer hat gesagt, dass man wieder herauskommt?“, lachte der Alte sanft auf. „Im Grunde ist das ganze Leben eine &lt;em&gt;nigredo&lt;/em&gt;. Die schwarze Phase hört nie auf – bis sie aufhört. Michael Maier hat das wohl so gesehen ... Sagen Sie, kennen Sie vielleicht zufällig Maiers &lt;em&gt;Allegoria Bella&lt;/em&gt;, welche als Teil des letzten Kapitels sein Werk &lt;em&gt;Symbolae Aureae Mensae &lt;/em&gt;abschließt?“&lt;br /&gt;„Hab sie mal überflogen,“ nickte Wolfgang.&lt;br /&gt;„Sehr gut. Ein wunderbarer Text, nicht? Außerdem höchst aufschlussreich für das Verhältnis zwischen Maiers Lebensweg und seiner Alchemie. Maier beschreibt nämlich das Leben des Gelehrten, die Suche nach dem Stein der Weisen, als eine beschwerliche Reise, die viele Stationen, aber kein wirkliches Ende hat. Es geht mir aber im Moment um eine ganz bestimmte Episode dieses Textes. Versuchen Sie sich zu erinnern: Im Laufe seiner Reise kommt der Erzähler in Persien an einen breiten Fluss. Auf der gegenüberliegenden Seite sieht er etwas. Einen wunderbaren Garten, voll von Vogelgesang, exotischen Düften, immergrünen Bäumen und einem überschwänglichen, farbenfrohen Reigen der lieblichsten Blüten, Amarant, Hyazinth, Lilien, Rosen und vieles mehr. Mit anderen Worten: Es ist das Paradies auf Erden, zu dem ihm eine Merkur-Statue den Weg gewiesen hat. Dieser Garten ist ein Symbol für die Vollendung des Werkes, der Vereinigung des Irdischen und des Göttlichen. Doch der Erzähler hat kein Boot, um den Fluss zu überqueren. Was macht er also? Er entschließt sich seine Suche nach dem Phoenix fortzusetzen, im festen Vertrauen darauf, eines Tages zu diesem Ort zurückzukehren. Nun, was soll das alles? Offenbar geht es doch darum, uns zu sagen, dass dieser Garten für uns in diesem Leben unerreichbar ist. Trotz allen Wissens und aller Einsichten in den göttlichen Bauplan, den wundersamen Kreislauf von Leben und Tod, kann die wirkliche Vollendung des Werks nur durch unser Hinfortscheiden aus dem irdischen Dasein erlangt werden. Alles andere wäre eitle Augenwischerei. Auch den heiß ersehnten Phoenix findet er in der ganzen Geschichte nie, trotz aller Hinweise und allen Suchens. Die Reise hat im Grunde genommen zyklischen Charakter. Sie endet, wo sie begonnen hat. Sie spiegelt eben das Leben wieder. Die Seele steigt bei der Geburt hernieder in die Dunkelheit der Materie – so wie die Elemente in das alchemistische Gefäß – um am Ende des irdischen Lebens wieder zu ihrem göttlichen Ursprung heraufzusteigen – so wie die Elemente im Gefäß irgendwann wieder verdampfen. Alles kommt von Gott, alles kehrt zu ihm zurück. Die Rückkehr zum großen Kreis, wie in dem Satz auf ihrem Bild. Maier hat das in seinem späteren Werk stets im Hinterkopf behalten. Fast sein gesamtes Leben hat er der Suche nach dem großen Allheilmittel gewidmet und dabei seine Gesundheit ruiniert, in dem Wissen, dass er diesem Leben nie ans Ziel seiner Bemühungen kommen werde. Trotzdem hat er nie aufgehört zu suchen. Ohne die Suche geht es nicht. Die schwarze Phase ist die Voraussetzung für alles, was danach kommt.“&lt;br /&gt;„So gesehen,“ grübelte Wolfgang nach einem Moment der Stille laut nach, „bliebe dann nach wie vor die Frage offen, wonach mein Freund Tommy auf der Suche ist, wie sie es nannten. Worum es sich also bei dem handelt, das ihn möglicherweise in diese schwarze Phase eintreten hat lassen ...“&lt;br /&gt;„Im Grunde um dasselbe wie bei allen,“ lachte Jasper wieder. „Den Phoenix, was sonst?“&lt;br /&gt;„Aber ist es das alles wirklich wert?“&lt;br /&gt;„Das,“ antwortete der Alte mit einem schwer zu deutenden Lächeln, „weiß man immer erst hinterher“.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Verwirrt trat Wolfgang seine Zigarette aus und wusste nicht recht, was er darauf erwidern sollte. Stattdessen wandte sich Jasper, der bei seiner Kippe schon fast am Filter angekommen war, in einer überraschenden Bewegung scheinbar zum Gehen, um dann aber noch einmal kurz innezuhalten.&lt;br /&gt;„Wenn sie das näher interessiert, können sie ja gerne einmal in meiner Privatbibliothek, die ich über die Jahrzehnte mit großem Eifer und dem einen oder anderen Quäntchen an Glück zusammengetragen habe, vorbeischauen. Zu den schönsten Stücken in meiner Sammlung gehört die Originalausgabe von &lt;em&gt;Khunraths Amphitheatrum Sapientiae Aeternae&lt;/em&gt;. Ein wirklich vortreffliches Stück, das in keiner Bibliothek fehlen sollte. Leider gibt es davon nur noch wenige Exemplare auf der Welt. Des Weiteren besitze ich beispielsweise eine sehr schöne Ausgabe von Maiers &lt;em&gt;Themis Aurea &lt;/em&gt;von 1656, die lateinische Ausgabe des &lt;em&gt;Colloquim Rhodo-Stauroticum &lt;/em&gt;von 1624, aber auch Werke von Johann Valentin Andreae, Elias Ashmole, Benedictus Hilarion, Gerhard Dorn, Robert Fludd, Johannes Grasshoff, Guillaume Postel, Athanasius Kircher, Georg Molther und..." &lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;Er würgte sich plötzlich selbst ab und ging dann so unvermittelt wie er gekommen war auf den Gebäudeeingang zu. „Nun ja, wie dem auch sei, gehaben sie sich wohl, mein junger Freund. Und viel Glück auf ihrer Suche!“, rief er noch, bevor er durch die Glastür verschwand. Wolfgang sah ihm nach und war sich einen Moment lang völlig sicher, das gesamte Gespräch nur wegen einer Zigarette geführt zu haben.&lt;br /&gt;&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;[&lt;a href="http://baerista.blogspot.com/2011/05/scheuermilch-61_09.html"&gt;Fortsetzung folgt&lt;/a&gt;]&lt;/div&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/4649458722169584895-9043335576347961265?l=baerista.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://baerista.blogspot.com/feeds/9043335576347961265/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/05/scheuermilch-61.html#comment-form' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/9043335576347961265'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/9043335576347961265'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/05/scheuermilch-61.html' title='Scheuermilch (6.1)'/><author><name>Baerista</name><uri>http://www.blogger.com/profile/02373620929944807927</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='24' height='32' src='http://4.bp.blogspot.com/-6EDMQPvqQCU/TfNTJ0t_aSI/AAAAAAAAALw/9MHVgEPq360/s220/BILD1082.JPG'/></author><media:thumbnail xmlns:media='http://search.yahoo.com/mrss/' url='http://4.bp.blogspot.com/-nWWLHIfBXWI/TcVVMrC-5bI/AAAAAAAAAKs/PxmJ36K7kOM/s72-c/theologie.jpg' height='72' width='72'/><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-4649458722169584895.post-6598029169156474355</id><published>2011-03-26T16:29:00.000-07:00</published><updated>2011-05-26T07:21:59.290-07:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Volkmar'/><title type='text'>Volkmar VI - A New Beginning</title><content type='html'>&lt;a href="http://4.bp.blogspot.com/-yb_9n5iyUo0/TahDNr8_msI/AAAAAAAAAKk/BgKT2ssbt5k/s1600/BILD0916.JPG"&gt;&lt;img style="TEXT-ALIGN: center; MARGIN: 0px auto 10px; WIDTH: 320px; DISPLAY: block; HEIGHT: 240px; CURSOR: hand" id="BLOGGER_PHOTO_ID_5595796439423752898" border="0" alt="" src="http://4.bp.blogspot.com/-yb_9n5iyUo0/TahDNr8_msI/AAAAAAAAAKk/BgKT2ssbt5k/s320/BILD0916.JPG" /&gt;&lt;/a&gt; &lt;br /&gt;&lt;div&gt;&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div&gt;Seit drei Monaten wohnt Volkmar jetzt in Jerusalem und es macht ihm keinen Meter Spaß. Die Herzbeutelentzündung hat er gut überstunden, schon nach zwei Wochen war er aus dem Krankenhaus entlassen worden. Es dauerte sogar einen ganzen Monat bis er sich traute, wieder mit dem Rauchen anzufangen. &lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div&gt;Volkmar war schon immer ein Blender, aber hier im Ausland erklimmt er nie gekannte Höhen. In seinem Institut behandelt man ihn wie ein Wunderkind aus fernen Welten und setzt Erwartungen in ihn, die er nie erfüllen wird. Dafür erfüllt ihn der Alkohol. Seine israelischen Kollegen sind versnobbte Linksradikale, mit denen man nicht ins Gespräch kommen kann, ohne dass es sofort grundsätzlich wird. Sie stören sich an der israelischen Siedlungspolitik und gehen regelmäßig auf Demonstrationen, bei denen sie sich an dem Gedanken berauschen, von einem Panzer oder dergleichen überfahren zu werden. Das trifft auch auf die leidlich hübsche Kollegin zu, die Volkmars Annäherungsversuche schon nach den ersten zehn Tagen mit, so viel Fairness muss sein, bewundernswerter Eleganz abzuschmettern gewusst hatte.&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div&gt;An den wenigen Wochenenden, an denen er nicht damit beschäftigt ist, im Bad zu liegen und sein Essen in zwei Richtungen gleichzeitig auszuscheiden, weil man im Nahen Osten gerne mit der Kackhand kocht, lässt er sich mit dem Taxi in die vermüllte Innenstadt fahren, wo ein einziger Irish Pub sogar eine passable Whisky-Karte bietet. Der Barman ist stets zum Erbrechen gut gelaunt und gibt Volkmar schon nach dem zweiten Besuch erkleckliche Mengen an Schnäpsen aus. Da der junge Mann offensichtlich kokainabhängig ist, nimmt sich Volkmar vor, so oft wie möglich in dem Pub vorbeizuschauen, denn so ein Drogenhoch kann schnell vorbei gehen.&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div&gt;Der Aufenthalt in einer durch und durch religiös geprägten Stadt ist nicht für Volkmars Gemüt geschaffen. Er wird jeden Tag materialistischer und das vor allem gegen sich selbst. Im Internet findet er ein Video, in dem Männer ihre extrem kurzen Glieder in einem Wettbewerb herzeigen. Die Geschlechtsorgane mancher Teilnehmer sind so klein, dass sie erst beim Zurückpressen des Fettwulstes im Schritt sichtbar werden. Volkmar atmet für einen Moment auf, bevor er erneut in eine Depression verfällt. &lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div&gt;Wenn Volkmar nicht mehr nur betrunken, sondern wirklich besoffen ist, spricht er bisweilen wahllos Touristen oder ausländische Studenten an, was oft darin mündet, dass wildfremde Menschen ihn auslachen. Auf einem Stehempfang trifft er eine flüchtige Bekanntschaft aus Deutschland. Die Frau ist noch hässlicher als er, weshalb Volkmar ihre Einladung annimmt, obwohl er ein mulmiges Gefühl bei der Sache hat. Man trifft sich tags darauf in einer kleinen Kneipe in Talpiyot und spricht über das Leben, so wie es in Sprachlehrbüchern oft und gerne beschrieben wird. Nach einer Weile bemerkt Volkmar wie sich der Fuß der Frau zu seinem linken Bein und von dort immer weiter in Richtung Schritt vorarbeitet. Weil er mit der Situation nicht umzugehen weiß, bestellt er sich ein drittes Bier und redet wirr und lebhaft auf sie ein. Auf der Toilette bekommt er es mit der Angst zu tun, das Weib könnte ihm in der Zwischenzeit Rohypnol in sein Weißbierglas kippen. Dieser Anflug von Paranoia erweist sich kurz darauf als unbegründet, dafür steigt der Fuß der Frau immer höher, während das zugehörige Lachen in Volkmars Ohr ungute Reminiszenzen aus amerikanischen Zeichentrickfilmen wach werden lässt. Volkmar beschliesst über die Vorzüge einer gründlichen Psychoanalyse zu sinneren. Der abrupte Themawechsel verfehlt seine Wirkung nicht. Die Frau wirkt verstört, es ist offensichtlich dass sie damit schlechte Erfahrungen gemacht hat.&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div&gt;Als sich ihr Fuß fast bis zu seinem Mittelstück vorgekämpft hat, hält es Volkmar nicht mehr aus, er wirft einen Geldschein auf den Tisch und verlässt fluchtartig den Laden. Zu seinem Glück fährt gerade ein Taxi vorbei. Volkmar läuft wie ein Verrückter. Der Fahrer lässt ihn einsteigen, behauptet aber noch einen weiteren Fahrgast mitnehmen zu müssen. Ein Notfall, Krankenhaus, man verstehe. Der Schwerkranke stellt sich als ein Trio von Schwarzafrikanerinnen heraus, von denen keine besonders pflegebedürftig aussieht, aber man kann ja nie wissen. Ein paar Straßenzüge lang schämt sich Volkmar dafür, dass er Angst vor einer HIV-Infektion hat, während er die laut quiekenden Frauen durch den Rückspiegel des Fahrers beobachtet. Sie sind modisch gekleidet und arg herausgeputzt. Den Grund hierfür erfährt Volkmar nach einer weiteren halben Stunde, als die Frauen vor einer Diskothek aussteigen, ohne zu zahlen. Er wurde wieder einmal übers Ohr gehauen, wie fast jeden Tag in dieser vermaledeiten Stadt. &lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div&gt;Als er in das Studentendorf, in dem ihm eine Wohnung zugewiesen wurde, zurückkehrt, ist es schon spät am Abend, aber auf den Wegen und Rasenflächen ist immer noch die Hölle los. Auf den Bänken direkt vor Volkmars Fenster lungern Horden von amerikanischen Studenten, reden Unsinn und machen einen entsetzlichen Lärm mit ihren Gitarren. Amerikanische Studenten sind die dümmsten Menschen die es gibt, das weiß jeder der einmal drei Monate unter diesem Pack leben musste. Die Mädchen sind laut und schnell betrunken und lassen sich bereitwillig von unterbelichteten Arabern vögeln, was sie dann als Auslandserfahrung verbuchen. Beim nächtlichen Spaziergang durch die Anlage entdeckt er eine, die der Frau, die er dereinst liebte, verblüffend ähnlich sieht. Als er auf sie zugehen will, hört er was sie mit ihren Freundinnen plappert. Die Mordgedanken währen nur wenige Sekunden. &lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div&gt;Eine Stunde später steht Volkmar auf seiner winzigen Terrasse, die genau auf die Rasenflächen hinauszeigt, auf denen noch immer das Amerikanerpack lungert. Er würde jetzt ganz gerne schlafen, aber der Lärm ist unbeschreiblich. Volkmar raucht die letzte Zigarette für diesen Tag und denkt an zuhause. Ein unangenehmer Wind treibt ihm Sandkörner zwischen die Zähne. Die nächsten drei Monate, so viel weiß er jetzt schon, werden sich von den ersten in keiner Weise unterscheiden. &lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;p&gt;[&lt;a href="http://baerista.blogspot.com/2011/05/volkmar-vii-power-and-glory.html"&gt;Fortsetzung folgt&lt;/a&gt;]&lt;/p&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/4649458722169584895-6598029169156474355?l=baerista.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://baerista.blogspot.com/feeds/6598029169156474355/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/03/volkmar-vi-new-beginning.html#comment-form' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/6598029169156474355'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/6598029169156474355'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/03/volkmar-vi-new-beginning.html' title='Volkmar VI - A New Beginning'/><author><name>Baerista</name><uri>http://www.blogger.com/profile/02373620929944807927</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='24' height='32' src='http://4.bp.blogspot.com/-6EDMQPvqQCU/TfNTJ0t_aSI/AAAAAAAAALw/9MHVgEPq360/s220/BILD1082.JPG'/></author><media:thumbnail xmlns:media='http://search.yahoo.com/mrss/' url='http://4.bp.blogspot.com/-yb_9n5iyUo0/TahDNr8_msI/AAAAAAAAAKk/BgKT2ssbt5k/s72-c/BILD0916.JPG' height='72' width='72'/><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-4649458722169584895.post-9174823772783183898</id><published>2011-03-16T06:15:00.000-07:00</published><updated>2011-05-07T07:31:20.972-07:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Scheuermilch'/><title type='text'>Scheuermilch (5.3)</title><content type='html'>&lt;div align="justify"&gt;&lt;a href="http://4.bp.blogspot.com/-tf6BbDRwwQs/TYC2Bh7zzrI/AAAAAAAAAKU/GNih7fO-L_Y/s1600/Maier.jpg"&gt;&lt;img style="TEXT-ALIGN: center; MARGIN: 0px auto 10px; WIDTH: 294px; DISPLAY: block; HEIGHT: 320px; CURSOR: hand" id="BLOGGER_PHOTO_ID_5584663675344768690" border="0" alt="" src="http://4.bp.blogspot.com/-tf6BbDRwwQs/TYC2Bh7zzrI/AAAAAAAAAKU/GNih7fO-L_Y/s320/Maier.jpg" /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;3. Kapitel&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wem Zeit ist wie Ewigkeit&lt;br /&gt;Und Ewigkeit wie die Zeit,&lt;br /&gt;Der ist befreit&lt;br /&gt;Von allem Streit&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;(Jacob Böhme)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Mit einer vorsichtigen Bewegung schob Wolfgang die Wohnungstüre hinter sich zu und merkte, dass Mike von den wirren, brüchigen Wortgruppen, die so etwas wie einen kursorischen Bericht über die Erkenntnisse der vergangenen Tage hatten darstellen sollen, nicht viel begriffen haben konnte. Durch das Fenster an seiner Bettseite beobachtete er wie sein Besucher die Straße überquerte, um kurz darauf hinter einem Mauervorsprung zu verwehen. Der Abschied war ungewohnt abrupt gekommen.&lt;br /&gt;Wolfgang ging zurück an seinen Schreibtisch und öffnete eine Schublade. Dort lag das Bild, das ihm vorhin so etwas wie einen Schrecken eingejagt hatte. Auch jetzt fühlte er noch ein leichtes Unbehagen. Zu sehr musste er bei seinem Anblick an die von diffusem Kerzenschein illuminierten Abbildungen aus irgendwelchen alten Handschriften denken, die in schlechten Spielfilmen oder Dokumentationen mit okkulten oder diabolischen Themen vorgeführt wurden, um dem Zuschauer ein mulmiges Gefühl zu bereiten. Dabei schien der Kupferstich, der auf dem von Mike gefundenen Zettel abgebildet war, im Grunde harmlos. Er zeigte die Rückenansicht eines Mannes, den man anhand seiner imposanten Kleidung offenbar als Alchemist, Magier oder Gelehrten zu identifizieren hatte, der gerade dabei war, mit einem überdimensionierten Zirkel einen großen Kreis in eine vor ihm stehende Wand zu ritzen. An den meisten Stellen der Wand war der Putz abgebröckelt, so dass die einzelnen Ziegel des Mauerwerks deutlich zu sehen waren. Innerhalb des Kreises befand sich eine Reihe weiterer Figuren, welche der Alchemist offenbar bereits im Vorfeld eingeritzt hatte. Da war ein großes, gleichschenkliges Dreieck, an dessen beiden Schenkeln die oberen Ecken eines Quadrats anlagen, welches sich im Inneren des Dreiecks befand. Das Quadrat wiederum besaß einen Innkreis, in dem sich zwei nackte Menschen, ein Mann und eine Frau, befanden, die man womöglich als Adam und Eva zu interpretieren hatte. Auf dem Boden vor dem Mauerwerk befanden sich noch ein paar geometrisch anmutende Gegenstände. Ein Winkelmesser, etwas, das wie ein auf den Boden gefallenes Kruzifix aussah, sowie, ganz am linken, unteren Bildrand, ein Blatt Papier, auf dem jemand drei geometrische Figuren hinterlassen hatte. Ein scheinbar leicht verunglücktes Oktagon, ein eingekreister Davidsstern sowie ein simples Rechteck. &lt;/div&gt;&lt;br /&gt;Wolfgang starrte weiter auf die abgebildete Szene, auf diese geheimnisvolle Verschachtelung von Kreis – Viereck – Dreieck – Kreis, und je länger er das tat, desto unbekannter begann sie ihm vorzukommen. Dabei hatte er im ersten Augenblick noch das Gefühl gehabt, diesen Kupferstich schon einmal irgendwo gesehen zu haben. Nur wo? Und was noch viel wichtiger war: War es Tommy, der dieses Bild vor Mikes Tür gelegt hatte, genauso wie er den Schlüssel bei ihm liegen gelassen hatte, um ihn bei Zeiten Wolfgang zukommen zu lassen? War daraus zu folgern, dass Tommy hier in der Stadt war? Aber wenn es nicht Tommy gewesen war... Wolfgang sah sich dabei zu, wie er weiter im Bauch seines Schreibtisches kramte und schließlich einmal mehr die beiden Notizhefte in Händen hielt, mit denen am vergangenen Montag alles begonnen hatte. Er begann zu blättern. Immer wieder stolperte er über neue Anhäufungen kaum leserlicher Zeilen, kleiner Zitate, denen er bei der ersten Durchsicht keine bewusste Aufmerksamkeit gezollt hatte. Viele waren mit demselben Schreibgerät eingetragen worden wie der Text, dank welchem Wolfgang drei Tage zuvor das Bahnhofsschließfach gefunden hatte. Wahllos flog sein Blick über diese oder jene Passage, bis sich die Absätze in seinem Kopf zu monströsen Agglutinationen auftürmten, zu einem mäandernden Stutter Rap unverdauter Gedankensplitter, zu einer gurgelnden Pastiche aus Satzpartikeln deren Herkunft manchmal noch zu erahnen war, deren Sinn aber unwiederbringbar verloren schien, ausgespien wie Ballast beim Versuch wenigstens die äußere Form vor dem endgültigen Verschwinden im zerstörerischen Mahlstrom der Referenz zu retten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;em&gt;Beneficia eo usque laeta sunt dum videntur exsolvi posse. Zu viele Querverbindungen rings um den Globus, zu viele Mythologien, Überlieferungen und auch alte Religionen sprechen von den Lehrmeistern aus dem Weltall – La grandeur de l’homme est grande en ce qu’il se connaître misérable. Un arbre ne se connaît pas misérable. Allein die Ahndung will sich selbst in keine feste Formen fügen, und scheint kein höherer Schlüssel werden zu wollen. C’est etre misérable que de se connaître misérable, mais c’est etre grand que de connaître qu’on est misérable. Wenn sich erst einmal eine institutionelle Lösung für ein Problem etabliert hat, wird es schwer, dieses Problem wieder aus der Welt zu schaffen. Quid est veritas? Er bezeichnete mich liebevoll-angeekelt als apolitisch-konservativen Betrifft-mich-nicht-Wicht. Diese Formulierung konnte ich nie wieder vergessen. Sie hat mich geprägt. Wer weise ist, begreife dies alles, wer klug ist, erkenne es. Ja, die Wege des Herrn sind gerade; die Gerechten gehen auf ihnen, die Treulosen aber kommen auf ihnen zu Fall. Was wirklich über das Normalmaß des breiten Durchschnitts hinausragt, pflegt sich in der Weltgeschichte meistens persönlich anzumelden. The clever bird feigns distress to conceal her real nest. Jeder Rationalismus tendiert dahin, den Wert und die Bedeutung des Lebens herabzusetzen und die Gesamtmenge menschlichen Glücks zu verringern. In vielen Fällen kann die Wahrheit zum Selbstmord führen oder zumindest eine fast selbstmörderische Depression auslösen...&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;Wolfgang legte die Aufzeichnungen weg und ging zu dem Fenster neben seinem Bett. Sein Kopf hatte zu schmerzen begonnen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite parkte ein weißer Van, ein Nissan, den er hier noch nie zuvor gesehen hatte. Der Wagen fiel ihm auf, weil seine Scheiben stark getönt waren, so dass es auch bei kurzer Distanz unmöglich war, einen Blick in das Innere des Fahrzeugs zu werfen. Einen Augenblick lang grübelte er über den Grund nach, verlor sich dann aber irgendwo in einer Gedankenschleife.&lt;br /&gt;Eine seltsame Stille schien über der Stadt zu liegen. Von den angrenzenden Straßenzügen drang kein Laut zu ihm herauf, obwohl er das Fenster weit geöffnet hatte. Wolfgang dachte an die vergangenen Tage und musste feststellen, dass er keinen Schritt weitergekommen war. Er horchte noch eine Weile in die Nacht hinein und fühlte sich plötzlich allein. Zum ersten Mal seit langer Zeit.&lt;br /&gt;&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;[&lt;a href="http://baerista.blogspot.com/2011/05/scheuermilch-61.html"&gt;Fortsetzung folgt&lt;/a&gt;]&lt;/div&gt;&lt;/div&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/4649458722169584895-9174823772783183898?l=baerista.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://baerista.blogspot.com/feeds/9174823772783183898/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/03/scheuermilch-53.html#comment-form' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/9174823772783183898'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/9174823772783183898'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/03/scheuermilch-53.html' title='Scheuermilch (5.3)'/><author><name>Baerista</name><uri>http://www.blogger.com/profile/02373620929944807927</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='24' height='32' src='http://4.bp.blogspot.com/-6EDMQPvqQCU/TfNTJ0t_aSI/AAAAAAAAALw/9MHVgEPq360/s220/BILD1082.JPG'/></author><media:thumbnail xmlns:media='http://search.yahoo.com/mrss/' url='http://4.bp.blogspot.com/-tf6BbDRwwQs/TYC2Bh7zzrI/AAAAAAAAAKU/GNih7fO-L_Y/s72-c/Maier.jpg' height='72' width='72'/><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-4649458722169584895.post-962456480330670623</id><published>2011-03-16T06:13:00.001-07:00</published><updated>2011-03-16T06:18:00.501-07:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Scheuermilch'/><title type='text'>Scheuermilch (5.2)</title><content type='html'>&lt;div align="justify"&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;2. Kapitel&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;An illusion is little more than a theft from the eye.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;(Bruce Sato)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wolfgang betrat seine Wohnung und stellte fest, dass sich nichts verändert hatte. Das überraschte ihn leicht. In seiner Küche fand er eine übrig gebliebene Dose Ochsenschwanzsuppe. Er machte sie warm und fühlte sich wie ein Verlierer. Nachdem er drei kleine Schüsseln davon appetitlos in sich hineingeschüttet hatte, war ihm kurz schlecht. Er schaltete MTV ein und gleich wieder aus. Dann räumte er seine Reisetasche leer und sank schließlich auf seinem Bett hernieder. Wolfgang merkte, dass er seine Jacke noch nicht ausgezogen hatte.&lt;br /&gt;Plötzlich klingelte es an der Tür.&lt;br /&gt;„Was siehst du mich so an? Ich hab doch gesagt, ich würde mich melden sobald ich etwas in Erfahrung gebracht habe...“&lt;br /&gt;Wolfgang gab irgendeinen grüßenden Laut von sich und wies Mike an, auf dem Sessel seines Schreibtisches platz zu nehmen, während ihm einfiel, dass er es völlig versäumt hatte, seinen Freund wie versprochen auf den Laufenden zu halten.&lt;br /&gt;„Tee oder Bourbon?“, fragte er etwas schläfrig, um nach einem leisen Zögern anzufügen: „Dazu vielleicht etwas eisgekühlten Reis oder ein paar köstliche Beignets? Einen breiten Gürtel aus Rafia-Bast? Was anderes hab ich leider nicht im Haus...“&lt;br /&gt;„Lass gut sein“, erwiderte Mike wegwerfend. „Gehen wir lieber gleich &lt;em&gt;medias in res&lt;/em&gt;. Ich habe nämlich Neuigkeiten.“&lt;br /&gt;„Schieß los“, sagte Wolfgang und ließ sich auf sein Bett hernieder. Er fühlte wie sein Herz zu klopfen begann.&lt;br /&gt;„Nun ja, während du dich offenbar irgendwo verschanzt hast, um deine Zeit mit Schnaps und verabscheuungswürdigen französischen Libertinismusfibeln zu verschwenden, habe ich mich die letzten beiden Tage über ein wenig an Tommys vermeintlichen Wirkungsstätten umgehört – und gesehen.“&lt;br /&gt;„Die da wären?“, warf Wolfgang mit einer etwas widerstrebenden Neugierde ein.&lt;br /&gt;„Nun ja, zum einen hätten wir da ein Gebäude in der Maxvorstadt, in dem man heute den süßen Künsten der holden Polyhymnia zu frönen pflegt, während es Kunstbanausen wie dir, die nicht über ihre monogame Fixierung auf die kratzbürstige Klio hinauszublicken vermögen, eher als einstmaliger Hauptsitz einer bekannten deutschen Volkspartei geläufig sein dürfte.“&lt;br /&gt;„Was soll ich machen?“, entfuhr es Wolfgang voll Ungemach. „Kunstwerke berühren mich eben nicht. Sie sind nichts als verblassende Materie, die vom Vergangenen kündet. Sie umgeben sich mit Ewigkeit, dabei hat Ewigkeit nichts mit Kunst zu tun. Die Ewigkeit ist hässlich. Sobald man die Schönheit zu verewigen versucht, stirbt sie einen Tod schändlichen Dahinwelkens. Wahre Kunst kann nur das sein, was geschieht. Die eigentliche Kunst, das ist das Modell zu dessen Zeugen sich der Maler oder Bildhauer durch sein Werk macht. Um selbst Künstler zu sein, müsste er hingegen sein Werk zerstören. Miguel de Unamuno hatte völlig Recht als er schrieb, dass das größte Kunstwerk nicht das kleinste Menschenleben wert sei. Die einzige Kunst die wirklich nicht belanglos ist, das ist die Geschichte ihres Fleisches!“&lt;br /&gt;„Willst du damit sagen, dass man versuchen sollte, sein eigenes Leben zum Kunstwerk zu erheben?“, warf Mike mit gespielter Irritation ein.&lt;br /&gt;„Schwachsinn. Das wäre ein Akt bewusster Gestaltung, der zwangsläufig zum Scheitern verurteilt wäre“, grummelte Wolfgang und überlegte, ob er noch irgendetwas über das Fleisch und die Pflicht der Selbstzerstörung hinzufügen sollte, doch die Einsicht, dass er betrunken war und jegliche Fortsetzung dieser stumpfsinnigen Suada seinen Selbsthass nur noch vergrößern konnte, hielt ihn ab. „Jedenfalls, welche Neuigkeiten über Tommy bist du bezüglich seines Studiums an der städtischen Musikhochschule abzuliefern im Stande?“&lt;br /&gt;Mike schien leicht zu zögern, in seinem Blick lag eine uncharakteristische Schwere. „Nun ja, vielleicht gerade eben überhaupt keine Neuigkeiten. Fakt ist nämlich, dass Tommy dort nicht immatrikuliert ist.“&lt;br /&gt;„Hat er etwa abgebrochen?“&lt;br /&gt;„Nein, das wäre ja noch halbwegs erklärlich. Tatsächlich ist es so, dass er anscheinend bisher noch nicht einmal einen Fuß in dieses Gebäude gesetzt hat. Ich hab mir weiß Gott alle Mühe gegeben, Leute an der Hochschule ausfindig zu machen, die zumindest schon einmal den Namen Thomas Weißhäupl gehört haben, habe sogar mit allen in Frage kommenden Gesangsdozenten gesprochen – doch Fehlanzeige. Was immer unser Tommy im vergangenen halben Jahr in München getrieben haben mag, ein Musikstudium gehört ganz bestimmt nicht dazu...“&lt;br /&gt;„Aber das hieße, dass er seine Vermieterin und dich – uns alle – astrein verscheißert hat?“&lt;br /&gt;Doch statt zu antworten gab Mike nur ein müdes Schulterzucken von sich und fuhr dann fort. „Was seinen Teilzeitarbeitsplatz hinter dem Bartresen anbelangt, kann ich dich immerhin beruhigen. Diesen hat er offenbar tatsächlich bekleidet, zumindest an Samstagabenden. Glücklicherweise kenne ich über drei oder vier Ecken einen Typen, einen Jura-Studenten, der sich dort ebenfalls sein Geld verdient. Den habe ich ein wenig in Beschlag genommen.“&lt;br /&gt;„Mit dem Ergebnis, dass er oder nicht?“, ließ Wolfgang seine Worte in einem neugierigen Anakoluth ersterben.&lt;br /&gt;„Frag mich was Leichteres“, seufzte Mike. „Im Grunde konnte er mir nicht das Geringste über Tommy erzählen. Offenbar kam er pünktlich, ging er pünktlich, machte seine Arbeit und wechselte dabei so gut wie kein Wort mit irgendjemanden. Die Ausnahme bildete ein Gast. Ein etwas älterer Typ, den Tommy offenbar von irgendwoher kannte. Er war ein paar Mal zugegen und Tommy muss sich mit ihm bei diesen Gelegenheiten unterhalten haben – zwar jeweils nur kurz, aber doch in einer Art, dass es meiner Quelle aufgefallen ist.“&lt;br /&gt;„Und du hast keinen Schimmer, um wen es sich gehandelt haben könnte?“&lt;br /&gt;„Nein, überhaupt keinen. Ich habe ihn mir natürlich beschreiben lassen, aber besonders schlau bin ich daraus nicht geworden. Mitteleuropäer. Groß, hager, fahles Haar, eingefallene Wangen, misstrauischer Blick...das sind alle Kennzeichen, die ich mir merken konnte. Wenig präzise, ich weiß.“&lt;br /&gt;Für ein paar Augenblicke ertappte sich Wolfgang dabei, wie er in Gedanken grobstichige Phantombilder zeichnete. „Und das ist alles?“&lt;br /&gt;„Es gibt vielleicht doch noch ein kleines Detail. An einem Samstag vor zwei Wochen war der Unbekannte mit den eingefallenen Wangen zum letzten Mal dort. Dabei ist meiner Quelle etwas aufgefallen: Der Typ hatte beim Reinkommen einen Koffer dabei – und als er die Bar verließ, trug er ihn definitiv nicht mehr mit sich.“&lt;br /&gt;„Aber er hat nicht gesehen, was mit dem Koffer passiert ist?“, fragte Wolfgang in einem gepressten Ton.&lt;br /&gt;„Nein, leider nicht.“&lt;br /&gt;„Was war es? Ein schwarzer lederner Aktenkoffer?", flüsterte Wolfgang und hätte die Antwort am liebsten nicht gehört.&lt;br /&gt;„Ganz genau“, erwiderte sein Freund. „Wie bist du darauf gekommen?“ Aber er erwartete offenbar keine Antwort.&lt;br /&gt;„Ach ja“, murmelte Mike nach einigen toten Sekunden mit leichtem Zögern und begann in seinem Rucksack herumzukramen. „Da wäre noch etwas, was ich dir zeigen wollte.“ Schließlich zog er ein Blatt Papier hervor.&lt;br /&gt;„Das habe ich heute Mittag beim Verlassen der Wohnung vor der Türe gefunden. Keine Ahnung, wie es da hingekommen ist, aber ich muss vermuten, dass es mir jemand absichtlich auf den Türvorleger drapiert hat. Ich lasse es dir gerne hier, weil ich mir denke, dass die Chance, dass du vielleicht daraus schlau werden könntest, etwas höher ist als bei mir.“&lt;br /&gt;Wolfgang nahm das Blatt in die Hand und ließ es sofort wieder fallen, so als hätte er sich die Finger daran verbrannt. &lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;p align="justify"&gt;[&lt;a href="http://baerista.blogspot.com/2011/03/scheuermilch-53.html"&gt;Fortsetzung folgt&lt;/a&gt;]&lt;/p&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/4649458722169584895-962456480330670623?l=baerista.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://baerista.blogspot.com/feeds/962456480330670623/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/03/scheuermilch-52.html#comment-form' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/962456480330670623'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/962456480330670623'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/03/scheuermilch-52.html' title='Scheuermilch (5.2)'/><author><name>Baerista</name><uri>http://www.blogger.com/profile/02373620929944807927</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='24' height='32' src='http://4.bp.blogspot.com/-6EDMQPvqQCU/TfNTJ0t_aSI/AAAAAAAAALw/9MHVgEPq360/s220/BILD1082.JPG'/></author><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-4649458722169584895.post-7851310952152909019</id><published>2011-02-26T10:20:00.000-08:00</published><updated>2011-03-16T06:14:19.783-07:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Scheuermilch'/><title type='text'>Scheuermilch (5.1)</title><content type='html'>&lt;a href="http://1.bp.blogspot.com/-KulbaeSv-KE/TW_EXUfWVtI/AAAAAAAAAKE/DMhRXswfyV0/s1600/BILD1418.JPG"&gt;&lt;img style="TEXT-ALIGN: center; MARGIN: 0px auto 10px; WIDTH: 320px; DISPLAY: block; HEIGHT: 240px; CURSOR: hand" id="BLOGGER_PHOTO_ID_5579894368251565778" border="0" alt="" src="http://1.bp.blogspot.com/-KulbaeSv-KE/TW_EXUfWVtI/AAAAAAAAAKE/DMhRXswfyV0/s320/BILD1418.JPG" /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;strong&gt;Fünfter Tag&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;1. Kapitel&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Des Christen Herz auf Rosen geht,&lt;br /&gt;Wenn’s mitten unterm Kreuze steht.&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;(Martin Luther)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Als er seinen Polo bei Nürnberg wieder auf die A9 lenkte, begann es wie aus Kübeln zu regnen. Auf der Fahrbahn bildeten sich kleine Überschwemmungsgebiete, die zunehmend bedrohlich wirkten. Einige Male hatte Wolfgang Angst, ins Rutschen zu geraten, verringerte aber nicht die Geschwindigkeit. Die Autobahn wirkte seltsam leer, obwohl es erst später Nachmittag war.&lt;br /&gt;Während der Fahrt von Berlin nach Erlangen hatten sie kaum gesprochen. Beim Beladen des Wagens waren sie noch übereingekommen, sich am Steuer abzuwechseln. Doch am Ende hatte Philipp, von den paar Anfangskilometern abgesehen, die gesamte Strecke alleine bestritten, fast ohne anzuhalten, während Wolfgang angestrengt versucht hatte, auf dem nach hinten abgesenkten Rückensegment seines Beifahrersitzes so etwas wie Schlaf zu finden. Tatsächlich hatte er die Augen die meiste Zeit geschlossen gehabt, doch das war alles gewesen. Beim Verlassen der Hauptstadt hatte Wolfgang ein Hörbuch von Christian Kracht eingelegt. Sie ließen es zwei Mal durchlaufen, ohne Unterbrechung. Bei manchen Stellen musste Philipp laut lachen. Wolfgang lachte dann jedes Mal mit, ohne zugehört zu haben. Ansonsten passierte nichts. Wolfgang hatte erst realisiert, dass sie in Erlangen angekommen waren, als Philipp vor dem Betonklotz, in dem er wohnte, den Motor abstellte. &lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;Kurz nach Antritt der Weiterfahrt hatte er es zu spüren begonnen, dieses Gefühl in seiner Magengegend, wie von sich langsam verflüssigenden Organabfällen. Die Regentropfen prallten immer schwerer gegen die Scheiben. In seinem Kopf spielte sich etwas ab, ohne dass er hätte eingreifen können. Er sah ein Kino, doch die Leinwand blieb stumm, nur kleine Farbkleckse bildeten sich ab und zu auf der Oberfläche. Als er zum ersten Mal ein Schild mit der Aufschrift „Allersberg“ sah, glaubte er nicht weiter zu können. Seitdem hielt er bei jedem Rastplatz an und rauchte ein paar Zigaretten. Es ging dann gleich etwas besser. Der Regen machte ihm längst nicht mehr so viel aus. Kurz vor Denkendorf musste er einem großen Astteil ausweichen, das quer über der rechten Fahrbahnhälfte lag. Er geriet beinahe ins Schleudern und brauchte mehrere Sekunden, bis er begriff, dass er noch lebte. Einige Ausfahrten lang bildeten sich fortlaufend kleine Schweißperlen auf seiner Stirn. Der Rest der Fahrt verlief ruhig. Christian Kracht las immer noch aus seinem Buch vor, doch Wolfgang hörte ihn längst nicht mehr. Zwei oder drei Mal glaubte er, weinen zu müssen, aber es kam nichts heraus. Nur die Regentropfen prasselten unverändert.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wolfgang wusste, woran ihn diese dicken, schweren Tropfen erinnerten. Es war derselbe Regen wie er während Davids Begräbnis vom Himmel gefallen war. Ununterbrochen, bis sich der Friedhof endlich seiner Besucher entledigt hatte. Die Zeit, die er mit durchweichten Kleidern am Grab gestanden hatte, war ihm wie eine Ewigkeit vorgekommen. Wenn er vorsichtig aufblickte und in die Gesichter der Menschen sah, in die von Davids Eltern und in das von Tommy, dann spürte er wie sich etwas in ihm zusammenzog, ruckartig, so als ob ihn jemand mit einem schwarzen Seidenband erdrosseln wollte. Anschließend blieb er lange an der Pforte stehen. Entlang der Gehsteige hatten sich die kleinen Rinnsale inzwischen in reißende Bäche verwandelt, die gelb verfärbtes Blattwerk mit sich trugen. Trotz des Regens hatte er dort gewartet, bis der Rest der Anwesenden an ihm vorbeigegangen war. Als er anschließend noch einmal zurück auf den Friedhof ging, sah er wie Tommy immer noch über Davids Grab stand. Er bemerkte ihn nicht, sondern stand einfach nur da, in dieser seltsam gekrümmten Haltung, die Haare tropfnass vom Regen; und im Gesicht dieses stille, flehende Entsetzen, das Wolfgang nie mehr ganz hatte vergessen können. Er hatte nie erfahren, wie lange Tommy dort gestanden hatte, an diesem Nachmittag, umgeben vom strömenden Regen und dem gelben Schimmern der Bäume. Irgendwann war er umgekehrt und in sein Auto gestiegen, um nach München zu fahren. Am folgenden Tag würde sein erstes Semester beginnen. Ein neuer Lebensabschnitt wartete auf ihn.&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;Der erste Monat war verhältnismäßig schnell vorüber gewesen. Er stand meist sehr früh auf und verließ das Haus ohne zu frühstücken. Um per Bus und U-Bahn zu seiner Universität zu gelangen musste er zweimal umsteigen. Spätestens ab 10 Uhr saß er in den Lehrveranstaltungen. Dazwischen ging er in die Bibliothek oder erledigte organisatorische Dinge. Mittags aß er in einer Cafeteria, in der es fast nur Mädchen gab, denn im selben Gebäude waren die Institute für Germanistik und Anglistik untergebracht. Manchmal überlegte er, ob er eine von ihnen ansprechen sollte, aber dann unterließ er. Wenn er am Abend die Universität verließ, war es meist schon sehr dunkel, denn der Winter ließ sich nicht aufhalten. Weder die Stadt noch die Universität waren so unübersichtlich, wie er im Vorfeld befürchtet hatte. Anfangs nahm er noch die Flugzettel, die ihm die Leute vor den U-Bahn-Eingängen entgegenstreckten, doch er lernte schnell dazu. Seine Abendmahlzeiten nahm er meist in griechischen Restaurants ein. Er vertilgte teure Gerichte und achtete nicht auf den Preis. Er hätte sonst nicht gewusst, wohin mit seinem Geld. Wenn er schließlich sein Wohnheimszimmer betrat, war es meist bereits spät am Abend. Er legte sich in sein Bett und las in einer lateinischen Grammatik. Es war zu kalt um irgendetwas anderes zu machen, denn die Heizung funktionierte nur sehr schlecht. Außer seinen Büchern hatte er lediglich ein Radio in seinem Zimmer. Er hörte „Deutschlandfunk“ und brauchte lange um einzuschlafen. Insgesamt sprach er in diesen ersten Wochen mit fast niemandem. Er hatte keine Bekannten in München und mit den anderen Wohnheimsbewohnern ins Gespräch zu kommen, war schwer. Die meisten von ihnen konnten nicht besonders gut Deutsch, dafür pissten sie auf den Toiletten daneben. Wenn er am Montagmorgen wieder im Bus saß, wusste er, dass sich die folgende Woche nicht im Geringsten von der Vorangegangenen unterscheiden würde.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;An einem Wochenende kurz vor Weihnachten hatten sie sich dann noch ein allerletztes Mal gesehen. Tommy hatte beschlossen nach Kapstadt zu Bekannten seines Vaters zu fliegen, die dort ein Anwesen besaßen. Es sollte eine Art Abschiedsfeier werden, zu deren Anlass er eine kleine Hütte in den Bergen gemietet hatte. Tatsächlich waren alle gekommen, die Tommy in irgendeiner Weise nahe gestanden hatten. Nur David fehlte. Die Feier war im Großen und Ganzen harmonisch verlaufen. Natürlich waren zu viele Menschen anwesend gewesen, die Tommy noch irgendetwas zu sagen hatten, als dass sie beide genügend Zeit für ein längeres Gespräch unter vier Augen oder dergleichen hätten finden können. Stattdessen war Wolfgang einfach auf einem grauen Sofa gesessen und hatte in sehr kurzer Zeit zwei Packungen Zigaretten geraucht. Manche der Gäste brachten Tommy Geschenke mit. Auch Wolfgang hatte am Vortag noch etwas gekauft. Irgendeine sündteure antiquarische Ausgabe der Ilias aus den 30er-Jahren. Im ersten Moment war ihm das noch wie eine gute Idee vorgekommen. Als er sie Tommy dann aber am Abend mit den Worten „Hier, damit du auf dem Flug was anständiges zu Lesen hast“ überreichte, fühlte er sich wie jemand, der seine Geliebte zu Weihnachten mit einem Messerset oder einem Wagenheber überraschte. Er spürte dass er die Gelegenheit gehabt hätte, Tommy, den er vielleicht auf unbestimmte Zeit nicht mehr sehen würde, etwas mitzugeben, das so etwas wie eine positive Erinnerung an ihre Freundschaft festzuhalten vermochte. Oder zumindest irgendeine Erinnerung. Stattdessen gab er ihm ein Buch, in dem es eigentlich nur darum ging, dass ein paar Argiver Schweine, Ochsen oder Hammel schlachteten, sie vorsichtig am Spieß brieten und dann verschlangen – unterbrochen durch Kampfhandlungen. Tommy hatte natürlich dennoch so getan, als ob es ihn gefreut hätte.&lt;br /&gt;Irgendwann spät in der Nacht, als die meisten Gäste bereits wieder abgefahren oder schlafen gegangen waren, hatte dann doch noch eine Begegnung stattgefunden. Irgendwo in der Tiefe des Raumes hatte Wolfgang ihn abgefangen, um ihm Fragen zu seinen Reisezielen zu stellen. Es hätte vielleicht Dinge gegeben, die ihn mehr interessiert hätten, aber die brachte er nicht heraus. Nach einer Weile merkte er, dass in Tommys Gesicht eine ganz tiefe Schwermut lag, die er nicht zu verstehen glaubte. Am Ende folgte eine Umarmung und sie dauerte recht lang.&lt;br /&gt;„Wann sehen wir uns wieder?“, hatte Wolfgang noch gefragt.&lt;br /&gt;„Wenn alles einmal besser ist“, waren Tommys Worte und er wiederholte sie noch einmal, diesmal ein wenig sanfter. „Wenn alles einmal besser ist.“&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;[&lt;a href="http://baerista.blogspot.com/2011/03/scheuermilch-52.html"&gt;Fortsetzung folgt&lt;/a&gt;] &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt; &lt;/div&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/4649458722169584895-7851310952152909019?l=baerista.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://baerista.blogspot.com/feeds/7851310952152909019/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/02/scheuermilch-51.html#comment-form' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/7851310952152909019'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/7851310952152909019'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/02/scheuermilch-51.html' title='Scheuermilch (5.1)'/><author><name>Baerista</name><uri>http://www.blogger.com/profile/02373620929944807927</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='24' height='32' src='http://4.bp.blogspot.com/-6EDMQPvqQCU/TfNTJ0t_aSI/AAAAAAAAALw/9MHVgEPq360/s220/BILD1082.JPG'/></author><media:thumbnail xmlns:media='http://search.yahoo.com/mrss/' url='http://1.bp.blogspot.com/-KulbaeSv-KE/TW_EXUfWVtI/AAAAAAAAAKE/DMhRXswfyV0/s72-c/BILD1418.JPG' height='72' width='72'/><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-4649458722169584895.post-8328358347155522603</id><published>2011-01-20T16:07:00.000-08:00</published><updated>2011-03-03T08:43:47.505-08:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Scheuermilch'/><title type='text'>Scheuermilch (4.6)</title><content type='html'>&lt;a href="http://1.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TTjLs8yTLKI/AAAAAAAAAJs/jJ1LBhLKe1E/s1600/BILD0990.JPG"&gt;&lt;img style="TEXT-ALIGN: center; MARGIN: 0px auto 10px; WIDTH: 320px; DISPLAY: block; HEIGHT: 240px; CURSOR: hand" id="BLOGGER_PHOTO_ID_5564421312708029602" border="0" alt="" src="http://1.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TTjLs8yTLKI/AAAAAAAAAJs/jJ1LBhLKe1E/s320/BILD0990.JPG" /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;6. Kapitel&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;em&gt;Krojer habe ich deswegen nicht beantwortet, weil er mich erst einmal beleidigt, dann meine Grundaussage in ihr exaktes Gegenteil verkehrt und dann es sehr wichtig hat, mich noch einmal zu beleidigen, bevor er auf das Eigentliche kommt, um dann mit der Stoppuhr zu überprüfen, wie lange ich mit meiner Antwort brauche. Ich sage hier nur, dass er wie alle puren Rechner zu wenig darauf achtet, was gut tradierte Überlieferung und was einfach Rückrechnung ist. Mit besten Grüßen Heribert Illig.&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;(Illig an Jacobi, E-Mail vom 18.2.2000)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Frierend, weil nur mit Boxershorts und T-Shirts bekleidet, standen sie auf dem engen Balkon der Wohnung und überblickten wortlos rauchend den spärlich illuminierten Innenhof des Häuserblocks. Ein dünner Geruch von Hausabfällen und Fahrradkettenöl vermischte sich langsam mit der morgendlichen Nachtluft. Wolfgangs Blick fiel auf verbeulte Garagentore und die Klettergerüste eines angrenzenden Kindergartens. In einer der schräg gegenüberliegenden Wohnungen hörte man ein Baby plärren. Die Häuserwände schimmerten matt gelb.&lt;br /&gt;„Woran denkst du?“, fragte Philipp nach einer Weile und gab dabei einen fröstelnden Laut von sich.&lt;br /&gt;„Ich bin mir nicht sicher,“ antwortete Wolfgang nach einem weiteren Moment der Stille. „Vielleicht stelle ich mir die Frage, ob es wirklich Tommy ist, nach dem wir hier suchen...“&lt;br /&gt;Philipp runzelte die Stirn. „Wie meinst du das?“&lt;br /&gt;„Ich weiß nicht. Es gibt da diese kurzen Momente, in denen ich das Gefühl bekomme, dass ich nur Teil von irgendeinem Spiel bin. Ein Spiel, das sich Tommy ausgedacht hat und von dem nur er die Regeln kennt. Aber trotzdem ist es für zwei Spieler gedacht, verstehst du?“&lt;br /&gt;Philipp schüttelte den Kopf.&lt;br /&gt;„Lass einmal für einen Augenblick das, was wir seit heute Nachmittag gesehen und gehört haben, beiseite und wirf einen Blick auf die Ausgangslage: 14 Monate lang habe ich nichts von Tommy gehört. Kein Brief, kein Besuch, kein Anruf, kein Garnichts. Doch an dem Tag, an dem er beschließt, sich buchstäblich in Luft aufzulösen, bringt er plötzlich meine Telefonnummer ins Spiel. Von allen Menschen auf diesem Planeten, die er von seinem Verschwinden in Kenntnis hätte setzen können, sucht er sich ausgerechnet mich aus. Ist es nicht so? Aber er lässt sich dazu drei Tage Zeit und er tut es auch nicht unmittelbar, sondern benutzt diese Mirjam als Übermittlerin. Ich bin inzwischen sicher, dass das der einige Grund war, warum er sich überhaupt bei ihr verabschiedet hat. Hätte er sie nicht gebraucht, um mir seine Nachricht zukommen zu lassen, wüsste sie wahrscheinlich bis heute nicht genau, ob er wirklich verschwunden oder nur unangekündigt in die Ferien gefahren ist. Aber er belässt es nicht einfach dabei, mir zu sagen, dass er jetzt weg ist, sondern er macht sich vorher auch noch die Mühe, kleine Hinweise auszustreuen. Er präpariert eine Schuhschachtel und versteckt sie unter seinem Bett, weil er genau weiß, dass ich sie dort finden werde. Er sieht auch genau vorher, dass ich mich früher oder später mit Mike treffen werde. Also lässt er den Schlüssel bei ihm liegen, damit ich ihn nehme und damit zum Bahnhof gehe. Trotzdem macht er sich die Mühe und verpackt die Aufforderung dazu in irgendeinem wüsten Rätsel, von dem er natürlich erwartet, dass ich es löse, um dann schließlich mit den 150 Euro nach Berlin zu fahren. Tommy war noch nicht einmal untergetaucht, als er letzten Mittwoch das Geld und den Prospekt in dem Schließfach verstaute, aber er wusste bereits genau, wo ich eine Woche später sein würde. Nämlich in dem Hotel in Berlin. Es war ihm klar, dass ich es so auslegen würde. Aber wenn es ihm nur darum ging, wieso hat er die 150 Euro nicht einfach mit in die Schuhschachtel gelegt, versehen mit einem Post-It-Hinweis &lt;em&gt;Wir sehen uns in Berlin&lt;/em&gt;? Stattdessen lässt er das Rätselraten weitergehen, heißt jetzt plötzlich Jacob Böhme und hortet komische Papierfetzen unter seinem Hotelbett. Stattdessen gibt er mir Hefte mit seinen Aufzeichnungen mit auf den Weg, so als würde da die Antwort auf alle Fragen drinstehen. Stattdessen erfahre ich plötzlich von anderen alle möglichen Dinge über Tommy und seine verkorkste Familie und je länger ich darüber nachdenke, desto weniger glaube ich, ihn je gekannt zu haben. Aber wieso dann alles? Wieso Berlin und wieso ich? Ich werde einfach das Gefühl nicht los, dass Tommy mir mit all dem etwas sagen möchte. Etwas ganz Bestimmtes. Diese ganze absurde Schnitzeljagd ist nichts anderes als eine Botschaft und ich finde einfach nicht heraus worüber. Was wollte er mir unbedingt noch erzählen, bevor er wegging? Seit gestern kommt es mir vor, als würde ich die ganze Zeit mit einem Propellerflugzeug um einen großen schwarzen Felsen kreisen, auf dem jemand mit dicker roter Leuchtfarbe eine Warnung für mich hinterlassen hat. Und ich kann sie nicht lesen, weil ich die Zeichen nicht verstehe. Zwar sehe ich das Signal ganz deutlich vor mir, aber es ergibt keinen Sinn; ich kenne einfach nicht den richtigen Code und deshalb kreise ich immer weiter, bis mir der Sprit ausgeht. Dabei erwartet der Sender des Signals ganz offensichtlich von mir, dass ich den Code kenne. Aber wie konnte Tommy so etwas von mir erwarten? Wenn er mir tatsächlich noch so etwas Wichtiges zu sagen hatte, wieso hat er es dann nicht einfach getan?“&lt;br /&gt;„Hättest du ihm dann zugehört?“&lt;br /&gt;Wolfgang blickte Philipp lange und irritiert an, doch dieser blieb stumm. Das Gezwitscher einiger frühaktiver Vögel zerbrach von irgendwoher die Stille. In einigen Fenstern der gegenüberliegenden Häuserwand ging bereits das Licht an. Aus der Wohnung über ihnen drang nässendes Husten. Zwei, drei Mal bellte ein Hund. Von der Straße wehten einige Songzeilen aus der Anlage eines vorbeifahrenden Autos herüber und Wolfgang erkannte, dass es &lt;em&gt;He Ain’t Heavy, He's My Brother&lt;/em&gt; in der Aufnahme der Hollies war. Philipp drückte seine Zigarette in dem mitgebrachten Aschenbecher aus und sah auf seine Armbanduhr. Dann nahm er die Brille ab und fuhr langsam über seine Lider. Seine Stimme klang auf einmal sehr kalt.&lt;br /&gt;„Schon bald 5 Uhr. Wir sollten noch ein wenig schlafen und dann gegen Mittag losfahren. Am frühen Nachmittag kommt Michael zurück. Wenn alles glatt geht, sind wir dann bereits auf dem Weg nach Hause. Es gibt hier nichts mehr für uns zu tun.“&lt;br /&gt;Wolfgang blickte leicht zur Seite. Dann nickte er leise. Kein Wort kam mehr über seine Lippen. &lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;[&lt;a href="http://baerista.blogspot.com/2011/02/scheuermilch-51.html"&gt;Fortsetzung folgt&lt;/a&gt;]&lt;/div&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/4649458722169584895-8328358347155522603?l=baerista.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://baerista.blogspot.com/feeds/8328358347155522603/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-46.html#comment-form' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/8328358347155522603'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/8328358347155522603'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-46.html' title='Scheuermilch (4.6)'/><author><name>Baerista</name><uri>http://www.blogger.com/profile/02373620929944807927</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='24' height='32' src='http://4.bp.blogspot.com/-6EDMQPvqQCU/TfNTJ0t_aSI/AAAAAAAAALw/9MHVgEPq360/s220/BILD1082.JPG'/></author><media:thumbnail xmlns:media='http://search.yahoo.com/mrss/' url='http://1.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TTjLs8yTLKI/AAAAAAAAAJs/jJ1LBhLKe1E/s72-c/BILD0990.JPG' height='72' width='72'/><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-4649458722169584895.post-5097185297869668231</id><published>2011-01-13T01:11:00.001-08:00</published><updated>2011-01-20T16:08:45.519-08:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Scheuermilch'/><title type='text'>Scheuermilch (4.5)</title><content type='html'>&lt;a href="http://2.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TS7Bgh8_QEI/AAAAAAAAAJk/g8LZCSSZRJc/s1600/BILD1606.JPG"&gt;&lt;img style="TEXT-ALIGN: center; MARGIN: 0px auto 10px; WIDTH: 240px; DISPLAY: block; HEIGHT: 320px; CURSOR: hand" id="BLOGGER_PHOTO_ID_5561595354463289410" border="0" alt="" src="http://2.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TS7Bgh8_QEI/AAAAAAAAAJk/g8LZCSSZRJc/s320/BILD1606.JPG" /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;5. Kapitel&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Doch von ganz neuem Sinn wird er durchdrungen,&lt;br /&gt;Wie sich das Bild ihm hier vor Augen stellt.&lt;br /&gt;Es steht das Kreuz mit Rosen dicht umschlungen.&lt;br /&gt;Wer hat dem Kreuze Rosen zugesellt?&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;(J. W. v. Goethe: Die Geheimnisse)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Als Wolfgang erwachte, befand er sich in einem gigantischen Bierzelt. Sein Rücken schmerzte. Eine drückende Hitze raubte die Luft zum Atmen und ließ die Eindrücke des Orkans, der um ihn herum zu toben schien, ineinander verschwimmen. Das Zelt mochte etwa zehntausend Menschen Platz bieten und war bis zum Bersten gefüllt mit betrachtenjankerten Rentnerehepaaren, die wie wild auf den Bänken und Tischen tanzten und dabei einen ohrenbetäubenden Lärm erzeugten, so dass er nicht im Stande war, die Musik, die durch eine von der Decke hängende P.A.-Anlage von ungeheuren Ausmaßen in alle Richtungen des Saales verteilt wurde, aus dem allgemeinen Getose herauszuhören. Hie und da drängten sich stämmige Kellnerinnen nebst bierbäuchigen Schankwirten durch die in alle Richtungen schwappende Masse um Maßkrüge, Schweinshaxn und wagenradgroße Brezen an ihren Bestimmungsort zu bringen und während sich Wolfgang langsam aufraffte und den feinen Sandstaub von seinen Kleidern klopfte, den er überall auf dem Boden verteilt vorfand, fielen ihm auch einige schnauzbärtige Perser auf, die vereinzelt in langen weißen Gewändern in der Menge Platz genommen hatten, um dem wilden Treiben stummen und fragenden Blickes beizuwohnen. Wolfgang robbte sich an der großen Bühne in der Mitte des Areals vorbei, auf der eine ihm unbekannte Band mit schwarzen Lederhosen und geschmacklosen bunten Hemden synchron ihre Unterkörper zum Vollplayback bewegte, ohne sich wirklich von der Stelle zu rühren. Im auffallenden Kontrast zum Areal rund um die Bühne, in dem nach wie vor unüberschaubare Menschenmassen tobten, war der Sitzbereich in der Nähe der Bierschwemme und der angrenzenden Ochsenbraterei beinahe verwaist. Ein seltsam kühles Dunkel lag über den Bierbänken. Unter den hautpsächlich weiblichen Gästen, die dort vereinzelt saßen und Brotzeit machten, entdeckte er plötzlich Tommy. Aufgeregt eilte Wolfgang zu der entsprechenden Sitzreihe und fiel seinem Freund um den Hals. „Mein Gott, bin ich froh, dich zu sehen. Wir haben dich schon überall gesucht.“&lt;br /&gt;„Mich gesucht, wieso das denn?“&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;„Na ja“, antwortete Wolfgang verunsichert. „Du warst doch so lange verschwunden...“&lt;br /&gt;„Wie kommst du denn darauf? Ich war doch die ganze Zeit hier.“&lt;br /&gt;„Wo hier?“, sah sich Wolfgang außer Stande etwas anderes zu sagen.&lt;br /&gt;„Na hier. Ist doch klar“, pochte Tommy auf die völlige Einsehbarkeit seiner Aussagen. „Und wo kommst DU eigentlich her?“&lt;br /&gt;„Von da...“, antwortete Wolfgang und deutete in Richtung des von Sand, Zigarettenfiltern und Schuhabrieb verschmutzten Holzbodens im Haupteingangsbereich des Bierzeltes. Er begann zu stottern. „Das ist...seltsam..."&lt;br /&gt;„Nein, du bist seltsam“, erwiderte Tommy fast ein wenig bösartig. Er hatte sich inzwischen von irgendwoher eine große Breze besorgt, an der er genüsslich nagte, während er angestrengt nach einer Kellnerin Ausschau hielt. &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;„Verflixt, ich hab’ Durst,“ schimpfte er. „Kann ich dir auch was bestellen, wenn du aus deinem Trancezustand erwacht bist?“&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;Plötzlich schien es totenstill im Saal. Kaum war ihm dieser Gedanke gekommen, zerbrach die Stille mit einem Ruck und sofort war wieder das ohrenbetäubende, roboterhafte 4/4-Taktineinanderklatschen von zwanzigtausend Rentnerhänden zu hören, das trotz der Randlage seiner Bierbank von allen Seiten gleichzeitig zu kommen schien. Angestrengt versuchte Wolfgang einmal mehr irgendwo die den Rhythmus vorgebende Klangquelle auszumachen, doch so sehr er sich auch abmühte, er konnte keine Musik erkennen, nur stoßweise glaubte er irgendwo in dem Chaos aus durcheinander purzelnden Frequenzen eine Tuba röhren zu hören. Ohne genau zu wissen, warum, begann auf einmal auch er seine Handflächen wild und energisch im Takt des Zeltes gegeneinander zu schlagen und dabei rhythmisch mit dem Oberkörper hin und herzuschunkeln und im Nu fühlte er sich wohler, die Atmosphäre im Saal schien ihm weniger grell und bedrohlich als noch Augenblicke zuvor. Tommy schenkte ihm einen verächtlichen Blick. „Was zum Teufel machst du da?“ &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;„Was schon?“, gab Wolfgang zurück. „Debiles Geklatsche gehört doch dazu, wenn man ins Stadl geht. Komm, du musst auch mitmachen. Komm, Tommy. Sei kein Spielverderber. Aufgeht’s! 1,2,3,4...“&lt;br /&gt;„Siehst du hier irgendjemand klatschen?“, kreischte Tommy und machte dabei eine Leukotomie andeutende Handbewegung. &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;„Der ganze verdammte Saal klatscht doch!“, gab Wolfgang unbeirrt heraus „Ich versteh’ gar nicht was du...“. Er verstummte. Tatsächlich klatschte von den Menschen, die in einem Umkreis von etwa 15 Metern von ihnen entfernt saßen, kein einziger. Es waren dort nur wenige Plätze besetzt, an denen ausschließlich alte Männer mit aufgedunsenen Gesichtern saßen und träge über ihren Maßkrügen hingen. Manche von ihnen hatten eine Zigarette im Mund, aber kein einziger machte Anstalten, sich zu rühren. Wenige Meter weiter, jenseits einer die weiträumigen Bierbankkarrees trennenden Durchgangsschneise, bot sich hingegen das gewohnte Bild: Massen von ausgelassen auf den Biertischen herumtrampelnden alten Menschen, Kopf schüttelnde Schnurrbartperser und wuselndes Bedienungspersonal, allesamt getaucht in ein heißes, gleißendes Licht, das von Minute zu Minute stärker zu werden schien. Wolfgang verharrte mitten in der Bewegung seiner aneinander geknallten Handflächen und starrte Tommy mit offenem Mund an. Erst jetzt fiel ihm auf, dass sich sein Freund gegenüber ihrer Schulzeit sehr verändert hatte. Sein Gesicht war glatt rasiert, die Haut tief braun gebrannt und von einer auffallenden, lotionsbehandelten Glätte. Seine golden beringten Hände hatten offensichtlich mehrere Manikürestunden im Beautysalon hinter sich und auch die haargelfeuchte Frisur auf Tommys Kopf musste einiges an Zeitaufwand verschlungen haben, ebenso wie der gut durchtrainierte Oberkörper, der in einem Seidenhemd von Christian Berg unter einem dreiteiligen, dunkelblauen Anzug mit feinen Nadelstreifen von Windsor steckte. An seinem linken Arm prangte eine goldene Tag-Heuer und der hellblaue Seidenschlips von J.D. Fielding wurde von einer brillantverzierten Krawattennadel gehalten. Am meisten irritierte jedoch Tommys Blick, dem völlig die Wärme abhanden gekommen zu sein schien, die ihn stets ausgezeichnet hatte. Schließlich überwand sich Wolfgang und stellte ihm wieder die Frage, die ihm am meisten auf dem Herzen brannte:&lt;br /&gt;„Was war denn eigentlich die ganze Zeit los mit dir? Was hast du das letzte Jahr über gemacht?“&lt;br /&gt;„Was soll das denn jetzt schon wieder werden?“, sah ihn Tommy blasiert an.&lt;br /&gt;„Ich meine es ernst, Tommy. Ich weiß doch genau, dass irgendwas nicht in Ordnung war.“ Wolfgang sprach leise und eindringlich.&lt;br /&gt;„Tut mir leid, ich verstehe einfach nicht, was du meinst. Was soll denn nicht in Ordnung gewesen sein? Ganz im Gegenteil. Es ist alles stets in bester Ordnung. Das ist alles eine Frage der Einstellung, alles eine Frage des Bewusstseins. Man muss nur seine psychischen Zentren entwickeln, sich mit den kosmischen Kräften abstimmen. Wenn man erst einmal einen höheren Bewusstseinsgrad erreicht hat, spielen doch solche Banalitäten gar keine Rolle mehr. Es gibt ohnehin nur eine Ordnung und das ist die Ordnung des Kosmos. Sie gilt es zu erkennen und sonst nichts,“ erwiderte Tommy hastig und abweisend, während er in eine andere Richtung sah. Wolfgang starrte verzweifelt auf Tommys Armbanduhr, die 1:20 Uhr anzeigte.&lt;br /&gt;„Wieso hast du uns eigentlich nie gesagt, dass sich deine Mutter...“&lt;br /&gt;„Lass gefälligst meine Mutter aus dem Spiel!“, unterbrach ihn Tommy wütend indem er sich blitzschnell zu ihm umdrehte. Sofort wurde sein Tonfall wieder etwas sanfter. „Meiner Mutter geht es ohnehin hervorragend. Ich verstehe gar nicht, was du willst. Du scheinst mir offenbar verwirrt zu sein, mein lieber Wolfgang. Ein wenig Meditation und Kontemplation, eine Prise Training in Visualisation, Imagination und Konzentration würde dir bestimmt gut tun.“&lt;br /&gt;„Aber...,“ stammelte Wolfgang und fühlte, wie seine Kräfte plötzlich schwanden.&lt;br /&gt;„Still jetzt,“ zischte Tommy „Ich möchte hier nichts verpassen. Schau nach vorn, es geht weiter!“&lt;br /&gt;Tatsächlich schien sich weiter vorne in der Mitte des Zeltes etwas zu tun. Die dort aufgestellte Bühne hatte in der Zwischenzeit einen völligen Umbau erfahren. Auf einem großen Monitor, der unter der Zeltdecke montiert war, bot sich ein Blick von oben auf eine monströse, rondellartige Konstruktion auf Glas und Stahl. Die Oberfläche der Bühne bestand aus einem matten, milchglasartigen Material, auf dem in unterschiedlichen Grautönen ein Gewirr aus Motiven und geometrischen Formen aufgemalt war. Das Zentrum wurde von zwei Ringen gebildet, die konzentrisch um den Bühnenmittelpunkt verliefen. Der äußere Ring war auf seinen entgegensetzten Seiten mit den Worten &lt;em&gt;Aeussere&lt;/em&gt; und &lt;em&gt;Welt&lt;/em&gt; besetzt, welche von Sonnen- und Mondsymbolen und kleinen Dreiecken begleitet wurden. Der Mittelpunkt selbst bestand aus einem großen, weißen H. Dort trafen sich auch die Spitzen zweier gleichseitiger Dreiecke, die ihrerseits wieder von Kreisen, in ihrer Größe mit dem Umfang des inneren Ringes identisch, gesäumt waren. Abgesehen von einer strahlenartigen Maserung, die über die gesamte Bühnenoberfläche verlief, war die Fläche des Umkreises, in dem das eine Dreieck stand, völlig weiß. An den Innenseiten dieses Dreiecks lag ein weiterer Kreis an, der ein großes S umgab, und seinerseits von einer Reihe anderer, scheinbar zusammenhangsloser Buchstaben umgeben wurde. Der Umkreis des anderen Dreiecks, in dessen Mitte ein V zu sehen war, schien das Gegenstück hierzu zu sein. Er war in ein dunkles, fast schwarzes Grau getaucht, das in einen Wirbel aus einer unendlichen Vielzahl konzentrischer, dunkler Ringe zerfiel, die sich dann im Inneren es Dreiecks aufhellten und breiter wurden, so dass sie der Zeichnung eines Sphärenmodells ähnelten. Auch in diesem Dreieck war eine Reihe von Buchstaben zu sehen, allerdings weniger als bei seinem Gegenstück. Auffallender waren die weißgrauen Flammen, die um die Seiten des Dreiecks herumzüngelten und einen düsteren Gesamteindruck hervorreifen. Um diesen Mittelteil aus drei gleichgroßen, ineinander verschlungenen Kreisen gruppierten sich etwas weiter außen zwei weitere Ringe, die aus einer großen Zahl von Augen bestanden, wobei jeweils ein Auge des äußeren und eines des inneren Kreises einander zugewandt waren, so als blickten sich an. Zwischen diesen Augenpaaren verliefen links und rechts der Mitte die Schriftzüge &lt;em&gt;Spiegel&lt;/em&gt; und &lt;em&gt;Der Weisheit&lt;/em&gt;. Noch etwas weiter außen, am Rande des Bühnenrondells, verlief eine weitere Reihe von einander gegenüberliegenden Schriftzügen, darunter Worte wie &lt;em&gt;Ungrund&lt;/em&gt; und &lt;em&gt;Ewige Freyheit&lt;/em&gt;.&lt;br /&gt;Die Mitte der Bühne schließlich war offenbar unterkellert und mit einer Aufzugvorrichtung versehen worden, denn nur so erklärte sich das Ereignis, das sich dem fasziniert applaudierenden Publikum nun darbot. Es war Karl Moik, der plötzlich wie von Geisterhand dem von Scheinwerferlicht und Kunstnebel eingehüllten Bühnenboden entstieg, ja förmlich entschwebte und sich nach dieser überraschenden volkstümlichen Moderatorenepiphanie galant in alle Richtungen verbeugte. Er trug keinen Trachtenjanker, sondern einen klassischen schwarzen Smoking mit weißem Hemd, und anstatt Filzhut zierte seinen Schädel ein schwarz glänzender Zylinder. Am auffälligsten waren jedoch der lange, scharlachrote Umhang, der von Moiks Schultern wehte, die ebenso scharlachrote Fliege, die er statt einem Schlips am Hals trug, und das gleichfarbige Tuch, das aus einer seiner Brusttaschen ragte. Tommy saß aufrecht und wie gebannt auf seinem Platz und applaudierte johlend bei jeder neuen Pose, die Moik zur Begeisterung der Massen auf dem Podium einnahm und dabei seltsame Zeichen mit dem schwarzen Stab, den er an einem vergoldeten Knauf in seinen weiß besamthandschuhten Händen hielt, in die Luft malen zu schien. Schließlich ebbte der Applaus langsam ab und Moik begann einen Monolog, dem es auch Wolfgang nicht schaffte nur ein Iota an Aufmerksamkeit zu entziehen:&lt;br /&gt;„Ja mei, meine Damen und Herren, liebe Freunde der volkstümlichen Musik, da sind wir wieder. Wir haben heute Abend aber auch ein wirklich grandioses Publikum, ich glaube so ein gutes Publikum hatten wir überhaupt noch nie, Applaus zurück an sie alle, meine Damen und Herren, und ich kann nur noch einmal betonen, dass dieser Abend wirklich etwas ganz, ganz Besonderes ist, voller unvergesslicher Momente, ich kann es kaum in Worte fassen, wie mich das alles hier bewegt, da müsst’ ich schon ein Dichter sein. Aber jetzt kommen wir zu unseren ersten Gästen, einer jungen aufstrebenden Kapelle von richtigen Vollblutmusikanten, die einen ganz besonderen Hintergrund vorzuweisen haben, eine ganz interessante Geschichte, die ich ihnen, liebe Stadlfreunde, einmal kurz zum Besten geben muss. Langjährige Zuschauer erinnern sich sicher noch gerne an unseren sehr erleuchteten, inzwischen leider Gottes verstorbenen C.R., der über Jahrzehnte hinweg immer wieder ein gern gesehener Gast in unserer Sendung war, in über 100 Ausgaben des Stadls war er mit dabei und hat uns mit all seinen großen Schlagern beglückt, darunter unvergessene Melodien der volkstümlichen Musik wie beispielsweise das kunstvolle Rotae Mundi oder das nützliche Proteus. Ein absoluter Ausnahmemusikant, dieser Mann, und ich kann voller Stolz und Ehre behaupten, dass ich diesen großartigen Menschen in all den Jahren zu meinen Freunden zählen durfte." Moik wischte sich eine kleine Träne aus dem linken Auge. &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;"Ja, er war wirklich etwas ganz Besonderes, der C.R. Aufgewachsen ist der unter ärmlichen Bedingungen, und das obwohl seine Eltern blaublütig waren. Schon mit fünf Jahren ist er in ein Kloster gegeben worden und dort hat er das außerordentliche Glück gehabt, dass ihm eine umfassende humanistische Bildung zuteil geworden ist. In seiner Jugend hat er dann einen Bruder seines Klosters auf eine Wallfahrt zum heiligen Grab in Jerusalem begleitet, ein Unternehmen, das durchaus traumatisch für ihn ausgefallen sein muss, weil dieser väterliche Freund noch auf Zypern seinen letzten Atemzug getan hat, ohne jemals das geheiligte Land zu Gesicht bekommen zu haben. Und von da an beginnt eine wahre Odyssee in seinem Leben, er macht Station in Damaskus, in Jerusalem, kommt dann nach Damcar in Arabien, durchaus unter vielen Strapazen, aber er besaß ja glücklicherweise eine starke deutsche Konstitution, sie verstehen, hehe, und dort in Damcar lernt er dann die arabische Sprache, erwirbt umfangreiche Kenntnisse in Physik und Mathematik und macht sich an eine lateinische Übersetzung des Buches M. Und da war er gerade einmal sechzehn Jahr alt, der Bub, da kann man einmal sehen, ich sag’s ja immer, wenn heute alle jungen Burschen so tüchtig wären, hätten wir einige Probleme weniger, aber Schwamm drüber. Von Arabien geht’s dann nach drei Jahren weiter ins schöne Ägypten und von dort bereist er den ganzen Mittelmeerraum, erweitert ständig seinen Wissensschatz und kommt schließlich ganz im Westen nach Fez, wo er von den alten Weisen in die Geheimnisse der volkstümlichen Musik eingewiesen wird. Und eins muss man in dem Zusammenhang schon einmal betonen: Es ist schon ein wenig eine Schande für uns Europäer, wenn man sich anschaut wie einig und harmonisch die Gelehrten dort unten zusammenarbeiten und bereit sind, anderen ihre Geheimnisse zu eröffnen. Die Araber und Afrikaner kommen jedes Jahr zusammen und tauschen ihre Ideen aus, immer bemüht die allgemeinen Kenntnisse in der Mathematik, der Physik, der Magie und natürlich auch in der Musik zu verbessern. Was hätten wir im Deutschen Reich nicht alles für tüchtige und gelehrte Musikanten, Magier, Mediziner, Kabbalisten und Philosophen, aber bei uns hapert’s halt an der Zusammenarbeit. Jeder versucht sein eigenes Supperl zu kochen und wenn’s dann einmal an die Kooperation geht, endet es immer gleich in Meinungsverschiedenheiten und Streitschriften, aber was erzähl’ ich ihnen da, sie wissen’s eh, wir erleben’s ja Tag für Tag, und ich denke, man könnte sich die Fessaner schon einmal ein wenig zum Exempel nehmen," sagte Moik und seufzte laut auf. &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;"Unser hochgeschätzter C.R. hat dort unten jedenfalls wesentliche Schritte zur Entwicklung seiner musikalischen wie philosophischen Kunstfertigkeit gemacht, immer darauf bedacht, dass seine Musik in völliger Übereinstimmung mit der Harmonie der ganzen Welt steht, denn Harmonie zwischen allen Gliedern der Natur, meine Damen und Herren, ist bekanntlich der Schlüssel zu Allem. Nach zwei Jahren hat er Fez um vieles reicher wieder verlassen und ist schnurstracks nach Spanien hinübergeschifft, weil er verständlicherweise gehofft hat, dass sich die Gelehrten Europas über das sichere Fundament, das er ihnen dank seiner Erkenntnisse nun für ihre Wissenschaften zu liefern im Stande war, freuen würden. Er hat sich wirklich redlich bemüht alle an einen Tisch zu bringen und sie in seine Geheimnisse einzuweihen, aber was haben’s gemacht die Hirschen? Richtig, ausgelacht haben’s ihn! Keiner von ihnen war bereit, seine Irrtümer einzugestehen, jeder war nur auf seine persönliche Ehrenrettung bedacht, von Kooperationsgeist keine Spur, nicht nur in Spanien, sondern in ganz Europa ist ihm die gleiche Leier vorgespielt worden, von Fortschrittsdenken keine Spur. So sieht’s halt traurigerweise aus, bei uns auf dem alten Kontinent. Es gab zwar sicher durchaus einige, wie den guten alten Theophrast, die den einen oder anderen richtigen Gedanken zu fassen im Stande waren, aber sie haben sich von all den Naseweisen in die Ecke drängen lassen und waren am Ende mehr damit beschäftigt, den ständigen Schmähungen der Vorwitzigen Paroli zu bieten, als sich um die Mitteilung und Verbreitung ihrer Künste zu bemühen. Unser C.R. ist indes natürlich wieder nach Deutschland gezogen, das er immer noch ganz besonders liebte, schon allein ob der sich dort bereits abzeichnenden großen Reformation in der volkstümlichen Musik. Doch da nach fünf Jahren immer noch nicht der ersehnte Ruck durchs Land gegangen war, hat er sich ein Herz gefasst und sich an die Gründung einer eigenen Gruppe von fähigen Musikanten gemacht und der Rest ist, wie man so schön sagt, Musikgeschichte. Es war auch wirklich eine illustre Kapelle, die da damals entstanden ist, anfangs noch mit vier Mitgliedern, später erweitert auf acht Leute mit so wohlklingenden Namen wie G.V. am Schlagwerk, I.A. am Akkordeon, der I.O. an der Klarinette, der R.C. – der Cousin vom C.R. – an der Tuba, der F.B., der nebenher auch ein talentierter Hobbymaler war, an der Posaune, der G.G. hat die Gitarre gezupft, der P.D. die Zither gestreichelt und der C.R. war natürlich der Sänger und hat nebenher noch die Trompete geblasen und zusammen haben sie – übrigens alles Deutsche, bis auf den I.A. – über viele Jahrzehnte mit so wunderbaren Alben wie Mysterium und den Axiomen unser aller Leben aufs höchste bereichert." Moik hielt ergriffend inne und blickte nach oben.&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;"Ja, und angesichts der Tatsache, dass wir den sehr verehrten C.R. und seine Kameraden jetzt schon seit über 120 Jahren vermissen, hat es uns alle sehr gefreut, zu erfahren, dass sich vor kurzen eine neue Kapelle gegründet hat, die gewissermaßen die musikalische Tradition dieser famosen Persönlichkeiten fortzuführen im Sinne hat. Ihr erstes Album mit dem schönen Titel Nach einhundertzwanzig Jahren werde ich offen sein hat in Österreich bereits Goldstatus erreicht, Tendenz steigend, und das war natürlich mehr als Grund genug, diese aufstrebende junge Truppe zu uns ins Stadel einzuladen, begrüßen sie deshalb mit einem donnernden Applaus: Die Original Oberkrainer ROSENKRATLER.“&lt;br /&gt;Tommy begann wie wild zu pfeifen und zu jubeln. „Ja! Endlich sehe ich sie. Darauf hab ich mein ganzes Leben lang gewartet. Mein ganzes, verfluchtes Leben lang,“ schrie er Wolfgang begeistert ins Ohr, um sich in dem allerorts aufbrandenden Lärm überhaupt noch akustisch verständlich machen zu können. Wolfgang starrte nur mit fassungslosem Erstaunen auf die Bühne, die nun von acht jungen Männern in Krachledernen und roten Strickwesten betreten wurde. Sie verbeugten sich artig in alle Richtungen und zogen dabei ihre riesigen grauen Tirolerhüte, die bis zur Spitze etwa eineinhalb Meter hoch ragten und mit roten Rosen bestickt waren, deren drei Blüten im 90-Grad-Winkel voneinander wegzeigten und so eine stilisierte Kreuzform erzeugten. Darüber waren die hebräischen Schriftzeichen des Namens Gottes zu sehen, die in derselben roten Farbe um den Hut herumliefen. Gleichzeitig wurde ein gigantisches Banner von der Zeltdecke gelassen, auf der, eingerahmt durch dieselben Symbole, der Satz &lt;em&gt;SUB UMBRA ALARUM TUARUM JEHOVA&lt;/em&gt; in grellroten Buchstaben zu lesen war. Karl Moik umarmte jeden einzelnen von ihnen mit geradezu erschütternder Herzlichkeit und begann dann über die letzten Ausläufer des langsam abebbenden Applauses wieder seine Stimme zu erheben:&lt;br /&gt;„Servus Burschen, ich find’ das ja wirklich saustark von euch, dass ihr den ganzen weiten Weg hierher zu uns gemacht habt, ihr macht uns damit eine kolossale Freude, ganz zu schweigen von eurer Fangemeinde auf der ganzen Welt. Bevor ihr uns mit eurer zünftigen Musi erfreut, müsst ihr uns aber noch ein wenig von euch erzählen, vor allem interessiert uns natürlich, wie eure Kapelle entstanden ist.“&lt;br /&gt;Einer der jungen Männer, die sich untereinander weder durch Körpergroße noch durch ihre Gesichtszüge unterschieden, nahm ein Mikrophon in die Hand und hub seinerseits an zu sprechen:&lt;br /&gt;„Ja, erst einmal vielen herzlichen Dank für die Einladung, wir wissen diese Gelegenheit, vor einem Milliardenpublikum zu spielen, natürlich zu schätzen und möchten dem ganzen Stadlteam ein dickes Lob für seine hervorragende Arbeit aussprechen. Zu unserer Gründung ist anzuführen, dass wir seit je her mit unserem sehr verehrten Vater C.R. und seiner musikalischen Tradition eng verbunden sind, denn man muss wissen, dass der C.R. und seine sieben Brüder im Geiste sich damals jeweils eines fähigen jungen Musikanten angenommen haben, um sie für ihre zukünftige Nachfolge auszubilden. Und es ist diese Nachfolgegeneration, die schließlich wiederum zu unseren Lehrmeistern geworden sind und uns über Jahre hinweg mit liebevoller Sorgfalt auf das Musikantenleben vorbereitet haben, da es unsere Bestimmung war, 120 Jahre nach dem Ableben unseres sehr erleuchteten und geliebten Vaters C.R. eine neue Kapelle zu gründen und die Welt mit unseren Melodien zu beglücken.“&lt;br /&gt;„Da legst dich nieder! Das ist ja der helle Wahnsinn. Oder hätten sie das gedacht, meine Damen und Herren?“, polterte Moik vergnügt.&lt;br /&gt;„Ja, ja, es ist schon ein etwas ungewöhnliche Geschichte“, gab der Sprecher der Gruppe zu. „Vor allem, weil wir von unserer bevorstehenden Gründung erst ziemlich spät erfahren haben und auch das eher durch Zufall. Einer von unseren Mitbrüdern, der Jackl da hinten war’s," - einer der Tirolerhutträger hob verlegen den Arm - "hat die Grabkammer unseres so sorgfältigen und klugen Vaters C.R. entdeckt und dort drinnen haben wir eine Inschrift gefunden, die uns unsere Mission kundgetan hat. Und außerdem waren in dieser Grabkammer auch die Musikinstrumente verborgen, die schon damals von der Kapelle des hoch erleuchteten Gottesmannes, unseres Vaters C.R., verwandt worden waren und zum Andenken an diese großartigen Musikanten spielen wir auch heute auf diesen kostbaren musikalischen Kleinodien. In der Mitte der Grabkammer stand schließlich ein Altar, auf dem ein kleines Büchlein lag, geschrieben von unserem erwürdigen Vater, in dem er uns all sein geheimes musikalisches Wissen hinterlassen hat, und als wir diesen Altar mit vereinten Kräften beiseite schoben, fanden wir den Leichnam unseres hochgeschätzten Vaters, und wir können ihnen allen voller Stolz berichten, dass sein schöner und ehrwürdiger Körper völlig unversehrt und ohne jede Verwesung war.“ Im Publikum war ein begeistertes Raunen zu hören.&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;„Ja, da schau her. Das ist ja wirklich sensationell, was ihr Burschen uns hier berichtet. Völlig unverwest nach 120 Jahren! Das schaut unserem guten alten C.R. natürlich wieder ähnlich. Ein Hund war er schon, gell?“, jovialte Moik wieder umtriebig.&lt;br /&gt;„Ja, das war in der Tat aufregend“, antwortete das Bandmitglied beschwichtigend. „Inzwischen gibt es uns bereits seit drei Jahren, aber natürlich hat es ein Weilchen gedauert, bis wir einen Plattenvertrag bekommen haben, an dieser Stelle auch viele Grüße an die Bertelsmann Media Group, die uns so freundlich in den Kreis der BMG-Artists aufgenommen hat.“&lt;br /&gt;„Ja, wunderbar!“, fiel ihm Moik ins Wort „Aber ich glaube es ist nun genug der vielen Worte, jetzt wollen wir natürlich auch was von euch hören. Welchen Titel habt ihr uns denn heute mitgebracht?“&lt;br /&gt;„Unsere aktuelle Single mit dem Namen „&lt;em&gt;Ex Deo nascimur, in Jesu morimur, per Spiritum Sanctum reviviscimus&lt;/em&gt;“ &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;„So ein schöner Titel! Da freuen wir uns jetzt alle ganz gewaltig drauf, aber bevor ihr uns jetzt einen aufspielt, würde mich als alten Freund und Bewunderer eures geistigen Vaters, der ja stets ein Musiker mit einem ausgesprochenen Sendungsbewusstsein gewesen war, doch noch interessieren, ob ihr auch dahingehend sein Erbe bewahrt, dass ihr uns mit euerer Musik gewisse Botschaften zu vermitteln beabsichtigt.“&lt;br /&gt;„Selbstverständlich, lieber Karl. Es sind vor allem vier simple Leitsätze, die wir hier heute dem Publikum präsentieren wollen, und von denen wir hoffen, dass sie von möglichst vielen beherzigt werden. Vier kurze Sätze, die einfach zu merken sind, sprechen sie mir einfach nach, meine Damen und Herren.“&lt;br /&gt;Der junge Strickwestensprecher stellte sich an den Rand der Bühne und verkündete mit lauter Stimme vier Sätze, denen jeweils ein Echo aus zehntausend Bierbankpublikumskehlen folgte.&lt;br /&gt;Erstens: Es gibt keinen leeren Raum.&lt;br /&gt;Zweitens: Das Joch des Gesetzes.&lt;br /&gt;Drittens: Die Freiheit des Evangeliums.&lt;br /&gt;Viertens: Gottes Glorie ist unantastbar.&lt;br /&gt;„Sehr schön, meine Damen und Herren, das hat doch bereits wunderbar geklappt,“ sagte der Vorsprecher, so als ob er zu einer Klasse lernbehinderter Kinder reden würde. &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;„Versuchen wir’s gleich noch einmal, damit’s schön in Fleisch und Blut übergeht.“ Wieder betete er, diesmal gemeinsam mit dem Publikum, die vier Lehrsätze in einem wippenden Metrum herunter, dann noch einmal und schließlich ein viertes Mal, wobei sich das Sprechtempo stetig vergrößerte. Die Sätze wurden ein fünftes uns sechstes Mal wiederholt, wie besessen peitschte das Publikum die vier Axiome durch den Saal, auch Tommy wiederholte in einem rasenden Tempo die Worte ohne auf den Rhythmus der anderen zu achten: „Es gibt keinen leeren Raum. Das Joch des Gesetzes...mein ganzes Leben hab ich darauf gewartet...Die Freiheit des Evangeliums...mein ganzes verfluchtes Leben...Gottes Glorie ist unantastbar...immer gewartet... Es gibt keinen...“ &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;Wolfgang, der die ganze Zeit nur fassungslos und stumm dagesessen war, sah ihn irritiert an:&lt;br /&gt;„Wieso hast du dein ganzes Leben darauf gewartet? Die Knilche gibt’s doch erst seit kurzem.“&lt;br /&gt;Tommy starrte Wolfgang mit bodenlosem Entsetzen an. Ein heftiges Zittern durchfuhr plötzlich seinen Leib. &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;„Ähm...ich wollte nichts Falsches sagen, tut mir leid, wenn dich das verletzt hat“, stammelte Wolfgang und fasste seinen Freund an den Schultern. Tommy schüttelte es weiter am ganzen Körper. „Sie...sie...sie...“, stotterte er leise. Wolfgang begann zu kreischen. „Was zum Teufel ist hier eigentlich los. Kannst du mir nicht bitte endlich sagen, was hier los ist. Mit dir, mit diesem Ort, mit allem!“ Tommy begann zu heulen. &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;„Sie...sind hinter mir her“, schluchzte er kaum verständlich. „Die ganze Zeit...sind sie hinter mir her.“&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;Wolfgang war den Tränen nahe. „Wer ist hinter dir her? Wer zum Teufel? So sag’s mir doch endlich!“&lt;br /&gt;Auf einmal wurde der Körper zwischen Wolfgangs Händen ganz steif. Das Zittern hatte aufgehört. Tommys Blick ging starr nach vorne. „Sie werden mich nie kriegen. Niemals,“ sagte er mit einer Stimme, die nicht die seine zu sein schien. Dann gewärtigte Wolfgang, wie sich Tommys Augen veränderten. Ein tiefer, schwarzer Nebel schien sich hinter den Rändern seiner Hornhaut auszubreiten und sich immer schneller in Richtung der Pupillen vorzuarbeiten. Nach wenigen Sekunden waren an die Stelle von Tommys Augen zwei grauenerregende, onyxartige Verhärtungen getreten. Wolfgang begann zu schreien. Hilflos musste er mit ansehen, wie sein Freund plötzlich eine 45er Thompson in den Händen hielt und sie sich bis zum Anschlag in die Mundhöhle schob. Im nächsten Moment explodierte Tommys Hinterkopf in einer Lawine aus Blut und Gehirn. Wolfgang hielt immer noch den regungslosen Körper zwischen seinen Händen, der nun wie eine Puppe in sich zusammensackte. Er hörte nur noch sein eigenes Schreien.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;[&lt;a href="http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-46.html"&gt;Fortsetzung folgt&lt;/a&gt;] &lt;/div&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/4649458722169584895-5097185297869668231?l=baerista.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://baerista.blogspot.com/feeds/5097185297869668231/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-45.html#comment-form' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/5097185297869668231'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/5097185297869668231'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-45.html' title='Scheuermilch (4.5)'/><author><name>Baerista</name><uri>http://www.blogger.com/profile/02373620929944807927</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='24' height='32' src='http://4.bp.blogspot.com/-6EDMQPvqQCU/TfNTJ0t_aSI/AAAAAAAAALw/9MHVgEPq360/s220/BILD1082.JPG'/></author><media:thumbnail xmlns:media='http://search.yahoo.com/mrss/' url='http://2.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TS7Bgh8_QEI/AAAAAAAAAJk/g8LZCSSZRJc/s72-c/BILD1606.JPG' height='72' width='72'/><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-4649458722169584895.post-4789869955861503031</id><published>2011-01-12T11:13:00.001-08:00</published><updated>2011-01-13T00:33:41.692-08:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Scheuermilch'/><title type='text'>Scheuermilch (4.4)</title><content type='html'>&lt;a href="http://3.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TS3fC99kPPI/AAAAAAAAAJc/RIrbxA6MoV0/s1600/BILD1081.JPG"&gt;&lt;img style="TEXT-ALIGN: center; MARGIN: 0px auto 10px; WIDTH: 320px; DISPLAY: block; HEIGHT: 240px; CURSOR: hand" id="BLOGGER_PHOTO_ID_5561346356957953266" border="0" alt="" src="http://3.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TS3fC99kPPI/AAAAAAAAAJc/RIrbxA6MoV0/s320/BILD1081.JPG" /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;4. Kapitel&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Der Wahn des einzelnen ist nur pathologisch oder kriminell, aber sieben von ihm Befallene gründen einen Verein, und im schlimmsten Falle bedrohen sie die Gesellschaft in der Überzeugung, die Wahrheit zu besitzen.&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;(Martin Gregor-Dellin)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Als Philipp am Eingang seinen Nachnamen nannte, wurden sie beide sogleich ohne Umstände durchgewunken. Sie betraten einen schmucklosen Vorraum, von dem eine steinerne Treppe hinab zu den Toiletten führte. Linkerhand wies eine Türe mit der Aufschrift "Personal" allem Augenschein nach zu den Geschäftsräumen. Der eigentliche Zugang zur Diskothek, den sie jetzt beschritten, befand sich zu ihrer Rechten. Dahinter begann zunächst eine lang gezogene Bar, über der die Getränkepreise wie Börsenkurse mittels einer Digitalanzeige ausgegeben wurden.&lt;br /&gt;Hinter der Bar öffnete sich der Raum ein Stück weit und gab so etwas wie eine kleine Tanzfläche frei. Wolfgang glaubte sich zu erinnern, dass man so einen Ort als Lounge oder Chill Out Area bezeichnete. Die Bar lag ebenso wie der dahinter liegende Lounge-Bereich im Schein einer banalen, aber hellen Deckenbeleuchtung. Das große Lichtspektakel behielt man sich offensichtlich für denjenigen vor, der den Mut hatte, eine weitere Durchgangstür zu beschreiten, welche dem Eingang gegenüber direkt lag. Die von dort nach außen dringenden Störgeräusche verrieten zugleich, dass es hinter der Tür ungleich lauter sein würde als hier im Barbereich.&lt;br /&gt;Nach einer Weile machte sich Philipp neben ihm bemerkbar. „Also, pass auf Wolfgang, hier ist der Plan. Ich gehe jetzt erst einmal einem Arbeitslosen die Hand schütteln und dann mache ich mich auf die Suche nach Haselmeyer, damit wir uns mit dem ein wenig unterhalten können. Wahrscheinlich ist er in seinem Büro. Mal sehen, ob ich das finde. Ich schlage vor, du bleibst derweil hier...und hältst das so lange,“ sprach er und entledigte sich seiner in der Tat zu heißen Barbour-Jacke, um sie über Wolfgangs rechten Arm zu bugsieren. Dann verschwand er durch die Menge in Richtung Toiletten. &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;Zielstrebig steuerte Wolfgang auf die Bar zu, um sich eine kleine Flasche Wasser zu bestellen. Der erste Schluck war so kalt, dass sein Hals ein wenig zu schmerzen begann, während er sich einen Moment lang dafür tadelte, dass er an den meisten Tagen viel zu wenig Flüssigkeit zu sich nahm, vom Alkohol einmal abesehen. Wie oft las er doch im Videotext eines TV-Senders davon, dass wieder einmal ein Mannequin oder eine dieser anorexischen Seriendarstellerinnen aufgrund von Wassermangel am Flughafen zusammengebrochen sei. Als er die Flasche fast leer zurück auf den Tresen stellte, bemerkte er den etwa 50jährigen Mann, der schräg gegenüber am kurzen Eck der Bar saß und dessen Anwesenheit in diesem Laden nicht wirklich nachvollziehbar war. Er trug eine klassische blaue Jeansjacke über einem sein weißes T-Shirt bereits ordentlich spannenden Bauch und stierte über ein Pilsglas hinweg starr auf einen nichtvorhandenen Punkt an der Wand des Areals, knapp über Wolfgangs Schulter. Es war ein Blick, der ihm durch Mark und Bein ging. Dieses runde, rötliche Gesicht mit dem kräftigen Nacken, der kurz geschorene, fast kahle Kopf, die kleinen, stechenden Augen, der schmale, traurige Mund und die tiefen Tränensäcke unter den Augen, das starre Spiel der Gesichtszüge – das alles waren Dinge, die in ihm ungute Erinnerungen wachriefen. &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;Wolfgang verließ die Lounge-Area und ging auf den angrenzenden Eingang zum Main Floor zu. Die Halle war noch nicht prall gefüllt, aber direkt vor dem Podest, auf welchem ein DJ, der vermutlich das Vorprogramm darstellte, sein Werk verrichtete, wand sich bereits eine beträchtliche Menge von Menschen unter den Hieben eines Drum &amp;amp; Bass-Gewitters. Hinter dem Pult des Discjockeys warfen mehrere Projektoren abstrakte Bild- und Filmbeliebigkeiten an die Wand. Wolfgang fühlte bereits von weitem, wie der Sub-Bass seine Hosenbeine schlackern ließ und beschloss eine weitere Annäherung an die Quelle des Lärms zu vermeiden. Gleich am Eingang saß oder lag bereits ein knappes Duzend verbrauchter Gestalten auf dem mit Asche und Glasscherben verdreckten Boden, erschöpft schwitzend an den Wänden lehnend und teilweise bedenklich geradeaus stierend. Wolfgang glaubte, diese Bilder gut zu kennen. In seiner Schulzeit war er oft an Orten wie diesem gewesen, hatte selbst zu dieser Art von Musik getanzt, die ihm auch jetzt noch durchaus anziehend vorkam. Es war wie ein Versprechen aus anderen Tagen, es doch noch einmal zu versuchen. Sich schnell ein wenig Pulver zu besorgen und dann dort vorne richtig mitzumischen. Doch er wusste, dass das vorbei war. Ohne David und Oliver war es einfach nicht dasselbe. &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;br /&gt;Immer mehr Menschen strömten an Wolfgang vorbei und auf die Tanzfläche zu, von wo gerade ein wildes Johlen zu ihm herüber drang. Offenbar war die Hauptattraktion des Abends gerade dabei, den Platz an den Plattentellern zu übernehmen. Wolfgang verweilte noch ein paar weitere Minuten im Eingangsbereich der Halle, während er zwei Zigaretten rauchte und zwischendurch ein wenig angerempelt wurde. Einer der Rempler war ein bereits stark deliranter Baseballmützenträger, der vorhin etwa zeitgleich mit ihm und Philipp angekommen war.&lt;br /&gt;„Verkaufst du was?“, fragte ihn der Bemützte aus irgendeinem Grund. Das Einzige, was Wolfgang ihm anbieten konnte, waren zwei von den Dopaneurin-Tabletten, die er zuvor in einer Tasche von Philipps Barbour-Jacke gefunden hatte. Tatsächlich bekam er von dem Rempler 20 Euro dafür. Es gab Dinge, die einen nicht schockieren sollten.&lt;br /&gt;Als sich Wolfgang von dem Ort, an dem offenbar gleich die große Party steigen würde, entfernte und zurück in den Barbereich schlenderte, sah er Philipp, der sich gerade angeregt mit einem etwa Anfang 30jährigen Mann unterhielt. Der Unbekannte sprach, wie Wolfgang im Näherkommen feststellte, mit einem leichten Wienerischen Akzent, während seine Kleidung im Großen und Ganzen deutliche Rückschlüsse darauf zuließ, dass er sich an diesem Ort recht heimisch fühlte. Er trug ein weißes Jackett über einem schwarzen T-Shirt von der letzten AC/DC-Europatournee. Seine Beine steckten in einem schlecht sitzenden Paar Jeans von der Stange, dafür hatte er an den Füßen schwarze Lederslipper. Es bestand kein Zweifel, dass es sich bei dem Unbekannten um Anton Haselmeyer handelte.&lt;br /&gt;„Ah, Wolfgang, da bist du ja!“, rief Philipp, der seine Anwesenheit inzwischen bemerkt hatte.&lt;br /&gt;„Toni, darf ich vorstellen? Das hier ist mein Freund Wolfgang, von dem ich gerade gesprochen habe,“ sagte Philipp in Richtung seines Nebenmannes mit einer Vertrautheit, als würde er diesen bereits seit Jahren kennen, und warf Wolfgang dabei einen Blick zu, in dem so etwas wie ein rhetorischer Kommentar zu liegen schien, den Wolfgang ohne große Schwierigkeiten als „Da hast du deinen Rosenkreuzer...“ identifizierte.&lt;br /&gt;„Servas, Wolferl!“, raunte Haselmeyer jovial, als ihm Wolfgang die Hand gab. „Ich bin der Anton, aber du kannst mich natürlich Toni nennen. Der Philipp hier hat mich gerade aufgeklärt über den Zweck eures Erscheinens. Wenn ich es richtig verstanden habe, seid ihr also auf der Suche nach unserem Haus-DJ, dem Simon Dröger.“&lt;br /&gt;„So ist es,“ nickte Wolfgang kurz.&lt;br /&gt;„Das ist interessant,“ meinte Haselmeyer und strich sich dabei langsam übers Kinn. „Denn im Prinzip geht es uns hier nicht anders. Er hätte eigentlich heute den ganzen Abend vorne in der Lounge auflegen sollen, aber aus irgendeinem Grund ist der Stritzi nicht aufgetaucht und ans Telefon geht er auch nicht. Im letzten Moment haben wir noch den Sigi, das ist der Freund meiner Schwester, als Ersatz gekriegt. Das war vielleicht ein Stress, den noch rechtzeitig nüchtern zu bekommen, das sage ich euch!“ Er begann laut zu lachen und Wolfgang lachte vorsichtshalber mit, ohne sich sicher zu sein, ob Haselmeyer einen Witz gemacht hatte.&lt;br /&gt;„Und Sie haben keine Ahnung, wo er abgeblieben sein könnte?“, stellte Wolfgang schließlich die Frage, entschlossen den Clubbesitzer auch weiterhin zu siezen. „Gab es vielleicht irgendwelche Auffälligkeiten im Vorfeld, die mit seinem Fehlen in Verbindung stehen könnten?“&lt;br /&gt;„Nein,“ erwiderte Haselmeyer grüblerisch. „Überhaupt muss ich sagen, dass ich über den Dröger in all der Zeit, in der er bis jetzt für mich gearbeitet hat, nicht viel herausbekommen habe. Ein seltsamer Kauz ist das, sehr verschlossen. Stellt sich ein paar Stunden ans Mixdeck und geht dann wieder, ohne viel zu sagen. Es gibt viele unserer Stammkunden über die ich dir mehr erzählen könnte als über ihn.“&lt;br /&gt;„Wissen Sie vielleicht noch von anderen Clubs, in denen Dröger auflegt?“, warf Philipp ein.&lt;br /&gt;„Wir bezahlen ihn schon ausreichend, wenn du das meinst,“ sagte Haselmeyer und lachte dann wie zur Entwarnung. „Aber er kommt ja in der Regel nur einmal in der Woche. Irgendeine andere Einkommensquelle muss er also schon noch haben. Vielleicht fährt er ja Pizza aus oder so. Ich weiß nur so viel, dass er sich, wenn er so weiter macht, bald nach einem weiteren Job umsuchen kann. Es gibt in Berlin noch genug andere DJs, die sogar auftauchen, wenn man es ihnen anschafft.“&lt;br /&gt;Es entstand ein kurzes, unbehagliches Schweigen. Wolfgang sah zu Philipp herüber und erntete einen ratlosen Blick. Dann kam ihm eine andere Frage in den Sinn.&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;„Sagen Sie, Sie kennen nicht zufällig den Herrn mit der Jeansjacke, der dort schon länger am kurzen Eck der Bar sitzt?“&lt;br /&gt;Haselmeyer machte ein paar Schritte nach vorn, um den Barbereich besser einsehen zu können, und gab dann ein gelassenes Lachen von sich. „Ach, du meinst sicher den Hardy. Vor dem müsst ihr keine Angst haben, der gehört hier sozusagen zum Inventar. Er kommt hier jeden Donnerstag, manchmal auch an den Wochenenden, her, trinkt seine paar Bier und geht dann irgendwann wieder.“&lt;br /&gt;„Verstehen Sie mich bitte nicht falsch,“ erwiderte Wolfgang und fühlte, wie er leicht errötete, „aber ist das nicht ein etwas seltsamer Ort um hier sein Bier zu trinken?“&lt;br /&gt;„Na ja,“ meinte der Clubbesitzer nonchalant, „so ist er eben, der Hardy. Ich werd es ihm nicht verbieten. Er muss ja auch schon lange keinen Eintritt mehr bezahlen. Und außerdem,“ fügte er dann mit einem Augenzwinkern hinzu, „seid ihr ja auch nicht zum Tanzen hergekommen, oder?“&lt;br /&gt;Doch noch bevor Wolfgang und Philipp in so etwas wie ein verlegenes Lächeln ausbrechen konnten, begann Haselmeyer unvermittelt zum Abschied überzuleiten. „Tja, war jedenfalls schön, euch kennengelernt zu haben, ich muss jetzt leider schon wieder weiter, um nach dem Rechten zu sehen. Wenn man in so einem Laden nicht ständig selber alles doppelt und dreifach kontrolliert, kann man getrost gleich Konkurs anmelden. Ihr wisst ja wie das ist. Wenn ihr wollt, bleibt’s doch noch ein bisserl da und geht’s ein wenig Tanzen. Also, bis die Tage, Ciao, Baba!“, sprudelte er schnell und ging von Dannen.&lt;br /&gt;„Und jetzt?“, fragte Wolfgang schließlich.&lt;br /&gt;„Was soll jetzt sein?“, antwortete Philipp. „Keine Ahnung, was du jetzt machst, ich weiß nur, dass ich mir jetzt erst einmal ein kühles Bier genehmigen werde. Kann ich meine Jacke wiederhaben?“&lt;br /&gt;Während Philipp an der Bar auf sein Pils wartete, ertappte sich Wolfgang dabei, wie er wieder zu Hardy, dem geheimnisvollen Jeansjackenträger, herüber sah. Ihm fiel auf, dass dieser von der Ecke der Bar, in der er saß, einen geradezu optimalen Blick auf Drögers Arbeitsplatz im Lounge-Bereich haben musste. Er sah zur Seite, wo Philipp gerade dabei war, in großen Zügen von seinem Bier zu trinken, und rang einen Moment mit sich selbst. Dann zupfte er Philipp sanft am Ärmel, um ihm zu bedeuten, dass er den Standort zu wechseln gedachte. Vorsichtig näherte er sich der gegenüberliegenden Ecke der Bar, um sich dann, im Rücken der Jeansjacke angekommen, leicht zu räuspern.&lt;br /&gt;„Entschuldigung,“ sagte er mit all der ihm zur Verfügung stehenden Höflichkeit, „Entschuldigen Sie bitte die Störung. Herr, äh, Hardy?“&lt;br /&gt;Wolfgang wartete ein paar Sekunden, doch der von ihm Angesprochene schien nicht die geringste Reaktion zu zeigen.&lt;br /&gt;„Entschuldigung,“ versuchte es Wolfgang weiter. „Wir kennen uns nicht, aber ich habe zufällig mitbekommen, dass Sie sehr oft hier sind, und da haben wir uns gedacht, dass Sie uns vielleicht weiter helfen könnten. Es ist nämlich so, dass wir auf der Suche nach gewissen Informationen sind, bezüglich einer Person, die dort drüben als DJ auflegt. Die Person heißt Simon Dröger, so ein groß gewachsener Kerl mit schwarzen Haaren. Ich weiß es klingt etwas ungewöhnlich, aber ich hätte Sie gerne gefragt, ob ihnen vielleicht, nun ja, ob Ihnen vielleicht etwas aufgefallen ist, weil Sie ja...“&lt;br /&gt;„Wer will das wissen?“, fuhr ihm plötzlich Hardy mit einer misstrauisch klingenden Stimme ins Wort, ohne den Blick nach hinten zu wenden.&lt;br /&gt;„Oh, machen Sie sich keine Sorgen,“ erwiderte Wolfgang schnell. „Wir sind nur Freunde von Simon, die versuchen, etwas aufzuklären. Es geht uns wirklich nur um die betreffende Person, es ist nämlich so, dass er offenbar verschwunden ist und jetzt wollten wir Sie fragen, ob Sie vielleicht irgendetwas über ihn wissen, das wir...“&lt;br /&gt;„Kann sein,“ sagte der Mann mit der Jeansjacke geheimnistuerisch und wandte für einen Moment seinen Kopf in Wolfgangs Richtung, um ihn gleich darauf wieder in seine Ausgangsposition zurückschnellen zu lassen.&lt;br /&gt;Wolfgang hielt einen Augenblick inne, in der Hoffnung, dass diesen Worten noch etwas folgen würde, und sah sich dann mit einem hilflosen Blick nach Philipp um, der jedoch lediglich ein resignierendes Schulterzucken andeutete. Mit dem Mut der Verzweiflung griff Wolfgang in das Innenfutter seines Jacketts und holte seine Brieftasche hervor, aus der er einen 20-Euro-Schein nahm und ihn neben Hardy auf den Tresen klatschte. &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;„Wir wären auch bereit, Sie für die Ihnen entstehenden Unannehmlichkeiten zu entschädigen,“ kommentierte er seine Bewegung mit einer öligen Höflichkeit und ließ dabei zwei Finger seiner rechten Hand auf dem Schein ruhen.&lt;br /&gt;Hardy warf einen flüchtigen Blick auf das Geld und wandte sich dann scheinbar desinteressiert ab. „50!“, raunte er etwas überraschend. Fast im selben Moment ging auf der anderen Seite des Mannes ein 10er auf dem Tresen nieder. „30“, sagte Philipp mit harter Stimme, „und keinen Cent mehr! Und nun schießen Sie endlich los.“&lt;br /&gt;„Erst das Geld,“ erwiderte Hardy, der sich von dieser plötzlichen Intervention beeindruckt zeigte. Wolfgang und Philipp ließen ihn leicht widerwillig gewähren, während er mit einer beleidigten Geste die beiden Scheine zu seinen Seiten einstrich und in der Brusttasche seiner Jeansjacke verschwinden ließ.&lt;br /&gt;„Also,“ drängte Wolfgang schließlich von neuem. „Was können Sie uns erzählen? Haben Sie Dröger gewisse Auffälligkeiten begehen sehen oder haben Sie vielleicht beobachtet, wie er mit irgendwelchen Leuten gesprochen hat?“&lt;br /&gt;„Hier ist mir gar nichts aufgefallen,“ begann Hardy zögernd, „Aber auf der Straße hab ich ihn einmal gesehen, zusammen mit ein paar anderen Gestalten, und das ist mir schon spanisch vorgekommen...“&lt;br /&gt;„Etwas genauer Bitte! Wann und wo war das? Und von welchen Gestalten sprechen Sie?“&lt;br /&gt;„Ich weiß nicht mehr genau,“ umstandskramte Hardy weiter „Es war vor ein Wochen oder so. Ich bin, glaube ich, vom Wittenbergplatz gekommen und die Tauentzienstraße runtergelaufen und da hab ich sie irgendwann um die Ecke kommen gesehen. Richtig feine Pinkel, alle in solchen schwarzen Anzügen, auch euer Diskjockey hatte so einen an. Außer ihm waren es noch drei andere, jeder hatte so eine schwarze Aktentasche dabei und sie haben kein Wort gesagt.“&lt;br /&gt;„Und Sie sind sich ganz sicher, dass es Dröger war, den Sie da gesehen haben?“, warf Philipp misstrauisch ein.&lt;br /&gt;„Sonst wäre es mir ja gar nicht aufgefallen.“&lt;br /&gt;„Aber die anderen drei waren Ihnen unbekannt?“, fragte Wolfgang wieder.&lt;br /&gt;„Völlig unbekannt. Von denen habe ich noch nie einen hier gesehen.“&lt;br /&gt;Wolfgang spürte wie ihm eine Idee kam. „Versuchen Sie sich genau an den Zeitpunkt zu erinnern. Sie sagten vor ein paar Wochen, können Sie es vielleicht genauer eingrenzen? Würde die Februarmitte, das Wochenende vom 11. bis zum 14. zeitlich passen?“&lt;br /&gt;„Doch,“ brummte Hardy nach einem Moment des Überlegens. „Doch, dass könnte gut hingehen.“&lt;br /&gt;Hastig griff Wolfgang wieder in die Innenseite seines Jacketts, diesmal in die andere Tasche, und holte das alte Photo hervor, das Tommy und ihn neben dem Glastisch zeigte. Er hielt es dem Jeansjackenträger hin und deutete auf Tommy.&lt;br /&gt;„Haben Sie schon einmal diese Person gesehen? War er vielleicht unter den Anzugträgern?“, fragte Wolfgang mit Nachdruck und fügte, als er Hardys skeptischen Blick wahrnahm, hinzu: „Denken Sie bitte ganz scharf nach. Notfalls müssen Sie sich vielleicht den Bart wegdenken und die Haare ein wenig kürzer...“&lt;br /&gt;„Ich möchte es nicht beschwören,“ antwortete Hardy nach einigem Zögern. „Aber wenn sie mich jetzt so fragen, dann würde ich fast behaupten, dass der da tatsächlich dabei war. Ganz hundertprozentig kann ich es aber nicht sagen.“&lt;br /&gt;„Und sonst ist Ihnen nichts aufgefallen?“, versuchte es Philipp noch einmal.&lt;br /&gt;„Nein, gar nichts. Die sind einfach nur um die Ecke gebogen und dann die Tauentzien in dieselbe Richtung rauf, von der ich gekommen bin. Gesprochen hat keiner was von denen. Mehr fällt mir jetzt wirklich nicht ein, nicht einmal für mehr Penunzen.“&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;„Herrschaftszeiten,“ war Philipps erstes Wort, als sie wenig später das &lt;em&gt;Jamblichos&lt;/em&gt; verließen. „Warn mich bitte das nächste Mal vor, wenn du so eine Fragerunde planst, damit ich mit meiner Bank Rücksprache halten kann.“&lt;br /&gt;„Tja, der gute Hardy ist vielleicht nicht ganz dicht, aber immerhin hat er Spielerinstinkt,“ seufzte Wolfgang und verlangsamte ein wenig seine Schritte. „Jedenfalls Danke für deine Unterstützung.“&lt;br /&gt;„Nicht der Rede wert. Was mich viel mehr interessiert ist, was wir aus diesen neuen Informationen machen sollen. Spielerinstinkt ist wohl das richtige Stichwort, denn ich traue der Jeansjacke nicht über den Weg.“&lt;br /&gt;„Du meinst, dass er sich nur etwas zusammenfabuliert hat, damit er sein Geld bekommt?“&lt;br /&gt;„Hältst du den Sermon mit den Anzugträgern denn für besonders glaubwürdig? Die wesentlichen Informationen bezüglich des Datums und Tommys Person kamen doch von dir selbst. Er hat im Prinzip nicht viel anderes gemacht, als alles zu bejahen, was du ihm erzählt hast.“&lt;br /&gt;„Das habe ich zuerst auch gedacht, aber ... war nicht er es, der ausdrücklich von der Straße gesprochen hat, in der das alles passiert sein soll? Er hat gesagt er sei vom Wittenbergplatz aus die Tauentzienstraße runtergelaufen. Das sagt sogar mir was, weil dort das KaDeWe liegt. Jetzt musst du mir aber als Ortskundiger einmal kurz auf die Sprünge helfen: Wenn jemand die Tauentzienstraße entlang geht und dann jemand um die Ecke gebogen kommt, wie hoch ist dann die Chance, dass dieser jemand aus der Straße kommt, in der das &lt;em&gt;Crowne Plaza&lt;/em&gt; liegt?“&lt;br /&gt;„Verflucht!“, rief Philipp und blieb einen Moment lang stehen. „Wieso ist mir das nicht selber aufgefallen? Die Chance ist sogar mehr als hoch. Vom Wittenbergplatz aus kann man nur in einer Richtung die Tauentzienstraße runterlaufen und wenn mich nicht alles täuscht, gibt es – zumindest wenn man auf der rechten Seite geht – nur eine einzige Querstraße, die man passieren muss, bevor der Tauentzien an der Gedächtniskirche endet, nämlich die Nürnbergerstraße, in der das Plaza liegt. Man kommt also im Prinzip gar nicht daran vorbei. Schwer zu glauben, dass Hardy da einen Zufallstreffer gelandet hat. Es tut mir leid, ich habe dir diesmal wirklich Unrecht getan.“&lt;br /&gt;„Schon gut,“ antwortete Wolfgang und seufzte dann wieder leise. „Im Grunde wäre mir ja auch lieber, die Dinge würden nicht so gut zusammenpassen.“&lt;br /&gt;„Betrachte es positiv,“ versuchte ihn Philipp aufzumuntern, „deine These, dass Tommy letzten Monat hier war und Dröger etwas damit zu tun hatte, hat sich in diesem Fall voll und ganz bestätigt.“&lt;br /&gt;„Aber was haben wir davon? Dröger ist futsch, Tommy sowieso, stattdessen gibt es mysteriöse Hotelzimmer, schwarze Anzüge, Aktentaschen, komische kleine Namensrätsel und auf einmal scheint sich sogar die Polizei für all das zu interessieren. Am Anfang fand ich die ganze Sache ja noch spannend, aber langsam frage ich mich, ob es wirklich gut war, das alles so genau wissen zu wollen. Ach übrigens,“ unterbrach sich Wolfgang schließlich selbst und drückte seinem Freund einen 10-Euro-Schein in die Hand.&lt;br /&gt;„Du musst es mir nicht zurückzahlen,“ wehrte Philipp ab. „Die Sache geht mich genauso an, wie dich.“&lt;br /&gt;„Nein, nein. Das ist dein Anteil.“&lt;br /&gt;Wolfgang erzählte ihm in kurzen Worten von dem Deal, den er zuvor mit den Psychopharmaka aus seiner Jackentasche gemacht hatte. Philipp nickte nur lakonisch und schien die Sache anstandslos zu akzeptieren. Wieso er solche Tabletten mit sich trug, fragte ihn Wolfgang nicht und er war fast froh, als Philipp nicht weiter darauf einging.&lt;br /&gt;„Sehen wir zu, dass wir ins Bett kommen,“ meinte Philipp noch, bevor sie in die U-Bahn stiegen. Es gab Dinge, die verstanden sich von selbst. &lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;[Fortsetzung folgt]&lt;/div&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/4649458722169584895-4789869955861503031?l=baerista.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://baerista.blogspot.com/feeds/4789869955861503031/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-44.html#comment-form' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/4789869955861503031'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/4789869955861503031'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-44.html' title='Scheuermilch (4.4)'/><author><name>Baerista</name><uri>http://www.blogger.com/profile/02373620929944807927</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='24' height='32' src='http://4.bp.blogspot.com/-6EDMQPvqQCU/TfNTJ0t_aSI/AAAAAAAAALw/9MHVgEPq360/s220/BILD1082.JPG'/></author><media:thumbnail xmlns:media='http://search.yahoo.com/mrss/' url='http://3.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TS3fC99kPPI/AAAAAAAAAJc/RIrbxA6MoV0/s72-c/BILD1081.JPG' height='72' width='72'/><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-4649458722169584895.post-701595538279557512</id><published>2011-01-11T11:05:00.000-08:00</published><updated>2011-01-12T12:14:52.231-08:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Scheuermilch'/><title type='text'>Scheuermilch (4.3)</title><content type='html'>&lt;a href="http://4.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TSsxycXdm5I/AAAAAAAAAJU/nLGXLWk69_U/s1600/Burgos-%252520catedral.jpg"&gt;&lt;img style="TEXT-ALIGN: center; MARGIN: 0px auto 10px; WIDTH: 320px; DISPLAY: block; HEIGHT: 240px; CURSOR: hand" id="BLOGGER_PHOTO_ID_5560592907596831634" border="0" alt="" src="http://4.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TSsxycXdm5I/AAAAAAAAAJU/nLGXLWk69_U/s320/Burgos-%252520catedral.jpg" /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;3. Kapitel&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wir glauben, dass das Wesentliche auf der Welt hinter den Dingen sitzt, und dass eine anständige Gesinnung mit jeder, auch mit der schlechtesten, Vorschrift fertig wird und sie gut handhabt. Ohne sie aber ist nichts getan. Was wir brauchen, ist diese anständige Gesinnung.&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;(Kurt Tucholsky: Wir Negativen)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wolfgang lag mit feuchten Haaren auf einem ausgezogenen Schlafsofa und blätterte sich durch einen Stapel Zeitschriften. Inzwischen hatte es zu dämmern begonnen, in den Fenstern auf der anderen Seite des Innenhofs gingen die ersten Lichter an. Wolfgang konnte das bei einem Blick durch das Balkonfenster gut erkennen, das sich auf der gegenüber liegenden Seite des Wohnzimmers befand, in das er sich soeben zurückgezogen hatte, nachdem er zuvor beschlossen hatte, eine erfrischende Dusche zu nehmen. Die 3-Zimmer-Wohnung, die Michael und seine Freundin Susanne seit etwa zwei Jahren in Schöneberg bewohnten, machte einen kostspieligen Eindruck, der durch den glatten Parkettboden im zentralen Wohn- und Aufenthaltsraum noch verstärkt wurde. Leisten konnte er sich das offenbar vor allem aufgrund seiner Tätigkeit als vollwertiger Redakteur für die auflagenstarke Gratiszeitschrift, deren vergangene Ausgaben Wolfgang gerade begutachtete. Das Blatt richtete sich vor allem an Studierende, die es im zweiwöchentlichen Rhythmus darüber aufklärte, welche Ausstellungen, Kultursponsoring-Events, Themenabende und Konzerte in der Hauptstadt sie auf keinen Fall verpassen durften. Wie viel Zeit Philipps älterer Bruder daneben noch für sein Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft verwandte, vermochte Wolfgang nicht zu sagen. Aber wahrscheinlich ging es ihm – wie vielen anderen – beim Studieren vor allem um das damit verbundene Lebensgefühl, um die Zugehörigkeit zu einem bestimmten sozialen Segment, mit allen mentalen und politischen Dispositionen, die ein solches Leben im Allgemeinen mit sich führte. Michael war nämlich das, was man einen Antifaschisten nannte, und so sah er sich auch selbst. In der Summe hieß das vor allem, dass man mit ihm keine Unterhaltung führen konnte, die länger als zwei Minuten dauerte, ohne dass es dabei „politisch“ wurde, was in der Praxis bedeutete, dass er sich über irgendetwas beschwerte. Diesen Zug in Michaels Wesen schienen auch die Kollegen in der Gratiszeitschriftenredaktion erkannt zu haben und so durfte er seit einem halben Jahr all die aufgestaute Energie in einer regelmäßigen Kolumne auf der letzten Seite loswerden, die sein eigenes Konterfei neben dem Titel „Belästigungen“ zierte. Darin klagte er nun in jeder Ausgabe irgendetwas an, die Themen richteten sich nach der aktuellen Tagespolitik, aber im Grunde ging es immer um das eine: Den Kapitalismus und die schlimmen Politiker, die ihm den Weg bereiteten, wobei er seine Sicht auf die Welt in einer Art und Weise ausbreitete, die suggerierte, dass er im Besitz eines ganz besonderen Arkanums sei, das ihn alles begreifen ließ, aber gleichzeitig so mächtig war, dass er es dem Leservolk nur in homöopathischen Dosen, eben in dieser zweiwöchentlichen Kolumne, verabreichen durfte. Dass er für eine Zeitschrift schrieb, deren ganze Existenz auf Werbung und somit auf Konsum basierte, schien ihn hingegen überhaupt nicht zu stören. Michaels Kolumne, so stellte Wolfgang im Überfliegen der verschiedenen Ausgaben fest, war wie ein schlechtes Lied von Wolf Biermann oder Julius Schittenhelm, wenn man die Lyrik und die Musik wegnahm und nur das logische Gerüst übrig ließ. Aber immerhin hatte er eine Beschäftigung.&lt;br /&gt;Wolfgang legte die Zeitschriften weg und sah sich ein wenig in Michaels Wohnzimmer um. Er wunderte sich einen Moment lang darüber, dass er nirgendwo Che Guevara-Fahnen an den Wänden hängen oder kommentierte Neuausgaben von „Materialismus und Empirokritizismus“ in den Regalen stehen sah. Alles was ins Auge stach, war ein Kunstdruck von Georges Braque, und der war eigentlich sehr hübsch. Aber wahrscheinlich hatte Philipp das bereits im Vorfeld alles weggeräumt, weil er sich schämte. Denn natürlich hielt Philipp seinen Bruder für einen kompletten Idioten, genauso wie sein Bruder ihn für einen Idioten hielt, aber das machte nichts, das war ja das schöne an Geschwistern, dass man sie für Idioten halten konnte und trotzdem nicht aufhörte, sie auf eine gewisse Weise zu lieben und zu respektieren. So stellte sich Wolfgang das zumindest vor, praktische Erfahrung hatte er darin keine. &lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;Er ging zurück in die Küche, wo Philipp inzwischen damit beschäftigt war, Schwarzbrotscheiben mit Käse und Hartwurst zu belegen. Die Küche war der schlichteste Raum der Wohnung, in der außer der antiquierten Küchenzeile nur noch ein quadratischer Tisch mit vier Stühlen stand. Alle Möbel waren aus demselben leichten, hellen Holz gezimmert, das Wolfgang recht gerne mochte, auch wenn er nicht wusste, von welchem Baum es stammte. In der Ecke befand sich der Käfig mit dem hellblauen Wellensittich, auf den Philipp aufzupassen hatte. Wolfgang wusste, dass sein Name Rekkared war, und das gefiel ihm gut, denn bei diesem Namen musste er an Toledo denken, die stolze Stadt über dem steilen Abgrund, in dessen Tiefe der Tajo floss, mit ihren Konzilen und Kirchenschätzen, an Burgos in Altkastilien und die dornigen Spitzen seiner Kathedrale, die dort im heißen Tageslicht in den Himmel ragten, und an all die anderen schönen Städte im spanischen Binnenland, weit weg von den Stränden und den Touristen mit ihren zu kurzen Badehosen; an Isidor von Sevilla, mit seinen eigentümlichen Etymologien, und an Rekkareds Vater Leowigild, den unbeugsamen Arianer, und an dessen Vorgänger Athanagild, mit seinen beiden Töchtern, Brunichild, die Anmutige, Schöne, schicklich im Benehmen, klug an Einsicht und reizend im Gepräch, und ihre Schwester Gailswintha, hingemeuchelt auf Betreiben der Fredegunde, der Buhle ihres Gatten Chilperich, des Herrschers über das Teilkönigreich von Soissons. Und er dachte an die merowingischen &lt;em&gt;bella civilia&lt;/em&gt; mit ihren endlosen Intrigen und Wirren und an Brunichilds Hass auf die heimtückische Fredegunde, ihren Rachedurst und an den Vertrag mit König Gunthram, der ihr das Recht auf die Morgengabe der ermordeten Schwester zugestanden hatte, darunter so schöne &lt;em&gt;civitates&lt;/em&gt; wie Burdegala und Lemovecas, die heute Bordeaux und Limoges hießen, und Benarno, das sich im Namen der Landschaft Béarn, ganz im Südwesten, am Rand der Pyrenäen, erhalten hatte, und er dachte an Catherine Lechardoy, die Informatikerin aus dem Landwirtschaftsministerium in &lt;em&gt;Extension du domaine de la lutte&lt;/em&gt;, mit ihren schlechten Zähnen und ihrem Durchsetzungswillen, die aus dieser Gegend stammte, und schließlich dachte er an David, der, wenn ihm seine Reise zu machen noch vergönnt gewesen wäre, vielleicht sogar runter gefahren wäre, ins Béarn, um ein wenig mehr über sie zu erfahren, die kleine Catherine; und für einen Moment lang war Wolfgang auf einmal sehr froh darüber, jetzt hier in Berlin zu sein, zusammen mit Philipp, und er dachte, dass eigentlich auch Michael ein ganz feiner Kerl war, in dessen Wohnung er heute schlafen durfte und der seinem Vogel einen so schönen Namen gegeben hatte, und dass man mit ihm vielleicht sogar ganz gut auskommen konnte, wenn man mit ihm über andere Dinge als Politik sprach; vielleicht über Fußball. &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;„Ich habe vorhin, als du unter der Dusche standest, mit dem &lt;em&gt;Jamblichos&lt;/em&gt; telefoniert“, riss ihn Philipp plötzlich aus den Gedanken. „Wir haben Glück, der Laden hat heute geöffnet. Donnerstag gibt es häufig Sonderveranstaltungen mit internationalen DJs, bei denen es hübsch voll wird. Aber keine Sorge, das mit der Gästeliste geht klar. Ich musste nur den Namen meines Bruders erwähnen, und schon waren wir drauf...“&lt;br /&gt;Wolfgang zeigte ein anerkennendes Nicken und nahm dann stumm am Küchentisch platz, um sich ebenfalls von den belegten Broten zu nehmen.&lt;br /&gt;„Wenn ich mich auch frage,“ fuhr Philipp etwas überraschend fort, „was zum Teufel wir dort eigentlich sollen. Immerhin ist es Tommys Verschwinden, das uns interessiert, und nicht Drögers. Aber gut, ich sehe ein, es ist der letzte Strohhalm an den wir uns klammern. Eins möchte ich allerdings deutlich festgestellt haben: Wenn ich dort heute Abend mit dir dort aufkreuze, dann hat das einzig und allein mit Tommy oder Dröger zu tun. Du magst das vielleicht anders sehen, aber ich bin nicht auf der Suche nach Anton oder Adam Haselmeyer &lt;em&gt;and his fabulous Rosy Cross&lt;/em&gt; &lt;em&gt;Kids&lt;/em&gt; oder was immer du dir darunter auch vorstellst.“&lt;br /&gt;„Du verstehst mich nicht“, wehrte sich Wolfgang in einem gepressten Tonfall. „Ich stelle doch lediglich Querverbindungen her. Ich behaupte doch gar nicht, dass es so oder so tatsächlich sein muss.“ Er hielt inne und sagte dann mit einer ruhigen Stimme. „Weißt du, seit wir heute Mittag diesen Zettel gefunden haben, oder vielleicht sogar schon länger, seit ich auf dieses Rätsel in Tommys Aufzeichnungen gestoßen bin, da trage ich einen Gedanken mit mir herum, der mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf will. Er will mir sagen, dass ich eine einmalige Chance erhalten habe. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich das Gefühl, etwas einfach nur durch mein Denken lösen zu können. So als ob es mir dieses eine Mal gelingen könnte, eine Ordnung in dieses Gewirr, das mich umgibt, zu bekommen. Und alles was ich dafür tun muss, ist, ein wenig meinen Kopf anzustrengen. Ich weiß das klingt blöd, aber wenn wenn diese Möglichkeit tatsächlich bestehen sollte, muss ich dann nicht alles daran setzen?“&lt;br /&gt;„Und was wirst du tun, wenn du am Ende möglicherweise feststellen musst, dass das Geheimnis, das du die ganze Zeit so verzweifelt gesucht hast, gar nicht existiert?“&lt;br /&gt;Wolfgang überlegte gerade, was er darauf antworten sollte, als plötzlich sein Mobiltelefon in die Stille fuhr.&lt;br /&gt;„Hallo Wolfgang?“, war es Mirjam, die am anderen Ende der Leitung das Gespräch eröffnete.&lt;br /&gt;„Ach, Servus Mirjam,“ antwortete Wolfgang etwas abwesend. „Und, was gibt es Neues?“&lt;br /&gt;„Ich...ich bin mir nicht ganz sicher. Wolfgang, du musst mir endlich sagen, was hier los ist. Ich ertrage diese Unsicherheit nicht länger...“&lt;br /&gt;„Aber was...?“&lt;br /&gt;„Hör auf mit den Spielchen, ich weiß genau, dass du mir irgendwelche Dinge vorenthältst. Was weißt du über Tommys Verschwinden und wer ist dieser Jacob Böhme und wieso Berlin und was machst du dort und was hast du der Polizei gesagt und...ich werde noch verrückt!“ Sie redete noch weiter, aber Wolfgang hörte sie nicht mehr deutlich genug, weil er kurz den Hörer vom Ohr nahm und verstört zu Philipp herüber sah.&lt;br /&gt;„Okay, jetzt bitte noch einmal ganz langsam, zum Mitschreiben,“ fiel er ihr schließlich ins Wort. „Was ist passiert?“&lt;br /&gt;„Du hast mir, falls du dich erinnerst, heute Nachmittag eine Nachricht auf den Anrufbeantworter gesprochen. Du meintest, du seiest in Berlin, und dann hast du mir aufgetragen, ich solle mich noch einmal mit der Polizei in München in Verbindung setzen und fragen, ob es möglich sei, festzustellen, ob Tommy auf irgendeiner der Passagierlisten aller Berlinflüge auftaucht...“&lt;br /&gt;„...die seit Donnerstag Abend von München oder einem anderen deutschen Flughafen abgegangen sind, ja das habe ich gesagt. Wo ist das Problem?“&lt;br /&gt;„Zuerst war da auch keins. Der Beamte an der anderen Leitung war erwartungsgemäß ziemlich patzig und meinte gelangweilt, das fiele nicht in seinen Kompetenzbereich etc...aber als ich dann den anderen Namen erwähnte, von dem du in deiner Nachricht gesprochen hast, diesen Jacob Böhme, da wurde er plötzlich ganz hellhörig. Er klang wie ausgewechselt und sagte, ich solle dran bleiben, und dann hat er mich mit einem anderen Beamten verbunden. Der wollte dann alles von mir wissen, richtiggehend ausgequetscht hat er mich. Ich musste ihm alles sagen, was ich über Tommys Verschwinden weiß, und als er das merkte, dass das nicht viel ist, wurde er sauer und hat mir immer wieder die gleichen Fragen gestellt. Er wollte wissen, ob Tommy einen Koffer dabei hatte, als ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Stell dir vor, er wusste von dem schwarzen Lederkoffer! Aber am meisten hat ihn interessiert, woher ich den Namen Jacob Böhme kannte, er hat gar nicht mehr aufgehört, mir diese Frage zu stellen, und, na ja, ich habe es eben mit der Angst zu tun bekommen und deshalb immer wieder beteuert, das nur irgendwo aufgeschnappt zu haben, durch eine flüchtige Bemerkung von Tommy oder so. Deinen Namen habe ich nicht erwähnt. Irgendwann hat er es dann aufgegeben und gesagt, ich solle mich verfügbar halten. Also bitte Wolfgang, ich flehe dich an, erzähl mir endlich woher du diese Informationen hast und was...“&lt;br /&gt;„Was ist?“, fragte Philipp erstaunt und sah zu Wolfgang hoch, der das Telefon auf Brusthöhe hielt und verstört in seine Richtung starrte. &lt;/div&gt;„Nichts. Mir kommt es nur so vor, als hätte ich gerade jemanden &lt;em&gt;On the Sunny Side of the Street&lt;/em&gt; pfeifen gehört...“&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;br /&gt;[&lt;a href="http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-44.html"&gt;Fortsetzung folgt&lt;/a&gt;]&lt;/div&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/4649458722169584895-701595538279557512?l=baerista.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://baerista.blogspot.com/feeds/701595538279557512/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-43.html#comment-form' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/701595538279557512'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/701595538279557512'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-43.html' title='Scheuermilch (4.3)'/><author><name>Baerista</name><uri>http://www.blogger.com/profile/02373620929944807927</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='24' height='32' src='http://4.bp.blogspot.com/-6EDMQPvqQCU/TfNTJ0t_aSI/AAAAAAAAALw/9MHVgEPq360/s220/BILD1082.JPG'/></author><media:thumbnail xmlns:media='http://search.yahoo.com/mrss/' url='http://4.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TSsxycXdm5I/AAAAAAAAAJU/nLGXLWk69_U/s72-c/Burgos-%252520catedral.jpg' height='72' width='72'/><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-4649458722169584895.post-3238515819459879759</id><published>2011-01-10T04:08:00.000-08:00</published><updated>2011-01-10T07:52:11.515-08:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Scheuermilch'/><title type='text'>Scheuermilch (4.2)</title><content type='html'>&lt;a href="http://2.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TSr2EuUTIJI/AAAAAAAAAJM/KR0qVnmfE4w/s1600/BILD1477.JPG"&gt;&lt;img style="TEXT-ALIGN: center; MARGIN: 0px auto 10px; WIDTH: 320px; DISPLAY: block; HEIGHT: 240px; CURSOR: hand" id="BLOGGER_PHOTO_ID_5560527250955378834" border="0" alt="" src="http://2.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TSr2EuUTIJI/AAAAAAAAAJM/KR0qVnmfE4w/s320/BILD1477.JPG" /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;2. Kapitel&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Darauff rüstet ich mich auff den weg, zog meinen weisen Leinen Rock an, umbgürtet meine lenden mit einem Blutrohten Bendel kreutzweiß uber die Achslen gebunden.&lt;br /&gt;Auff meinen Hut steckt ich vier rohter Rosen: damit ich under dem Hauffen durch solche Zeichen könte desto eh gemerckt werden.&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;div align="justify"&gt;(Chymische Hochzeit Christiani Rosencreutz, Anno 1459)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das Treppenhaus des Mehrfamilienhauses roch nach einer Melange aus Linoleum und Kompost. Es war ein Gestank von Jahrzehnten, der bei einem westdeutschen Haus den Verdacht nahe gelegt hätte, dass seine Bausubstanz sich noch sehr noch gut an den großen Boom des sozialen Wohnungsbaus während der 50er-Jahre erinnern konnte. Bei ostdeutschen Häusern war das womöglich anders.&lt;br /&gt;Wolfgang wartete beinahe 10 Sekunden bis er den Klingelknopf endlich vom Druck seines Fingers erlöste. Anschließend schlug er seine Knöchel drei oder vier Mal hart gegen das lackierte Holz der Tür. Dann wurde es wieder still. Wolfgang trat einen Schritt heran und drückte sein Ohr fest gegen das Holz, schräg unterhalb des Türspions. Angestrengt horchte er nach irgendwelchen Lauten, die er aus der dahinter liegenden Wohnung wahrzunehmen hoffte. Doch die Tür blieb stumm. Philipp sah ihm währenddessen wortlos zu und bearbeitete seine Unterlippe mit den Zähnen. Es war deutlich sichtbar, dass er eine erneute Salve von Klopf- und Klingelzeichen für reine Zeitverschwendung hielt. &lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;Die letzten 35 Minuten hatte Wolfgang damit verbracht, sich von seinem Freund zu der Adresse führen zu lassen, die er sich zwei Tage zuvor durch den Anruf bei Simon Drögers Mutter erschlichen hatte. Irgendetwas war faul gewesen an dem Telefonat, dass er daraufhin mit Dröger geführt hatte. Dieser hatte nicht nur scheinbar kategorisch bestritten, dass sich Tommy momentan in Berlin aufhielt (was angesichts der Größe der Stadt von einer gewissen Kühnheit zeugte), sondern dies überdies für den gesamten vorangegangenen Monat verneint. &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;"Nun stell dir vor," hatte Wolfgang zuvor beim gemeinsamen Mittagessen mit Philipp eingeworfen, "du unternimmst eine Reise in eine weit entfernte Großstadt. Würdest du dich dann nicht veranlasst sehen, bei dieser Gelegenheit den einzigen Menschen, zum dem du in dieser Stadt engere private Kontakte unterhältst, von diesem Vorhaben in Kenntnis zu setzen?“&lt;br /&gt;Philipp ließ ein vorsichtiges Nicken andeuten.&lt;br /&gt;„Gehen wir also einmal davon aus, Tommy saß am 11. Februar tatsächlich in einer Lufthansamaschine Richtung Berlin. Wenn dem so war, dann ließe sich rein auf dieser Basis ohne Weiteres der Verdacht begründen, dass er dabei in irgendeiner Weise mit Dröger in Berührung gekommen ist. Auch den Gedanken, dass Tommy für die drei Tage seines Berlinaufenthaltes bei Dröger Unterkunft gesucht und gefunden hat, sollten wir nicht völlig von der Hand weisen. Von Mike weiß ich, dass ihm Tommy kürzlich bei seinem Umzug geholfen hat. Möglicherweise hatte er bei Dröger also noch einen Gefallen gut."&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;"Das mag sein," hatte Philipp eingewandt. "Aber wieso hätte er dich dann am Telefon belogen?"&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;"Genau dass sollten wir herausfinden."&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;br /&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;Auf dem Weg zu Drögers Wohnung hatte Wolfgang mehr als einmal Gelegenheit gehabt, in leichte Bewunderung zu verfallen, angesichts Philipps scheinbar routinierten Umgangs mit dem hiesigen Nahverkehrsnetz, dank dem sie schließlich ohne weitere Zwischenfälle im Zentrum von Lichtenberg gelandet waren. Bei dem Vorhaben, in Drögers Wohnung im dritten Stockwerk zu gelangen, wären sie hingegen schon fast am Hauseingang gescheitert, denn auch nach mehrmaligem Läuten waren Türsummer und Gegensprechanlage stumm geblieben. Erst als sie einer mit Papiertüten und Kind bepackten Mutti, die im richtigen Moment um die Ecke gebogen war, die Tür aufhielten, hatten sie Level 1 doch noch gemeistert. Doch nun schien es endgültig so, als ob auch das Aufkreuzen bei Tommys mutmaßlichem Kontakt in der Hauptstadt nur in eine weitere Sackgasse geführt hätte.&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;Frustriert hob Wolfgang die Schultern an und schritt auf den Treppenabsatz zu. Philipp wollte ihm gerade folgen, als sie plötzlich hörten wie jemand die Tür öffnete, die dem Eingang zu Drögers Wohnung direkt gegenüber lag. Sie wandten sich um und sahen den Kopf einer alten Frau, der neugierig durch den Türspalt in den Bauch des Treppenhauses lugte.&lt;br /&gt;„Der junge Mann ist nicht da,“ sagte der Kopf mit einer federnden Stimme.&lt;br /&gt;„Ja, scheint fast so,“ erwiderte Philipp schließlich in einem Ton, der etwas unverschämt klang. „Wann kommt er denn wieder?“&lt;br /&gt;Die Tür öffnete sich ein wenig, so dass auch der Rest der alten Frau zum Vorschein kam. Sie trug eine blau-rot gestreifte Kittelschürze und dicke, graue Filzpantoffeln. Ihre Körperhaltung schien zu verraten, dass sie für ihr Alter gesundheitlich gut in Schuss war. Wolfgang schätzte sie auf 70 Jahre und stellte sich kurz vor, jemanden vor sich zu haben, der alle Stadien der Existenz dieses Haus bewusst miterlebt haben musste. Im Blick der Frau lag Verunsicherung.&lt;br /&gt;„Können Sie uns vielleicht sagen, wo Herr Dröger hingegangen ist?“, fragte Wolfgang überdeutlich und in seinem besten Hochdeutsch, um sicherzugehen, dass sie ihn auch im Falle einer Schwerhörigkeit verstehen konnte.&lt;br /&gt;„Kommen Sie von der Polizei?“&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;„Nein, äh, wir sind Freunde von Simon und wollen ihn besuchen,“ antwortete er und bemühte sich dabei um ein Vertrauen erweckendes Lächeln. Er sah das Klingelschild hinter ihr und stellte fest, dass sie Hartmann hieß.&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;„Ich glaube nicht, dass er heute noch zurückkommen wird.“&lt;br /&gt;„Wieso, ist er verreist?“&lt;br /&gt;„Nein, nein, verreist ist er nicht."&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;"Woher wollen Sie dann wissen, dass er nicht mehr zurückkommt,“ warf Philipp skeptisch ein.&lt;br /&gt;„Ach, sehen Sie, das wüsste ich eben. Das Haus ist alt und sehr hellhörig. Es verrät jedes Geräusch. Wenn man schon so lange hier lebt, wie ich, dann bekommt man genau mit, wann jemand nach Hause kommt und wann jemand geht. Gerade auf diesem Stockwerk. Und dann auch noch bei dem Gepolter letzte Nacht...“&lt;br /&gt;„Was für ein Gepolter?“, fragte Wolfgang erstaunt.&lt;br /&gt;Sie hielt einen Moment inne, als müsste sie ihre Erinnerung aus dem hintersten Winkel einer großen Schublade hervorkramen, und fuhr dann in einem sehr vorsichtigen Tonfall fort.&lt;br /&gt;„Das war gegen Mitternacht. Da bin ich aufgewacht von den Geräuschen aus der Wohnung gegenüber, so ein wildes Rufen und Poltern. Nicht übermäßig laut, aber ich habe es deutlich gehört. Als ich dann durch den Türspion blickte, sah ich, wie der junge Mann die Wohnung verließ, eingekeilt zwischen zwei anderen Männern. Das waren Kerle, sage ich Ihnen! Selten habe ich solch breite Kreuze gesehen. Richtige Gorillas, mit großen Glatzen und diesen schwarzen Jacken. Der junge Mann ist richtiggehend verschwunden zwischen diesen beiden. Und die sind dann mit ihm die Treppe runtergestiegen. Gesprochen haben sie dabei kein Wort. Mehr habe ich auch nicht gesehen. Und Sie sind wirklich nicht von der Polizei?“&lt;br /&gt;„Nein, bestimmt nicht,“ versicherte ihr Wolfgang und merkte wie sich ein leichtes Flackern in seiner Magengegend ausbreitete. „Aber es ist trotzdem wichtig, dass Sie uns alles erzählen, was Sie gesehen haben. Ist Ihnen irgendetwas an Herrn Dröger aufgefallen? Wie hat er ausgesehen? Wirkte er entspannt, hatte er Angst? War er vielleicht sogar verletzt?“&lt;br /&gt;„Ich...ich weiß nicht genau“, sagte sie und wirkte noch verwirrter als vorhin. „Es ging ja alles so schnell...Aber Angst, das könnte stimmen. Wenn ich nur an diese Männer zurückdenke, läuft es mir schon kalt den Rücken herunter. Ich vermag es mir gar nicht auszumalen, was diese Leute von ihm gewollt haben könnten. Er war ja eigentlich immer so ein netter junger Mann gewesen, immer so ruhig...“&lt;br /&gt;„Und Sie sind sicher, dass er seitdem nicht wieder da gewesen ist?“, fragte Philipp wieder.&lt;br /&gt;„Wenn er inzwischen zurückgekommen wäre, hätte ich das bestimmt gehört. Mein Schlaf ist nicht so fest...“&lt;br /&gt;Philipp machte eine kurze Pause und deutete dann eine leichte Verbeugung an, während er der alten Frau zulächelte. „Haben Sie vielen Dank, Frau Hartmann. Und machen Sie sich keine Sorgen, ich bin mir sicher, Herr Dröger ist bald wieder da. Sie werden sehen, das löst sich alles in Wohlgefallen auf. Einen schönen Tag noch.“&lt;br /&gt;Nachdem sie das Haus verlassen hatten, holte Wolfgang umgehend eine Schachtel Zigaretten hervor und hielt sie Philipp hin, der sich wortlos eine Kippe anstecken ließ.&lt;br /&gt;„Wirst du daraus schlau?“, fragte Philipp, nachdem er mehrere Züge lang tief inhaliert hatte. „Wenn nur annähernd stimmt, was uns die Alte da gerade verzapft hat, dann müssen das ja wirkliche Brocken gewesen sein, die den guten Simon gestern Nacht abgeholt haben. Soweit ich mich zurückerinnern kann, ist Dröger selbst nicht gerade schmächtig.“&lt;br /&gt;Wolfgang deutete ein Schulterzucken an und ließ dabei die Zigarette zwischen seinen Fingern kreiseln. „Wer weiß, vielleicht hatte er Schulden und seine beiden Begleiter waren Mitarbeiter vom Inkassodienst Nowgorod oder so ähnlich. Oder es waren einfach nur Freunde von ihm, vielleicht aus seinem Fitness-Club, die ihn zu einer Zechtour abholten...,“ sagte er dann und stellte fest, dass er seine eigenen Worte wenig überzeugend fand.&lt;br /&gt;„Das mit den Schulden ist vielleicht gar nicht so abwegig,“ erwiderte Philipp zu seinem Erstaunen dennoch. „Wovon bestreitet Dröger hier in Berlin eigentlich seinen Lebensunterhalt? Studiert er?“&lt;br /&gt;„Mike meinte nur, er lege irgendwo als DJ auf. Mehr weiß ich auch nicht.“&lt;br /&gt;„Und davon kann man leben?“, sagte Philipp mehr zu sich selbst und warf dabei die Stirn leicht in Falten. „Ich kenne mich auf diesem Sektor ja nicht besonders gut aus, aber ich glaube, man muss schon wirklich gefragt sein, um daraus mehr als nur einen Nebenjob machen zu können. Ich meine, diese Gegend hier ist vielleicht nicht gerade Bogenhausen, aber auch eine Wohnung wie diese will erst einmal bezahlt werden können. Du weißt nicht zufällig wo genau er sich da herumtreibt?“&lt;br /&gt;„Ich denke nicht...Oder doch, Mike hat es mir gesagt. Der Laden heißt &lt;em&gt;Jamblichos&lt;/em&gt;, oder so ähnlich...“&lt;br /&gt;„Zufälle gibt’s...,“ lachte Philipp kurz auf. „Ich kenne das &lt;em&gt;Jamblichos&lt;/em&gt;. Das ist ein Tanzschuppen ganz hier in der Nähe. Michael geht dort regelmäßig hin. Er kennt den Besitzer persönlich, einen Österreicher, der Typ heißt Anton Haselmeyer. Der scheint ihn zu seinem engeren Freundeskreis zu zählen, was wohl auch damit zusammenhängt, dass das &lt;em&gt;Jamblichos&lt;/em&gt; oft bevorzugt wird, wenn Michael in seiner blöden Zeitung Anzeigen schalten lässt. Michael hat mir vor kurzem sogar noch angeboten, er könne mich dort jederzeit auf die Gästeliste setzen lassen, sollte ich diese Woche einmal die Lust verspüren, wegzugehen. Nicht dass mich das interessiert hätte...“&lt;br /&gt;Plötzlich blieb Wolfgang stehen. Er fühlte etwas sehr Schwarzes und verstand nicht genau, was es war. Philipp bemerkte die Veränderung, die seinen Freund ergriffen hatte.&lt;br /&gt;„Ist was?“&lt;br /&gt;„Er heißt Haselmeyer!“&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;„Ja. Und?“&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;„Kannst du dich daran erinnern, wie ich erwähnt habe, dass die &lt;em&gt;Fama Fraternitatis&lt;/em&gt; bei ihrer Erstveröffentlichung 1614 nicht selbstständig erschienen ist, sondern zusammen mit einem anderen Text, eine &lt;em&gt;Allgemeine und General Reformation der gantzen weiten Welt&lt;/em&gt;?“&lt;br /&gt;„So ganz dunkel“, antwortete Philipp und machte eine hilflose Geste.&lt;br /&gt;„In demselben Band befand sich noch ein dritter Text. Der Fama folgt eine &lt;em&gt;Responsion oder Antwort an die lobwürdige Brüderschafft der Theosophen vom RosenCreutz&lt;/em&gt; von einem gewissen Adam Haslmayr. Dabei handelt es sich um einen Paracelsusadepten aus Tirol, der wahrscheinlich als Erster überhaupt dem Aufruf der Rosenkreuzer Folge leistete, indem er diese Responsion drucken ließ, und zwar bereits 1612. Das beweist, dass ihm die &lt;em&gt;Fama Fraternitatis&lt;/em&gt; schon vor ihrem Erscheinen im Druck bekannt gewesen sein muss. In der gedruckten Erstausgabe der &lt;em&gt;Fama&lt;/em&gt; wurde dann Haslmayrs Responsion gleich mit angefügt, allerdings nicht ohne auf dem Titelblatt auch noch zu erwähnen, dass besagter Adam Haslmayr aufgrund dieses Textes von den Jesuiten &lt;em&gt;gefänglich eingezogen und auff eine Galleren geschmiedet&lt;/em&gt; worden sei, was insoweit stimmt, dass er wegen seiner spagirischen Umtriebe tatsächlich von Erzherzog Maximilian persönlich verurteilt wurde und viereinhalb Jahre auf einer genuesischen Galeere zubringen musste. Dem guten Haslmayr hat dies alles natürlich bald den Ruf eingebracht, zu den ersten Rosenkreuzern gehört zu haben, was ja nicht weiter wichtig wäre, hätte nicht dieser Diskothekenmensch denselben...“ &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;Wolfgang verstummte und sah, dass sich in Philipps Gesicht eine vorwurfsvolle Frage abgezeichnet hatte. Dann setzten sie wortlos ihren Weg fort. &lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;[Fortsetzung folgt]&lt;/div&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/4649458722169584895-3238515819459879759?l=baerista.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://baerista.blogspot.com/feeds/3238515819459879759/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-42.html#comment-form' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/3238515819459879759'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/3238515819459879759'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-42.html' title='Scheuermilch (4.2)'/><author><name>Baerista</name><uri>http://www.blogger.com/profile/02373620929944807927</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='24' height='32' src='http://4.bp.blogspot.com/-6EDMQPvqQCU/TfNTJ0t_aSI/AAAAAAAAALw/9MHVgEPq360/s220/BILD1082.JPG'/></author><media:thumbnail xmlns:media='http://search.yahoo.com/mrss/' url='http://2.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TSr2EuUTIJI/AAAAAAAAAJM/KR0qVnmfE4w/s72-c/BILD1477.JPG' height='72' width='72'/><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-4649458722169584895.post-8254863775448206423</id><published>2011-01-09T04:53:00.001-08:00</published><updated>2011-01-10T07:47:33.808-08:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Scheuermilch'/><title type='text'>Scheuermilch (4.1)</title><content type='html'>&lt;a href="http://3.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TSj3lfIjIrI/AAAAAAAAAJE/jbtepd3tUaM/s1600/BILD0621.JPG"&gt;&lt;img style="TEXT-ALIGN: center; MARGIN: 0px auto 10px; WIDTH: 320px; DISPLAY: block; HEIGHT: 240px; CURSOR: hand" id="BLOGGER_PHOTO_ID_5559965963373454002" border="0" alt="" src="http://3.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TSj3lfIjIrI/AAAAAAAAAJE/jbtepd3tUaM/s320/BILD0621.JPG" /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;strong&gt;Vierter Tag&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;1. Kapitel&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Südamerika hat übrigens noch viele solcher archäologischen Knacknüsse aufzuweisen.&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;(Erich von Däniken: Erinnerungen an die Zukunft)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Am Ende war alles ausgesprochen schnell gegangen. Wolfgang hatte sich hinter einer Ecke des Flurs postiert, an welcher sich dieser in zwei Richtungen zu einem Seitenflügel verzweigte. Das Stubenmädchen hatte kaum eine halbe Minute in Nummer 113 verbracht, als sie wieder zum Vorschein kam, den Mund zu einer dieser irritierten Schnuten verzerrt, mit denen Menschen für Gewöhnlich auf Konstellationen reagierten, die sie als kurios einstuften. Mit einem beinahe waghalsigen Satz schaffte es Wolfgang gerade noch in dem Moment vor dem Zimmereingang zu erscheinen, als die Frau gerade dabei war, die Tür wieder zu verschließen. Hastig setzte er ein beiläufiges Sonntagslächeln auf und sagte so etwas wie "Olà," weil er von seinen Urlaubsreisen zu wissen glaubte, dass die meisten Zimmermädchen Spanisch sprachen. Sie drehte sich erstaunt herum und musterte ihn kurz, ohne etwas zu sagen. Mit einer geschwinden Bewegung griff er mit seinem rechten Arm über die Schulter der Frau hinweg und drückte vorsichtig mit der Handfläche gegen die Zimmertüre hinter ihr, dazu lächelte er etwas verlegen. Das Zimmermädchen zögerte noch ein paar Sekunden und machte schließlich in einer resignierenden Geste Platz, so als hätte sie sich entschlossen, Wolfgang das Zutrittsrecht, dass er durch sein Verhalten so tapfer zu verteidigen versuchte, nicht zu verwehren. Er nutzte die Gelegenheit, die sich ihm bot, indem er durch den nach wie vor halboffenen Türspalt in das Innere des Zimmers schlüpfte und die Tür noch in derselben Bewegung hinter sich zu zog. Erschöpft aufatmend lehnte er eine Weile mit dem Rücken gegen die Türwand und hörte zu, wie sich draußen der Wagen des Zimmermädchens wieder in Bewegung setzte. Erst jetzt war er sich sicher, dass er es geschafft hatte. Wolfgang besichtigte das Interieur und begriff, worüber sich die Frau vorhin so gewundert hatte. Es gab nirgends auch nur das geringste Anzeichen dafür, dass sich hier in den vergangenen Tagen irgendjemand aufgehalten, geschweige denn geschlafen hatte. Auf dem Boden befanden sich keine Schuhe, die Schränke waren völlig leer, die Hotelseife im Bad noch versiegelt. Etwas Absurderes, als vor solch ein Zimmer ein grünes „Aufräumen“-Schildchen zu hängen, war kaum vorstellbar. Dann klingelte plötzlich das Telefon, das auf einem Nachttisch neben dem unbenutzten King Size Bett stand. Wolfgangs Herz begann etwas zu klopfen, als er vorsichtig den Hörer abhob.&lt;br /&gt;„Ist die Luft rein?“, flüsterte Philipp am anderen Ende der Leitung.&lt;br /&gt;„Ganz schön mutig, so früh anzurufen, mein Lieber...“&lt;br /&gt;„Ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten...“&lt;br /&gt;„Jetzt komm schon rauf“, lachte Wolfgang und legte auf.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Zwei Minuten später stand Philipp in der Mitte des Raumes und kratzte sich irritiert am Hals. „Also ich muss schon sagen, die Reinigungskräfte leisten hier gute Arbeit. Irgendwas gefunden?“&lt;br /&gt;„Sieht es danach aus?“, brummte Wolfgang mürrisch. „Hier fehlt nicht einmal der Bademantel, dabei klauen den doch alle.“&lt;br /&gt;„Hat das Zimmer einen Safe?“&lt;br /&gt;Wolfgang zog kurz die Schultern hoch und öffnete dann mit einem Ruck die Schiebetür einer Schrankwand, die sich gleich am Eingang befand. Mit langen Mienen starrten sie beide auf die gähnende Leere, die sich hinter der angelehnten Tür des massiven Zimmersafes auftat. Während Wolfgang mit einer erschöpften Geste auf einem der beiden Stühle Platznahm, die zu einem kleinen Rundtisch in Fensternähe gehörten, fuhr Philipp unbeirrt fort, verschiedene Türen und Schubfächer aufzureißen. Doch weder die beiden Nachttischchen noch der dem Bett gegenüberliegende Schreibtisch brachten – von einem Block Briefpapier, das die Insignien des Hotels trug, und einer Ausgabe des Neuen Testaments abgesehen – irgendetwas zum Vorschein. Schließlich ging er vor dem Bett in die Knie und führte die Fingern in den engen Spalt zwischen Teppichboden und Bettkante ein. Als er sie wieder hervorzog, steckte zwischen seinem Zeige- und Mittelfinger ein Fetzen Papier, nicht viel größer als eine Streichholzschachtel. Wortlos legte Philipp das geknüllte Papierstück vor ihm auf der Tischplatte ab und setzte sich dann auf den zweiten Stuhl. Überrascht musterte Wolfgang den Fund:&lt;br /&gt;Die Form des Fetzens verriet, dass er aus der linken Unterkante eines größeren Blattes herausgerissen worden war. An den Stellen, an denen das Papier aufhörte, waren noch Spuren von Druckerschwärze zu erkennen, die einmal die Fußenden einer Reihe von Buchstaben gebildet haben mussten. Am linken oberen Rand der Rissstelle waren noch Reste von Worten erkennbar, die in die unversehrten Zonen des Papiers hineinragten; "ßen," stand da, eine Zeile darüber gefolgt von einem "en" und schließlich den Spuren des Wortes "Plaza" am äußersten Rand des Fetzens. Auf der unbeschädigten Fläche des Papiers waren hingegen nur drei Namen zu lesen, die dort in einer sehr leserlichen Handschrift, die eindeutig nicht Tommys war, hinterlassen worden waren. &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Andrea von Nettesheim&lt;br /&gt;Johann Khunrath&lt;br /&gt;Valentin Maier&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;„Was hältst du davon“, versuchte Philipp nach einer Weile das Schweigen zu brechen.&lt;br /&gt;„Müsste ich mich auf Teufel komm raus entscheiden, würde ich sagen, das ist ein Stückchen vom Ende eines Briefes oder zumindest einer schriftlichen Nachricht, welche die drei Unterzeichner einem Vierten zukommen haben lassen...“&lt;br /&gt;„Du denkst an Tommy?“&lt;br /&gt;„An Tommy, Jacob Böhme, wen auch immer,“ seufzte Wolfgang dunkel.&lt;br /&gt;„Immerhin, die Idee ist nicht unplausibel. Ich glaube, Reisende bekommen häufig Telegramme und Benachrichtigungen auf ihre Hotelzimmer gebracht, von Leuten, die irgendwas von ihnen wollen. Daraus ließe sich schon mal eine Arbeitshypothese erstellen, beispielsweise – nein nicht beispielsweise, sondern das ist so gewesen: Jacob Böhme kommt im Crowne Plaza an, bezieht sein Zimmer und bekommt später von einem Portier eine schriftliche Nachricht überbracht, wonach sich die drei Personen, deren Namen wir vor uns haben, mit ihm in der Hotellobby treffen wollen. Da steht dann zum Beispiel, „Treffen sie uns um 15 Uhr in der Lobby“ und das Ganze endet mit „Mit freundlichen Grüßen“ gefolgt von den Unterschriften. Jacob Böhme registriert das, zerknüllt den Zettel etwas ungestüm und reißt dabei eine Ecke ab, die auf den Boden fällt, unters Bett gelangt und von der Putze, die ja hier ohnehin nichts zu Putzen vorfindet, übersehen wird...“&lt;br /&gt;Wolfgang schwieg einen Augenblick und fuhr sich angestrengt über die Bartstoppeln am Kinn. „Würde man diese Namen jeweils einzeln antreffen, dann wäre an ihnen vielleicht nichts Ungewöhnliches, aber in dieser Konstellation...“&lt;br /&gt;„Würdest du mich an deinen Gedanken teilhaben lassen?"&lt;br /&gt;„Die ältertümelnde Schreibweise des Namens Khunrath hat mich gleich stutzig gemacht. Tatsächlich gibt es einen bekannten Alchemisten namens Heinrich Khunrath. Er dürfte ungefähr in dieselbe Periode zu datieren sein wie...“&lt;br /&gt;„Warte, sag nichts. Dieser Khunrath gehört in den Dunstkreis Jacob Böhmes.“&lt;br /&gt;„Nicht ganz. Tatsachlich starb Khunrath noch bevor Böhme sein Hauptwerk verfassen konnte. Zu seinen Lebzeiten war ein angesehener medizinischer und philosophischer Gelehrter gewesen, vor allem aber ein richtiger Alchemist, der alle möglichen Tränke und Legierungen herstellte. Seine Dienste wurden von Herrschern aus dem ganzen deutschen Raum und auch vom schwedischen König beansprucht, dem er eine Art Bauanleitung für eine Rüstung, die unbesiegbar machen sollte, zukommen ließ.“&lt;br /&gt;„Da schau her. Dann haben die anderen Namen wohl auch was mit Alchimie zu tun?“&lt;br /&gt;"Das vermute ich zumindest. Der Name von Nettesheim ist ungewöhnlich genug, um ihn mit Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim in Verbindung zu bringen. Ein gebürtiger Kölner, der aber fast hundert Jahre früher als Böhme lebte. Ich glaube, sein Hauptwerk heißt &lt;em&gt;De occulta Philosophia libri tres&lt;/em&gt;.“&lt;br /&gt;„Klingt viel versprechend. Was steht drin?“&lt;br /&gt;„Keine Ahnung, irgendwas von einer &lt;em&gt;magia naturalis&lt;/em&gt;, mit Hilfe derer man sich die verborgenen Kräfte der Natur zunutze machen kann; mehr weiß ich von diesem Herren und seinem Werk leider nicht – außer dass sein schwarzer Pudel Literaturgeschichte geschrieben hat.“&lt;br /&gt;„Das also war des Pudels Kern – ich erinnere mich. Aber wie sieht’s mit dem dritten Namen aus? Der klingt nicht gerade spannend...“&lt;br /&gt;„Es sei denn es handelt sich um eine Anspielung auf den Alchimisten Michael Maier, der zeitweise als Leibarzt Rudolfs II. seinen Lebensunterhalt bestritt. Angeblich hoffte er, mit seinen Methoden ein universales Heilmittel herstellen zu können. Daneben tritt die Alchemie in Maiers Werk jedoch vor allem als Form des Denkens in Erscheinung.“&lt;br /&gt;„Du meinst, dass die beschriebenen chemischen Vorgänge in Wirklichkeit Chiffren für irgendetwas anderes sind?“&lt;br /&gt;„So in etwa, ja. Um was es dabei allerdings genau ging, lässt sich im Nachhinein nur schwerlich mit letzter Sicherheit bestimmen, da Maier und seine Zeitgenossen ihre Lehren gerne in komplexe Bilder und Symbole einschlossen. Es gibt derzeit wohl nur einen Menschen auf der Welt, der in der Lage ist, solche Werke zu entschüsseln."&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;"Du meinst den berühmten Symbologen Robert Langdon von der Harvard University?"&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;"Richtig. Ich hatte im vergangenen Semester das Vergnügen, mich als Zuhörer in einen Workshop setzen zu dürfen, den er hier in München als Gast des Center vor Advanced Studies leitete. Einer der Texte, die er uns austeilte, war die &lt;em&gt;Allegoria Bella&lt;/em&gt;, eine Art alchemistisches Märchen aus Maiers Opus &lt;em&gt;Symbolae Aureae Mensae&lt;/em&gt;. Darin berichtet ein Erzähler von seiner Reise durch die vier Kontinente, die er auf der Suche nach einer Feder des Phönixes unternimmt. Das ist zumindest die Oberflächenhandlung, im Wirklichkeit geht es aber um den philosophischen Charakter der Alchemie. Die Reise und Suche des Erzählers verweist auf das Streben des Alchemisten nach dem Himmlischen. Der Weg der Hauptperson durch die Kontinente entspricht den Übergängen zwischen den vier Elementen, die wiederum mit den vier Körpersäften korrelieren. Er beginnt in Europa (Erde), reist durch Amerika (Wasser) und Asien (Luft), um schließlich nach Afrika (Feuer) zu gelangen (Australien war damals noch weitgehend unbekannt). Der Phönix wiederum ist wohl eine Chiffre für Tod und Auferstehung, vielleicht auch für Christus oder den Stein der Weisen. Auch ansonsten bietet Maier ein ganzes Kaleidoskop an Bezügen auf griechische und ägyptische Mythen, aber auch auf Astronomie, Zoologie oder Botanik. All diese Dinge sollen in irgendeiner Art und Weise eine Entsprechung in den Vorgängen im Alchemistenlabor finden. Es ist ja bis heute ein Streitpunkt, in wie weit man gewisse alchemistische Texte überhaupt wörtlich nehmen kann oder sie gänzlich in einem spirituellen Sinne umdeuten muss. Dass Michael Maier nicht auch an die praktische Bedeutung seines Handwerks geglaubt habe, wäre aber vermutlich zu weit gegriffen.“ Wolfgang pustete nach seinem Redeschwall kurz aus und holte eine Zigarettenschachtel aus seiner Sakkotasche.&lt;br /&gt;„Verstehe,“ sagte Philipp mit belegter Stimme. „Also können wir festhalten, dass sich hinter diesen drei Namen Gelehrte aus der Frühen Neuzeit verbergen. Im Gegensatz zum Fall Böhme wurden hier jedoch die ursprünglichen Vornamen verfremdet. Vielleicht klang dem Verantwortlichen Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim auch einfach zu bekloppt...“&lt;br /&gt;„Ich fürchte da steckt mehr dahinter,“ wandte Wolfgang ein und zündete sich seine Zigarette an. Dann ging er zum Schreibtisch, holte sich den dort liegenden Notizblock und einen Kugelschreiber und schrieb dann vor Philipps Augen die drei Namen übereinander auf:&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Johann Khunrath&lt;br /&gt;Valentin Maier&lt;br /&gt;Andrea von Nettesheim&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;Schließlich kreiste er die drei Vornamen mehrmals ein. Er sah Philipp zwei oder drei Sekunden lang ausdruckslos an, als ob er eine Reaktion erwartete, die nicht eintraf, und fuhr dann fort.&lt;br /&gt;„Der Theologe Johann Valentin Andreae, denn das ist der Name auf den man kommt, wenn man dem letzten Vornamen noch ein "e" hinzufügt, ist ebenfalls kein Unbekannter. Epoche machte er vor allem als der Typ, dem man heute im Allgemeinen Rosenkreuzer in die Schuhe schiebt.“&lt;br /&gt;„Au, Backe!“, entfuhr es Philipp unwillkürlich. „Ich hatte bereits befürchtet, dass es auf so was hinausläuft. Ausgerechnet die verfluchten Rosenkreuzer! Was genau hat dieser Andreae denn mit ihnen zu schaffen?“&lt;br /&gt;„Nun ja, er soll sie mehr oder weniger erfunden haben. Die Rosenkreuzer tauchen bekanntlich erstmals Anfang des 17. Jahrhunderts in Deutschland auf, indem sie in Form von drei anonymen Manifesten an die Öffentlichkeit treten. 1614 erscheint in Kassel in gedruckter Form eine &lt;em&gt;Allgemeine und General Reformation der gantzen weiten Welt&lt;/em&gt;. Daran angeschlossen ist die &lt;em&gt;Fama Fraternitatis&lt;/em&gt;, die im Prinzip so eine Art Gründungsmythos des Rosenkreuzerordens beinhaltet. Auf den ersten Blick ist es ein Aufruf an die Gelehrten Europas, an der Durchführung einer allgemeinen Reformation von Mensch und Gesellschaft mit Hilfe des geheimen philosophischen Wissens der Rosenkreuzer-Bruderschaft teilzunehmen. Quasi nebenbei wird dann noch die Lebensgeschichte von C.R. erzählt.“&lt;br /&gt;„C.R.?“&lt;br /&gt;„Das steht offensichtlich für Christian Rosencreutz, den legendären Gründer des Ordens. Quasi so etwas wie der rosenkreuzerische Lykurg. Der Knilch soll stolze 106 Jahre alt geworden sein und nach seinen Lehr- und Wanderjahren als Philosoph und Alchemist die geheime Bruderschaft ins Leben gerufen haben, zu der neben ihm noch sieben andere Brüder gehören, die ebenfalls nur ihren Initialen nach bekannt sind. Nach seinem Tod im Jahr 1484 soll C.R. von seinen Mitbrüdern in einem Gewölbe mit sieben Seiten und Ecken beigesetzt worden sein. Dieses Gewölbe stellt wohl so etwas wie ein Symbol für den gesamten Kosmos en miniature dar, ein Raum in dem das gesamte Wissen der Rosenkreuzer gesammelt ist. Der ganze Bericht ist voll von allegorischen Andeutungen, geometrischen Verhältnissen und Zahlenangaben. Ich bin in diesen esoterischen Zahlenspielereien nicht sehr firm, aber beispielsweise könnte man die Quersumme der 106 Lebensjahre Rosencreutzs nehmen und dann hätte man wieder die Sieben, die bei der Einteilung des Gewölbes eine so große Rolle spielt. Wahrscheinlich ist das aber Quatsch und die eben erwähnten 120 Jahre sind viel wichtiger, denn genau 120 Jahre nach seinem Tod entdeckt die dritte Generation der Bruderschaft schließlich die verborgene Grabstätte Rosencreutzs und erfüllt den Auftrag ihres geistigen Urvaters, indem sie nun mit der &lt;em&gt;Fama &lt;/em&gt;an die Öffentlichkeit geht, um dessen Vision von einer allgemeinen Generalreformation zu verwirklichen. Wir sind dann offenbar im Jahr 1604, also zehn Jahre bevor die Fama im Druck erscheint. Im selben Jahr entdeckt Johannes Kepler einen neuen Stern und deutet diese Erscheinung als Zeichen einer bevorstehenden Reformation.“&lt;br /&gt;„Ich bin etwas verwirrt“, warf Philipp ein. „Du hast vorher angedeutet, dass die Rosenkreuzer eine Erfindung dieses Andreae waren. Hat es den Orden dann zu dieser Zeit wirklich gegeben oder nicht?“&lt;br /&gt;„Das ist natürlich schwierig mit letzter Bestimmtheit zu sagen, aber vieles deutet darauf hin, dass sich jemand mit diesen Manifesten so etwas wie einen Scherz erlaubt hat. Als Hauptverantwortlicher wurde schon damals besagter Johann Valentin Andreae bezichtigt und heute wird diese These von der Mehrheit der Experten geteilt. Aber natürlich existieren daneben zahllose konträre Meinungen und Theorien, oft verbreitet von Leuten, deren Vorstellungen von einem gepflegten Kausalnexus als eher burlesk zu bezeichnen sind. Sogar zu den Jesuiten wurden bisweilen Querverbindungen gesehen, während andere glaubten, die Wurzeln der Rosenkreuzer zu den Templern oder sogar bis ins alte Ägypten zurückverfolgen zu können. Einer gerne zitierten Theorie zufolge wurden die Rosenkreuzer 1510, also im Vorfeld der Reformation, gegründet und dreimal darfst du raten von wem...“&lt;br /&gt;„Keine Ahnung. Luther?“&lt;br /&gt;„Leider daneben. Angesichts der Tatsache, dass Luther eine Rose und ein Kreuz in seinem Wappen hatte, ist dein Tipp allerdings gar nicht so weit hergeholt. Einen Versuch hast du noch...“&lt;br /&gt;„Frühes 16. Jahrhundert... wann sagst du hat dieser Agrippa von Nettesheim noch mal gelebt?“&lt;br /&gt;„Bingo!“&lt;br /&gt;„Ich hab’s befürchtet,“ seufzte Philipp. „Aber wenn ich dich richtig verstanden habe, ist das Humbug, oder?“&lt;br /&gt;Wolfgang deutete ein Nicken an. „In Form von tatsächlich existierenden Geheimgesellschaften wird das Rosenkreuzertum, oder zumindest das, was sich selbst so bezeichnet, erst ab dem 18. Jahrhundert, in Verbindung mit dem Ausgreifen der Freimaurerei, fassbar. Allerdings war der Hype in der ersten Zeit nach Erscheinen der Manifeste doch enorm. Allein aus den Jahren zwischen 1614 und 1624 sind mehr als 400 Pamphlete, Manuskripte und Bücher bekannt, in denen auf die Rosenkreuzer Bezug genommen wird, sei es durch Spekulationen über den Hintergrund der Bruderschaft oder die Identität der Mitglieder, sei es in Form von Lobreden oder Schmähschriften. Als 1623 in Paris Plakate auftauchen, in denen es heißt, dass sich die Abgeordneten des obersten Kollegiums vom Rosenkreuz in der Stadt aufhalten würden, kommt es zu einer wahren Rosenkreuzer-Hysterie. Plötzlich werden alle möglichen Leute, darunter René Descartes, mit dem Orden in Verbindung gebracht.“&lt;br /&gt;„Ha, der alte Dubitator!“&lt;br /&gt;„Tja, und das ist noch nicht alles. Damals tauchen auch Gestalten wie Robert Fludd auf, ein englischer Arzt und Philosoph, der sich richtiggehend zum Vorkämpfer für die Rosenkreuzer macht. Besagter Fludd verfasste in diesem Zusammenhang sogar einen kompletten &lt;em&gt;Tractatus apologeticus integritatem societatis de Rosea Cruce defendens&lt;/em&gt;.“&lt;br /&gt;„Der Name ist Programm, nehme ich an...“&lt;br /&gt;„Davon kann man wohl ausgehen. Auch ansonsten handelte es sich bei diesen Fludd wohl um einen eher seltsamen Kauz: Er vertrat die Theorie, dass Medikamente nur dann etwas taugen, wenn sie mit Gebeten oder Zaubersprüchen kombiniert werden. Der eigentliche Grund, warum ich ihn erwähne, ist allerdings, dass häufig behauptet wird, er sei ein guter Freund von Michael Maier gewesen, der sich in der Tat zeitweilig in England aufgehalten hat. Maier war wiederum einer von denen, die sich damals besonders eingehend mit den Rosenkreuzern beschäftigzen und die Verbreitung ihres Gedankenguts betrieben. Das ging so weit, dass bis heute viele annehmen, er spreche in seinen Werken insgeheim von den Rosenkreuzern und wisse dementsprechend mehr, als er zugeben will.“&lt;br /&gt;„Und wie hat Maier darauf reagiert?“&lt;br /&gt;„Er hat unter anderem nichts Besseres zu tun, als eine Schrift namens &lt;em&gt;Silentium post clamores&lt;/em&gt; zu verfassen, in der er davon faselt, dass die Bruderschaft tatsächlich existiere, und ihre Ideen in das alte Ägypten zurückverfolgt. Vorläufer sieht er auch bei den Druiden, den Brahmanen, den Gymnosophisten, den Pythagoräern und was weiß ich noch nicht alles.“&lt;br /&gt;„Und er selber?“&lt;br /&gt;„Er selbst behauptete von sich, dass er leider viel zu unbedeutend sei, darin aufgenommen zu werden. Tatsächlich ist es wohl so gewesen, dass Maier weder selber ein Rosenkreuzer war noch tatsächlich voll und ganz an die Existenz des Ordens geglaubt hat. Stattdessen handelt es sich bei seinen Schriften zu diesem Thema um einen bewusst virtuellen Diskurs, in dem eher seine Sicht auf die ideellen Inhalte der Rosenkreuzermanifeste im Mittelpunkt steht, die er natürlich aus einem spezifisch alchemistischen Blickwinkel betrachtete. Im 18. Jahrhundert tauchen dann, aber wie bereits angedeutet, alle möglichen Adeptenvereine auf, die sich in irgendeiner Weise auf die Urrosenkreuzer berufen. 1777 wurde in der Berliner Freimaurerloge „Zu den drei Weltkugeln“ ein neuer Ritus, nämlich der Orden der Gold- und Rosenkreuzer alten Systems, eingeführt, dessen Instruktionsbuch sich zu einem guten Teil auf Michael Maiers Werke stützt. Bis heute hat sich übrigens im fraumaurerischen Hochgradsystem des Schottischen Ritus ein Grad mit dem Namen Ritter des Rosenkreuzes erhalten.“&lt;br /&gt;„Grundgütiger, da kommt ja wirklich alles zusammen.“ Philipp beugte erschöpft den Kopf zurück, nahm seine Brille ab und fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger über die Augenlider. Dann sah er wieder auf das Papier, das immer noch auf dem Tisch lag, drehte es um und deutete auf das Bleistiftgekritzel am Rand der ansonsten weißen Rückseite, das Wolfgang bisher noch gar nicht wahrgenommen hatte. „Was ist das? Ist das ein Wort?“&lt;br /&gt;Wolfgang drückte mit einer behäbigen Geste seine Zigarette aus, beugte sich dann tief über das Blatt und kratzte sich dabei angestrengt am Nacken. „Sieht aus als wäre es nur Gekritzel...oder vielleicht doch nicht? Scheinen fünf Buchstaben zu sein.“&lt;br /&gt;„Das erste könnte ein abgehacktes S sein, das zweite ist ein U oder V, genau kann man’s nicht sagen...und das könnte ein T oder τ sein...ganz am Ende ein I oder J. Aber das Zeichen in der Mitte erkenn ich nicht. Sieht aus wie ein hässliches λ.“ Während er Philipps lauten Überlegungen zuhörte, bildete sich in Wolfgangs Gedanken eine Idee, von der er sich selbst nicht sicher war, ob sie ihm gefallen sollte.&lt;br /&gt;„Sag mal Philipp, hast du schon einmal etwas von der älteren römischen Kursive gehört?“&lt;br /&gt;„Ich kenn sie nicht persönlich, aber ich denke, dass es sich um eine Schreibschriftart aus der römischen Kaiserzeit handelt.“&lt;br /&gt;„Du erstaunst mich immer wieder,“ sagte Wolfgang mit aufgesetzter Gelassenheit und schnippte dabei mit den Fingern. „Die ältere römische Kursive bestand im Gegensatz zur heutigen Schreibschrift noch aus einzelnen Großbuchstaben, die unverbunden nebeneinander standen. Es war eine ziemlich krakelige Angelegenheit und dazu noch verhältnismäßig unbequem zu schreiben. Kein Wunder also, dass sie bald durch eine Minuskelschrift mit verbundenen Linien, die so genannte jüngere römische Kursive, ersetzt wurde. Jedenfalls kannst du dir wahrscheinlich denken, an welche Schrift mich dieses Geschmiere hier gerade erinnert hat...“&lt;br /&gt;„Und was würde dann dort stehen, wenn es sich tatsächlich um diese Kursive handelte, Herr Paläograph?“&lt;br /&gt;„Also du hast das meiste davon eigentlich schon richtig entziffert. Wir hätten dann ein S, ein V, was im antiken Latein natürlich U mit einschließt, und am Ende ein T sowie ein I. Das Zeichen in der Mitte, das wie ein Lambda aussieht wäre schließlich ein A oder ein R. Diese beiden Buchstaben sind in dieser Schrift außerhalb des Kontexts oft nicht unterscheidbar.“ &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;„Jetzt stellt sich nur noch die Frage, was SVATI oder SVRTI bedeuten soll. Ist das vielleicht irgendein rosenkreuzerischer Geheimcode?“, fragte Philipp mit einem ironischen Lachen. „Vielleicht so eine Art Gruß, den sich Initiierte zurufen und sich dabei High Five geben?“&lt;br /&gt;Wolfgang starrte ihn beinahe entgeistert an. &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;„Hab ich jetzt was Falsches gesagt?“&lt;br /&gt;„Nein, nein. Ich fürchte eher im Gegenteil.“ Wolfgang machte eine kurze Pause und schrieb dann fünf Worte auf den Notizblock, den er sich zuvor geholt hatte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Sub Umbra Alarum Tuarum Iehova&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;„Das ist der Satz mit dem der Text der Fama Fraternitatis endet. Eine Anspielung auf Psalm 57. Dahinter scheint sich tatsächlich so eine Art Wahlspruch oder Losung zu verbergen. Mehr weiß ich auch nicht,“ sagte Wolfgang und wirkte dabei fast erschöpft.&lt;br /&gt;„Unter dem Schatten deiner Flügel, Jehova...das klingt ja richtig nett,“ meinte Philipp mit gespielter Heiterkeit. „Sollen wir jetzt annehmen, dass Tommy mit irgendwelchen Geheimlogen in Kontakt steht?“&lt;br /&gt;Jetzt war es Wolfgang, der seine Brille abnahm und langsam die Lider massierte. Er bemühte sich seine Gedanken zu ordnen. &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;„Das Rosenkreuzertum in Deutschland wird heutzutage, soweit ich weiß, im Wesentlichen vom AMORC, dem Antiquus Mysticusque Ordo Rosae Crucis, vertreten, einer freimaurerischen Gesellschaft, die in etwa eineinhalb Duzend Großlogen auf der ganzen Welt vertreten ist. Die Mitgliederzahl ist sechsstellig. Du könntest jederzeit ihre Zentrale in Baden-Baden anrufen, faxen oder mailen und im Handumdrehen wärst du auch ein Rosenkreuzer, vorausgesetzt du zahlst brav deinen Mitgliedsbeitrag. Die nehmen nach eigener Aussage jeden, unabhängig von Konfession, Religion, Geschlecht, Herkunft und gesellschaftlichem Status.“&lt;br /&gt;„Dann wäre es also wohl eher unwahrscheinlich, dass sich Tommy auf diesem Hotelzimmer mit einigen Gestalten vom AMORC trifft, um unter der Verwendung von Decknamen so etwas wie ein streng geheimes Aufnahmegespräch zu führen“, stellte Philipp fest. Wolfgang zuckte nur mit den Schultern und starrte weiter auf den Zettel.&lt;br /&gt;„Vorstellbar wäre aber immerhin, dass sich Tommy auf irgendeinem Esoteriktrip befindet und deshalb solche Spielereien mit Namen und Sätzen aus dem Dunstkreis des Rosenkreuzertums betreibt ohne sich viel dabei zu denken“, fuhr Philipp fort.&lt;br /&gt;„Und woher kann Tommy dann plötzlich in älterer römischer Kursive schreiben? Das kann nicht einmal ich,“ meinte Wolfgang in einem sich widersetzenden Tonfall.&lt;br /&gt;„Wer sagt, dass es sich hierbei wirklich um diese Schrift handeln muss? Es könnte sich ja auch lediglich um ein Geschmier handeln, das dem zufällig sehr ähnlich sieht. Wenn man bedenkt, dass vier der fünf Buchstaben für mich im Prinzip auch ohne Vorkenntnisse entzifferbar waren und dieses Lambda mit ein wenig Phantasie ja tatsächlich wie ein fahrig hingekrakeltes großes A aussieht, könnte man das ganze auch unter ganz normaler Antiquahandschrift einordnen, die eben nur ein wenig hässlich geraten ist.“&lt;br /&gt;„Geschenkt. Was mich ohnehin viel mehr irritiert, sind die Namen selber. Wenn ich jetzt Spielchen mit Personennamen im Zeichen der Rose und des Kreuzes veranstalten wollte, ich würde bestimmt nicht zuallererst auf Agrippa von Nettesheim oder Khunrath zurückgreifen, da gibt es viele weitaus exponiertere Gestalten. Vor allem aber scheint Jacob Böhme nicht richtig in die ganze Sache hineinzupassen. Der hatte meines Wissens überhaupt nichts mit den Rosenkreuzern am Hut.“&lt;br /&gt;„Vielleicht weiß Tommy ja mehr als wir...,“, warf Philipp ein. Wolfgang blickte ihn betroffen an. Einen Moment lang schwiegen beide.&lt;br /&gt;„In Ordnung, jetzt einmal wirklich Spaß beiseite, Wolfgang,“ sagte Philipp schließlich in einem festen Ton. „Du nimmst die ganze Sache für meinen Geschmack entschieden zu ernst. Dieser monströse Stafettenlauf der Analogien...wir hören uns ja schon an wie die reinsten Verschwörungstheoretiker. Diese Bleistiftstriche am Blattrand können bei genauerer Betrachtung wirklich alles bedeuten. Wer weiß, vielleicht ist dieses SVATI oder SVRTI ja nur eine verklausulierte Einkaufsliste. Sülze, Vanillejoghurt, Avocados bzw. Rosenkohl, Tee und Irische Butter.“&lt;br /&gt;„Oder es heißt Saab, Volkswagen, Audi bzw. Rover Turbo Integrale...“&lt;br /&gt;„Ganz genau! Oder überhaupt nichts, weil nur jemand aus Langeweile ein wenig herumgeschmiert hat. Sieh es doch bitte ein, das hier ist nicht das verfluchte Corpus Hermeticum.“&lt;br /&gt;„Und du heißt nicht Casaubon mit Nachnamen“&lt;br /&gt;„Und du bist nicht Jacopo Belbo“&lt;br /&gt;„Touché“, meinte Wolfgang mit einer wegwerfenden Geste. „Lass uns was essen gehen.“ &lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;[&lt;a href="http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-42.html"&gt;Fortsetzung folgt&lt;/a&gt;]&lt;/div&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/4649458722169584895-8254863775448206423?l=baerista.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://baerista.blogspot.com/feeds/8254863775448206423/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-41.html#comment-form' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/8254863775448206423'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/8254863775448206423'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-41.html' title='Scheuermilch (4.1)'/><author><name>Baerista</name><uri>http://www.blogger.com/profile/02373620929944807927</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='24' height='32' src='http://4.bp.blogspot.com/-6EDMQPvqQCU/TfNTJ0t_aSI/AAAAAAAAALw/9MHVgEPq360/s220/BILD1082.JPG'/></author><media:thumbnail xmlns:media='http://search.yahoo.com/mrss/' url='http://3.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TSj3lfIjIrI/AAAAAAAAAJE/jbtepd3tUaM/s72-c/BILD0621.JPG' height='72' width='72'/><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-4649458722169584895.post-5650058937189851341</id><published>2011-01-08T06:31:00.001-08:00</published><updated>2011-01-09T05:01:26.719-08:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Scheuermilch'/><title type='text'>Scheuermilch (3.5)</title><content type='html'>&lt;a href="http://4.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TShvuBQle3I/AAAAAAAAAI8/VkCEcL0Pj2g/s1600/BILD0620.JPG"&gt;&lt;img style="TEXT-ALIGN: center; MARGIN: 0px auto 10px; WIDTH: 320px; DISPLAY: block; HEIGHT: 240px; CURSOR: hand" id="BLOGGER_PHOTO_ID_5559816576391543666" border="0" alt="" src="http://4.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TShvuBQle3I/AAAAAAAAAI8/VkCEcL0Pj2g/s320/BILD0620.JPG" /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;5. Kapitel&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Mein Volk kommt um, weil ihm die Erkenntnis fehlt. &lt;/em&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;em&gt;Weil du die Erkenntnis verworfen hast, &lt;/em&gt;&lt;em&gt;darum verwerfe auch ich dich als meinen Priester.&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;(Hosea 4:6)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Erschöpft setzte sich Wolfgang auf den Rand seines Hotelbetts, während Philipp geradewegs auf die Minibar zumarschierte, um eine eingehende Bestandaufnahme der vorhandenen Spirituosen durchzuführen. Nach einigem Überlegen entschied er sich für den Courvoisier, von dem er übermäßig viel in ein bereitstehendes Whiskyglas goss, in das er zuvor etwas crushed ice gegeben hatte, um sich so etwas wie einen Highball zuzubereiten. „Die Bar geht auf mich. Bedien dich als ob es dein Zimmer wäre!“, sagte er schließlich, als Wolfgang schon nicht mehr damit gerechnet hatte. Es war offensichtlich, dass er nicht vorhatte, heute nüchtern einzuschlafen. Nachdem Philipp einige Male an dem Glas genippt und schließlich doch noch ein wenig mehr von dem Ginger Ale nachgefüllt hatte, lümmelte er sich auf die gegenüberliegende Seite des Kingsizebetts und starrte eine Weile stumm auf einen unbestimmten Punkt an der Wand.&lt;br /&gt;„Wusstest du“, fing er schließlich mit leerer Stimme zu fragen an ,„dass mein alter Herr und Tommys Vater so etwas wie Studienfreunde gewesen waren?“&lt;br /&gt;Wolfgang schüttelte überrascht mit dem Kopf. „Ich dachte dein Vater habe Veterinärmedizin studiert?“&lt;br /&gt;„Ja schon,“ erwiderte Philipp leicht süffisant. „Aber du kennst ja auch nicht ausschließlich Historiker und Philosophen, oder? Und wenn mein Vater nicht gerade als Assistent am Institut für Geflügelkrankheiten herumlief, traf er sich manchmal mit normalen Medizinstudenten wie Weißhäupl in Schwabinger Kneipen. Oder meinetwegen auch in den Pfälzer Weinstuben, wo – laut Aussage meines alten Herrn – schon ganze Studentengenerationen ihr Bafög versoffen haben sollen. Jedenfalls hat er mir einmal eine interessante Geschichte über Tommys späteren Erzeuger erzählt.“&lt;br /&gt;Philipp ging wieder zur Minibar, um den Flüssigkeitsstand in seinem Glas aufzustocken, und fuhr dabei fort. „Na ja, es ist eigentlich keine große Sache. Der Hintergrund ist, dass Weißhäupl und mein Vater bereits studierten, als es in West-Berlin und anderen Städten mit diesen Krawallen anfing, nach der Schahdemonstration und so weiter. In München ging es im Vergleich dazu natürlich eher gesittet zu. Deshalb sind damals einige weite Strecken gereist, um auch ein wenig von der Action mitzukriegen, das heißt im Klartext: An einer Maidemonstration teilzunehmen, dabei ein Ho-Tschi-Minh-Bildchen hochzuhalten und mit Glück ein bisschen was vom Wasserwerfer abzukriegen, damit man nach seiner Rückkehr etwas zu erzählen hatte. Mein Vater gehörte laut Eigenaussage nicht dazu, aber Weißhäupl muss damals richtiggehend ausgetickt sein – er und paar andere, alles Söhne aus reichem Hause. Die sind dann so oft es ging mit ihren Porsches den ganzen beschwerlichen Weg nach Frankfurt oder sogar quer durch die Zone nach Berlin gebrettert, um es anschließend auf den Protestveranstaltungen richtig krachen zu lassen. Natürlich haben sie die ganzen Parolen gekannt, haben brav ihren Mao und ihren Horkheimer auf dem Bücherregal stehen gehabt, andere als Faschisten beschimpft und was sonst noch alles so dazugehörte. Weißhäupl selbst, so glaubt mein Vater, ist die ganze Theorie dahinter wohl eher egal gewesen. Aber einer aus seinem Mitstreiterkreis hat die ganze Sache irgendwann in den falschen Hals bekommen und ist dann in den Semesterferien in die Betriebe gegangen, um die Arbeiter von der Revolte zu überzeugen...“ Philipp fing plötzlich ganz wirr zu kichern an und verschluckte sich beinahe an seinem Getränk.&lt;br /&gt;„Jedenfalls hat der Idiot natürlich vor lauter revolutionärem Eifer nicht richtig aufgepasst und ist deshalb eines Tages mit der Pranke in eine Stanzmaschine gekommen, was ihn drei Finger seiner rechten Hand gekostet hat. Dabei wollte er doch Chirurg werden!“, fuhr er leise kichernd fort und brach beim letzten Satz in immer lauteres Gelächter aus.&lt;br /&gt;Wolfgang sah ihn irritiert an. „Und die Pointe deiner Geschichte ist welche?“&lt;br /&gt;Philipp kicherte immer noch vor sich hin und hielt sich den Bauch. &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;„Du musst dir nur einfach mal bildlich diesen reichen Dandy vorstellen, wie er in einer Fabrik aufkreuzt und den dort Arbeitenden irgendwelche Vorlesungen hält, in der Meinung er sei der nächste Karl Liebknecht – und heute muss er als Radiologe arbeiten, weil er zu blöd war, nebenher eine Maschine zu bedienen.“ &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;Sein Lachen erstarb mit einem Mal. Wolfgang warf ihm einen fragenden Blick zu.&lt;br /&gt;„Mich widern diese Leute an,“ murmelte Philipp plötzlich und irgendetwas in seinen Augen glänzte leise. Er lallte nur ein kleines Bisschen. „Sie haben wie kaum eine andere Generation zu dem Egoismus, dem Leid und der Schande beigetragen, die uns umgeben. Jede Generation trägt auf ihre Weise dazu bei, dass sich das Rad der Geschichte vorwärts dreht und dabei zerstörerische Prozesse freiwerden. Das ist nichts Ungewöhnliches. Aber diese Leute haben sich wie kaum welche vor ihnen moralisch legitimiert gefühlt, die Beschleunigung dieser Prozesse bewusst zu betreiben. Diese Revolution hatte keine konkrete Notsituation vorzuweisen, aus der sie sie ihre Legitimität beziehen konnte. Sie entfaltete sich, weil sich eine Gruppe von Menschen einbildete, das Recht als quasi-metaphysische Kategorie auf ihrer Seite zu haben. Dabei war die Berufung auf den revolutionären Akt im Endeffekt nichts anderes als ein Deckmantel für den Eifer, mit denen sie vor allem anderen die grenzenlose Ausweitung ihrer eigenen individuellen Freiheit betrieben. Das heißt vor allem, die letzten moralischen Schranken zu beseitigen, die dieser noch hemmend im Weg gestanden waren. Die Entfaltung ihres Hedonismus lag ihnen mehr als alles andere am Herzen und darin liegt auch ihre wesentliche Hinterlassenschaft. Ihre historische Leistung, wenn man so will. Kaum einer von ihnen hat wirklich einen positiven Beitrag zu einem wie auch immer gearteten Gemeinwesen geleistet und das obwohl sie sich fortlaufend auf die moralische Höherwertigkeit ihres Treibens beriefen. Oft haben sie sich nicht einmal fortgepflanzt und vielleicht ist das auch besser so. Dafür haben heute einige von ihnen einflussreiche politische Ämter und Mandate inne...“&lt;br /&gt;„Du solltest nicht zu hart mit ihnen sein,“ meinte Wolfgang unbestimmt und deutete ein Schulterzucken an.&lt;br /&gt;„Nein, du verstehst mich nicht,“ erwiderte Philipp und nahm dabei eine gepresste Tonlage an, die seine Worte leicht Wienerisch klingen ließen. „Ich rede nicht von Dutschke. Dutschke war anders. Es gab bei ihm keine Trennung zwischen seinem politischen und seinem privaten Dasein. Deshalb verstand er auch, dass er nicht Samstagvormittags kurz mit der Polizei Katz und Maus spielen konnte, um dann für den Rest des Wochenendes an den Baggersee zu fahren. Dutschke verstand auch etwas vom Christentum, das hebt ihn vollkommen von all den anderen ab. Natürlich verstand er es auf eine etwas eigensinnigen Weise, sonst hätte er kapiert, dass er sich nicht wundern braucht, dass man ihm die Fresse poliert, wenn er aus der Christmette eine Vietnam-Diskussion machen will, aber das ist nicht so wichtig. Wichtig ist hingegen, dass er ganz bestimmt kein Held sein wollte. Das unterscheidet ihn fundamental von der Masse der Selbstzufriedenen, die sich ihre Parolen anzogen wie eine Uniform, ohne jemals ernsthaft darüber nachzudenken, was sie da eigentlich trieben. Sonst wäre ihnen womöglich klar geworden, dass sie sich nicht im Geringsten von Millionen ihrer früheren Altersgenossen unterschieden, die sich im August 1914 freiwillig an die Front meldeten oder Anfang der 30er Bürgerkrieg spielten, sei es dass sie dabei vor dem Schlafen gehen das Bild von Ernst Thälmann anbeteten oder das von dem anderen. Den Gegner bis zu einem gewissen Grad zu respektieren, so wie Dutschke es tat, das kam ihnen überhaupt nicht in den Sinn. Der Rest ist ohnehin Fußball.“&lt;br /&gt;Philipp hielt kurz inne und trank sein Glas mit wenigen, hastigen Zügen leer. Nachdem er es auf dem Nachttisch abgestellt hatte, begann er in einem mäandernden Tonfall fortzufahren.&lt;br /&gt;„Sie maßten sich einfach an, über alles und jeden richten zu können. Wen sie von ihrem Richterstuhl aus für schuldig oder fehlbar befanden, den traf ihr Zorn. Daher ihr hysterischer Hass auf den Staat, der ihnen kaum für möglich gehaltene Privilegien garantierte. Ihre Hoffart war grenzenlos. Noch mehr als alles andere hassten sie aber im Grunde die Generation ihrer Eltern. Das ist nichts Neues, auch die Hitlerjungen hatten ihre Eltern verachtet. Im Grunde haben wir es mit einem einzigen, perpetuierten, symbolischen Vatermord zu tun. Mit dem Unterschied, dass manch noch darüber hinaus gingen und damit begannen, Menschen nicht mehr nur in effigie zu töten."&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;"Eine verschwindende Minderheit," warf Wolfgang ein.&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;"Das mag sein, aber Hunderttausende haben mit ihnen sympathisiert. Sie haben sich insgeheim ins Fäustchen gelacht, denn die Hingerichteten waren auch von ihnen längst verurteilt worden. Die Tatsache, dass Schleyer bei der SS gewesen war, reichte vielen aus, um den Tod von drei Polizisten und Schleyers Chauffeur bei dessen Entführung völlig bedeutungslos werden zu lassen. Niemand besitzt das Recht, so über andere Menschen zu urteilen. Niemand, sage ich dir, außer Gott.“&lt;br /&gt;„Aber wir tun doch nichts anders. Jetzt sind es wir, die über sie urteilen“, sagte Wolfgang etwas gequält.&lt;br /&gt;„Ja, natürlich“, erwiderte Philipp scharf. „Aber ich kenne dich gut genug, um zu wissen, dass du nicht glaubst, das Recht auf deiner Seite zu haben. Wir fühlen uns nicht moralisch höher stehend als diese Menschen, wenn wir sagen, dass wir sie verachten. Wir stellen einfach nur fest, was diese getan haben. Es ist nur konsequent wenn diejenigen, die einen so umfassenden Vatermord betrieben und dabei meinten etwas Besonderes und Richtiges zu tun, diesem Vatermord nun selbst zum Opfer fallen. Wenn es sonst schon keiner tut, dann bin eben ich es, der ihnen nun endlich den Dolch, den sie sich so redlich verdient haben, in den Rücken rammt.“ Pathetisch ruderte er mit den Armen und wäre bei seinem letzten Satz fast vom Bett gefallen. Stattdessen gab er ein kurzes Rülpsen von sich und sank dann leicht in sich zusammen.&lt;br /&gt;Wolfgang fühlte, dass er müde wurde. Er wollte diese Diskussion ganz bestimmt nicht führen. Im Grunde besaß er nicht einmal eine Meinung zu diesem Thema, die ihm verteidigenswert erschien. &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;Nach einer kurzen Pause sagt er ziellos: „Aber glaubst du nicht, dass sie sich vielleicht auch selbst gehasst haben? Und sie haben es nur nicht zugegeben...“&lt;br /&gt;Doch anstatt irgendetwas Leidenschaftliches darauf zu erwidern, sah Philipp ihn plötzlich mit einem Blick an, in dem ein unerquickliches Bedauern lag.&lt;br /&gt;„Wolfgang, wieso hasst du dich eigentlich so? Du kannst doch nichts dafür. Glaubst du wirklich, dass es deine Schuld ist, wenn du die Antworten nicht weißt? Wer tut das schon? Aber du, du bildest dir ein, du müsstest Rechenschaft ablegen über ein Versagen, das dir niemand anlastet. Wir kennen doch alle die Aporien, sie sind überall. Vielen geht es eine Zeit lang so, aber es bleibt eine Phase. Bei dir scheint es hingegen nie aufzuhören. Du hast irgendwann gemerkt, dass du selbst und die Menschen um dich herum nicht die gleiche moralische Qualität besitzen, wie die Figuren aus den Filmen, die du als Kind gesehen hast, und schon traust du dir nicht mehr, zerfließt dein ganzes Menschenbild zu Blut und Sperma. Gefangen auf der Arche des Odysseus, in einem Gemälde von Rudolf Hausner oder so jemandem. Ich weiß, du denkst die Leute könnten nicht hinter deine kleinen Sarkasmen, diese sparsame, manierierte Melancholie, mit der du dich kleidest, schauen, aber du irrst dich. Ich weiß, ich bin betrunken und du willst es nicht hören, aber ich werde dir jetzt etwas sagen, das wir Morgen hoffentlich beide vergessen haben werden. Zumindest werden wir so tun und das ist auch besser so. Aber heute Nacht kann ich es dir sagen, zum ersten und zum letzten Mal: In meinem ganzen Leben bin ich nie jemanden begegnet, der sich mit einer derartigen Verachtung selbst bemitleidet, wie du.“&lt;br /&gt;Nachdem er dies gesagt hatte, stand Philipp auf und ging noch einmal zur Minibar. Einen Augenblick schien er zu zögern, dann nahm er die mittlerweile angebrochene, zweite Minibouteille Courvoisier und trank daraus, bis sie leer war. &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;„Die sollten endlich mal anfangen, anständige Flaschen in ihre Minibars zu stellen. Gute Nacht jedenfalls“, murmelte er noch und gab dabei ein sanftes Rülpsen von sich. Dann legte ihr sich seitlich auf das King Size Bett und wandte Wolfgang den Rücken zu.&lt;br /&gt;Wolfgang sah ihn derweil nur an und konnte es nicht richtig fassen, dass ausgerechnet Philipp gerade diese Worte zu ihm gesprochen hatte. Dieser Mensch, der, so lange sich Wolfgang zurückerinnern konnte, fast seine gesamtes Leben mit dem Lesen von Büchern verbracht hatte, egal welcher Gattung oder welchen Inhalts. Dessen Existenz im Grunde darin bestand, ein fröhlicher Akkumulator von Bildern und Kenntnissen zu sein, purer Kenntnisse, in dem Bewusstsein, sie wahrscheinlich nie zu irgendetwas Größerem verbinden zu können. Der nie so etwas wie eine Theorie besessen hatte, weil er genau wusste, dass alles, was er produzieren konnte, das sich nur annährend wie ein Geistesblitz ausnahm, mit absoluter Bestimmtheit schon einmal so ähnlich bei La Rochefoucault gestanden haben würde oder bei irgendeiner anderen dieser Gestalten, deren Sprüche häufig auf den Innenseiten von Zigarettenpaperpäckchen standen, und dass auch deren Ideen längst von anderen vorgeprägt worden waren, und am Ende landete man immer bei Aurelius Augustinus oder Parmenides oder Lao Tse, ohne es zu wollen. Natürlich hatte all das dazu geführt, dass er im Prinzip alles, was ein Mensch von sich geben konnte, für dumm und anfechtbar hielt und ihm jeder Begriff hoffnungslos kontaminiert erschien. Wenn es dann einmal doch aus ihm herausbrach, wie vorhin, dann reicherte er seine Ausführungen meist mutwillig mit Übertreibungen an, subjektivierte sie so lange, bis sie zum Zerrbild zu werden drohten und produzierte so Aussagen, von denen er sich schon im Moment ihres Entstehens distanzieren konnte. Das Extreme, das dunkle, vibrierende Leuchten des Irrationalen, des Inkohärenten, des offenen Irrsinns (im Gegensatz zur alltäglichen, akademisch geduldeten Dummheit), das alles stand außerhalb des Diskurses. Es war verboten damit Sinneinheiten zu produzieren und daher nutzte es sich nie ab, blieb jungfräulich und erhielt sich stets die Fähigkeit, frisch hervorzuwuchern, wenn man sich den Winkeln zuwandte, in denen es zu hausen pflegte. Kein Wunder, dass es Philipp bisweilen so schätzte. Aber natürlich blieb auch das nur ein kleines Palliativ und war kein Mittel gegen die Sprachlosigkeit.&lt;br /&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;Für einen Moment lang dachte Wolfgang, dass es Philipp im Grunde unerträglich finden musste, keine Theorie zu besitzen, dass er unter der Sprachlosigkeit schon seit langem sehr litt und je länger dieses Leiden anhielt, desto mehr nährte es seine Sehnsucht nach dem Absoluten. Nirgends anders konnte der Hauptgrund dafür liegen, dass er sich an eine theologische Fakultät geflüchtet hatte. Aber wo lag dann der Unterschied, woher hatte sein Freund dann den Vorwurf genommen, den er ihm gerade gemacht hatte?&lt;br /&gt;Wortlos ging Wolfgang zur Minibar und nahm einen J &amp;amp; B aus dem Seitenfach. Philipp lag immer noch voll angekleidet auf dem Bett und hatte die Beine leicht angewinkelt. Sein Brustkorb senkte sich sachte auf und ab, begleitet von einem mittelschweren, alkoholisierten Atmen. Da schien sie wieder zu sein, diese unerschütterliche, innere Ruhe, wie das leise Flackern eines Feuers tief in Philipps Zentrum, die ihm schon immer an seinem Freund aufgefallen war. Wolfgang hatte nie begriffen was hinter dieser Ruhe lag. War es tatsächlich das, was man als innere Ausgeglichenheit bezeichnete oder nicht vielmehr ein ungemeine Trägheit? Oder existierte sie am Ende nur in seiner eigenen Imagination, in dem Bild, das er sich von seinem Freund zurechtlegte? Im Grunde blieb ihm dieser kurz gewachsene, langhaarige Mensch, der dort betrunken auf seinem Hotelbett lag und gerade dabei war, einzuschlafen, ein Rätsel. Wie so viele Menschen vor ihm. Wolfgang schüttete den Bourbon in sich hinein bis die Flasche halb leer war und in seinem Magen dieses angenehme Lodern entstand, das seine Gedanken absorbierte.&lt;br /&gt;In den Beziehungen zu anderen, so wusste schon Houellebecq, wird man sich über sich selbst klar. Das war es, was sie so unerträglich machte. &lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;[&lt;a href="http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-41.html"&gt;Fortsetzung folgt&lt;/a&gt;]&lt;/div&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/4649458722169584895-5650058937189851341?l=baerista.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://baerista.blogspot.com/feeds/5650058937189851341/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-35.html#comment-form' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/5650058937189851341'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/5650058937189851341'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-35.html' title='Scheuermilch (3.5)'/><author><name>Baerista</name><uri>http://www.blogger.com/profile/02373620929944807927</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='24' height='32' src='http://4.bp.blogspot.com/-6EDMQPvqQCU/TfNTJ0t_aSI/AAAAAAAAALw/9MHVgEPq360/s220/BILD1082.JPG'/></author><media:thumbnail xmlns:media='http://search.yahoo.com/mrss/' url='http://4.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TShvuBQle3I/AAAAAAAAAI8/VkCEcL0Pj2g/s72-c/BILD0620.JPG' height='72' width='72'/><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-4649458722169584895.post-9034604177305195746</id><published>2011-01-07T14:44:00.001-08:00</published><updated>2011-01-08T16:52:54.865-08:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Scheuermilch'/><title type='text'>Scheuermilch (3.4)</title><content type='html'>&lt;div align="justify"&gt;&lt;a href="http://3.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TSTB-EKgTXI/AAAAAAAAAI0/ONfDnErb1XQ/s1600/BILD0159.JPG"&gt;&lt;img style="TEXT-ALIGN: center; MARGIN: 0px auto 10px; WIDTH: 320px; DISPLAY: block; HEIGHT: 240px; CURSOR: hand" id="BLOGGER_PHOTO_ID_5558781112095886706" border="0" alt="" src="http://3.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TSTB-EKgTXI/AAAAAAAAAI0/ONfDnErb1XQ/s320/BILD0159.JPG" /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;4. Kapitel&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;em&gt;Da die Philosophie nichts anderes ist als das Streben nach Weisheit und Wahrheit, so sollte man vernunftgemäß erwarten dürfen, daß die, welche am meisten Zeit und Mühe auf sie verwendet haben, sich einer größeren Ruhe und Heiterkeit des Gemütes, einer größeren Klarheit und Sicherheit der Erkenntnis erfreuen und weniger durch Zweifel und Bedenken beunruhigt werden, als andere Menschen.&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;(George Berkeley: Eine Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wolfgang freute sich bei weitem mehr als er sich aus der Überraschung des ersten Augenblicks heraus anmerken ließ. „Was zur Hölle machst du in dieser Stadt? Solltest du nicht in Mittelfranken sitzen und deinen ketzerischen Machenschaften nachgehen?“&lt;br /&gt;„Auch Protestanten haben ab und zu Ferien," antwortete Philipp, der in Erlangen evangelische Theologie studierte.&lt;br /&gt;„Egal. Jetzt setz dich erst einmal und bestell dir irgendwas auf meine Rechnung.“&lt;br /&gt;Philipp nahm bereitwillig auf dem Barhocker neben ihm platz und orderte ein Pils. Immerhin, sein Freund hatte sich in den knapp vier Monaten, die seit ihrer letzten Begegnung vergangen waren, nicht allzu sehr verändert, von ein paar Äußerlichkeiten abgesehen. Er war blasser geworden, Kopf- und Gesichtshaar waren erheblich gewachsen und man sah ihm stärker als früher an, dass übertriebene Körperpflege nicht zu den größten Prioritäten in seinem Leben gehörte. Wenigstens stank er nicht, dachte Wolfgang und musste leicht schmunzeln. Sich aus Protest gegen die choreographierte Supermarktgesellschaft oder Ähnliches nicht zu waschen, das hätte eigentlich zu ihm gepasst. Wie er jetzt erfuhr, hielt sich Philipp bereits seit fast einer Woche in Berlin auf. Grund hierfür war sein älterer Bruder Michael, der zusammen mit seiner Lebensgefährtin ein Apartment im selben Stadtteil bewohnte. Beide befanden sich momentan auf einem Türkeiurlaub, den sie beim Preisausschreiben einer Fernsehzeitschrift gewonnen hatten. Philipp hatte die Gelegenheit ergriffen, für diese Zeit in Michaels Wohnung zu ziehen und auf diese Weise ein wenig die Bundeshauptstadt kennen zu lernen, wobei er sich im Gegenzug um Michaels Wellensittich sowie um die Orchideen von dessen Freundin kümmerte.&lt;br /&gt;Solche Zufälle konnte es also geben, dachte Wolfgang erstaunt, und bestellte sich ein Mineralwasser.&lt;br /&gt;„Wie sieht’s mit deinem Studium aus?“, interessierte sich mittlerweile Philipp mit einem vielsagenden Augenzwinkern. „Macht es dir noch Spaß?“&lt;br /&gt;„Spaß? Du machst wohl Witze!“, antwortete Wolfgang. „Das ist das einzige, was ich einigermaßen kann!“&lt;br /&gt;„Und? Schon die große Erleuchtung erfahren?“, setzte sein Freund nach.&lt;br /&gt;„Ja, die Philosophie...“&lt;br /&gt;„Was macht sie denn so mit all ihren großen Ismen?“&lt;br /&gt;„Nicht schrecklich viel,“ meinte Wolfgang nicht ohne leichten Verdruss. „Gar nicht viel...“&lt;br /&gt;„Schon in Ordnung. Erzähl mir lieber endlich, was in aller Welt dich hier in diesen Moloch getrieben hat.“&lt;br /&gt;Wolfgang gab einen langen Seufzer von sich und bemühte sich dann, einen möglichst vollständigen Abriss von den Ereignissen der vergangenen drei Tage abzuliefern. Philipp war bereits bei seinem zweiten Bier, als Wolfgangs Ausführungen in die Zielgerade mündeten. „Na ja, und schließlich habe ich die Tickets und den Prospekt zum Anlass genommen, hier herzufahren, um zu sehen, ob sich vor Ort und Stelle vielleicht neue Hinweise finden lassen...“&lt;br /&gt;„Ähm, lass mich sicher gehen, dass ich dich richtig verstanden habe“, warf Philipp hörbar irritiert ein, „du hattest außer Tickets für einen Berlinflug von vor einem Monat und einem simplen Hotelprospekt keine weiteren Anhaltspunkte für Tommys Verbleib und hast trotzdem den ganzen weiten Weg auf dich genommen, in der Hoffnung du würdest ihn hier irgendwo finden?“&lt;br /&gt;„Ich gebe zu, es klingt ein wenig seltsam. Jedenfalls hat sich herausgestellt, dass meine Reise nicht ganz unbegründet war. Es gibt in diesem Hotel ein Zimmer, das auf den Namen eines gewissen Jacob Böhme läuft, Jacob, &lt;em&gt;nota bene&lt;/em&gt;, mit "c" geschrieben. Dieser Name war auch auf dem Prospekt aus dem Bahnhofsschließfach notiert. Die Zimmernummer ist fast dieselbe wie die Nummer des Schließfachs. Es gibt meines Erachtens jeden Grund anzunehmen, dass zwischen all dem und Tommys Abtauchen ein Zusammenhang besteht.“&lt;br /&gt;„Du meinst also, dass Tommy diesen Jacob Böhme als Decknamen benutzt hat, um hier einzuchecken...“, stellte Philipp eher fest, als dass er nachfragte.&lt;br /&gt;„Entweder das oder ein anderer tut es.“&lt;br /&gt;„Was hat es denn überhaupt mit diesem Jacob Böhme auf sich? Ich meine den Namen schon einmal gehört zu haben. Ist das nicht so eine Art Philosoph gewesen?“&lt;br /&gt;„Haarscharf, mein Freund! Eigentlich war der Mensch aber gelernter Schuster. Und übrigens überzeugter Protestant.“&lt;br /&gt;„Na sieh mal einer an.“, grinste Philipp. „Was weiß du sonst noch über diesen meinen Konfessionsgenossen?“&lt;br /&gt;„Nicht viel. Sein Leben scheint ohnehin etwas im Dunkeln zu liegen. Böhme lebte von 1575 bis 1624 in der Oberlausitz. Geboren wurde er in einem Ort Namens Altseidenburg. Er stammte aus einer Bauernfamilie, die aber offenbar nicht unbedingt zu den Ärmsten der Armen gehörte. Aufgrund seiner schwächlichen Konstitution entschieden die Eltern, dass die harte Feldarbeit nichts für ihn sei. Stattdessen machte er eine Schusterlehre, wurde irgendwann Meister, heiratete eine Metzgerstochter aus Görlitz und ließ sich dort nieder. Ein einfaches, überschaubares Leben, möchte man meinen. Irgendwann im frühen 17. Jahrhundert scheint sich dann aber so etwas wie ein Bruch in seiner Vita vollzogen zu haben. Im Zusammenhang mit der Geburt seines ersten Sohnes bekommt er visionsartige Zustände. Wer weiß, vielleicht hat er den Gedanken der Vaterschaft nicht verkraftet. Perpetuierung der infamen Saat und so weiter. Jedenfalls hat er irgendwann nach diesem Ereignis begonnen, seine Eingebungen und Vorstellungen niederzuschreiben, in einem Buch namens &lt;em&gt;Die Morgenröthe im Aufgang&lt;/em&gt; oder &lt;em&gt;Aurora&lt;/em&gt;. Lateinisch ist aber an diesem Werk höchstens der Titel, denn der gute Böhme schrieb als einfacher Schuster entgegen den damaligen Gepflogenheiten in der Volkssprache. Ich glaube es ist in erster Linie deshalb, dass man ihn auch als &lt;em&gt;Philosophus Teutonicus&lt;/em&gt; bezeichnet. Die &lt;em&gt;Aurora&lt;/em&gt; erschien 1612, ein ausgesprochen dunkles Werk, in dem er die ersten Züge seiner Theosophie entwickelt. Bei Böhme gibt es einen Gott, der einerseits Urgrund allen Seins ist, sich aber andererseits selbst gebiert. Der Geist Gottes erkennt sich selbst in einem Spiegel der göttlichen Weisheit und so weiter und so fort. Von einigen Menschen in Böhmes Umfeld wurden diese Ideen anscheinend ziemlich positiv aufgenommen. Folglich ließ er sich breitschlagen, sein Manuskript kopieren zu lassen. Schon bald zirkulierte die &lt;em&gt;Aurora&lt;/em&gt; munter in den Salons der Region, bis sie schließlich ohne sein Wissen in Druck gegeben wurde. Das steigert zunächst Böhmes Bekanntheitsgrad, ruft aber auch Gegner auf den Plan. Vor allem der Görlitzer Stadtpfarrer macht ihm das Leben von nun an schwer. Er muss schwören, in Zukunft sein gotteslästerliches Geschreibsel sein zu lassen und tatsächlich hält er sich auch einige Jahre daran, aber bald bricht es wieder aus ihm heraus, bedrängt von seinen Anhängern, deren Schar langsam wächst. Es entstehen weitere weitschweifige Werke, wie Mysterium Magnum und Von den drei Prinzipien. Über 3000 Seiten hat er auf diese Weise Zeit seines Lebens vollgeschrieben.“&lt;br /&gt;„Nicht schlecht für einen einfachen Schuster.“&lt;br /&gt;„Eben. Daher liegt auch die Vermutung nahe, dass das mit dem einfachen Schuster nur die halbe Wahrheit ist. Er mochte vielleicht der lateinischen Sprache nicht so ganz mächtig gewesen sein, aber offensichtlich handelte es sich dennoch um einen gebildeten Mann. In seiner Philosophie lassen sich Einflüsse aus dem Hermetismus, der Kabbala und der Schriften des Paracelsus wieder finden. Woher er all das kannte, ist schwer zu sagen. Womöglich ist er während seiner Wanderjahre mit entsprechenden Lehren und Schriften in Kontakt gekommen. Ein Mensch, der von einer tiefreligiösen Sensibilität beseelt ist, scheint er hingegen schon immer gewesen zu sein. Bei allen exotischen Einflüssen blieb seine Theosophie somit stets im Protestantismus und einem pietistischen Denken verwurzelt.“&lt;br /&gt;„Wie ging es weiter mit ihm?“&lt;br /&gt;„Na ja, so viel mehr fällt mir eigentlich nicht zu ihm ein. Er wird durch seine Schriften so eine Art lokale Berühmtheit, steht mit vielen angesehenen Leuten in Kontakt. Er hängt das Schusterhandwerk an den Nagel und steigt mit seiner Frau in den Garnhandel ein, was es ihm ermöglicht, durch Handelsreisen die Kontakte zu seiner Anhängerschaft zu pflegen. 1624 scheint ihm dann der große Wurf gelungen zu sein, er wird an den Hof des sächsischen Kurfürsten eingeladen. Zur ersehnten Audienz kommt es dann allerdings nicht. Krank und erschöpft kehrt er schließlich heim und stirbt noch im selben Jahr im Alter von 49 Jahren an der Wassersucht, was zu dieser Zeit so ziemlich alles sein konnte. Böhmes Schriften waren in der Folge ein wichtiger Einfluss auf verschiedene Denker wie etwa Schelling und C. G. Jung.“&lt;br /&gt;„Dein Gedächtnis möchte ich haben. Aber was mich im Moment noch viel mehr beschäftigt, ist die Frage, was Jacob Böhme mit Tommy zu tun hat.“&lt;br /&gt;„Ja, das ist wohl der springende Punkt. Irgendwie kann ich mir Tommy nicht so recht bei der Lektüre eines Buchs über Jacob Böhme oder frühneuzeitliche Mystik vorstellen kann. Ich glaube entsprechende Wälzer findet man vor allem in den Esoterikabteilungen der Buchläden. Damit hatte er eigentlich nie etwas am Hut. Andererseits habe ich ihn ja wirklich eine lange Zeit nicht mehr gesehen...“ Wolfgangs Satz verlor sich in einem Stirnrunzeln.&lt;br /&gt;„Du meinst, dass er auf einer Art Selbsterfahrungstrip ist?“, fragte Philipp in einem Ton, der plötzlich sehr ernst klang.&lt;br /&gt;„An so etwas dachte ich einen Moment lang, ja. Vielleicht sollten wir uns aber nicht zu sehr auf diesen Namen fixieren. Für mich besteht jedenfalls kein Zweifel, dass er sein Verschwinden im Vorfeld gründlich geplant hat. Das Schließfach am Hauptbahnhof muss er beispielsweise letzten Mittwoch präpariert haben, genau einen Tag bevor er bei seiner Vermieterin zum letzten Mal auf der Matte stand.“&lt;br /&gt;„Wie kommst du darauf?“&lt;br /&gt;„Die normale Benutzungsdauer eines solchen Schließfaches liegt bei 24 Stunden, man kann noch um weitere 48 Stunden verlängern, muss aber dann Nachzahlen, was ich auch getan habe. Nach 72 Stunden werden die Schließfächer kostenpflichtig geleert und für jeden weiteren Tag werden 2 Euro Lagerungsgebühr verlangt. Es waren 6 Euro für weitere 72 Stunden, die auf diese Weise zu dem mir abgeknöpften Gesamtpreis hinzukamen. Unterm Strich sind das 144 Stunden. An einem Dienstagnachmittag habe ich den Inhalt des Schließfaches abgeholt. Den Rest überlasse ich dir.“&lt;br /&gt;„Schon gut, schon gut“, winkte Philipp ab. „Und du hast nirgends einen Hinweis darauf gefunden, was Tommy mit dieser obskuren Schnitzeljagd, die er da offenbar für dich organisiert hat, bezwecken wollte. Irgendeinen Text in seinen Aufzeichnungen vielleicht?“&lt;br /&gt;Wolfgang bewegte träge den Kopf hin und her. „Nichts, was mir weitergeholfen hätte. Meine einzige Hoffnung ist, dass uns vielleicht die Dinge, die Tommy in der Zeit unmittelbar vor seinem Verschwinden getrieben hat, so etwas wie eine Antwort auf diese Frage geben. Die gesamten Umstände seiner Lebensführung sind mir nach wie vor größtenteils schleierhaft. Weder Mike noch Sarah konnten mir beispielsweise sagen, wo er in den Sommermonaten vor Beginn seines Studiums in München gewesen ist. Aller Wahrscheinlichkeit nach war er bei seiner Mutter in Regensburg, die...“&lt;br /&gt;„Ich fürchte da bist du auf der falschen Fährte...,“ unterbrach ihn Philipp. Eine seltsame Starre hatte sich über sein Gesicht gelegt.&lt;br /&gt;„Wie meinst du das?“&lt;br /&gt;„Tommys Mutter lebt nicht mehr.“&lt;br /&gt;Wolfgang fühlte, wie ein dunkler Punkt, tief in seinen Eingeweiden, plötzlich auseinanderstob.&lt;br /&gt;„Mein Gott“, stöhnte Philipp leise und fuhr sich mit den Händen übers Gesicht. „Wie soll ich dir das jetzt auf die Schnelle erklären? Es war im März vor einem Jahr, da hat man sie in ihrer Wohnung gefunden. Frag mich nicht nach den genauen Umstanden. Sie hatte dort wohl schon zwei Tage gelegen. Als Todesursache hat man eine Überdosis Schlaftabletten festgestellt. Selbstmord, also. Sie haben sie dann sehr schnell und ohne großes Aufhebens beerdigt. Tommys Mutter hatte kaum Angehörige zurückgelassen, ihre Eltern waren schon vor langer Zeit gestorben. Ihr nächster Verwandter war ein Bruder in Stuttgart. Der hat sich dann um alles gekümmert und es auch geschafft, Tommy zu erreichen, der zu diesem Zeitpunkt noch in Übersee weilte. Dass er seine Reise sofort abgebrochen hat und so schnell wie möglich heimgeflogen ist, kannst du dir ja denken. Das ist eigentlich auch schon alles.“&lt;br /&gt;„Das wusste ich nicht“, sagte Wolfgang mit leisem Bedauern und fixierte einen Punkt an der Wand.&lt;br /&gt;„Niemand wusste es. Ich habe es auch erst Monate später erfahren und das eher durch Zufall. Die Cousine meiner Mutter wohnt in Regensburg und hat ihr das dann irgendwann beim Kaffeekränzchen mitgeteilt. Du kannst dir vorstellen wie mich die Nachricht überrollt hat. Man fühlt sich schuldig, dass man nicht bescheid weiß, aber was soll man machen, wenn Regensburg weit weg ist und es keiner an die große Glocke hängt? Der arme Tommy hat auch nie ein Sterbenswörtchen darüber verloren. Verdammt, du hast ja gesehen, dass Sarah und Mike genauso ahnungslos waren wie du. Als ich ihn dann später einmal darauf angesprochen habe, hat er mich gebeten, es nicht weiterzusagen. Daran habe ich mich bis heute gehalten.“ Philipp verstummte und trank sein Pils leer.&lt;br /&gt;„Wie hat Tommy es verkraftet?“&lt;br /&gt;„Keine Ahnung. Wer sagt, dass er es verkraftet hat? Wie dir vielleicht bekannt ist, hat er sich in der Folgezeit ziemlich gehen lassen. Im Prinzip war er nach dem Tod seiner Mutter obdachlos. Ihre Mietswohnung wurde aufgelöst, sein Onkel hat sich um die Verwaltung ihrer Hinterlassenschaften gekümmert. Tommy wollte als Alleinerbe nichts damit zu tun haben. Kurz darauf hatte er einen Autounfall, der Gott sei Dank glimpflich ausging. Er selbst musste nur in ambulante Behandlung, aber der A3 war Schrott. Wo er sich in diesen Monaten sonst noch herumgetrieben hat, kann ich dir auch nicht genau sagen. Ich würde vermuten, er hat zumindest zeitweise bei seinem Vater gewohnt, aber wenn ich mir andererseits ansehe, wie das Verhältnis der beiden zueinander war...“&lt;br /&gt;„Trägt nicht im Grunde er eine Mitverantwortung am Tod vom Tommys Mutter?“, fragte Wolfgang düster.&lt;br /&gt;„Möglich. Möglich, dass Tommy das so gesehen hat. Ein anderes Motiv für diesen schrecklichen Selbstmord, wenn es denn Selbstmord war, ist auch nie ans Tageslicht gekommen. Kein Wunder, dass es, na ja...“ Philipp hielt mit einem gequälten Gesichtsausdruck inne und massierte mit den Fingern seine rechte Schläfe.&lt;br /&gt;„Diejenigen in der Stadt, die sie besser kannten, haben später zu Protokoll gegeben, dass ihnen im Vorfeld nichts an ihrem Verhalten aufgefallen sei, und damit sagen sie auch bestimmt die Wahrheit. Aber gerade aus solchen Gründen verbreiten sich dann eben irgendwann kleine Gerüchte. Du weißt ja, wie die Leute sind, gerade in solchen Kleinstädten. Sie können sich nicht vorstellen, dass sich jemand einfach das Leben nimmt, und deshalb beginnen sie schnell zu argwöhnen und weil sie bei Schlaftabletten gleich an Marilyn Monroe denken und an irgendeine dumme Dokumentation über ihren angeblich so mysteriösen Tod, die sie im Fernsehen gesehen haben, projizieren sie das dann auf einen Fall wie diesen, um der Aura des Geheimnisvollen, nach dem es sie so sehr giert, auch einmal in ihrer langweiligen Stadt einen Platz zum Nisten verschaffen zu können. So ist das nun mal. Ich verstehe gar nicht, warum ich das alles überhaupt erzähle...“&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;Philipp brach ab und rief dem schnauzbärtigem Barmann etwas wirsch die Worte „Cles Des Ducs! Doppelt!“ zu. Dann sagte er an Wolfgang gewandt: „Das mit dem Einladen vergisst du fürs Erste mal besser. Ansonsten hoffe ich, dass du nichts dagegen hast, wenn wir heute noch die Minibar ausfindig machen.“&lt;br /&gt;Wolfgang signalisiert kurz die Selbstverständlichkeit von Philipps Anliegen und zündete sich dann eine Black Death an. Eine dreiviertel Zigarettenlänge lang sagte keiner ein Wort. Stumm dachte Wolfgang über den Selbstmord nach, über den Schmerz, den er Tommy bereitet haben musste. Er dachte auch über die Dinge nach, die ihm Philipp erzählt hatte, und über das, was er am Vortag von Sarah erfahren hatte. Er dachte an die Frau, die immerzu in Angst gelebt hatte vor ihrem Mann, der es nicht ertragen konnte, dass sie von seinen Machenschaften wusste, und an die Schikanen, denen sie jahrelang ausgesetzt gewesen war. &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;/div&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;Wolfgang musste sich plötzlich daran erinnern, wie er sich selbst einmal fast zu Tode gesoffen hatte, ganz alleine auf seinem Zimmer, im Alter von 15 Jahren. Es war in jenem Winter gewesen, in dem sich Martha von Ammerer scheiden ließ. Die Wortgefechte begannen in der Regel spät am Abend, wenn Wolfgang bereits zu Bett lag. Dabei konnte er nur selten einzelne Sätze verstehen, weit weg, wie getrennt durch einen dumpfen Schleier. Meistens war nur es Ammerer, den er schreien hörte, denn schreien, das konnte er gut. Martha vernahm er hingegen nur, wenn sie zu weinen begann. Dem ging dann in der Regel ein dunkles Aufschluchzen voraus, das Wolfgang jedes Mal durch Mark und Bein fuhr. Die Hintergrundgeräusche konnten manchmal mehrere Stunden andauern, in denen Wolfgang keinen Schlaf fand. Bisweilen kam es vor, dass Ammerer damit begann, Gegenstände auf den Boden zu werfen bis sie zerbrachen. Noch heute hörte er in sich das Geräusch der auf dem Boden zerschellenden Teller und Vasen, das ihn plötzlich aufschreckte, wenn er gerade ganz angestrengt aufhorchte, um zu begreifen, weshalb sie sich stritten; diesen feinen, stechenden Schmerz, der entstand, wenn der Knall dann in seinem Inneren mit unnachgiebiger Länge immer und immer wieder zurückhallte. Am Morgen nach einem solchen Krach hatte er sich nie getraut, irgendjemanden unter die Augen zu treten. Ammerer nicht, weil er sich vor dessen Wutanfällen fürchtete, und auch Martha nicht, obwohl er ihr gerne geholfen hätte. Aber das hätte bedeutet, mit ihr darüber zu reden; darüber, dass er alles mitbekam in seinem Bett. Für ihn entzog sich diese Situation dem sprachlich Mitteilbaren. Stattdessen besorgte er sich eines Abends mehrere Flaschen Rum, aus denen er trank bis es dunkel wurde. Seine Tante hatte ihn bewusstlos auf dem Flur vor dem Balkon gefunden, umgeben von mehreren Lachen aus Erbrochenem. Er hatte noch einmal Glück gehabt, wie der Sanitäter an diesem Abend meinte. Später erzählte ihm Martha, dass sie die Balkontür neben ihm sperrangelweit offen vorgefunden hatte. An dem weißen Türrahmen waren dünne Blutspuren zu sehen gewesen. Tatsächlich hatte er einen leichten Cut an der rechten Stirnhälfte erlitten. Er selbst vermutete, dass er beim Öffnen der Tür ausgeglitten und mit dem Kopf gegen den Rahmen geprallt war. Danach musste er eine Weile benommen auf dem Boden herumgerobbt sein, bis ihm der Alkohol schließlich das Bewusstsein raubte. Seine Tante machte ihm dagegen den Vorwurf, dass er versucht habe, sich das Leben zu nehmen. Wolfgang konnte darauf nur erwidern, dass ein Sprung aus dem ersten Stock hierfür nur schwache Erfolgsaussichten geboten hätte.&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;Die Bar hatte sich inzwischen weitgehend geleert. Außer ihnen war dort nur noch der Mann im karierten Anzug, der nach wie vor in einem der Ledersessel hinter ihnen saß und noch immer an dem gleichen Pils von vorhin zu trinken schien. Sollte er tatsächlich eine Verabredung gehabt haben, dann war spätestens zu diesem Zeitpunkt klar, dass er versetzt wurde. Wolfgang fiel plötzlich eine Frage ein, die er glaubte noch zu stellen müssen.&lt;br /&gt;„Wieso hat Tommy eigentlich diese lange Überseereise unternommen, damals, kurz nach Weihnachten?“&lt;br /&gt;Zuerst schien Philipp nicht wirklich zu reagieren, doch dann stieß er etwas Luft durch die Nase und hob die Schultern leicht an.&lt;br /&gt;„Was weiß ich?’, antwortete er in einem bitteren Tonfall. „Die Menschen tun solche Dinge eben. Sie halten es nicht aus zu Hause, die Decke fällt ihnen auf den Kopf, sie wollen 'auf andere Gedanken kommen'. Manche sind auf der Suche nach etwas, einem Geheimnis, das ihr Leben bereichern soll, etwas, bei dem sie nicht glauben, in ihrer gewohnten Umgebung je fündig zu werden. Andere verspüren irgendeinen Mangel, vor dem sie zu fliehen versuchen. Sie belügen sich ein wenig, indem sie sich einreden, in der Ferne werde alles besser, so als müssten sie nicht zurückkommen. Wer könnte es ihnen verdenken? Sieh dir Tommy doch einmal an. Wenn er damals nicht reif war für eine solche Reise, wer dann?“ &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;Dann nahm er sein Glas Cles Des Ducs und stürzte es in einer Art herunter, von der Wolfgang nie geglaubt hatte, dass man so Armagnac trinken konnte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Während er mit Philipp den Aufzug bestieg, um nach oben zu fahren, stellte Wolfgang für sich fest, dass er nur selten wirklich intensiv über die Vergangenheit nachgedacht hatte. Vielleicht war es die Nichtrückholbarkeit der eigenen Gedanken, die ihm zu schaffen machte; die ihm diese unendlichen Schwierigkeiten bereitete, noch annähernd verständlich zu machen, was damals eigentlich vorgefallen war. Vielleicht lag ja gerade darin das Wesen der Depression, das Abgeschlossene, Stumme, Hermetische an diesem Leiden ... am Nichts. Ein grauer Fleck, der sich auszubreiten schien, wie ein Tumor. War das beschreibbar, vermittelbar? Wenn da doch eigentlich nichts war? Außer Sprachlosigkeit. &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;Im Nachhinein war er sich nicht einmal mehr sicher, ob er sich damals nur hatte betrinken oder wirklich zu Tode saufen wollen. Jedenfalls war es die unmittelbarste Begegnung, die er je mit dem Freitod gehabt hatte. Er hatte zwar auch später noch ab und zu darüber nachgedacht, aber es waren keine besonders konsequenten Gedanken gewesen. Eine Zeit lang hatte er geglaubt, dass es wenn, dann auf eine ganz bestimmte Weise geschehen müsste. Dabei hatte er häufig das Küchenfach mit den Haushaltsreinigern vor Augen gehabt. Aus irgendeinem Grund war seine Wahl darauf gefallen, im Ernstfall eine Flasche Scheuermilch zu trinken. Scheuermilch, diese Bezeichnung klang viel versprechend. Wie ein Akt der inneren Reinigung, bis auf den letzten Winkel. Allerdings wusste Wolfgang nicht einmal, ob es wirklich tödlich war, eine Flasche Scheuermilch zu trinken. Im Grunde war das nur der totale Jugendstil gewesen, nichts anderes als ein dummer Ästhetizismus.&lt;br /&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;[&lt;a href="http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-35.html"&gt;Fortsetzung folgt&lt;/a&gt;]&lt;/div&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/4649458722169584895-9034604177305195746?l=baerista.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://baerista.blogspot.com/feeds/9034604177305195746/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-34.html#comment-form' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/9034604177305195746'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/9034604177305195746'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-34.html' title='Scheuermilch (3.4)'/><author><name>Baerista</name><uri>http://www.blogger.com/profile/02373620929944807927</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='24' height='32' src='http://4.bp.blogspot.com/-6EDMQPvqQCU/TfNTJ0t_aSI/AAAAAAAAALw/9MHVgEPq360/s220/BILD1082.JPG'/></author><media:thumbnail xmlns:media='http://search.yahoo.com/mrss/' url='http://3.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TSTB-EKgTXI/AAAAAAAAAI0/ONfDnErb1XQ/s72-c/BILD0159.JPG' height='72' width='72'/><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-4649458722169584895.post-154967960231574584</id><published>2011-01-05T09:05:00.000-08:00</published><updated>2011-01-07T15:50:11.912-08:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Scheuermilch'/><title type='text'>Scheuermilch (3.3)</title><content type='html'>&lt;a href="http://3.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TSS2qNbkRqI/AAAAAAAAAIs/_a328oQ9ZmA/s1600/BILD0161.jpg"&gt;&lt;img style="TEXT-ALIGN: center; MARGIN: 0px auto 10px; WIDTH: 240px; DISPLAY: block; HEIGHT: 320px; CURSOR: hand" id="BLOGGER_PHOTO_ID_5558768676358080162" border="0" alt="" src="http://3.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TSS2qNbkRqI/AAAAAAAAAIs/_a328oQ9ZmA/s320/BILD0161.jpg" /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;3. Kapitel&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Es sind also unzählige einander durchkreuzende Kräfte, eine unendliche Gruppe von Kräfteparallelogrammen, daraus eine Resultante – das geschichtliche Ereignis – hervorgeht, die selbst wieder als das Produkt einer, als Ganzes, bewusstlos und willenlos wirkenden Macht angesehen werden kann. Denn was jeder einzelne will, wird von jedem anderen verhindert, und was herauskommt, ist etwas, das keiner gewollt hat.&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;(Friedrich Engels: Brief an Bloch)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Vor der gläsernen Eingangspforte zum &lt;em&gt;Hotel Crowne Plaza&lt;/em&gt; blieb er einen Augenblick lang stehen und überprüfte den Sitz seiner Kleidung. Die Hotellobby war von einem angenehmen Licht durchzogen. Gegenüber dem Eingang befand sich ein Raum, in dem ein Dinnerbuffet seiner Abdeckung entgegen sah. Bis auf das Lachen einiger Nachzügler drangen kaum Geräusche aus der halboffenen Türe. Das andere Hotelrestaurant, zu dem ein Schild zu seiner Linken wies, hatte bereits geschlossen. Während Wolfgang auf die Rezeption zuwankte und sich dabei so viel Zeit wie möglich ließ, versuchte er wieder gegen seine Bedenken anzukämpfen. Es stand außer Zweifel, dass er irgendwo die Nacht verbringen würde müssen. Wieso also nicht gleich hier bleiben und den Wahnwitz auf dieser Weise komplettieren? Als der Mensch auf der anderen Seite der Rezeption seine Buchung entgegennahm und dabei genüsslich den Preis pro Nacht für ein Einzelzimmer verkündete, versuchte Wolfgang keine Miene zu verziehen. In Wahrheit glich es natürlich einem finanziellen Desaster. Die 150 Euro aus dem Bahnhofsschließfach, die ohnehin nicht viel mehr als die Benzinkosten decken würden, galt es zurückzuzahlen. Ihm blieb nichts anderes übrig, als auf seine Reserven zurückzugreifen. Die paar hundert Euro, die er sich vor langer Zeit zurückgelegt hatte. Für größere Anschaffungen und Pläne. Welche Anschaffungen und Pläne das sein sollten, konnte er selbst nicht genau sagen. Offenbar war er bis zuletzt davon ausgegangen, dass sich in seinem Leben in absehbarer Zeit gewisse Dinge tun würden. Wolfgang räusperte sich.&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;„Ach, da hätte ich noch eine Frage. Wäre es möglich, hier eine Nachricht für Herrn Weißhäupl zu hinterlassen? Ich glaube er verweilt ebenfalls hier bei ihnen. Oder sollte er etwa schon wieder abgereist sein?“, fragte er, während er hilflos alle ihm zur Verfügung stehende Beiläufigkeit in seine Worte zu gießen versuchte.&lt;br /&gt;Der hoch gewachsene Hotelfachfuzzi tippte kurz auf seiner Computertastatur herum und antwortete dann in einer Weise, als gäbe er sich Mühe, nicht blasiert zu wirken:&lt;br /&gt;„Tut mir außerordentlich leid, aber wir führen keinen Herrn Weißhäupl in unserer Liste. Auch nicht unter den Gästen der letzten Wochen.“&lt;br /&gt;Wolfgangs Mienenspiel kam zu einem plötzlichen Stillstand. Er klammerte sich an der Marmorablage der Rezeption fest.&lt;br /&gt;„Auch nicht letzten Monat?“&lt;br /&gt;„Nein, mein Herr. Jemand dieses Namens war in letzter Zeit nicht bei uns zu Gast.“&lt;br /&gt;Das war es dann wohl gewesen. Völliges Versagen. Oder gab es einen Plan B? Wolfgang rollte plötzlich mit den Augen, schlug sich die flache Hand auf den Schädel und ließ durch den Rest seines Körpers eine Art von erleuchtetem Ruck gehen.&lt;br /&gt;„Ach Verflixt, entschuldigen sie, ich glaube, ich leide gerade an einem völligen Blackout. Ich habe die Namen völlig durcheinander gebracht. Natürlich meinte ich nicht Herrn Weißhäupl, sondern Herrn Böhme. Ist mein geschätzter Kollege Herr Jacob Böhme bei ihnen zu Gast?“, stammelte er in der Hoffnung, dass das zumindest ansatzweise glaubwürdig wirkte. Der Rezeptionist zog leicht eine Augenbraue hoch, während er Wolfgang einen Moment lang zu mustern schien. Nach einem kurzen Blick auf seinen Bildschirm sagte er mit einem teilnahmslosen Lächeln:&lt;br /&gt;„Herr Böhme wohnt auf Zimmer 113.“&lt;br /&gt;Wolfgang wollte es noch nicht glauben.&lt;br /&gt;„Ist es ein Jacob mit K oder mit C im Namen? Ich möchte eine Verwechslung ausschließen.“&lt;br /&gt;„Wir haben nur einen Jacob Böhme hier im Haus und dessen Vorname ist mit einem C eingetragen“, bekam er eine prompte, fast scharfe Antwort. Das konnte kein Zufall sein. Wolfgang stand steif da, hielt noch immer die Marmorplatte in der Hand und vermochte für den Moment nichts Sinnvolles zu sagen. &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;„Was können wir für Herrn Böhme ausrichten?“, fragte der Hotelangestellte mit höflichem Nachdruck.&lt;br /&gt;„Ähm...sagen sie ihm nur, er möge doch bitte bei Herrn Niedermeier anrufen.“&lt;br /&gt;„Sehr wohl. Wir werden ihm die Nachricht bei nächster Gelegenheit zukommen lassen.“&lt;br /&gt;„Vielen Dank. Wie lange hat der denn vor noch zu bleiben, wenn ich fragen darf?“ &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;„Herr Böhme wird aller Voraussicht nach übermorgen abreisen“, gab der Hotelangestellte eine weitere Information von sich, die sich nicht richtig einordnen ließ.&lt;br /&gt;„Ist er eigentlich öfter hier bei ihnen zu Gast?“&lt;br /&gt;Schmitz räusperte sich leicht. „Ich kann ihnen aus Gründen der Diskretion leider...“&lt;br /&gt;„Kein Problem, macht nichts“, unterbrach ihn Wolfgang hastig. „Ich kann ihn das bei Gelegenheit ja selber fragen. Wie lange gibt es hier eigentlich noch Abendessen?“&lt;br /&gt;„Das Büffet schließt in 10 Minuten, aber wenn sie sich beeilen, haben sie selbstverständlich noch genug Zeit um zu dinieren.“&lt;br /&gt;„Besten Dank. Eine schönen Abend noch“, warf Wolfgang aus, packte seine Schlüsselkarte und entfernte sich in Richtung Aufzug.&lt;br /&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;br /&gt;Zwanzig Minuten später saß Wolfgang an der Hotelbar und sah dabei zu, wie ihm sein Ebenbild in der gegenüber liegenden Spiegelwand düstere Blicke schenkte. Es war offensichtlich, dass Sonne oder körperliche Ertüchtigung nicht zu seinen ständigen Begleitern zählten und auch sonst gab es wenig Grund zur Zuversicht. Doch was hatte er sich eigentlich ausgerechnet, als er kurz zuvor in den erten Stock hinaufgefahren war, um an der Tür von Zimmer 113 zu klopfen? Das Tommy im Bademantel erscheinen würde, um ihm um den Hals zu fallen? Wolfgang konnte es nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. Alles was er jetzt noch wusste, war, dass es in diesem Zimmer niemanden gab, der durch Wolfgangs Geklopfe hätte gestört werden können. Die halbe Minute, die Jacob Böhmes Zimmertelefon geklingelt haben musste, als er dort von seinem eigenen Anschluss aus angerufen hatte, machte das nur zu deutlich. Kurzum: Bei Wolfgang war inzwischen vollends das Gefühl eingekehrt, durch all diese neuen Informationsteilchen keinen Deut schlauer geworden zu sein. Stattdessen befand er sich in einem Hotel, das er sich im Prinzip nicht leisten konnte, in einer Stadt, in der er im Prinzip nicht sein wollte, und musste sich eingestehen, dass er über keinerlei weiterführendes Konzept verfügte, während sein innerer Besserwisser längst wieder begonnen hatte, ihn aufzufordern die ganze Sache sein zu lassen, nach Hause zu fahren und endlich ein eigenes Leben zu beginnen. Aber das wollte er nun schon gar nicht. Nicht so lange dieser Abend noch nicht vorbei war. Eine Runde konnte er noch, und sei es nur aus Trotz. Für alles andere gab es Hotelbars.&lt;br /&gt;Zur Eröffnung bestellte er einen Pimm’s No. 1 Cup und nahm zu seiner Freude wahr, dass der schnauzbärtige, etwas gelangweilt dreinblickende Barveteran auch die Gurkenschale nicht vergessen hatte, was zwar vom Rezept her Vorschrift war, aber erfahrungsgemäß häufig ignoriert wurde. Mit Cocktails kannte er sich aus, zumindest hatte er Bücher darüber gelesen. Wolfgang begutachtete das Interieur. Man hielt sich hier offensichtlich eisern an die Regeln. Dämmerlicht, viel Holz, klebrige Pianoklänge, blinkendes Messing und klirrendes Glas. Wilfried Abels, der Verfasser von „Cocktail der Woche“, dem Begleitbuch zu seiner Sendung auf – damals noch – RTL Plus, hätte sicher sein Wohlwollen bekundet. Durch dieses Werk war Wolfgang überhaupt erst in das Sujet eingeführt worden. Es war zweifelsohne kein schlechter Einstieg gewesen. Das Buch war ansprechend aufgemacht, großformatig und reich bebildert und darüber hinaus sehr übersichtlich gegliedert. Einer allgemeinen Einführung in die Kunst des Barmixens, mit einem Überblick über die wichtigsten Utensilien und Zutaten, folgten die Rezepte für 52 Cocktails, die thematisch jeweils auf die 52 Wochen des Jahres, mit seinen entsprechenden Jahreszeiten und Monaten, abgestimmt waren. Für jeden Cocktail wurde auch eine alkoholfreie Alternative angeboten. Ein besonderer Tipp (Die Schnittflächen der Apfelscheiben mit Zitronensaft beträufeln, damit sie sich nicht bräunlich verfärben! Nach Möglichkeit immer nur unbehandelte Früchte verwenden! Durch Flambieren intensiviert sich das Aroma etc...) rundete eine jede Seite sinnvoll ab. Wolfgang las immer wieder in diesem Buch, weil er seine Detailhingabe, das Bemühen, dem Leser bei seinen ersten Schritten mut zu machen und anschließend möglichst optimal vorbereitet in die womöglich fährnisreiche und kalte Welt des Barkeepings zu entlassen, ausgesprochen rührend fand. Er hielt es für ein bewegendes Zeugnis der Fähigkeit des Menschen, sich durch geschickte Lösungsideen im Alltag kleine, abgeschlossene Bereiche von Ordnung und Harmonie zu erschaffen.&lt;br /&gt;Der Pimm’s war hervorragend, Wilfried Abels wäre zufrieden gewesen, auch wenn Wolfgang sich nicht sicher war, ob die Jahreszeit den strengen Vorgaben des Buches voll und ganz gerecht wurde. Wahrscheinlich trank er gerade einen Juni- oder September-Cocktail. Wolfgang sah sich etwas verstohlen um. Außer zwei bereits sichtlich angeheiterten japanischen Geschäftsleuten war er der Einzige am Tresen, nur eine Sitzgruppe in der entlegensten Ecke der Bar wurde von einem halben Duzend Schlipsträger mit ihren Frauen (oder Sekretärinnen?) bevölkert, die wohl so etwas wie den harten Kern eines im Hotel gastierenden Phlebologenkongresses darstellten. Daneben gab es noch einen unscheinbaren Kerl in einem geschmacklosen, schwarz-grau karierten Anzug, der fast zeitgleich mit Wolfgang gekommen war und nun nervös an der dünnen Papierrosette am Stiel seines Pilsglases herumnestelte, während er auf einem schwarzen Lederfauteuil saß, um offenbar auf eine Verabredung zu warten. Die beiden Japsen lachten laut und anzüglich, anscheinend hatte einer von beiden gerade einen obszönen Witz gemacht. &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;Wolfgang kaute träge auf ein paar Barnüssen herum und entschied sich als Nächstes einen Horse’s Neck zu bestellen. Der Schnauzbart nickte müde und versicherte sich noch kurz, ob der letzte Drink auch gut gewesen sein. Wolfgang überlegte einen Augenblick, ob er irgendwas Ausgefallenes wie „superb“, „inkommensurabel“ oder „pyramidesk“ sagen sollte, beließ es dann aber bei einem gestammelten „ja, ja, sehr gut.“ Er sah dem Schnauzer aufmerksam bei der Herstellung des Getränks zu und versuchte dabei dessen emphatischen Fähigkeiten zu bestimmen. Angeblich waren gute Barkeeper hervorragende Menschenkenner. Wilfried Abels zufolge lag das daran, dass es sich bei Cocktails um geradezu „psychologische“ Getränke handelte, die den Charakter eines Menschen widerspiegeln konnten. Fans exotischer Cocktails sehnten sich nach Freiheit und Sonne und wollten einfach mal „ausbrechen“, aus dem lauten und hektischen Alltag versteht sich. Freunde des klassischen Martini-Cocktails hingegen waren „meist klar strukturierte und größtenteils rational denkende Analytiker. Demzufolge achteten sie dann auch peinlich genau auf die Einhaltung des Original-Rezeptes.“ Ein Barbesuch glich dementsprechend eher einer Sitzung beim Psychoanalytiker: Ganz klar, es ging um den Rückzug aus dem Alltäglichen, um Entspannung in angenehmer Atmosphäre und die Gelegenheit auf ganz individuelle Art zu philosophieren oder „mit einem netten Thekennachbarn einige belanglose oder auch tiefschürfende Worte zu wechseln.“ Selbstverständlich war das alles nur Propaganda. Die meisten Leute, Wolfgang eingeschlossen, wollten einfach nur blau werden. Ob Blauwerden heute hilfreich war, würde sich erst noch zeigen. &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;Ein jüngerer Handlanger des Schnauzbartveteranen brachte den Horse's Neck und füllte die Schalen mit dem Durst erzeugenden Knabberzeugs nach, als plötzlich jemand von der Seite auf ihn zukam und leicht gegen seinen Oberarm rempelte. Die Person war kleiner als Wolfgang, einen Deut weit untersetzt, hatte schulterlanges, mittelblondes, stark gewelltes Haar, ein nur an Oberlippe und Wangen glattrasiertes, ansonsten durch Bartwuchs verdecktes Gesicht, und grinste ihn aus pfiffigen dunkelbraunen Augen an. Er glaubte für einen Moment zu hören, wie seine Kinnlade zu Boden fiel. Philipp Stadler war soeben gelandet. &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;[&lt;a href="http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-34.html"&gt;Fortsetzung folgt&lt;/a&gt;] &lt;/div&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/4649458722169584895-154967960231574584?l=baerista.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://baerista.blogspot.com/feeds/154967960231574584/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-33.html#comment-form' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/154967960231574584'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/154967960231574584'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-33.html' title='Scheuermilch (3.3)'/><author><name>Baerista</name><uri>http://www.blogger.com/profile/02373620929944807927</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='24' height='32' src='http://4.bp.blogspot.com/-6EDMQPvqQCU/TfNTJ0t_aSI/AAAAAAAAALw/9MHVgEPq360/s220/BILD1082.JPG'/></author><media:thumbnail xmlns:media='http://search.yahoo.com/mrss/' url='http://3.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TSS2qNbkRqI/AAAAAAAAAIs/_a328oQ9ZmA/s72-c/BILD0161.jpg' height='72' width='72'/><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-4649458722169584895.post-2867866134769361438</id><published>2011-01-04T16:06:00.000-08:00</published><updated>2011-01-05T09:14:19.304-08:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Scheuermilch'/><title type='text'>Scheuermilch (3.2)</title><content type='html'>&lt;a href="http://3.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TSO2Awjyg5I/AAAAAAAAAIk/Erf-DS5BgWA/s1600/BILD0162.jpg"&gt;&lt;img style="TEXT-ALIGN: center; MARGIN: 0px auto 10px; WIDTH: 240px; DISPLAY: block; HEIGHT: 320px; CURSOR: hand" id="BLOGGER_PHOTO_ID_5558486489256592274" border="0" alt="" src="http://3.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TSO2Awjyg5I/AAAAAAAAAIk/Erf-DS5BgWA/s320/BILD0162.jpg" /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;2. Kapitel&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;em&gt;In his more mature utterances, [Karl Marx] says that we are all caught in the net of the social system. The capitalist is not a demoniac conspirator, but a man who is forced by circumstances to act as he does; he is no more responsible for the state of affairs than is the proletarian. This view of Marx’s has been abandoned – perhaps for propagandist reasons, perhaps because people did not understand it – and a Vulgar Marxist Conspiracy theory has very largely replaced it.&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;(Karl Popper, Conjectures and Refutations, London 1969, S. 342.)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wolfgang entstieg der Tiefgarage und trat, nach der langen Autofahrt etwas taumelnd, hinaus auf die Straße. Inzwischen war es Abend geworden. Auf seiner Fahrt durch die Stadt zu seinem Zielort hatte er sich einzig auf das Straßennetz konzentriert und dabei seine urbane Umgebung weitgehend ignoriert. Die geistige und materielle Umgebung, in der er und seine Außenwelt lebten, erschien ihm bisweilen wahnwitzig und unnatürlich. Eine Vorstellung, dass es so etwas Parkhäuser, Verkehrsampeln und Stromleitungen gab, Menschen die sich als Filmkritiker ihr Geld verdienten und eine Industrie, die von Entwicklung und Vertrieb von Handy-Logos- und Klingeltönen lebte, war an sich völlig grotesk. Ergebnisse einer außerordentlich chaotischen und widernatürlichen Entwicklung. Luftschlösser, die sich in einer seltsamen Blase oberflächlicher menschlicher Existenz gebildet hatten und die jeden Moment zusammenbrechen konnten. Solcherlei Dinge schwirrten Wolfgang durch den Kopf, während er die Nürnberger Straße entlanglief, dann die dazu quer verlaufende Tauentzienstraße – wo, wie er sich plötzlich zu entsinnen glaubte, einst Gustav Stresemann gewohnt hatte, bevor er Kanzler wurde und mit seiner Familie in die Residenz der Reichskanzlei umzog – überquerte und schließlich vor den Toren des KaDeWe stand. Dort würde er noch hineingehen. Vorher. Ein wenig Divertissement, bevor er zwangsläufig herausfinden würde, ob sich diese Fahrt überhaupt gelohnt hatte. &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;Wolfgang betrat den Bauch des Gebäudes und bestieg eine der Rolltreppen, um nach oben zu fahren. Wolfgang fuhr gerne mit Rolltreppen, zumindest so lange man mittels ihrer Laufrichtung innerhalb der Gebäudetopologie auf zwei Koordinatenachsen gleichzeitig nach vorne verschoben wurde. Dann vermochten diese Geräte bisweilen eine wohlige Aufbruchsstimmung zu suggerieren. Wenn Eichendorff und andere artverwandte Romantiker noch zu Wolfgangs Zeiten geschrieben hätten, sie hätten wahrscheinlich Rolltreppen und nicht Posthörner als Motiv gewählt. Es waren wirklich ausgesprochen optimistische Beförderungsmittel. &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;Schindler’s Lift brachte ihn derweil ins sechste Stockwerk, wo sich die Lebensmittelabteilung des KaDeWe befand. Wolfgang wusste von seinem letzten Besuch, dass sich hier oben auch die Tabakwaren befanden. Damals hatte er nicht besonders darauf geachtet, aber im Moment hatte er ein besonderes Anliegen. Er liebte „Black Death“-Zigaretten, ihr samtiges Bouquet. Nur gab es die fast nirgends, da die meisten Raucher offenbar von der Totenkopfverpackung abgeschreckt wurden. Als er die engen Gassen zwischen den Auslagen und Kühlfächern abschritt und andächtig all den Überfluss, der dicht gedrängt aus jedem verfügbaren Stück Raum hervorquoll, auf sich einstürzen lies, glaubte er eine seltsame Präsenz aus vergangenen Zeiten zu fühlen. Es war als ob sich der letzte große Geschichtsmythos der Deutschen diese wenigen hundert Quadratmeter zwischen Hummer und belgischen Waffeln als Rückzugspunkt für seine längst im Stadium des Siechtums dahindarbende Existenz ausgesucht hätte. Nichts anderes als ein Geschichtsmythos hatte das „Wirtschaftswunderland“ selbstverständlich auf Dauer sein können, eine Tatsache, die auf Wolfgang eine seltsame Götterdämmerungsromantik ausübte, die bisweilen in Wehmut umschlug. Immer wenn er Filme oder TV-Serien sah, in denen noch mit einer älteren Generation von DM-Scheinen gezahlt wurde, hatte er das Gefühl zu wissen, wie sich die Angehörigen untergegangener Hochkulturen gefühlt haben mussten, als evident wurde, dass der Zenit überschritten war. Diesseits der Pastatheke schien die Zeit jedoch stehen geblieben zu sein. Eine kuriose Zeitblase, in der man sogar noch den Duft von Ludwig Erhards Zigarre vernehmen konnte. Das konnte allerdings auch an der Nähe zur Tabakwarenabteilung liegen.&lt;br /&gt;Nachdem er eine Stange seiner Lieblingsmarke erstanden hatte, verwandte er die folgende halbe Stunde auf das Vorhaben, sich für das Verschlingen von sechs California Maki an einer völlig überteuerten Sushi-Bar möglichst viel Zeit zu lassen. Um ihn herum begann sich der Menschenstrom auszudünnen. Die ersten Auslagen mit verderblichem Material wurden ausgeräumt. Das Gebäude kam zur Ruhe. Eine Weile beschäftigte er sich mit der Frage, wie es wohl sein mochte, hier die Nacht zu verbringen, dann begannen seine Gedanken eine leichte Kurve zu machen. Es galt sich jetzt anderen Dingen zu widmen. Einer echten Aufgabe. Das war ein Gefühl, von dem er glaubte, es lange nicht mehr in sich gespürt zu haben. Es galt jetzt, ein Rätsel zu lösen. Ein Verschwinden aufzuklären. Den Spuren zu folgen. Wolfgang gefiel der Klang dieser Worte. &lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;[&lt;a href="http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-33.html"&gt;Fortsetzung folgt&lt;/a&gt;] &lt;/div&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/4649458722169584895-2867866134769361438?l=baerista.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://baerista.blogspot.com/feeds/2867866134769361438/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-321.html#comment-form' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/2867866134769361438'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/2867866134769361438'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-321.html' title='Scheuermilch (3.2)'/><author><name>Baerista</name><uri>http://www.blogger.com/profile/02373620929944807927</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='24' height='32' src='http://4.bp.blogspot.com/-6EDMQPvqQCU/TfNTJ0t_aSI/AAAAAAAAALw/9MHVgEPq360/s220/BILD1082.JPG'/></author><media:thumbnail xmlns:media='http://search.yahoo.com/mrss/' url='http://3.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TSO2Awjyg5I/AAAAAAAAAIk/Erf-DS5BgWA/s72-c/BILD0162.jpg' height='72' width='72'/><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-4649458722169584895.post-4464077082956052734</id><published>2011-01-03T20:49:00.001-08:00</published><updated>2011-01-05T10:24:56.122-08:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Scheuermilch'/><title type='text'>Scheuermilch (3.1)</title><content type='html'>&lt;a href="http://2.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TSKnVHWVgEI/AAAAAAAAAIc/YhOV7QcLf6E/s1600/BILD0177.JPG"&gt;&lt;img style="TEXT-ALIGN: center; MARGIN: 0px auto 10px; WIDTH: 320px; DISPLAY: block; HEIGHT: 240px; CURSOR: hand" id="BLOGGER_PHOTO_ID_5558188871320436802" border="0" alt="" src="http://2.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TSKnVHWVgEI/AAAAAAAAAIc/YhOV7QcLf6E/s320/BILD0177.JPG" /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;strong&gt;Dritter Tag&lt;/strong&gt;&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;1. Kapitel&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die Bäume sehen mies aus, der Nebel verschwindet kaum,&lt;br /&gt;Die Trauben kosten viel,&lt;br /&gt;Ihr Geschmack ist britisch bestimmt,&lt;br /&gt;Der Blumenkohl durchläuft den Mund und Magen weich,&lt;br /&gt;Der Kohl bleibt irgendwo stecken,&lt;br /&gt;Ein neuer Dünnschiss ist die Folge&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;(Rudi Dutschke)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Um 13:30 Uhr verließ Wolfgang das Haus und begann damit, sein Auto zu beladen. Draußen war es sehr hell und fast ein wenig warm. Sein VW Polo, Baujahr 1997, gab auf ebener Strecke 170 km/h her. Die schöpfte Wolfgang in der Regel aus. Die Straßen bis zur Grenze nach Thüringen waren für diese Jahreszeit erstaunlich frei. Falls er im Osten nicht Unmengen an Staus und Autobahnbaustellen vorfinden sollte, konnte er sich auf eine Gesamtfahrtzeit von etwa 5 Stunden einstellen. Nach zwei Stunden Vollgas hielt er an einer Raststätte, besorgte sich zwei Flaschen Evian und lehnte sich dann gegen seinen Wagen, um eine Zigarettenpause einzuhalten. Bald würde er also die Bundeshauptstadt wieder sehen...&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sein letzter Berlinaufenhalt hatte im Rahmen einer Klassenfahrt im Abschlussjahr stattgefunden. Er erinnerte sich an die leichte Euphorie, mit der sich er und seine Freunde - Tommy, Philipp, David und Oliver - jeden Abend unaffällig vom Rest der Klasse entfernten, um sich dem Rausch des Nachtlebens in der Großstadt hinzugeben, oder zumindest dem, was sie sich gerne darunter vorgestellt hätten. Oliver hatte zwar etwas Speed mitgebracht, doch das reichte nur für den ersten Tag, schließlich waren sie zu viert, Tommy nahm nämlich niemals etwas. Spätestens am Abend des dritten Tages war die Erschöpfung mit Händen zu greifen gewesen. David und Wolfgang waren die letzten, die noch bis zum darauf folgenden Morgen durchhielten, angetrieben durch die Illusion, dass der Spaß schon noch kommen würde, wenn man ihn nur hartnäckig genug zwang. Irgendwann, gegen 3 Uhr nachts, kam ihnen die Idee, sich LSD zu besorgen. Die Suche nach der richtigen Verbindung mündete sehr schnell in eine äußerst ziellose Odyssee durch die Gassen Ostberlins. Nach zwei Stunden brachen sie die Suche erschöpft ab, um die Halbwegserkenntnis reicher, dass die Lektüre von „Wir Kinder vom Bahnhof-Zoo“ bei ihnen beiden einen völlig falschen Eindruck hinterlassen hatte. Den Sonntagmorgen begrüßten sie mit zwei Dosen Tankstellen-Red Bull auf einer verwaisten Sitzbank vor ihrer Jugendherberge.&lt;br /&gt;Bei dieser Gelegenheit muss ihm David von seinem Plan erzählt haben. Er hatte vor gehabt, so bald wie möglich nach dem Abitur eine Reise durch Frankreich unternehmen. Eine Rundreise, die sich einzig und allein an bekannten Schauplätzen aus den Romanen von Michel Houellebecq orientieren sollte. Ein durchaus praktikables Unternehmen, wie Wolfgang erfuhr, denn fast alle Lokalitäten, die in diesen Büchern erwähnt wurden, wie Restaurants, Diskotheken, Hotels oder Swinger-Clubs, gab es tatsächlich und David hatte bereits die meisten Adressen im Internet ausfindig machen können. Um die Authentizität zu erhöhen, erwog er sogar, an den entsprechenden Orten exakt die gleichen Drinks zu bestellen und die gleichen Speisen zu essen, in den Monoprix-Märkten die selben Dinge einzukaufen und – über die Reise verteilt – vielleicht sogar dieselben Medikamente zu schlucken, wie die Protagonisten aus Houellebecqs Werken. Alles in allem ließ sich daraus, wie er Wolfgang darlegte, eine hübsche Route entwickeln. Den Startpunkt sollte Paris bilden und von da sollte es weiter in die Provinz gehen. Ein ganzes Wochenende hatte er unter anderem für das &lt;em&gt;Lieu du changement&lt;/em&gt; eingeplant, dieses New Age-Camp aus &lt;em&gt;Les particules élémentaires&lt;/em&gt;, wo er sich allen Ernstes all den blöden Hippie-Kursen widmen wollte, nach Möglichkeit den exakt selben wie die Figur des Bruno Clement in besagtem Roman. In Wirklichkeit, so hatte ihm David erklärt, hieß das Camp allerdings &lt;em&gt;L’espace du possible&lt;/em&gt;, aber Houellebecq sei die Nennung des echten Namens durch Gerichtsbeschluss verboten worden. Wolfgang konnte sich nicht mehr an alle der zahlreichen Orte erinnern, von denen David an diesem Morgen gesprochen hatte, aber den Endpunkt der Reise hatte er noch klar vor Augen. David wollte sich nämlich noch Les Sables-d’Olonne ansehen, einen kleinen Ferienort an der Atlantikküste, um den letzten Abend seiner Reise schließlich in der Diskothek zu verbringen, in welcher der Erzähler aus &lt;em&gt;Extension du domaine de la lutte&lt;/em&gt; den frustrierten Tisserand am Weihnachtsabend von der Nützlichkeit des Sexualmords zu überzeugen versucht. Anschließend wollte er am Strand übernachten. Es war David damit so ernst, dass er mit dem Gedanken spielte, seinen Trip zeitlich so zu legen, dass dieser letzte Abend genau auf den 24. Dezember fallen würde.&lt;br /&gt;Natürlich war die ganze Idee völlig absurd gewesen, aber in der Art und Weise wie David darüber sprach, schaffte er es, seinen Plänen eine eigenartige Würde zu verleihen. Es bestand kein Zweifel daran, dass er sich die ganze Sache gut überlegt hatte. Als er Wolfgang dann schließlich fragte, ob er ihn begleiten wollte, willigte dieser tatsächlich spontan ein. Er meinte die Dinge ernst, die er an diesem Morgen sagte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wenn es Wolfgang recht bedachte, dann hatte David Berkefeld wohl den Tatbestand einer „komplexen Persönlichkeit“ erfüllt. Zumindest war er von all den Freunden, die er in seinem Leben gehabt hatte (und es waren nicht allzu viele), am schwierigsten zu beschreiben. Aber wenn man es versuchte, musste man wohl zuallererst feststellen, dass David ein sehr schöner Mensch gewesen war, auf seine eigene, aparte Art und Weise. Es hatte nichts mit diesem kantigen, männlichen Schönheitsideal zu tun, stattdessen war bei ihm alles sehr feingliedrig und fast ein wenig zerbrechlich. Da war dieser unverwechselbare, stets leicht distanzierte Ausdruck in seinem Gesicht. Ein Gesicht mit einem schön geschwungenen Mund und klugen Augen hinter meist randlosen Brillen. Tatsächlich hatte David wohl seit seinem 17. Lebensjahr keine Jeans mehr getragen. Von ihm hatte Wolfgang gelernt, was der Unterschied zwischen einem Jackett und einem Blazer war, wann man die Knöpfe eines Jacketts schließen durfte (und wann man es besser unterließ) und welche Schlipse zu einem Cutaway passten. In seinem Zimmer lagen überall Bildbände von Malern wie Monet, Gaugin, Emil Nolde und Max Ernst – Dinge von denen Wolfgang im Prinzip rein gar nichts verstand. Davids Familie bewohnte eine Bergvilla in den oberbayerischen Alpen. Obwohl die Gegend in Relation zu dem sich dahinter anschließenden Gebirge eigentlich noch Flachlandcharakter hatte, hätte man auf den abschüssigen Wiesen hinter dem Grundstück ohne Weiteres Szenen aus &lt;em&gt;The Sound of Music&lt;/em&gt; nachdrehen können, ohne dass es dem Zielpublikum allzu sehr aufgefallen wäre. Weil seine Familie ursprünglich nicht aus dem Ort kam, sondern zugezogen war, sprach David keinen Dialekt, sondern ein Hochdeutsch, das derart gepflegt war, dass es dagegen schon nichts mehr einzuwenden gab. Das verlieh ihm zusammen mit seinem gesamten äußeren Erscheinungsbild ein äußerst „aristokratisches“ Auftreten und tatsächlich hielten ihn viele seiner Kameraden für einen versnobbten Wunderling. Auch Wolfgang hatte ihn bis zuletzt in diesem Licht gesehen, doch war er sich immerhin dabei bewusst gewesen, dass man so eigentlich nur stereotype Figuren aus schlechten Krimis abfertigte und keine Menschen. Aber genau das war eben schon immer das Problem bei David gewesen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Er trat seine Kippe aus und setzte sich wieder hinter das Steuer seines Wagens. Etwa eine halbe Minute lang ließ er seinen Kopf regungslos in das harte Kunststoffgestänge des Lenkrads hängen und atmete ein paar Mal tief durch. Er schwitzte. Die Gewissheit, bereits zu weit gefahren zu sein um eine Umkehr noch sinnvoll erscheinen zu lassen, beruhigte ihn ein Stück weit. Der Umstand, dass es bald regnen würde, ebenso. Als er den Zündschlüssel drehte, waren bereits die ersten schweren Tropfen zu sehen. Auf der Glasscheibe vor ihm bildete sich ein schmieriger Film. Hinter einer nahe gelegenen Hecke stellte ein Beamter der Autobahnstreife einen Wildpinkler zur Rede. Es roch nach Asphalt und Ammoniak. Wolfgang atmete leicht auf.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Den Plan seiner Reise hatte David nach jenem Morgen in Berlin nur noch selten erwähnt, aber für Wolfgang bestand kein Zweifel daran, dass er bis zuletzt an ihm festgehalten hatte, in dem Glauben ihn bald zu realisieren – ob nun mit oder ohne Wolfgang, der sich des Unternehmens bald unsicher wurde (vielleicht weil ihm die Frage nicht aus dem Kopf ging, welche Rolle ihm auf dieser Reise zukommen würde - die des Erzählers oder die Tisserands?). Bei David war das hingegen anders. Er musste diesen Plan in die Tat umsetzen. Wolfgang war die ganze Zeit davon überzeugt gewesen, dass diese Reise lediglich ein Symbol war, ein Ritual, das einen tieferen Sinn in sich barg. Etwas, das nur David begriff und das deshalb auch nur er seiner Verwirklichung zuführen konnte. Aber er musste es tun, daran bestand kein Zweifel.&lt;br /&gt;Hätte David seinen weißen Fiesta an einer westfranzösischen Landstraße gegen einen Baum gesetzt – im Morgengrauen des ersten Weihnachtsfeiertags, den Sand noch in seinen Kleidern – Wolfgang hätte wenigstens das Gefühl gehabt, dass sein Tod auf etwas hinausgelaufen wäre. Etwas, das David damit zu Ende gebracht hätte.&lt;br /&gt;Doch dieser Aufprall im Oktobernebel irgendwo im Amperland, dieser mit Sedativen verseuchte, hagere Körper, der an diesem realen Morgen eine Windschutzscheibe durchstoßen hatte, besaß nichts von all dem. Nichts was sich der entsetzlichen Leere dieses sinnlosen Moments hätte entgegenstellen können. Der Rest blieb ohnehin Trauerarbeit. &lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;[&lt;a href="http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-321.html"&gt;Fortsetzung folgt&lt;/a&gt;] &lt;/div&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/4649458722169584895-4464077082956052734?l=baerista.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://baerista.blogspot.com/feeds/4464077082956052734/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-31.html#comment-form' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/4464077082956052734'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/4464077082956052734'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-31.html' title='Scheuermilch (3.1)'/><author><name>Baerista</name><uri>http://www.blogger.com/profile/02373620929944807927</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='24' height='32' src='http://4.bp.blogspot.com/-6EDMQPvqQCU/TfNTJ0t_aSI/AAAAAAAAALw/9MHVgEPq360/s220/BILD1082.JPG'/></author><media:thumbnail xmlns:media='http://search.yahoo.com/mrss/' url='http://2.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TSKnVHWVgEI/AAAAAAAAAIc/YhOV7QcLf6E/s72-c/BILD0177.JPG' height='72' width='72'/><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-4649458722169584895.post-608432755259162854</id><published>2011-01-02T16:23:00.000-08:00</published><updated>2011-01-03T20:53:01.890-08:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Scheuermilch'/><title type='text'>Scheuermilch (2.5)</title><content type='html'>&lt;div align="justify"&gt;&lt;br /&gt;5. Kapitel&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wir alle sind Kinder der&lt;br /&gt;Verhältnisse, unter denen wir&lt;br /&gt;geboren sind.&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;(Gustav Stresemann, 15.4.1908)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wolfgang drehte den Schlüssel im Schloss und betrat die Drei-Zimmer-Wohnung am westlichen Stadtrand von Regensburg, die Martha nach dem Ende ihrer letzten Ehe bezogen hatte. Er kam immer noch regelmäßig hier her, „nach Hause,“ wie er es unverändert nannte. Deshalb wurde sein altes Zimmer nach wie vor verfügbar gehalten. Es gab dort ein Klappbett und seinen alten Schreibtisch. Davon abgesehen diente es inzwischen vor allem als Kleidungs- und Büchermagazin für seine Tante. Diese verbrachte die Nacht offenbar bei ihrem neuen Freund. Wolfgang war allein. Nachdem er sein Gepäck entladen hatte, ging er in die Küche um sich etwas zu Essen zu holen. Einen Moment lang blieb er stehen und sah sich ein neues Bild an, das im Flur hing. Es war ein farbenfrohes Stillleben in Öl von einem Strauß Margeriten. Seine Tante hatte es gemalt, sie dekorierte mit ihren Werken alle Wände.&lt;br /&gt;Die ersten neun Monate hier waren nicht einfach gewesen. Martha hatte Schwierigkeiten beruflich wieder auf die Beine zu kommen, eine Zeitlang bezog sie Arbeitslosengeld. Ammerer entpuppte sich zunehmend als Psychopath und begann ihre Reifen zu zerstechen. Er verweigerte ihr jeglichen Unterhalt und drangsalierte sie überdies mit Telefonanrufen. Zweimal musste sie die Nummer ändern lassen. Daraufhin ging er dazu über, ihre Wohnungstür zu belagern. &lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;Wolfgang dachte nur ungern an diesen Sommer zurück. Seine Tante schlitterte in eine finanzielle Notlage. Sie litt unter Depressionen, weinte oft. Manchmal wurde sie plötzlich wütend und ließ es dann an Wolfgang aus. Einmal stritten sie sich derart heftig, dass er anschließend die Wohnung verließ und zwei Tage lang nicht zurückkam. Ein Gefühl der Schwere und Hilflosigkeit lastete fortwährend auf seinen Eingeweiden. Natürlich versucht er ein wenig zu trinken, doch der Alkohol brachte überraschend wenig Linderung. Außerdem wurde ihm zu schnell schlecht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wolfgang verschlang zwei Wurstbrote und setzte sich anschließend ins Wohnzimmer, um fernzusehen. Inzwischen war es 23:14 Uhr. Längst fühlte er wieder diese pochende Erschöpfung, das Ergebnis der Schlaflosigkeit der letzten Tage, die er immer noch hinter sich herschleppte. Wolfgang begann zu bedauern, dass sein Kopf keinen Ausschaltknopf besaß. Immerhin hatte er sich zwei Hilfsmittel ausersonnen, die als Ersatz für diesen Knopf herhalten sollten. Die Flasche Bourbon, die er aus der Glasvitrine neben dem Sofa genommen hatte und das dienstägliche TV-Nachtprogramm, denn das war wirklich das schlechteste der ganzen Woche. Letzteres wurde heute wieder einmal besonders drastisch vor Augen geführt. Wahllos drückte Wolfgang auf der Umschalttaste herum, während er zusah wie das TV-Angebot im Rhythmus seiner Fingerbewegungen anstandslos von einer Geschmacksrichtung in die nächste wechselte, ohne dass es zu irgendeiner kurzfristigen Vermischung kam. Angewidert schaltete er den Fernseher ab und goss sich noch ein wenig von dem Bourbon nach, ohne wirklich sagen zu können, ob der Alkohol bereits wirkte. Anschließend ging er zurück auf sein Zimmer und durchforstete dort wahllos Schubladen und Regale. In einem Fach seines Schreibtisches entdeckte er einen Stapel mit computerbedrucktem Papier und freute sich für einen Moment, wie man sich eben freuen kann wenn man unverhofft längst vergessene oder verloren geglaubte Zeugnisse aus einem früheren Leben wieder findet. Oder einen Eisfreien Hafen verlässt. Die nächsten drei Stunden verbrachte er damit, sich durch die Abbildung der Gedankenwelt seines 19-jährigen Ichs zu lesen. Eine kurze Zeit lang hatte er selbst viel geschrieben. Das war keine zwei Jahre her, aber Wolfgang kam es jetzt seltsam fern vor, wie eine nostalgische Kindheitserinnerung, die kaum mehr einen Bezug zur Gegenwart besaß. Bei manchen der Texte schien es ihm, als kämen sie ihm zu ersten Mal unter die Augen, auch wenn er wusste, dass er damals stundenlang an ihnen gearbeitet hatte. Meist war das wie jetzt nachts geschehen, an demselben Schreibtisch, in derselben Schlaflosigkeit. Nur selten waren ihm seine nächtlichen Ergüsse am nächsten Morgen wertvoll genug erschienen, um ein Weiterschreiben zu rechtfertigen. In der Tat ging wenig von dem, was er jetzt vorfand, über vage Skizzen hinaus. Besonders angetan war Wolfgang von dem Drehbuchfragment zu einem gesellschaftspornographischen Drama mit dem Titel „Die Rückkehr des Analpapstes.“ Im Mittelpunkt dieses rigiden Zeigestückes mit starkem Hang zu Abstraktion und Symbolismus sollten zwei heroinabhängige Staubsaugervertreter namens Buddy &amp;amp; Wolfman stehen, die sich mit einem abgehalfterten Pornodarsteller zusammentaten, um ihr Konzept von einer neuen Art Erotikfilm zu verwirklichen: Eine Kombination aus unterhaltsamen Dialogen, qualitativ hochwertiger Softcore-Produktion mit Hardcore-Anteil und kämpferischer Kritikübung an der fortschreitenden sexuellen Befreiung. Bald stellten sich die ersten Erfolge ein, aber als eines ihrer Werke für die „Goldene Banane von Bad Porno“ vorgeschlagen wurde, zwangen einflussreiche Hintermänner die Jury zur Disqualifikation der beiden, denn man witterte ob der revisionistischen Botschaft des Films eine Gefahr für das eigene Geschäft. Natürlich kulminierte alles in einem gigantischen Blutbad, an dessen Ende die Hinrichtung von Buddy &amp;amp; Wolfman durch die rigorose Pornomafia stand. Sie hatten die Ordnung der westlichen Welt in Frage gestellt und mussten dafür sterben.&lt;br /&gt;Die „Goldene Banane von Bad Porno“ war in Wirklichkeit eine dämliche Sex-Klamotte aus dem Jahre 1971 mit Ingrid Steeger und Gerd Düwner, der deutschen Synchronstimme von Barnie Geröllheimer und Ernie (Sesamstraße), die Wolfgang einst im Alter von 10 Jahren auf Sat1 gesehen hatte. Der Film hatte damals bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen und er konnte sich noch heute, elf Jahre später, genau an ein paar Passagen des zum Teil gereimten Dialogbestandes erinnern.&lt;br /&gt;Den eigentlichen Kern des sich vor ihm ausbreitenden Oeuvres bildete allerdings ein anderer Text. Es handelte sich um eine unbetitelte, halbvollendete Erzählung, die in einem wirren stream of conciousness-Stil abgefasst war. Etwa 50 Seiten lang durfte der Leser die namenlose, Ich-perspektivische Hauptfigur begleiten, wie sie sich durch das Nachtleben einer ebenso namenlosen Stadt bewusstseinsströmte und dabei in nicht enden wollenden Gedankenketten die Gegenwartskultur, die Mitmenschheit oder das eigene, hoffnungslos verwirrte Selbst analysierte, vorausgesetzt sie war nicht gerade auf der vergeblichen Suche nach einem ominösen metaphysischen Konzept, der sogenannten „nuklearen Klarheit.“ Die ausgeprägte Subjektivität des Textes machte es einem unbeteiligten Leser im Grunde unmöglich, sich in den unentwegten geistigen Ejakulationen des Sprechers zurecht zu finden, sogar Wolfgang hatte jetzt Schwierigkeiten vieles von dem, was er damals geschrieben hatte, bis ins Letzte nachzuvollziehen. Die Hauptfigur ließ sich dadurch allerdings nicht im Geringsten beirren, sondern schwallte unentwegte weiter, tanze, nahm Drogen, prügelte sich, trank Schnaps, ging Kotzen und verreckte schlussendlich sogar ziemlich jämmerlich am Boden einer Großraum-Diskothek, allerdings ohne nach dem physischen Tod die Laberei nicht noch für mehrere Seiten in der Transzendenz fortzusetzen. Das monströse Trauerspiel in einem Akt gab den bedauernswerten Leser schließlich mit folgenden Worten wieder frei:&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Erkenntnis bleibt; liegt da wie tiefschwarzes Gestein. Das Nichts, in das ich nun hineinschreite, hat mit der nuklearen Klarheit nur das Nichts gemeinsam...&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;Wolfgang legte die Blätter zurück auf den Stapel und war für einen Moment etwas erschüttert. Wie reichhaltig doch die Vorstellungen waren, die er sich damals von der Welt gemacht hatte.&lt;br /&gt;Fast wäre so etwas wie Reue darüber, dass er mit dem Schreiben aufgehört hatte, in ihm hochgestiegen, aber es blieb irgendwo zwischen seinen Eingeweiden hängen und kam nicht richtig nach oben. Es war 2:37 Uhr. Er schenkte sich noch ein wenig Bourbon ein, stürzte das Glas mit einem Zug aus und ging dann zu Bett. Kurz bevor er einschlief merkte Wolfgang, dass er an einem Punkt angelangt war. Einer abstrakten Weggabelung. Die letzten Monate waren nicht gerade berauschend gewesen. Er lebte eigentlich nur noch von Zeit zu Zeit. Kurze Momente, kleine Inseln in einem Meer fortgesetzter Langeweile.&lt;br /&gt;Tommy war verschwunden, allerdings nicht, ohne ihm vorher noch eine Art Nachricht zu hinterlassen. Oder einen Auftrag. Wolfgang glaubte nicht an Vorsehung, aber angeblich gab es einen Weg, den man zurücklegen musste. Für gewöhnlich tat er nichts dergleichen. Nun aber hatte er einen Vorwand. Einen Hinweis. Es war an der Zeit. Für irgendetwas. &lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;[&lt;a href="http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-31.html"&gt;Fortsetzung folgt&lt;/a&gt;]&lt;/div&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/4649458722169584895-608432755259162854?l=baerista.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://baerista.blogspot.com/feeds/608432755259162854/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-25.html#comment-form' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/608432755259162854'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/608432755259162854'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-25.html' title='Scheuermilch (2.5)'/><author><name>Baerista</name><uri>http://www.blogger.com/profile/02373620929944807927</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='24' height='32' src='http://4.bp.blogspot.com/-6EDMQPvqQCU/TfNTJ0t_aSI/AAAAAAAAALw/9MHVgEPq360/s220/BILD1082.JPG'/></author><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-4649458722169584895.post-7011717952842597808</id><published>2011-01-02T16:20:00.000-08:00</published><updated>2011-01-02T16:52:16.320-08:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Scheuermilch'/><title type='text'>Scheuermilch (2.4)</title><content type='html'>&lt;a href="http://2.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TSEUn9CDaII/AAAAAAAAAIM/vqZ3JGTLY60/s1600/untitled.bmp"&gt;&lt;img style="TEXT-ALIGN: center; MARGIN: 0px auto 10px; WIDTH: 240px; DISPLAY: block; HEIGHT: 320px; CURSOR: hand" id="BLOGGER_PHOTO_ID_5557746091782531202" border="0" alt="" src="http://2.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TSEUn9CDaII/AAAAAAAAAIM/vqZ3JGTLY60/s320/untitled.bmp" /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;4. Kapitel&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;em&gt;Der Generalsekretär : Das Unselbstische unserer Arbeit bietet die beste Gewähr für den endlichen Sieg unserer Ideale, den Triumph des An-sich-Seelischen über das An-sich-Körperliche --&lt;br /&gt;Ein Delegierter : (mit vollem Maul) Bravo ! Bravo !&lt;br /&gt;Eine Delegierte : Hört ! Hört !&lt;br /&gt;Der Generalsekretär : -- die Herrschaft der gereinigten Liebe und die unwiderrufliche Ausrottung der käuflichen Fleischeslust. Ja ! Und so erhebe ich mein Glas auf das geistige Wohl unseres hochverehrten Präsidenten, des Generaldirektors der Vereinigten Künstlichen Ölwerke, des wirklich Geheimen Rates Dr. Dr. honoris causae !&lt;br /&gt;Kongress : Hoch ! Hoch ! Hoch !&lt;br /&gt;(Fressen und Saufen)&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;(Ödön von Horvath: Rund um den Kongress)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wolfgang schloss die Augen. Impulsartig zuckten die Bilder durch ihn hindurch, eines nach dem anderen. Irgendwann waren es nur noch zwei Szenen, die sich abwechselten, changierend wie bei einem Wackelbild.&lt;br /&gt;Tommy und Wolfgang und zwischen ihnen der Glastisch. Zwei Momentaufnahmen zwischen denen sich etwas verändert hatte. Bild eins: Die Standartversion. Zwei Freunde sitzen beisammen, trinken Kaffee und grinsen sich an. Bild zwei: Tommy hat dunkle Ringe unter den Augen, er sieht müde aus. Sein Blick ist auf Wolfgang gerichtet, aber er trifft ihn nicht, verliert sich irgendwo hinter ihm an einer Bücherwand. Wolfgangs Kopf neigt sich dem Boden zu. Er scheint abwesend. Dahingestreut, konsterniert sitzt er da und sieht sich am Ende einer peinlichen Theatralik, mit der er bis zuletzt noch versucht hatte, so etwas wie eine Verbindung zu seiner Außenwelt aufrechtzuerhalten.&lt;br /&gt;Wie einen Befund erstellen? Wo wäre der Ausweg gelegen? Fragen. Wolfgang hörte seinen Magen knurren. &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;Er stand von seinem Bett auf und rief zum zweiten Mal an diesem Tag die Nummer an, die Mike ihm am Vortag gegeben hatte. Niemand meldete sich. Frustriert warf Wolfgang sein Mobiltelefon auf die Bettdecke und ärgerte sich, dass Philipp es vor lauter Protestverhalten wohl als einziger seiner Alterskohorte noch immer nicht geschafft hatte, sich ebenfalls so ein Gerät anzuschaffen und somit nur in seiner Erlanger Wohnheimskemenate oder zu Hause bei seinen Eltern erreichbar war. Und letztere gingen ebenso wenig ans Telefon.&lt;br /&gt;Ausgerechnet Erlangen. Wolfgang sah in die Ecke zu seiner Reisetasche, die er heute nach dem Aufstehen zwischen all den Telefonaten gepackt hatte, und überlegte, ob es noch irgendwelche lebensnotwendigen Dinge gab, die er dort noch nicht verstaut hatte. Dann griff er sich wieder das Siemens MC60 und wählte Mirjams Nummer. Sie erschien nicht besonders begeistert, ausgerechnet ihn am anderen Ende der Leitung zu hören, und Wolfgang fragte sich, ob das nur daran lag, dass sie jemand anderen erwartet hatte. Spontan beschloss er, ihr vorerst nichts von dem Schließfach zu erzählen. Routinierte Kriminalisten, so wusste er aus dem Fernsehen, hielten sich bei ihren Ermittlungen stets bedeckt. Wolfgang stutzte.&lt;br /&gt;„Da fällt mir ein: War es nicht Tommys Vater, der die Polizei verständigt hat?“&lt;br /&gt;„Ja. Ich habe bei ihm angerufen und er hat sofort versprochen, die Polizei zu benachrichtigen.“&lt;br /&gt;„Und du bist sicher, dass er das auch wirklich getan hat?“ &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;"Doch, natürlich. Ich habe ja persönlich mit einem der zuständigen Beamten telefoniert."&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;Wolfgang beendete das Gespräch mit dem unguten Nachgeschmack von vergeudeter Zeit und wollte sich wieder seiner Reisetasche widmen, doch dann kam er auf eine andere Idee. Er ging zu seinem Bücherregal und wühlte sich durch mehrere große Stapel, die er auf dem untersten Regalbrett für Magazine und andere großformatige Druckerzeugnisse angelegt hatte. Nach einigem Suchen zog er schließlich die Abitur-Zeitschriften der vergangenen Jahrgänge seiner Schule hervor, die der Vernichtung vieler anderer solcher schulzeitspezifischen Erinnerungen entgangen waren. Zwei Jahre vor seinem eigenen Abschluss hatte man gemeint, mit einer besonders originellen und kostspieligen Aufmachung punkten zu müssen: 115 Hochglanzseiten, die eine leidliche geglückte Parodie auf die Zeitschrift "Amica" darstellen sollten. Wolfgang begann sich durch die Texte zu blättern, mit denen die Klassenmitglieder versucht hatten, ihre Mitschüler in betont humorvoller Weise zu portraitieren. Ganz im Sinne des Mottos “Die 44 besten Singles Deutschlands,“ waren den Texten außer Bildern der Betroffenen auch Steckbriefe beigegeben, mit Informationen zu verschiedenen Belanglosigkeiten wie Sternzeichen, Lebensmotto und Hobbys, aber eben auch den damals aktuellen Adressen und Telefonnummern. Die Festnetznummer, die er im Steckbrief von Simon Dröger (Hobbys: Freundin, Karate, Bodybuilding, Fischen, Physik, Ausgehen; Leistungskurse: Griechisch/Physik; Spitznamen: Muskelmann, Absenzen-Simon) vorfand, ließ ihn für einen Moment Hoffnung schöpfen. Wolfgangs Vorstellungen erfüllten sich weiter, als sich am anderen Ende der Leitung Drögers Mutter meldete.&lt;br /&gt;„Schönen guten Tag Frau Dröger, mein Name ist Joseph Winter,“ erfand er irgendeinen Namen und stellte sich im Folgenden betont freundlich als Mitglied eines Organisationskomitees für Altschülertreffen vor, dessen Anliegen es sei, die aktuellen Adressen und Telefonnummern der Ehemaligen aus dem Abschlussjahr ihres Sohnes zu ermitteln. Frau Dröger war tatsächlich gutgläubig genug, um Wolfgang ohne Umschweife die erbetenen Daten mitzuteilen. Von der leichten Euphorie eines nach Plan laufenden Vorhabens beflügelt, wählte Wolfgang sofort die Nummer, die er gerade bekommen hatte. Nach etwa fünf Klingelzeichen meldete sich jemand.&lt;br /&gt;„Spreche ich mit Simon Dröger?“&lt;br /&gt;Der Typ am anderen Hörer gab ein laues „Ja“ von sich, das nicht allzu herzlich klang.&lt;br /&gt;„Hallo Simon, ich bin Wolfgang Niedermeier. Kennst du mich noch? Ich war mit Tommy in der Klasse.“&lt;br /&gt;„Nein, nicht das ich wüsste“, sagte der, der offenbar Simon war, betont gelangweilt. Wolfgang ließ nicht locker.&lt;br /&gt;„Bist du sicher? Ich glaube wir haben uns schon mal unterhalten. Erinnerst du dich an die Geburtstagsfeier in der Maschinenhalle, wo Tommys Band gespielt hat? Ich war der Gitarrist“&lt;br /&gt;„Ja, kann sein,“ antwortete Simon in einem Tonfall, der das „Scheißegal“ nur implizit ließ.&lt;br /&gt;Wolfgang war nun doch etwas erstaunt.&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;„Tja, ich rufe eigentlich nur an, um zu fragen, ob du Tommy in letzter Zeit gesehen hast. Er hat sich schon länger nicht mehr bei mir gemeldet und da habe ich mich gefragt, ob er nicht hier bei dir in Berlin sein könnte. Hast du vielleicht in irgendeiner Weise mitbekommen, dass er sich zurzeit in der Stadt aufhält?“&lt;br /&gt;„Nein, ist nicht hier,“ sagte Dröger in einem Ton, der durchblicken ließ, dass ihn Wolfgangs Frage verärgert hätte.&lt;br /&gt;„Und irgendwann letzten Monat?“&lt;br /&gt;„Auch nicht.“&lt;br /&gt;„Hast du vielleicht eine Idee wo er hingefahren sein könnte? Er geht momentan nicht ans Telefon.“ &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;„Nein, keine Ahnung wo er steckt.“&lt;br /&gt;Wolfgang bezweifelte, dass es einen Sinn hatte, noch eine Minute länger mit diesem Idioten zu telefonieren, und entschuldigte sich betont blumig für die Störung. Dann nahm er seine Reisetasche und schloss die Türe hinter sich ab. &lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;[&lt;a href="http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-25.html"&gt;Fortsetzung folgt&lt;/a&gt;]&lt;/div&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/4649458722169584895-7011717952842597808?l=baerista.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://baerista.blogspot.com/feeds/7011717952842597808/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-24.html#comment-form' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/7011717952842597808'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/7011717952842597808'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-24.html' title='Scheuermilch (2.4)'/><author><name>Baerista</name><uri>http://www.blogger.com/profile/02373620929944807927</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='24' height='32' src='http://4.bp.blogspot.com/-6EDMQPvqQCU/TfNTJ0t_aSI/AAAAAAAAALw/9MHVgEPq360/s220/BILD1082.JPG'/></author><media:thumbnail xmlns:media='http://search.yahoo.com/mrss/' url='http://2.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TSEUn9CDaII/AAAAAAAAAIM/vqZ3JGTLY60/s72-c/untitled.bmp' height='72' width='72'/><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-4649458722169584895.post-6037798899184064617</id><published>2011-01-02T05:18:00.001-08:00</published><updated>2011-01-02T16:35:41.548-08:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Scheuermilch'/><title type='text'>Scheuermilch (2.3)</title><content type='html'>&lt;a href="http://2.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TSB6XRG66LI/AAAAAAAAAIE/aC2aR7GeVsA/s1600/aboutkilts.jpg"&gt;&lt;img style="TEXT-ALIGN: center; MARGIN: 0px auto 10px; WIDTH: 193px; DISPLAY: block; HEIGHT: 300px; CURSOR: hand" id="BLOGGER_PHOTO_ID_5557576480323201202" border="0" alt="" src="http://2.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TSB6XRG66LI/AAAAAAAAAIE/aC2aR7GeVsA/s320/aboutkilts.jpg" /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;3. Kapitel&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;em&gt;Dich auf Bestimmung der allgemeinen Menschenvernunft zu berufen, &lt;/em&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;em&gt;kann dir nicht gestattet sein; &lt;/em&gt;&lt;em&gt;denn das ist ein Zeuge, &lt;/em&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;em&gt;dessen Ansehen nur auf dem öffentlichen Gerüchte beruht.&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;(Immanuel Kant: Prolegomena zu einer jeden künften Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Langsam blies er den Qualm seiner John Player Special (schwarz) durch die Nasenlöcher und nippte erneut an der Dose Red Bull, die er sich kurz zuvor in einer dieser unterirdischen Pilskaschemmen gekauft hatte, wie es sie in allen größeren S- und U-Bahnkomplexen der Landeshauptstadt zu geben schien. Wolfgang hatte sich schon des Öfteren gefragt, wer eigentlich freiwillig in diesen Läden sein Bier trank, wenn er doch ein paar Meter höher genug Kneipen finden konnte, die dazu noch bessere Luft und einen anderen Ausblick boten. Für Touristen gab bei den im Minutentakt fahrenden Schnellbahnen keine Zeit totzuschlagen und tatsächlich sah keiner der Anwesenden aus, als ob sie auf der Durchreise wären. Nirgends sah er eine Tasche oder einen Aktenkoffer. Stattdessen schien es sich in der Tat um Stammkunden zu handeln, die hier schon um 10 Uhr morgens ihren Alkoholspiegel auf ein erträgliches Soll brachten und dabei stumm in sich hineinstierend dasaßen, höchstens dem TV-Bildschirm einen Blick schenkend, wenn gerade ein Fußballspiel lief. Im Moment lief allerdings überhaupt nichts, nur das Bier in die Kehlen und die Zeit durch die Belüftungsritzen. Und Zeit schien man hier reichlich zu haben, denn Arbeitslosigkeit und Alkoholismus machten gleichgültig genug, um sich nicht mehr viel vom Tag zu erwarten. Vor allem auch gleichgültig genug, um ästhetische Gesichtspunkte hintan zu stellen, wenn es um die Wahl der Stammkneipe ging. Was Wolfgang so unangenehm fand, nämlich an einer Bar zu sitzen, während zwei Meter weiter die wabernde Menschenmasse damit beschäftigt war, den mit Speichel, Rotz und Zigarettenstummeln vermischten Dreck der Straßen durch den Durchgangsbereich zu ziehen, machte ihnen längst nichts mehr aus. Und auch ihn beschäftigten im Moment andere Dinge als die vielen Tausend Einzelpersonen, die hier jeden Tag vorbeikamen und zum dem Strom des gesellschaftlichen Lebens verwischten, der dem dichtmaschigen Netz aus Information und Transaktion, das sich über die gesamte Erde spannte, seine kadaverhaften Zuckungen ermöglichte. Ihn beschäftigte die Frage, ob er einen Schritt weitergekommen war. Denn der Schlüssel hatte tatsächlich gepasst oder besser gesagt: Er hätte gepasst, wenn die maximale Benutzungsdauer von Schließfach 1130 nicht bereits um 72 Stunden überschritten gewesen wäre. Der Schalterbeamte hinter der dicken Glasscheibe des Schließfachdienstes muss ihn für einen komplett Irren gehalten haben, als er ihm gegen die Nachzahlung von 14 Euro zuzüglich 7,50 Euro Bearbeitungsgebühr nichts anderes als eine quadratische Kuchendose in den Farben eines schottischen Kilts überreichte, die einmal 300g &lt;em&gt;Pure Butter Shortbread Petticoat Tails&lt;/em&gt; der Firma Walkers beherbergt hatte und auf deren Deckel ein Ausschnitt aus einem Gemälde abgebildet war, bei dem es sich laut der nebenstehenden Marginalie um das Bild &lt;em&gt;Lochaber No More&lt;/em&gt; des schottischen Künstlers John Blake Macdonald handelte. Doch Wolfgang war viel zu sehr mit der Genugtuung beladen gewesen, den versteckten Hinweis auf dem Zettel aus dem Textbuch tatsächlich richtig gelesen zu haben, als dass ihm das allzu peinlich gewesen wäre.&lt;br /&gt;Da war er nun also. Hauptbahnhof – &lt;em&gt;la gare&lt;/em&gt;, wie man in Paris, dem Zielort des Edelmannes, gesagt hätte – Schließfach 1130. Er hatte getan, was Tommy offenbar von ihm erwartet hatte. Doch bedauerlicherweise gab es nun keine Ölgemälde mehr, die ihm erzählen konnten, wie es nun weitergehen sollte. Immerhin war der Inhalt der Shortbreaddose, derer sich inzwischen entledigt hatte, klein genug gewesen, um in seiner Jackentasche Platz zu finden, während er hier im Bahnhofsviertel unter Tage saß, um mit einem überteuerten Energy-Drink seinen Schlafmangel zu bekämpfen und die neuen Informationen erst einmal einsickern zu lassen. Da war das kleine Bündel 10er, insgesamt 150 Euro, die Tommy dort deponiert hatte und das ihn immer noch verunsicherte, weil er nicht wusste, ob es in Ordnung war, das Geld einfach mitzunehmen. Aber wahrscheinlich war es das, denn er würde es Tommy natürlich sofort überreichen. Wenn er ihn sehen würde. So redete er es sich zumindest ein und betrachtete wieder den Prospekt des Hotels &lt;em&gt;Crowne Plaza Berlin City Centre&lt;/em&gt;, der dort ebenfalls gelegen hatte. Eine simple Faltbroschüre für ein 4-Sterne-Hotel in Schöneberg, nahe dem KaDeWe. Es war aber nicht der Sinn der Aufbewahrung dieser Hotelwerbung in einem Bahnhofsschließfach, der Wolfgang schleierhaft war, sondern vielmehr dessen Bedeutungszusammenhang mit dem Namen, der in Tommys Handschrift überraschend leserlich auf die Rückseite notiert worden war. Jacob Böhme. Einfach nur Jacob Böhme. Wolfgang verstand. Und verstand doch nicht.&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;[&lt;a href="http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-24.html"&gt;Fortsetzung folgt&lt;/a&gt;] &lt;/div&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/4649458722169584895-6037798899184064617?l=baerista.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://baerista.blogspot.com/feeds/6037798899184064617/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-23.html#comment-form' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/6037798899184064617'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/6037798899184064617'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-23.html' title='Scheuermilch (2.3)'/><author><name>Baerista</name><uri>http://www.blogger.com/profile/02373620929944807927</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='24' height='32' src='http://4.bp.blogspot.com/-6EDMQPvqQCU/TfNTJ0t_aSI/AAAAAAAAALw/9MHVgEPq360/s220/BILD1082.JPG'/></author><media:thumbnail xmlns:media='http://search.yahoo.com/mrss/' url='http://2.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TSB6XRG66LI/AAAAAAAAAIE/aC2aR7GeVsA/s72-c/aboutkilts.jpg' height='72' width='72'/><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-4649458722169584895.post-523480718852329180</id><published>2011-01-01T06:07:00.001-08:00</published><updated>2011-01-02T16:37:01.206-08:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Scheuermilch'/><title type='text'>Scheuermilch (2.2)</title><content type='html'>&lt;a href="http://3.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TR8zqy3istI/AAAAAAAAAH8/aAEXpTwEzok/s1600/BILD0075.JPG"&gt;&lt;img style="TEXT-ALIGN: center; MARGIN: 0px auto 10px; WIDTH: 320px; DISPLAY: block; HEIGHT: 240px; CURSOR: hand" id="BLOGGER_PHOTO_ID_5557217275500737234" border="0" alt="" src="http://3.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TR8zqy3istI/AAAAAAAAAH8/aAEXpTwEzok/s320/BILD0075.JPG" /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;2. Kapitel&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Atreus ermordet aus Rache die Söhne des Thyestes und setzt sie dem Bruder Thyestes, den er selber durch einen Herold von seiner Flucht zurückgerufen hat, als Speise vor. Nach dem grässlichen Mahle werden dem Vater die Hände und Füße gezeigt: Verwandtenmord, gesteigert zum Zwang sein eigenes Blut zu verschlingen. Und endlich zeugt Thyestes mit seiner eigenen Tochter einen Sohn, der später den Sohn des Atreus mit Hilfe von dessen Gattin umbringen wird. Blutschande in der Familie – unentwirrbare Verknotung des Stammnetzes.&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;(Andre Jolles, Einfache Formen, Halle 1930, S. 81).&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Während der S-Bahn-Fahrt zurück fühlte sich Wolfgang erneut die Erschöpfung in sich hochsteigen. Das Gespräch mit Sarah war ganz anders verlaufen als er sich das vorgestellt hatte. Je länger er darüber nachdachte, desto mehr beschlich ihn das Gefühl, dass wichtige Dinge unausgesprochen geblieben waren. Dass Sarah mehr wusste, also sie zu sagen bereit gewesen war. Wolfgang wollte der Satz nicht aus dem Kopf gehen, den er vorhin über Tommys Familie gesagt hatte. „Keine optimalen Startbedingungen.“ Ob Tommy sich manchmal als die Frucht einer verpfuschten Ehe betrachtete, einer Verbindung, die im Grunde nichts als Schmerz und Unglück gebracht hatte und so gesehen eigentlich nicht hätte sein dürfen? So wie sich Wolfgang bisweilen gefragt hatte, ob er als das Ergebnis eines bedauernswerten Fehltritts, der einem jungen Mädchen letzten Endes das Leben gekostet hatte, das Recht besaß, zu sein. Oder der zu sein, der er war? Die „Erbsünde“ drängte sich ihm wieder auf, dieses eigenartige Wort, das ihm auf irgendeine Weise vertraut schien.&lt;br /&gt;Als er an der Universitätshaltestelle wieder das Tageslicht sah, war sich Wolfgang weniger denn je im Klaren darüber, wie es weitergehen sollte. Stattdessen wurden seine Kreise von einer weiß-grauen Erscheinung mit einem imposanten Haarmähne gestört, die sich neben ihm mit einer Tasche voller Bücher auf einen alten Drahtesel schwang. Es handelte sich – und dies sofort erkannt zu haben erfüllte ihn mit einem gewissen Stolz – um Rainer Langhans, der gerade den Heimleihebereich der Universitätsbibliothek verlassen hatte, wo er sich regelmäßig mit neuem Material eindeckte – vermutlich um zu Hause in seinem Harem über einem neuen Pamphlet über die spirituelle Wirkmacht Adolf Hitlers oder dergleichen zu brüten. „Recht so, Rainer, alte Kommunardensau,“ dachte Wolfgang bei sich sah doch davon ab, die unerhoffte Achtundsechzigerepiphanie anzukumpeln. Dabei hätte ihn zum Beispiel brennend interessiert, ob es sich bei dessen weißen Gewändern und den gülden glänzenden Schnürschuhen um Sonderanfertigungen handelte, zumal es so schien, als ob er schon seit geraumer Zeit nichts anderes mehr trug und dieses Outfit somit immer mehr zum Juniorpartner seiner Haare in Punkto Erkennungsmerkmale geworden war. &lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;Etwas enttäuscht von der eigenen Feigheit wandte er sich ab und ging auf den Geschwister-Scholl-Platz zu. Wie jeden Tag kam er an dem blonden Brillenträger vorbei, der ihm „Süddeutsche kostenlos!“ zurief, was offenbar eine Art Angebot insinuieren sollte. Wie jeden Tag ignorierte Wolfgang ihn. Vor dem Haupteingang der Universität blieb er stehen, machte dann kehrt und nahm an einem der Cafétische platz, die auf einer Seite des Platzes vor dem Treppenabgang zur „Uni Lounge“ aufgestellt waren. Es dauerte eine Weile, bis er begriff, dass außer ihm niemand draußen saß. Er betrat das Kellergewölbe und holte sich an der Theke einen Milchkaffee. Anschließend nahm er auf einem modernistisch anmutenden Sessel in Würfelform platz und erging sich eine Weile in innerer Unbestimmtheit. Schließlich holte er einen Zettel aus der Innentasche seiner Jacke, auf dem er sich den Text des Rätsels aus Tommys Aufzeichnungen abgeschrieben hatte. Minutenlang starrte er auf das Papier und schaffte es nicht, seine Gedanken zu ordnen. Die Zeilen seiner eigenen Handschrift grinsten ihm unentwegt entgegen, so als ob sie ihn verspotten wollten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Der Zweite legt nachts zu Zikaden sich schlafen&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;Was sollten diese vermaldedeiten Zikaden? Es war zum aus der Haut fahren. In den Filmen, die Wolfgang kannte, ging der Held, wenn er auf ein Rätsel wie dieses stieß, einfach in die nächstbeste Bibliothek, griff kurz in den Schlagwortkatalog und am Ende einer mit spannender Musik unterlegten Montagesequenz hatte er dann normalerweise die Lösung oder zumindest einen Hinweis, der dann später im Film als Baustein einer ebensolchen fungieren würde. Wolfgang war umgeben von Bibliotheken, der ganze Gebäudetrakt über ihm war eine einzige große Bibliothek, aber dennoch bezweifelte er den Erfolg eines solchen Verfahrens. Wo hätte er ansetzen sollen?&lt;br /&gt;Jemand trat ganz nah an seinen Tisch und Wolfgangs erste Reaktion bestand darin, den Zettel schnell in seiner Jackentasche verschwinden zu lassen. Erst dann blickte er hoch und begriff, dass er ein bekanntes Gesicht vor sich hatte. Es war Allan Taylor, ein Engländer, den Wolfgang in einem Repetitorium zur römischen Geschichte kennen gelernt hatte.&lt;br /&gt;„Hoppla. Hey Wolfgang, alter Bär, fast hätte ich dich übersehen. Wie geht’s, wie steht’s?“, jovialte dieser in einem völlig akzentfreien Deutsch und klopfte ihm dabei abstaubsymbolisch auf die Schulter. Allan hatte schon mehrere begonnene nie zu Ende gebrachte Ausbildungen, Studiengänge und Berufstätigkeiten in der ganzen Welt hinter sich und wähnte sich nun endlich kurz vorm Abschluss eines Politikstudiums in München. Momentan versuchte er jedoch vor allem relativ verzweifelt die Scheine zusammenzubekommen, die er für sein zweites Nebenfach, das derzeit auf Alte Geschichte lautete, benötigte. Aus diesem Grund sahen sie sich häufig am Institut und pflegten ihre Mittags- und Raucherpausen bisweilen gemeinsam abzuhalten, zumal das kettenrauchende Sprachtalent aus Sheffield glaubte, viel von der Welt gesehen zu haben, was ihn zu einem halbwegs interessanten Gesprächspartner machte. Und es mochte ja in diesem Land viele Frauenparkplätze und Behindertentoiletten geben, aber letzteres war doch eine rare Gabe.&lt;br /&gt;„Was führt dich hierher?“, fragte Allan, nachdem sie ein paar Begrüßungsfloskeln ausgetauscht hatten. „Ich dachte du wärst heimgefahren?“&lt;br /&gt;„Was ich auch noch vorhabe,“ antwortete Wolfgang träge. „Im Moment sitze ich aber noch hier und zerbreche mir den Kopf“&lt;br /&gt;„Worüber denn?“&lt;br /&gt;„Ach, das ist eine lange Geschichte.“&lt;br /&gt;„Wieso zerbrichst du dir dann überhaupt den Kopf darüber?“&lt;br /&gt;„Aus allgemeinen Gründen,“ seufzte Wolfgang. „Es ist nur so, dass mir gerade klar wird, dass ich eigentlich so etwas wie eine Strategie bräuchte, für die Fälle, in denen ich nicht weiter weiß – und die habe ich eben nicht. Na ja, lassen wir das.“&lt;br /&gt;„Es gibt ja Leute,“ rief Allan in einem überdrehten Tonfall, „die überlegen in solchen Situationen immer, was ihr großes Vorbild jetzt machen würde. Ich kenne einen, der macht das so mit Klaus Kinski, auch wenn ich mich frage, was dabei Sinnvolles herauskommen soll. Ein anderer Freund von mir, er wohnt in Prag, ist ein fanatischer Verehrer von Tommy Mann. Der hatte letztes Jahr irgendeine Krise und ist dann für zwei Tage extra nach München gefahren, um sich mit Taxis an jeden einzelnen Ort des Wirkens seines Idols bringen zu lassen. Danach, hat er gemeint, sei es ihm gleich besser gegangen. Das fällt mir jetzt ein, weil es ja in diesem Teil des Gebäudes eine Tommy-Mann-Halle gibt. Was ich aber eigentlich sagen wollte: Ich geh kurz schiffen und hol mir was zum Trinken. Kann ich dir was mitbringen? Nein? Dann ist gut, bis gleich.“&lt;br /&gt;Etwas überrumpelt von Allans unmotivierter Redesalve gab Wolfgang ein zustimmendes Nicken von sich und war im nächsten Moment allein. Eigentlich ein ziemlich abgedroschener Topos, die Idee mit dem Vorbild, dachte Wolfgang, aber irgendwie nicht ganz abwegig. Er begann sich plötzlich selbst die Frage zu stellen, wer aus seiner persönlichen Ruhmeshalle es wert war, auf diese Weise im Geiste konsultiert zu werden. Es galt jemanden zu suchen, der in seinem Leben des Öfteren vor unlösbar scheinenden Problemen gestanden hatte, so wie beispielsweise Gustav Stresemann, den er immer ein wenig bewundert hatte. Von Stresemann glaubte er irgendwo gelesen zu haben, dass auf der Suche nach Rat und Erbauung häufig seine Privatbibliothek aufsuchte, die fast nur aus Literatur über Goethe und Napoleon bestand haben soll. Na prima, dachte Wolfgang, damit hätte Stresemann ja nichts anderes gemacht, als er selbst. Sollte das heißen, dass er sich jetzt an Goethe oder Napoleon wenden musste? Doch über die beiden wusste er noch weniger als über Stresemann und das durch Lesen auszugleichen, nahm viel Zeit in Anspruch...&lt;br /&gt;Wolfgang zündete sich eine Zigarette an und hörte wie sein Feuerzeug auf den Glastisch knallte. „Ich Idiot!“&lt;br /&gt;Er hatte das so laut gerufen, dass sich einige BWL-Studenten am anderen Ende des Raumes zu ihm umdrehten. Mit übertriebener Hast riss er den Zettel wieder aus seiner Jackentasche hervor und las sich noch einmal leise den Text des Rätsels vor.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Der Erste ging schwimmen, ertrank fast im Hafen&lt;br /&gt;Der Zweite legt nachts zu Zikaden sich schlafen&lt;br /&gt;Der Dritte, genannt der Große, unter seiner Hand&lt;br /&gt;Herrschte einstmals der Vierte im weiß-blauen Land.&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;Natürlich, die Merowinger! Es schien auf einmal derart klar und jenseits begründeten Zweifels, dass er nicht mehr begriff, wie er sich so lange von diesem dummen Satz hatte irritieren lassen können. Er hätte nur an Napoleon denken müssen, an dieses protzige Monumentalgemälde aus dem Louvre, das seine Kaiserkrönung im Dezember 1804 verherrlichte. Der kleine Korse in vollem Caesarenornat, ganz in Purpur und Goldbrokat gewandet und mit güldenem Lorbeerkranz auf dem Haupt, in seinen beiden Händen die Krone haltend, die er gerade im Begriff war seiner niedlichen Joséphine aufzusetzen, die die Händchen faltend vor ihm kniete, während ihr zwei Zofen den mächtigen Hermelinmantel hielten, der ihr meterlang hinterherwallte. Und überall, auf dem purpurnen Samt an der Außenseite des Mantels, auf den Kissen unter ihren Knien, auch auf Bonapartes eigenem Gewand, überall waren diese dummen kleinen Bienen, die damals wohl unzählige Meistersticker in tagelanger Arbeit mit goldenen Fäden auf jedem Stück Samt angebracht haben mussten, das der neue Kaiserhof zu bieten hatte. Denn Napoleon war natürlich klar gewesen, dass er als Kind der Revolution nicht mit bourbonischen Lilien durch die Gegend laufen konnte, Kaiser hin oder her. Also musste ein neues Symbol her, das auf eine möglichst alte Traditionen zurückgriff, damit auch er ein bisschen von der Legitimität des Ancien Regime abbekam, das es im Gegensatz zu ihm nicht nötig gehabt hatte, sich vom Pöbel wählen zu lassen. Und die früheste Dynastie, die man mit viel gutem Willen als französisch bezeichnen konnte waren nun einmal die Merowinger. Mit Chlodwig, dem gerissenen Franken, ließen die Franzosen in der Regel die Liste ihrer Herrscher beginnen. Das Dumme war nur, dass von ihm und seinen Nachkommen keine verwertbaren Symbole der Herrschermacht überliefert waren – vorausgesetzt Napoleon hatte nicht vor, in Zukunft mit langer Mähne auf dem Kopf und einem Speer in der Hand und womöglich noch mit einem Ochsenkarren unter seinem Hintern durch die Gegend zu flitzen. Aber Bonaparte war eben ein schlauer Bursche gewesen, noch dazu belesen, und deshalb hatte er sich an das Hügelgrab erinnert, das in der Mitte des 17. Jahrhunderts bei Tournai in Belgien freigelegt worden war und von dem man sich dank des dort gefundenen Siegelrings sicher sein konnte, dass es sich um die letzte Ruhestätte Childerichs, dem Vaters König Chlodwigs, handelte. Um das Jahr 481 oder 482 nach Christi Geburt war er dort beerdigt worden, zu einer Zeit, als in Gallien noch römische Heermeister ihre exklavierten Sprengel vor dem Chaos der Völkerwanderung zu retten versuchten, während die Leiche des Julius Nepos, des letzten weströmischen Kaisers, der sich allerdings bereits in Dalmatien verschanzen hatte müssen, beinahe noch warm war. Und die Stämme, die man schließlich verallgemeinernd als Franken bezeichnen sollte, waren noch unbedeutende Horden, die irgendwo zwischen Rhein und Somme herumsiedelten, angeführt von kleinen Warlords, die, wenn sie wie Childerich Glück hatten, sich vielleicht sogar Foederatengeneral schimpfen durften und damit in den Augen des Imperiums (oder dessen, was davon übrig war) nicht ausschließlich als barbarische Eindringlinge galten. &lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;In jenen Tagen also war der gute Childerich, der es Zeit seines Lebens als Kleinkönig von Tournai und Administrator in der &lt;em&gt;Belgica secunda&lt;/em&gt; weit gebracht hatte, in einem reich ausgestatten Grab zur letzten Ruhe gebettet worden; und als man ihn 1200 Jahre später wieder ausbuddelte, war man ganz entzückt über die vielen kleinen bienenförmigen Beschläge aus Gold und Alamandinen, von denen man über 300 Stück bei Childerichs Überresten gefunden hatte und die bald darauf zusammen mit den restlichen Grabbeigaben von Leopold Wilhelm von Österreich, dem Statthalter in den Spanischen Niederlanden, mit nach Wien genommen wurden, von wo aus sie ein paar Jahre später als Geschenk an Ludwig XIV nach Frankreich gingen, um schließlich in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts einem spektakulären Einbruch in die Bibliotheque Royale zum Opfer zu fallen. Als man die Täter endlich ermittelt hatte, darunter einer, der in der Szene als „Rotkäppchen“ bekannt war, waren die meisten Teile des Schatzes bereits eingeschmolzen worden, nur einen kleinen Rest konnte die Polizei schließlich noch aus der Seine fischen. Doch glücklicherweise hatte irgendein emsiger französischer Forscher kurz nach der Entdeckung des Grabes alle gefundenen Gegenstände begutachtet und Unterlagen mit detailgetreuen Zeichnungen angefertigt, und so konnte sich auch die Nachwelt noch ein Bild von den kleinen Beschlägen, in denen man mit etwas Phantasie ein Insekt erkennen konnte, in der Regel eine Biene – wie sie dann eben auch in Napoleons Ornat weiterleben durfte – oder aber, wie man daneben häufig vermutete, eine Zikade. Childerich hatte 1200 Jahre lang unter lauter kleinen Zikaden geschlafen. Nur ein Toter konnte unter Zikaden liegen, ohne dass ihm der Lärm den Schlaf raubte. Tommy wusste das, genau so wie Wolfgang hätte wissen müssen, dass es Tommy wusste, weil er dabei gewesen war, als ihm sein Patenonkel zu seinem 19. Geburtstag aus nicht vollständig begreiflicher Motivation heraus ein Buch über die Merowinger zum Geschenk gemacht hatte.&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;Und wenn das alles im Grunde so völlig offensichtlich war, dann war auch klar, dass sich hinter dem zweiten Teil des Rätsels der Buchstabe A verbergen musste, wenn man, wie die Regel es besagte, von Chilperichs Anfangsbuchstaben zwei herunter zählte. Und auf A folgte kein IR oder AR, sondern ein RE, denn selbstverständlich war es nicht Karl der Große gewesen, auf den Tommy mit der dritten Zeile hatte anspielen wollen – der voranstehende Dialog zwischen Chuck und Gwendoline über die Phantomzeittheorie hatte die Funktion, ihm genau das zu verklickern – sondern die Antwort war auch im Stammbaum der Merowinger zu suchen. Tommy hatte sich natürlich eine Persönlichkeit ausgesucht, von der eben nicht jedes Kind wusste, dass sie den Beinamen „der Große“ trug, sondern jemanden, der heute weitgehend unbekannt war, ganz anders als zu seinen Lebzeiten, als dieser jemand ausgedehnte Feldzüge in rechtsrheinisches Gebiet und bis nach Italien unternahm, Goldmünzen mit seinem Konterfei prägen ließ, als das noch alleiniges Vorrecht des Kaisers in Byzanz war, und sich durch die Veranstaltung von Zirkusspielen in Arles selbst wie ein kleiner Kaiser gerierte, was seine Zeitgenossen entsprechend beeindruckt haben dürfte, weshalb ihn Marius von Avenches in seiner Chronik des späten 6. Jahrhunderts rückblickend als &lt;em&gt;rex magnus Francorum&lt;/em&gt; bezeichnete – die Rede war natürlich von Theudebert I., König über das Teilreich von Reims und Enkel Chlodwigs. Es war unter der Herrschaft dieses &lt;em&gt;Theudebertus rex magnus &lt;/em&gt;gewesen, dass das Gebiet östlich des Lech, von dem man damals gerade erst als das Land der Baiobarii zu sprechen begonnen hatte, in den Einflussbereich des Frankreiches geriet und sich unter der Führung eines &lt;em&gt;dux &lt;/em&gt;oder Herzos anschickte, erste zaghafte Schritte aus dem Dunkel der Geschichte zu unternehmen. Ungefähr für das Jahr 555 tauchte in den Quellen dann zum ersten Mal der Name eines solchen Bayernherzogs auf. Ein gewisser Garibald, der später aufgrund seiner langobardenfreundlichen Außenpolitik mit den Franken in Konflikt geriet und darüber seinen Herzogsthron verlieren sollte. Und wenn sich das alles so verhielt, dann konnte man stillschweigend darüber hinwegsehen, dass es keineswegs belegbar und streng genommen eher unwahrscheinlich war, dass Garibald seine Herrschaft bereits unter der Hand König Theudeberts angetreten hatte, da letzterer ja bereits einige Jahre vor 555 seinen letzten Atemzug getan hatte. Pedantisch betrachtet mochte Tommy an dieser Stelle vielleicht einem sachten Irrtum anheim gefallen sein, viel wichtiger war hingegen, dass er es tatsächlich so gemeint hatte und alles deutete in der Tat darauf hin, da jetzt auch der rote Faden sichtbar wurde, der alle vier gesuchten Namen miteinander verband: Da war zum einen die Person Napoleons, der bei seiner Kaiserkrönung so gekleidet gewesen war, wie die vier Gestalten in Tommys Rätsel, womit er seinem großen Vorbild Gaius Iulius Caesar (und damit der ersten Person des Rätsels) nachzueifern getrachtet hatte, und der sich andererseits bei selbiger Krönung auf die Merowinger bezogen hatte, womit die restlichen 75% des rätselhaften Vierzeilers abgedeckt waren. Je mehr er es in Gedanken durchspielte, desto sinnvoller erschien ihm diese Lösung. Nicht Karl und Tassilo waren also die gesuchten Namen gewesen, sondern Theudebert und Garibald und somit gelangte man zu dem Wort GARE und zu nichts anderem, denn natürlich war es idiotisch gewesen, Caesars Beinamen als Lösungsbestandteil zu verwenden, wo doch jeder gestandene Historiker (für einen welchen Tommy ihn hoffentlich gehalten hatte) wusste, dass in anständigen althistorischen Enzyklopädien wie dem Pauly-Wissowa die prosopographischen Lemmata stets nach dem &lt;em&gt;nomen gentile&lt;/em&gt; angelegt waren, es also Iulius und von daher G heißen musste.&lt;br /&gt;Berauscht von seinem plötzlichen Lichtblick zog Wolfgang lange an seiner Zigarette und fühlte sich einen kleinen Moment lang wie der Schneekönig. Fast hätte er gar nicht bemerkt, dass Allan inzwischen zurück an den Tisch gekommen war.&lt;br /&gt;„Scheiße,“ war dessen erstes Wort, während er vor Wolfgangs Sessel stehen blieb. „Jetzt habe ich glatt vergessen, mir Geld wechseln zu lassen. Kannst du mir vielleicht geschwind zwei Euros wechseln? Ich wollte nachher noch ans Institut und bräuchte einen Zwickel fürs Schließfach. Das wäre ... Hallo, Wolfgang, geht’s dir gut?“&lt;br /&gt;„Nein, ist nicht nötig. Du hast mir bereits sehr geholfen,“ antworte Wolfgang, ratterte noch schnell einen Abschiedsgruß hinterher und ließ den verwirrt dreinblickenden Engländer dann allein neben der Sitzgruppe stehen, während er selbst aus dem Lokal und zurück zum Eingang der U-Bahn-Station eilte. &lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;[&lt;a href="http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-23.html"&gt;Fortsetzung folgt&lt;/a&gt;] &lt;/div&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/4649458722169584895-523480718852329180?l=baerista.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://baerista.blogspot.com/feeds/523480718852329180/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-22.html#comment-form' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/523480718852329180'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/523480718852329180'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-22.html' title='Scheuermilch (2.2)'/><author><name>Baerista</name><uri>http://www.blogger.com/profile/02373620929944807927</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='24' height='32' src='http://4.bp.blogspot.com/-6EDMQPvqQCU/TfNTJ0t_aSI/AAAAAAAAALw/9MHVgEPq360/s220/BILD1082.JPG'/></author><media:thumbnail xmlns:media='http://search.yahoo.com/mrss/' url='http://3.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TR8zqy3istI/AAAAAAAAAH8/aAEXpTwEzok/s72-c/BILD0075.JPG' height='72' width='72'/><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-4649458722169584895.post-2444783655707358772</id><published>2010-12-31T08:23:00.000-08:00</published><updated>2011-01-01T06:08:52.210-08:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Scheuermilch'/><title type='text'>Scheuermilch (2.1)</title><content type='html'>&lt;div align="justify"&gt;&lt;a href="http://3.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TR39IM7Xd-I/AAAAAAAAAH0/ZkTBih01upQ/s1600/BILD0375.JPG"&gt;&lt;img style="TEXT-ALIGN: center; MARGIN: 0px auto 10px; WIDTH: 320px; DISPLAY: block; HEIGHT: 240px; CURSOR: hand" id="BLOGGER_PHOTO_ID_5556875832596068322" border="0" alt="" src="http://3.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TR39IM7Xd-I/AAAAAAAAAH0/ZkTBih01upQ/s320/BILD0375.JPG" /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;strong&gt;Zweiter Tag&lt;/strong&gt;&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;1. Kapitel&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Was diese Menschen, das kannte auch ich: &lt;/em&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;em&gt;Es war die Sehnsucht nach einer neuen Bewegung,&lt;br /&gt;die mehr sein sollte als Partei im bisherigen Sinne des Wortes.&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;(Adolf Hitler: Mein Kampf)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wolfgang umfasste das Geländer des kleinen Stegs, der über ein Rinnsal vom S-Bahnsteig „Fasanenpark“ zur gleichnamigen Siedlung im Norden der Gemeinde Unterhaching führte. Er drückte so fest gegen das kalte Eisen, dass das Blut aus seinen Fäusten wich. Beim Blick über die Bahngleise stellte er resümierend fest, dass er im Moment ganz schön herumkam. Von hier waren es nur noch ein paar Meter, nach denen er rechts musste, um in die Bussardstraße zu gelangen, die bogenförmig auf beiden Seiten etwa ein Dutzend mehrstöckiger Wohnungsklötze mit weißen bis gelblichen Fassaden aufreihte. Das Areal war großzügig mit Büschen, Grünflächen und einigen mächtigen Nadelbäumen durchzogen. Er stellte sich vor, wie die Straße in Zeitungsanzeigen mit „sehr ruhige Wohnlage“ beworben wurde. Tatsächlich waren kaum Menschen zu sehen. Münchens Südgrenze war von hier keinen Kilometer entfernt. Wolfgang brauchte eine Weile bis er in dem scheinbaren Durcheinander von der Straße abgewandten Hauseingängen die richtige Hausnummer fand. Ein Blick auf die Namensschilder verschaffte die nötige Gewissheit, doch er zögerte damit, seinen Finger sogleich auf den Klingelknopf zu pressen. Sarah und er waren für 15:00 Uhr verabredet, er hatte noch 10 Minuten. Er brach eine frische Packung Zigaretten auf und folgte dem Halbkreis der Straße.&lt;br /&gt;Viele Menschen bedauerten an ihrem Dasein, dass es nicht mehr dem glich, von dem sie glaubten, es beschreibe ihre einstige Kindheit und Jugend. Das wunderte Wolfgang nicht. Das Erwachsenendasein war in der Tat nicht geeignet, einen zu Beifallsstürmen hinzureißen. Aber der Ansatz dieser Menschen erschien ihm dennoch seltsam. Sie beklagten die Fähigkeit verloren zu haben, einfach für den Moment zu leben. Sie sehnten sich nach der unbeschwerte Leichtigkeit der Jugend und ähnlichen Tautologien. Wolfgang konnte damit nichts anfangen. Soweit er zu rekonstruieren im Stande war, hatte er den größten Teil seiner Jugend in einem Zustand der Langeweile, der Unzufriedenheit, der Angst und des Wartens auf bessere Zeiten verbracht. Ebenso wenig konnte er es denen nachfühlen, die sich auf einen großen Reichtum an Jugenderinnerungen beriefen. Vieles von dem, was man in diesem Zusammenhang oft nachträglich glorifizierte, hätte Wolfgang lieber vergessen. Tatsächlich hatten die Jahre seiner Jugend erstaunlich wenig Erinnerungswürdiges hinterlassen. Im Nachhinein schien es, als seien ganze Jahreszeiten ereignis- und ergebnislos vorbeigeplätschert.&lt;br /&gt;Wolfgang blies Rauch durch die Nase und blickte an einer der Kiefern hoch, die in der Siedlung das Licht schluckten. Ihre Arme wippten ganz unmerklich. War Tommy schon mit ihr zusammen gewesen als er und Tommy begonnen hatten, Freunde zu werden? Oder schon nicht mehr? Wolfgang schaffte es nicht, die Bilder in seinem Kopf chronologisch zu ordnen. Die Ereignisse vieler Monate verschwammen zu einem unergiebigen Einerlei. Ebenso wenig wusste er, warum es zwischen ihr und Tommy auseinandergegangen war. Er hatte mit seinen Freunden nie über deren Beziehungsleben gesprochen. Doch irgendwann hatte er den Fehler begangen, mit ihr mehr als nur die paar üblichen Worte zu wechseln. Und sich in manchen Fächern neben sie zu setzen. Und schließlich gewisse Dinge an ihr zu bemerken. Zum Beispiel, dass ihre Haut makellos war und immer ganz wunderbar roch. Dass sie gerne lachte. Dass sie tatsächlich etwas im Kopf im hatte, und damit meinte Wolfgang nicht den drögen Gute-Noten-Fleiß, der all den zahllosen Schulmauerblümchen immer wieder als Intelligenz angerechnet wurde. Und natürlich war da ihre offenherzige, bescheidene, einfühlsame Art. Sie war eben ganz und gar wunderbar und Wolfgang fragte sich bisweilen, wofür er sich mehr hassen sollte: Dafür, dass er sich in sie verliebt hatte oder dafür, dass er es dann so professionell vergeigte, als sich die Chance bot. Vorausgesetzt es hatte je eine gegeben.&lt;br /&gt;Wolfgang drückte seine zweite Kippe aus. Wenn es nicht so wichtig gewesen wäre, er hätte sofort kehrt gemacht und wäre zurück in die Stadt gefahren. Doch dann hätte er gestern Abend auch nicht ihre Mailbox vollstottern brauchen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;„Zweiter Stock,“ tönte ihre Stimme mit markerschütternder Anmut durch die Gegensprechanlage. Während er die Stufen hinaufschritt, teste er ob sein Deo richtig wirkte. Wolfgang ärgerte sich über sein zwanghaftes „als ob“-Verhalten. Als ob er heute nichts dem Zufall überlassen wollte. Als ob er den Mut hätte, irgendwelche Avancen zu machen. Er war aus anderen Gründen hier. Trotzdem hatte er sich heute Mittag noch geschwind die Haare gewaschen und ein frisches Hemd angezogen. Nur rasiert hatte er sich vor lauter Problemhautangst nicht. Sie öffnete die Tür und umarmte ihn zur Begrüßung. Wolfgang stand stocksteif auf der Fußmatte und wusste nicht wohin mit seinen Armen.&lt;br /&gt;„Hallo Wolfgang! Schön dass wir uns wieder einmal sehen.“ Sie schien sich wirklich ein wenig zu freuen.&lt;br /&gt;„Ja, geht mir genauso. Wow, du siehst gut aus. Also ich meine fast noch besser als früher,“ erwiderte er in einem halbgaren Versuch charmant zu sein, indem er das „noch“ übermäßig betonte. Er bemerkte die beiden silbern verzierten Ringe, die sich durch ihre linke Ohrmuschel zogen.&lt;br /&gt;„Du hast ganz schön verschlafen geklungen vorher. Hab ich dich aus dem Bett geklingelt?“&lt;br /&gt;„Nein, nein“, log Wolfgang. „Ich bin froh, dass du so prompt zurückgerufen hast.“&lt;br /&gt;Sie lächelte wieder und führte ihn in die Wohnung. Diese war erstaunlich geräumig, verfügte nebst Küche und Bad über zwei Schlafzimmer, ein großes, offenbar in hingebungsvoller Kleinarbeit kreativ dekoriertes Wohnzimmer mit Balkonzugang sowie eine weitere Tür, hinter welcher Wolfgang eine Abstellkammer vermutete. Farblich dominierten vor allem Weiß und verschiene Pastelltöne in diesem Domizil, das den Vorstellungen, die Wolfgang von einer Mädchen-WG besaß, in jeder Hinsicht entsprach. Wolfgang hatte fast Hemmungen, auf dem weißen Ledersofa, über das allerlei hübsch verzierte Deko-Kissen verteilt waren, Platz zu nehmen, so sehr sah alles in seiner Zweckmäßigkeit auf Betrachtung statt auf Benutzung ausgerichtet aus. Die ersten Minuten redeten sie über eher grundlegende Dinge. Sarah, so erfuhr er während er Tee eingeschenkt bekam, wohnte hier zusammen mit einer Freundin, die Sinologie studierte. Wolfgang hatte den mit Schriftzeichen bemalten Vorhang vor dem Badezimmer bemerkt. Wahrscheinlich stand darauf irgendein altkluger Konfuziusscheiß wie „Sei stets duftend wie die Lotusblüte,“ „Der Weg zur Reinlichkeit ist der Weg zur Weisheit“ oder „Händewaschen nicht vergessen.“&lt;br /&gt;Sarah war bald nach der Schule mit ihrem damaligen Freund, einem Typen namens Peter, hier hergezogen. Was immer sie an diesem Armleuchter gefunden haben mochte, in Wolfgangs Augen blieb es ein Mysterium. Er jedenfalls hatte diesen Peter, oder Beda (nicht der Venerabilis), wie es phonetisch korrekt hieß, nie leiden können. Peter war eine dieser Schulsportskanonen, die sich Tom Clancy lesend, Campingurlaub machend und goasmaßsaufend durch ihr Leben nichtsnutzten und in Klassenzimmern und Gemeinschaftsräumen in erster Linie durch joviales Sprücheklopfen auffielen, was bei vielen Kameraden, denen ihre Mittelmäßigkeit ebenfalls nichts ausmachte, natürlich gut ankam. Solche Menschen waren aufgrund ihrer Berechenbarkeit im Prinzip recht harmlos und Wolfgang wäre dieser Peter ziemlich egal gewesen, hätte er nicht die Frechheit besessen, Tommys Nachfolger an Sarahs Seite zu werden. Und das sogar für eine erschreckend lange Zeit, es dürften fast zwei Jahre gewesen sein. Wolfgang konnte nicht anders, es musste sich einfach anfühlen, als hätte er sie ihm weggenommen, auch wenn er sich im Klaren darüber war, dass das Unsinn war.&lt;br /&gt;Nach einem knappen Jahr des Zusammenlebens war dann aber endlich Schluss gewesen. Seit Peter aus ihren Plänen gestrichen war, konzentrierte sie sich offenbar nur noch auf ihr Sprachstudium English/Spanisch sowie ihren Nebenjob in einer innenstädtischen Boutique, so erfuhr er es jedenfalls während sie Tee nachgoss und er das schmerzhafte Bedürfnis verspürte, sie noch stundenlang einfach nur anzusehen. Doch er war aus anderen Gründen hier. Wolfgang räusperte sich kurz und begann dann in möglichst wenigen Worten den Sinn seines gestrigen Anrufs zu erklären. Ihre Miene hatte sich während seines Vortrages verfinstert. &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;„Du hast Glück. Normalerweise müsste ich heute arbeiten, aber diesen Nachmittag haben wir Handwerker im Laden und ich bin entbehrlich.“ &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;„Natürlich habe ich Glück. Ich bin an einem Sonntag geboren,“ grinste Wolfgang bemüht.&lt;br /&gt;„In der Klinik des alten Weißhäupl,“ erwiderte sie plötzlich in einer Art und Weise, die er nicht zu deuten vermochte. „Kanntet ihr diese Verbindung zwischen euch eigentlich von Anfang an?“&lt;br /&gt;Die Frage erstaunte ihn. Was hatte ihr Tommy alles erzählt? Wolfgang musste kurz überlegen. „Nein, überhaupt nicht. Ich dachte ja Tommy komme aus Regensburg. Und der Name sagte mir nichts. Wir sind erst viel später draufgekommen. Meine Tante erwähnte die Klinik als sie Tommys Namen erfuhr.“&lt;br /&gt;„Wie war das für dich? Zu wissen, dass deine Mutter dort ...,“ sie sprach sehr langsam und beugte sich dabei leicht vor, zögerte aber dann den Satz zu vollenden.&lt;br /&gt;Er zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Also ehrlich gesagt habe ich mir nichts Besonderes dabei gedacht. Ich kenne meine Mutter nur von Bildern. Soweit ich weiß, gab es auch keine Anzeichen, dass bei der Geburt gepfuscht worden wäre oder so was. Dergleichen kann wohl überall passieren. Und selbst wenn, könnte Tommy ja nichts für seinen Großvater.“ Wolfgang verstand nicht, wieso sie darüber sprechen wollte.&lt;br /&gt;„Was weißt du über die Klinik?“&lt;br /&gt;„Nicht viel. Der Laden hatte keinen besonders guten Ruf soweit ich weiß. Weißhäupl war spezialisiert auf Abtreibungen, aber auch anonyme Entbindungen gab es dort. Die Kinder wurden unter irgendeinem Vorwand eine Zeit lang in der Klinik behalten und schließlich zur Adoption freigegeben. Wenn meine Tante nicht interveniert hätte, wäre ich wohl auch darunter gewesen. Wahrscheinlich hielt sie es für ihre Pflicht, nachdem ihre Schwester die Geburt nicht überlebt hatte. Außerdem ist sie unfruchtbar.“ &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;Es entstand ein kurzes, unbehagliches Schweigen. Wolfgang wollte das Gespräch zurück auf Tommy lenken, doch sie kam ihm zuvor. „Wusstest du, dass meine Mutter einmal in der Klinik gearbeitet hat. Ein paar Jahre bevor deine Mutter da war?“&lt;br /&gt;Wolfgang schüttelte zögernd den Kopf.&lt;br /&gt;„Sie war noch sehr jung, gerade 18, und fing zusammen mit einer Freundin beim alten Weißhäupl als Hilfskrankenschwester an. Ein Fehler angesichts der Arbeitsbedingungen, die dort herrschten. Sie mussten ein winziges Kämmerchen in Weißhäupls Villa, die an der Klinik angeschlossen war, beziehen und durften nur alle zwei Wochen nach Hause. An den Abenden wurden sie von Weißhäupls Frau zum Geschirrpolieren, Wäschewaschen, Staubwischen und ähnlichen Dingen verdonnert. Das war aber noch nicht alles. Offenbar wurde dort nicht nur an den Gehältern gespart. An manchen Abenden musste meine Mutter in den Keller und dort aus alten Stofffetzen Windeln nähen, die für die Säuglingsstation bestimmt waren, wo all die ungewollten Geburten untergebracht waren. Die Zustände dort können nicht gut gewesen sein. Meine Mutter berichtet, dass sie Kinder gesehen hat, die vom ständigen Liegen in ihren Exkrementen und dem rauen Leinen Wundstellen oder Ausschlag bekommen hatten. Der schlechte Gesundheitszustand der Neugeborenen diente als willkommener Vorwand, sie mit Billigung der Krankenkasse länger in der Klinik zu behalten, damit die Bettenkapazität stets ausgelastet bleib. Meine Mutter hat selbst miterlebt, wie zwei Baby in der kurzen Zeit, in der sie dort gearbeitet hat, gestorben sind. Weil die Kinder bis zur Adoption praktisch niemandem gehörten, ließen sich die Einzelheiten leicht vertuschen.“&lt;br /&gt;„Klingt als hätte der alte Weißhäupl noch mehr Leichen im Keller gehabt.“&lt;br /&gt;„Davon kannst du ausgehen. Die Klinik hatte unter der Hand schon lange einen schlechten Ruf gehabt. Deshalb lief der Laden auch nicht besonders gut. Es gab da einen Chefarzt einer nahe gelegen Nervenheilanstalt, einen Typen namens Grützner. Der hat ihm mit auffälliger Häufigkeit geistig behinderte Frauen überstellt, an denen Weißhäupl dann irgendwelche Operationen vornahm. Meistens wurde ihnen die Gebärmutter ausgeschabt. Es ist zu bezweifeln, ob diese Eingriffe allesamt notwendig waren. Zum Teil wurden sie mitten in der Nacht eingeliefert. Meine Mutter hat das alles mitbekommen, weil sie assistieren musste. Manchmal war die Frau schon narkotisiert als sie ankam. Sie wurde in so einem Fall umgehend in den OP gebracht und gleich danach wieder zurückgesandt. Andere hatten schon während des Eingriffes wie am Spieß geschrieen, weil die Narkose bereits wieder nachließ.“&lt;br /&gt;Wolfgang stieß einen kurzen Seufzer aus. „Heftig. Ist wusste zwar, dass die Klinik nicht ganz astrein war, aber dass es so weit ging ... Wer weiß, vielleicht kannten sich Weißhäupl und Grützner noch aus SS-Zeiten oder so ähnlich.“&lt;br /&gt;„Ich glaube das trifft es ziemlich gut,“ sagte sie ernst. „Es kursierten damals alle möglichen Geschichten über Veruntreuung, Kurpfuscherei und dergleichen. Weißhäupl soll richtiggehend in kriminellen Machenschaften verwickelt gewesen sein. Nicht lange nach deiner Geburt erlitt er jedoch einen Schlaganfall, an dessen Folgen er bald darauf verstarb. Durchaus zu einer günstigen Zeit wie sich herausstellte, denn inzwischen wurde polizeilich gegen ihn ermittelt. Sein Sohn Clemens, der eigentlich in seine Fußstapfen treten sollte, verkaufte den Laden. Auf dem Gelände steht heute ein Einkaufszentrum. Weißhäupl Junior war schlau genug um einzusehen, dass der Ort etwas zu vorbelastet war. Er hatte kurz zuvor geheiratet und ein Kind war auch bereits zur Welt gekommen.“&lt;br /&gt;„Du meinst Tommy.“&lt;br /&gt;„Kennst du seinen Vater?“, fragte sie in einem Ton, in dem man schlechte Neuigkeiten ankündigt.&lt;br /&gt;„Bin ihm nie begegnet,“ gab sich Wolfgang lapidar. &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;„Er hat seinen Vater immer gehasst.“ Sie sprach plötzlich viel lauter als vorhin. „Ich hab es ihm immer nicht ganz abnehmen wollen, wenn er sich darüber in Rage redete. Bis ich ihn einmal selbst kennenlernte. Mir ist selten so ein kalter und unsympathischer Mensch untergekommen. Man kann es kaum glauben, wenn man Tommy kennt, wenn du versteht, was ich meine.“&lt;br /&gt;Wolfgang nickte langsam.&lt;br /&gt;„Wie ging es nach dem Verkauf der Klinik weiter?“ Die Geschichte hatte inzwischen seine volle Aufmerksamkeit.&lt;br /&gt;„Als Arzt muss Weißhäupl eine Niete gewesen sein, jedenfalls verschaffte er sich schon bald ein zweites Standbein mit Aktiengeschäften. Mit dem Verkauf verfügte er über ein geeignetes Kapital, das er offenbar klug investierte. Klug genug, um sich trotz Frau und Kind sein Junggesellenleben leisten zu können. In den Kreisen, in denen er sich bewegte, waren das gefragte Tugenden." Ihr Ton wurde immer verächtlicher. &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;"Hat ihn seine Frau deshalb verlassen?"&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;"Die Geschichte ist lang und kompliziert. Tommy zufolge wollte Sie jahrelang die Scheidung, doch Weißhäupl hatte andere Pläne. Er muss ihr massiv gedroht haben, unter anderem damit, dass er für sie und ihren Sohn nicht aufkommen würde. Er beherrscht alle Tricks, wenn es darum geht, einen Menschen nach seiner Pfeife tanzen zu lassen. Als er sich dann später in eine andere Frau verschaute, zwang er sie einen Ehevertrag zu unterschreiben, der sie faktisch enteignete. Im Grund war es Erpressung." &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;„Wieso ließ sie sich das alles gefallen?“&lt;br /&gt;„Du musst wissen, dass sich Tommys Vater zu dieser Zeit durch groß angelegte Börsen- und Grundstücksspekulationen finanziell in die Bredouille manövriert hatte. Er hatte plötzlich Schulden. Dazu kam, dass er über Jahre hinweg das Finanzamt betrogen hatte und vor einer saftigen Nachzahlung stand.“&lt;br /&gt;„Verstehe. Er hatte ihr gedroht, er würde den Karren noch mehr in den Sand fahren, sich dann abzusetzen und ihr den Scherbenhaufen zurücklassen.“&lt;br /&gt;„Tatsächlich hat er das als Druckmittel benutzt. Aber das ist noch nicht alles. Um an Geld zu kommen hatte er sich über die Jahre hinweg schrittweise in immer dubiosere Geschäftsmethoden verstrickt.“&lt;br /&gt;„Was für Methoden?“ &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;„Das weiß ich nicht genau. Es ist wahrscheinlich auch besser, wenn man es nicht weiß. Fest steht, dass Tommy und seine Mutter Angst vor ihm hatten.“&lt;br /&gt;„Und deshalb hat sie klein beigegeben und hat ihn ohne Abfindung verlassen," folgerte Wolfgang mehr für sich selbst.&lt;br /&gt;„Ja. Das ist jetzt ungefähr sechs Jahre her. Das bisschen Geld, das ihr vertraglich zustand, hat ihr Weißhäupl bis heute nur zum Teil ausbezahlt. Stattdessen setzt es weiterhin Drohungen und Schikanen. Er hat sogar einen Privatdetektiv auf sie angesetzt, der sie regelmäßig beschattet. Sie bemühte sich redlich, wieder auf die Beine zu kommen, leidet aber bis heute an Depressionen und Angstzuständen, nimmt Tabletten und dergleichen. So geht das nun schon seit Jahren.“&lt;br /&gt;Wolfgang nickte leise und blickte betreten auf seine Beine. Er erinnerte sich daran, wie er und Tommy einmal dessen Mutter besucht hatten. Ihm war dort gewiss keine depressive Morgenmantelwitwe begegnet, sondern eine warmherzige, immer noch sehr attraktive Frau und sie schien Tommy über alles zu lieben. Doch ein Blick in ihre Augen hatte genügt, um zu begreifen, dass sie gezeichnet war. Er fuhr mit seiner rechten Hand am Kinn herum und sah zu Sarah. Er glaubte, irgendetwas sagen zu müssen.&lt;br /&gt;"Ich dachte immer wir hätten uns einmal uns so nahe gestanden, Tommy und Ich. Aber über diese Dinge haben wir so gut wie nie gesprochen.“&lt;br /&gt;„Er hat mit niemanden darüber gesprochen," unterbrach sie ihn ruhig. „Ich bin die einzige, die darüber Bescheid weiß. Es war irgendwann vor zwei Jahren im Herbst. Wir sind eine ganze Nacht lang nur dagesessen und haben geredet und geredet. Es wollte wohl einfach raus aus ihm. Bis zu diesem Abend hatte er sich mir gegenüber nie derart geöffnet, nicht in der ganzen Zeit in der wir zusammen waren. Manchmal denke ich, dass die Dinge vielleicht anders verlaufen wären, wenn er früher den Mut dazu aufgebracht hätte. Als es dann so weit war, kam ich mir danach allerdings auch nicht klüger vor. Vielleicht macht eben gerade auch das Tommy aus. Er ist eben nicht einfach das Geschöpf seiner verkorksten Familie.“&lt;br /&gt;„Nein, das ist er mit Sicherheit nicht. Gerade weil er das alles erlebt hat, ist er es nicht. Aber trotzdem sind das nicht gerade optimale Startbedingungen, wenn du verstehst...“ Wolfgang sprach nun sehr vorsichtig. Sarah sah in betroffen an. &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;„Deine Tante und du, ihr hattet auch nicht immer Glück mit ihren Männern, ich weiß...“ &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;„Unsere Generation ist ohne nicht besonders liebesfähig...“ Er sagte das langsam in sich hinein und versuchte sie dabei nicht anzusehen. Sarah blickte ihn fragend an. Wolfgang fuhr unmerklich etwas zurück. Einige Augenblicke lang herrschte völlige Stille. Schließlich sagte sie in einem überraschend distanzierten Ton: &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;„Jedenfalls dachte ich du solltest diese Dinge wissen, wenn du herausfinden willst was mit Tommy los ist." Sie hielt kurz inne. "Ich mache mir schon lange Sorgen um ihn. Seit dieser Reise scheint er nicht mehr ganz derselbe zu sein.“&lt;br /&gt;„Hast du mit ihm seitdem gesprochen?“&lt;br /&gt;„Nach meinem Umzug nach München haben wir uns eine Zeit lang kaum gesehen. Im Frühjahr war Tommy dann einmal zu Besuch, das war kurz nach meiner Trennung von Peter. Wir haben versucht, über unsere Beziehung zu reden, es war alles sehr unangenehm. Irgendwie habe ich ihn ja immer noch geliebt, aber am Ende haben wir eingesehen, dass es keinen Sinnen mehr machte.“&lt;br /&gt;Wolfgang sah zu Boden. Das zu hören traf ihn auf eine eigenartige Weise. Er hätte sie gerne gefragt, woran ihre Beziehung gescheitert war. Sarah lachte kurz und bitter.&lt;br /&gt;„Es ist schon bezeichnend. Wenn ich an all die guten Momente denke, die wir zusammen verbracht haben. Es kam uns ganz selbstverständlich vor. Und dann, nach diesem Sommer, begann alles immer schwieriger zu werden.“ Sie stockte kurz und Wolfgang merkte, dass ihm gerade dieselben Gedanken durch den Kopf gingen. „Aber das war wohl nicht nur bei Tommy und mir so...“.&lt;br /&gt;Er nickte langsam. „Ja, dieser Sommer, vor allem die Sache mit David. Es ist nicht allzu berauschend gelaufen. Für keinen von uns.“&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;[&lt;a href="http://baerista.blogspot.com/2011/01/scheuermilch-22.html"&gt;Fortsetzung folgt&lt;/a&gt;] &lt;/div&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/4649458722169584895-2444783655707358772?l=baerista.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://baerista.blogspot.com/feeds/2444783655707358772/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2010/12/scheuermilch-21.html#comment-form' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/2444783655707358772'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/2444783655707358772'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2010/12/scheuermilch-21.html' title='Scheuermilch (2.1)'/><author><name>Baerista</name><uri>http://www.blogger.com/profile/02373620929944807927</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='24' height='32' src='http://4.bp.blogspot.com/-6EDMQPvqQCU/TfNTJ0t_aSI/AAAAAAAAALw/9MHVgEPq360/s220/BILD1082.JPG'/></author><media:thumbnail xmlns:media='http://search.yahoo.com/mrss/' url='http://3.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TR39IM7Xd-I/AAAAAAAAAH0/ZkTBih01upQ/s72-c/BILD0375.JPG' height='72' width='72'/><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-4649458722169584895.post-3621620210590371231</id><published>2010-12-30T12:14:00.000-08:00</published><updated>2010-12-31T09:14:27.778-08:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Scheuermilch'/><title type='text'>Scheuermilch (1.6)</title><content type='html'>&lt;a href="http://3.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TRzqkoEWxJI/AAAAAAAAAHs/Rr2RjJ1TDkU/s1600/BILD1060.JPG"&gt;&lt;img style="TEXT-ALIGN: center; MARGIN: 0px auto 10px; WIDTH: 320px; DISPLAY: block; HEIGHT: 240px; CURSOR: hand" id="BLOGGER_PHOTO_ID_5556573955220227218" border="0" alt="" src="http://3.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TRzqkoEWxJI/AAAAAAAAAHs/Rr2RjJ1TDkU/s320/BILD1060.JPG" /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;6. Kapitel&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Each of us learns/ While we’re sleeping/ Sleeping we know/ Waking it goes/ Fashion a dream of Heaven/ Hold it close again/ Only the Queen of Heaven/ Watches us grow/ Hearing us cry/ Wondering and searching and losing our way/ In the mire/ In the Wilderness.&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;(Brian Harold May)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Er fuhr eine endlose Allee entlang. Tommy hatte ihn angerufen, Wolfgang sollte ihm bei einem Umzug helfen. Es war Herbst und die Straße ungewöhnlich breit. Es handelte sich auch um keine normale Allee. Die Bäume unterschieden sich nicht im Geringsten. Keine Laubbäume waren es, sondern gigantische Kiefern. Jede warf denselben, riesenhaften Schatten auf den blassen Teer. Es dämmerte schon viel zu lange. Niemand fuhr ihm entgegen, keine Menschenseele war zu sehen, auch keine Häuser. Nur die Kiefern, die sein Auto langsam zu überwuchern schienen. Die Straße nahm kein Ende. Wie lange war er schon unterwegs? Schließlich tauchte vor ihm ein Schloss auf, dessen Türme wie Zuckerguss aussahen. Wolfgang begriff, dass er sich am Ende einer gigantischen Auffahrt befand. Er parkte seinen Wagen vor dem pechschwarzen, übermannshohen Eingangstor. Wo war Tommy? Der Wind fegte große Mengen Laub über eine Querstraße, die im Nirgendwo zu enden schien. Wolfgang stieg aus und schritt auf eine Telefonzelle zu, die auf der anderen Seite stand. Er sah sich zu, wie er eine Nummer wählte. War es Tommys Nummer? Niemand meldete sich. Als er sich umdrehte war sein Wagen verschwunden. Panik überkam ihn. Er schritt auf dem Wohnzimmerteppich auf und ab. Seine Tante saß an ihrem Schreibtisch, Wolfgang zugewandt. Wann hatte sie ihn abgeholt? Sein Wagen war abgeschleppt worden, das hatte sie ihm gerade mitgeteilt, und zwar von der Moskauer Polizei. Es war eine Katastrophe. Wolfgang hatte kein Parkverbotsschild gesehen, vor allem aber verstand er nicht, mit welcher Befugnis die Moskauer Polizei in Bayern Fahrzeuge abschleppte. Immerhin hatte Martha den Standort des Autos ausfindig gemacht. Wolfgang sollte ihn nun auslösen, doch das wollte er nicht. Nach allem was er über Russland wusste, war dieses Unternehmen für einen ortsunkundigen Menschen wie ihn von vorne herein zum Scheitern verurteilt. Er konnte nicht einmal Russisch, von ein paar Brocken, die er durch &lt;em&gt;A Clockwork Orange&lt;/em&gt; aufgeschnappt hatte, abgesehen. Auch würden die örtlichen Behörden bei der Suche nach seinem Wagen keine Hilfe sein. Ohne großzügige Bestechungssummen ging dort überhaupt nichts. Selbst die Polizei würde ihn nur auslachen. Sie steckten ohnehin mit Autoschiebern unter einer Decke. Wenn es darum ging einen dummen Ausländer abzuzocken, hielten sie alle zusammen. Entweder man war stinkreich oder völlig verloren in dieser verdammten Stadt, dessen war er sich sicher. Selbst wenn von seinem Wagen noch mehr als ein paar Ersatzteile übrig waren, was er bezweifelte, würde er viel eher in die Irre geführt, ausgeraubt, vergewaltigt und abgestochen in irgendeinem düsteren Hinterhof enden, als noch einmal seinen Karren zu Gesicht bekommen zu können. Nein, keine zehn Pferde brachten ihn dieses Scheißland. Er war außer sich. Doch seine Tante bestand auf der Reise. Wolfgang schrie sie an. Dann sah er das Fenster, sah einen Weg.&lt;br /&gt;Im nächsten Moment schwebte er hoch über dem Bayerischen Wald. Wie vertraut war ihm doch dieser Anblick. Die Berge wuchsen unter ihm dunkelgrün in die Tiefe. Er verspürte den Wunsch im Dunkel der Baumkronen zu versinken. Er flog etwas niedriger, sah wie sich tiefe Kluften in die Wälder schnitten, bedrohliche Abgründe an deren Ende er das feuchte Gras kleiner Lichtungen erahnte. Plötzlich steuerte er auf einen dieser Schlünde zu. Wolfgang hatte keine Kontrolle mehr über sich und doch hatte er keine Angst. Unaufhaltsam fiel er in die Lücke, ging in einen donnernden Sturzflug über, toste in den Abgrund. Die Luft um ihn herum begann zu lärmen. Die Tannen wurden Wände, schossen neben ihm wie gigantische, grüne Monolithe empor. Von weitem sah er eine Lichtung, an deren Rand er Tommy bemerkte. Er winkte Wolfgang zu, schien ihn zu erwarten. Doch dort befand sich noch etwas. Aus der Mitte der Fläche ragte ein gewaltiger Obelisk aus pechschwarzem Marmor. Wolfgang kam dem seltsam glänzenden Stein immer näher, drosselte seinen Flug, begann wieder sachte zu schweben. Aus der Ferne hörte er Tommy etwas rufen, doch Wolfgang konnte ihn nicht verstehen. Stattdessen sah er nun das massive Schwarz des Obelisken vor sich und bemerkte, wie sich die kalten Flächen des Gesteins verflüssigten und groteske Formen ausbildeten. Gesichter schälten sich aus der Ebene, schienen aus ihrem steinernem Gefängnis ausbrechen zu wollen, alle in entsetzlichen Schreien erstarrt. Der Stein begann zu wabern, verflüssigte sich immer weiter. Wolfgang fasste sich an die Nase. Eine schwarze, klebrige Substanz troff von seinen Fingern. Er war dem Boden nun bereits ganz nah. Tommy sah er nicht mehr.&lt;br /&gt;&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;[&lt;a href="http://baerista.blogspot.com/2010/12/scheuermilch-21.html"&gt;Fortsetzung folgt&lt;/a&gt;]&lt;/div&gt;&lt;div class="blogger-post-footer"&gt;&lt;img width='1' height='1' src='https://blogger.googleusercontent.com/tracker/4649458722169584895-3621620210590371231?l=baerista.blogspot.com' alt='' /&gt;&lt;/div&gt;</content><link rel='replies' type='application/atom+xml' href='http://baerista.blogspot.com/feeds/3621620210590371231/comments/default' title='Kommentare zum Post'/><link rel='replies' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2010/12/scheuermilch-16.html#comment-form' title='0 Kommentare'/><link rel='edit' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/3621620210590371231'/><link rel='self' type='application/atom+xml' href='http://www.blogger.com/feeds/4649458722169584895/posts/default/3621620210590371231'/><link rel='alternate' type='text/html' href='http://baerista.blogspot.com/2010/12/scheuermilch-16.html' title='Scheuermilch (1.6)'/><author><name>Baerista</name><uri>http://www.blogger.com/profile/02373620929944807927</uri><email>noreply@blogger.com</email><gd:image rel='http://schemas.google.com/g/2005#thumbnail' width='24' height='32' src='http://4.bp.blogspot.com/-6EDMQPvqQCU/TfNTJ0t_aSI/AAAAAAAAALw/9MHVgEPq360/s220/BILD1082.JPG'/></author><media:thumbnail xmlns:media='http://search.yahoo.com/mrss/' url='http://3.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TRzqkoEWxJI/AAAAAAAAAHs/Rr2RjJ1TDkU/s72-c/BILD1060.JPG' height='72' width='72'/><thr:total>0</thr:total></entry><entry><id>tag:blogger.com,1999:blog-4649458722169584895.post-391662855724083583</id><published>2010-12-30T11:38:00.000-08:00</published><updated>2011-01-02T01:28:45.562-08:00</updated><category scheme='http://www.blogger.com/atom/ns#' term='Scheuermilch'/><title type='text'>Scheuermilch (1.5)</title><content type='html'>&lt;div align="justify"&gt;&lt;a href="http://3.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TRzgWxqxK5I/AAAAAAAAAHk/if4lopp3w0s/s1600/BILD0222.JPG"&gt;&lt;img style="TEXT-ALIGN: center; MARGIN: 0px auto 10px; WIDTH: 320px; DISPLAY: block; HEIGHT: 240px; CURSOR: hand" id="BLOGGER_PHOTO_ID_5556562722162813842" border="0" alt="" src="http://3.bp.blogspot.com/_nJqXYgLDyH0/TRzgWxqxK5I/AAAAAAAAAHk/if4lopp3w0s/s320/BILD0222.JPG" /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;5. Kapitel&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;em&gt;&lt;/em&gt;&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;em&gt;Knusprige, gehackte Mandeln und zarte Orangenstückchen in feinherber Chocolade verbinden sich zu einem unvergleichlichen Genusserlebnis. Die edlen Zutaten lassen Sie eine außergewöhnliche Geschmacksvielfalt an feinen Aromen erleben. Durch die dünne Tafelform entwickelt sich das vollendete Bouquet noch intensiver.&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;(Rückseitentext der Schokoladenpackung „Lindt Excellence – Orange Intense, Feinherb“)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Zuhause angekommen machte er sich zunächst eilig über den Weichkäse vom Nachmittag her. Dazu aß er eine Schale Krautsalat und drei Scheiben Brot. Der Kühlschrank war jetzt endlich leer, wie er selbst befriedigt feststellte. Er hatte keine große Lust, dass irgendetwas während seiner Abwesenheit zu vergammeln begann. Wolfgang ließ das Gespräch mit Mike Revue passieren und stellte fest, dass sie vorhin tatsächlich versprochen hatten, sich gegenseitig auf den Laufenden zu halten. Daraus ließ sich folgern, dass er ernsthaft vorhatte, mehr über Tommys Verblieb herauszufinden. Doch wo sollte er beginnen? Und wieso fühlte er sich überhaupt zu derartigen Dingen verpflichtet? Er beschloss, sich diese Fragen nicht zu stellen und ging zu seinem Schreibtisch, um noch einmal die Seiten der beiden Hefte aus dem Schuhkarton zu überfliegen. Es war schwer, sich zwischen den kleinteilig geschriebenen Linien zurechtzufinden, mit denen Tommy einst jeden verfügbaren Platz gefüllt hatte. Seitenlang flossen die Ideen ineinander, verkeilten sich, brachen ab, um an anderer Stelle neu hervorzutreten. Nur selten ließen kleine Freiräume Vermutungen darüber zu, wo eine alte Passage aufhörte und ein neuer Text begann; stattdessen zogen sich unleserliche Glossen und winzige Zusätze durch die Textzwischenräume. Wolfgang bemühte sich, anhand der unterschiedlichen Schriftfarben und Schreibgeräte, der Stärke mit der Tommy beim Schreiben aufgedrückt hatte und der Form der Buchstaben so etwas wie eine Chronologie in das vor ihm liegende Gewirr zu bekommen. Auf manchen Seiten bemerkte er kleine Lücken, die offenbar erst zu einem viel späteren Zeitpunkt durch kurze Einträge beseitigt worden waren. Wie Fremdkörper ragten sie jetzt aus dem Textfeld heraus, oft ließ sich kein Bezug zum Inhalt der herumliegenden Zeilen feststellen. Es waren kurze, apophthegmatische Bemerkungen, die von fast etwas zittriger Hand schräg über die Zeilenränder gezogen worden waren. Im Gegensatz zum Rest der Texte trugen sie Datierungen, die keinen Zweifel daran ließen, dass Tommy diese Sätze gegen Ende ihres letzten Schuljahres verfasst hatte. Sie verrieten auch, dass die Einträge jeweils spät nachts erfolgt waren, was Schlaflosigkeit vermuten ließ. Verwundert blickte Wolfgang auf eigenartige Acid-Bauernweisheiten wie:&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Der Begriff „Ernst“ scheint mir zu endgültig und scharf umrandet und von daher zur Beschreibung kommunikativer Äußerungen ungeeignet&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Welt ist eine Talk-Show und wir sind die Reizwäsche tragenden Fettleibigen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Manchmal fühl ich, ich könnt’ kotzen.&lt;br /&gt;Und doch ist es nur der Schweiß, der mir im Nacken sitzt&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;„Ja, ja, der Schweiß,“ dachte Wolfgang fast amüsiert und war doch entsetzt, einen solchen Satz ausgerechnet unter Tommys Aufzeichnungen zu finden. Diese Einträge hätten leicht von ihm selbst stammen können. In diesen Heften aber wirkten sie wie Fremdkörper. Waren Tommy und er sich ähnlicher gewesen als er stets gedacht hatte? Hätte Tommy ihn dann nicht besser verstehen müssen? Wenn sie dasselbe gedacht, dasselbe wahrgenommen, anscheinend sogar die gleichen Schlüsse daraus gezogen hatten, warum waren ihre Reaktionen auf all das so grundlegend unterschiedlich ausgefallen? Lag es an der unterschiedlichen Erziehung? Am Hormonspiegel? Den Neurotransmittern? Oder hatte es was mit der Penisgröße zu tun? Wolfgang wusste nur eines mit Sicherheit: Irgendwann in diesem Abschlussjahr war etwas in ihm zugrunde gegangen. Es hatte sich eine Entwicklung vollzogen und sie war nicht zum Guten erfolgt. So viel stand fest. Auf jeden Fall hatte es sich lange angekündigt. Ein langsames Anlaufen, wie bei einem Gewitter ...&lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;&lt;br /&gt;Wolfgang musste plötzlich wieder an diese Maiwoche vor zwei Jahren denken, in der sich aus unerfindlichen Gründen sein Klo verstopft hatte. Man konnte zwar noch ohne weiteres Spülen und Pissen, aber aus irgendeinem Grund kamen festere Teile, wie Kacke und größere Mengen an Toilettenpapier, immer wieder hoch. Er zögerte einige Tage lang und hoffte, dass sich die Sache irgendwie beheben würde, zumal ein Klempner eine beträchtliche finanzielle Investition darstellte. Tatsächlich hatte sich die ominöse Verstopfung nach sechs Tagen von selbst gelöst. In der Zwischenzeit war er jeden Tag zu dem damals neu errichteten Burger King Restaurant im örtlichen Gewerbegebiet gefahren, da dieses über sehr saubere, regelmäßig überprüfte und gewartete Toiletten verfügte. Dort verrichtete er jeden Abend sein Geschäft und erwarb im Anschluss daran ein opulentes Fast-Food-Mahl, im festen Bewusstsein, dass er dieses am nächsten Tag gewissermaßen am selben Ort wieder entsorgen würde. Meistens war das die einzige Mahlzeit, die er an einem solchen Tag zu sich nahm. Ansonsten bewerkstelligte er in dieser Woche so gut wie nichts. Er hatte Probleme einzuschlafen, in der Regel gelang es ihm erst im Morgengrauen. Am frühen Nachmittag stand er dann wieder auf. Davon abgesehen war es ein einfaches, fast harmonisches Leben. Ein tumber Kreislauf des Fressens und Scheißens. Wolfgang fuhr damals häufig zu einer der beiden Fast-Food-Filialen, die sich in besagtem Gewerbegebiet Konkurrenz machten. Meist setzte sein entsprechendes Hungergefühl erst nach 23:00 Uhr ein, wenn vorstellbare Alternativen dazu nicht mehr verfügbar waren. Das pharisäerhafte Bemühen seiner Mitmenschen, darauf hinzuweisen, dass man derartige Etablissements niemals oder nur in seltensten Fällen besuche, weil man Ansprüche an Gesundheit, Stil, Geschmack oder den eigenen Grad von intellektueller Würde stelle, teilte er indes nicht im Geringsten. Vielmehr schätzte er diese unkomplizierte, gut organisierte, auf die Anforderungen des schnellen Bestellens, Verschlingens und wieder Verschwindens optimal ausgerichtete Art der Nahrungsaufnahme. Er kannte die verschiedenen Angebote und Preise fast auswendig, die stetig neuen Spezial-Angebote und Burger-Kreationen nahm er mit Interesse wahr. Auch wusste er, dass unter den im Sortiment der beiden Läden vorhandenen Süßbrausen Sprite die geschmacklich mit den Speisen weitaus kompatibelste Wahl war, und blickte mit Unverständnis auf die gut 90 Prozent des anwesenden Klientels, die sich hoffnungslos auf Cola versteift hatten. Die schlecht bezahlten Menschen hinter dem Tresen waren dadurch dermaßen auf die Handbewegung mit dem Getränkebecher zur Cola-Ausgabedüse konditioniert, dass sie Wolfgang des Öfteren geistesabwesend den schwarzen Trunk einschenkten, trotz anderslautender Bestellung. Das ärgerte ihn maßlos, doch er verzichtete grundsätzlich auf Reklamationen, fürchtete er doch, seinen Gegenüber oder sich selbst in Verlegenheit zu bringen.&lt;br /&gt;In der Regel ließ er sich den Fraß einpacken. Die Nahrungsaufnahme innerhalb der Restaurants war ihm zuwider. Diese waren laut und unbequem, noch dazu grässlich eingerichtet. Allerdings hatte er Verständnis dafür, war das doch absolut im Sinne der Betreiber. Zur grundlegenden Betriebsphilosophie dieser Franchiseunternehmen gehörte es, eine Umgebung zu schaffen, die die Kundschaft so schnell wie möglich wieder verschwinden ließ, um Platz für neue Besucher und eine möglichst große Abfertigungsdichte zu erzeugen. &lt;/div&gt;&lt;div align="justify"&gt;Mit der Zeit begann er die Straßen hinter dem MacDonalds-Parkplatz zu erkunden, in der Hoffnung einen für seine Belange angemessenen Ort zu entdecken. Nachts war diese von Autohäusern und den Gebäuden diverser mittelständischer Unternehmen geprägte Gegend völlig verwaist. Überall gab es leere, geräumige Parkflächen, die vom gelben Licht einzelner Straßenlaternen erhellt wurden. Für gewöhnlich stellte er sein Auto auf dem Parkplatz einer Firma für Elektrobauteile ab, der von einer Reihe von Garagen eingerahmt war. Es waren Horte für die VW-Busse eines regionalen Zigarettenautomatenbetreibers. Zweifelsohne der perfekte Zufluchtsort für Wolfgang. Sobald er das beinahe rituelle Vollstopfen im Inneren seines Wagens beendet hatte, stieg er für Gewöhnlich aus und schlenderte minutenlang über die verlassene Parkfläche und die menschenleere Straße, während er rauchte und dabei versuchte dem bedrückenden Völlegefühl durch frische Luft und unregelmäßiges Aufstoßen Herr zu werden. Dabei starrte er gebannt auf die Kiefern, die auf einer Grünfläche neben dem Parkplatz in einer Reihe standen. Langsam bewegten sich ihre Arme im Nachtwind. Das Zwielicht der Straßenlaternen verlieh ihnen ein blaues Schimmern. Wolfgang waren sie etwas unheimlich, manchmal schienen sie ihm wie Dämonen, die vor Urzeiten von einer höheren Macht an diesen Ort gefesselt worden waren und seitdem geduldig auf den Tag ihrer Freisetzung warteten. Sie waren die stummen Wächter dieses Ortes, das einzig Lebendige in einer ansonsten vollkommen desolaten Öde aus Teer und Stein. Wolfgang glaubte hier bisweilen die seltsame Präsenz der Ewigkeit und das Gewicht des Seins in einer Form zu spüren, die ihm zuvor, in der stetig im Werden begriffenen Realität des Alltags, noch nie beg
